Werdenfels-Gymnasium Garmisch-Partenkirchen - 1950-2003 - Entwicklung und Bewährung

 


2001/02 - 827 Schüler – Dagmar Edel-Hollatz, Barbara Frey, Kerstin Gürtler, Ingrid Muckenthaler, Markus Strauß

Zum ersten Mal in der Geschichte des WG fuhren die fünften Klassen in ein Schullandheim. Kennenlernen sollten sich die Kinder, zusammenwachsen zu einer Klas­sengemeinschaft – in Bairawies, am Sudelfeld und in Unternogg. Organisiert wurde der Aufenthalt von Studienrätin Stefanie Regus. Die Klassleiter, ein weiterer Lehrer und zwei Tutoren begleiteten ihre Schülerinnen und Schüler. Und alle haben viel gelernt, z.B. „wie schön die Natur sein kann und dass man sie nicht zerstören darf, dass ich jetzt mehr im Haushalt helfen sollte, dass ‚Kunst im Wald’ total viel Spaß macht, dass man auch ohne Fernseher, Computer usw. auskommen kann.“[52]

Weniger Spaß brachten die ersten Ergebnisse internationaler Vergleiche von dem, was Schulen leisten können, sie schreckten auf. Deutsche Schüler schnitten im Rechnen, Schreiben und Lesen unerwartet schlecht ab. Das Werdenfels-Gymnasium hatte schon vor Beginn Plakat zur Aufführung des Stückes "Die Bergbahn" von Ödön von Horvath - 2002der aufgeregten öffentlichen Debatte über Bildungsdefizite an deutschen Schulen reagiert. Mit der Kampagne „Lernen lernen“ wurden die Schülerinnen und Schüler der 5. Jahrgangsstufe in einer Wochenstunde mit Techniken des Gedächtnis- und Konzentrationstrainings vertraut gemacht, Lerntipps wurden besprochen, die Zeit­einteilung wurde gemeinsam geplant. Ganz wichtig wurde jetzt aber auch die Schulung der sozialen Kompetenzen der Mädchen und Buben – dass zum Beispiel Konflikte nicht unbedingt handgreiflich auf dem Pausenhof ausgetragen werden müssen, sondern auch in anderer Weise gelöst werden können. Fünf Wochenstunden hatte das Ministerium für die „Grips-Gymnastik“ zugebilligt. Der Zusammenhang zwischen guten Leistungen in der Schule und sinnvoller Freizeitbeschäftigung war unverkennbar, deshalb bot das Wer­denfels-Gymnasium eine wachsende Zahl sportlicher Arbeitsgruppen („Kletter-AG“), künstleri­scher, musikalischer und naturwissenschaftli­cher Projekte an.

Der Erfolg dieser Arbeit wurde wieder einmal sichtbar im Schultheater. „Die Bergbahn“ von Ödön von Horvath stand im Rahmen des Horvath-Jahres 2001 auf dem Programm. Damit wurde die Ver­bindung hergestellt zu den Horvath-Tagen in Murnau, zum „Schminkkasten“ und zu vielen anderen Gruppie­rungen in der lokalen Kulturnachbarschaft. Horvath hatte sein Stück als Antwort auf das Missverhältnis zwischen der Verherrlichung der technischen Leistun­gen der Ingenieure und der Missachtung der menschli­chen Leistungen der Arbeiter beim Bau der Ehrwalder Zugspitzbahn konzipiert. Und so wurde es auch von Susanne Schäfer, Naveen Sharma, Dennis Klett, Christian Messerschmitt, Paul Obexer und vielen ande­ren Mitwirkenden unter der Leitung von Gebhard Zin­ßer auf der Aula-Bühne umgesetzt. Weitere Aufführun­gen der „Bergbahn“ mit der „Werdenfels“-Theatergruppe gab es im Kursaal von Grainau und in der Murnauer Westtorhalle.

Andere Projektgruppen wandten sich in diesem Jahr geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Themen zu. Studiendirektor Andreas Peco­roni zeigte mit einer Ausstellung seines Wahlkurses Geologie reizvolle Einblicke in den „Boden unter unseren Füßen“. „Sensationelle Exponate von Fossilien, Mineralien und Gesteinen aus unserer Umgebung“[53] wurden dem interessierten Publikum vorgestellt. Eine „Reise in die Nachkriegszeit im Landkreis Garmisch-Partenkirchen“ veran­stalteten die Klassen 10a und 10b. Die Studienreferendarin Ursula Schiefer und der Studienreferendar Ludwig Utschneider hatten mit ihren Schülerinnen und Schülern wo­chenlang Zeitzeugen befragt, Bild- und Textdokumente gesammelt und gesichert und Gebrauchsgegenstände aus der Zeit zusammengetragen. Schüler und Besucher waren berührt von der Not der Zeit. Die Ausstellung sollte mahnen, „dass ein solcher Wieder­aufbau erst gar nicht mehr vorgenommen werden muss,“[54] wie es einer der mitwirken­den Schüler ausdrückte.

Mehr der Gegenwart zugewandt waren die „Börsengötter“ des Werdenfels-Gymnasi­ums. Sie konnten beim „Planspiel Börse“ den Depotwert ihrer Aktien in zehn Wochen um 57 Prozent steigern und kamen damit wieder einmal auf den ersten Platz aller Teil­nehmer im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, bayernweit auf den 54. Rang.

Zum vierten Mal in Folge auf Platz 1 – das schafften die Sportler des Werdenfels-Gymnasiums im Rahmen des Programms „Sport nach Eins“. Dabei ging es um die Zu­sammenarbeit zwischen Schulen und Sportvereinen im Landkreis Garmisch-Partenkir­chen. 1150 Schülerinnen und Schüler hatten mit 138 Mannschaften an 17 Wettbewer­ben teilgenommen. Das WG stellte im Eishockey sogar zweimal die bayerischen Lan­dessieger. Studienrat Dr. Michael Pach und Studienrat Philipp Rieger, die betreu­enden Sportlehrer der 21 Mannschaften des Werdenfels-Gymnasiums, freuten sich be­sonders darüber, dass „trotz der ministeriell verfügten Kürzung des Sportunterrichts“ das anspruchsvolle Wettkampfprogramm beibehalten werden konnte.[55] Zum ersten Mal seit Einführung der Kollegstufe am Werdenfels-Gymnasium im Jahre 1977 wurde die Einfüh­rung eines Leistungskurses im Fach Sport vorbereitet. Noch ganz am Anfang standen dagegen die kleinen Golfeleven, die es einer gemeinsamen Förderaktion des Bayeri­schen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus und des Bayerischen Golfverbandes verdankten, dass sie auch in diesem Schuljahr wieder am Wahlunterricht Golfsport kos­tenlos teilnehmen durften. Im Winter übte man Einführung in den Grundschwung, Re­geln und Etikette, dann kamen die Halbdistanzbälle und schließlich die Originalbälle auf dem Golfplatz – Golf noch ganz ohne Handikap.

Hilfestellungen bei der Überwindung ganz anderer Handikaps hatte sich der „Verein der Freunde des Werdenfels-Gymnasiums“ vorgenommen: Die Persönlichkeitsentwick­lung der Schüler sollte gefördert werden, „Hilfe beim Erwachsenwerden“ wollte man an­bieten im Zusammenhang mit dem „Lions Quest“-Programm, das jetzt von den „Freun­den“ großzügig unterstützt wurde. Der Verein zählte zur Zeit 152 Mitglieder. Die Vor­standschaft um Peter Rademacher wurde für zwei Jahre wiedergewählt, Studiendirektor Georg Engel übernahm anstelle von Oberstudienrat Gerd Rössler das Amt des Schriftführers. Beisitzer wurden Hedwig Strobel, Manfred Müller, Max Wank und Elisabeth Frank. Im Rechenschaftsbericht hieß es: „Die Freunde des Werdenfels-Gymnasiums haben einen leistungsorientierten Förderbeitrag für die erfolgreichsten Absolventen aus­gelobt, Beratungspatenschaften für Studien- und Berufsanfänger eingerichtet und sich finanziell am Schulgartenprojekt, an der Anschaffung eines Multimedia-Computers mit Internetanschluss sowie an Um- und Aufrüstung von Computerarbeitsplätzen im EDV-Raum beteiligt.“[56] Immer mehr erwies sich nun der Verein der „Freunde“ als Drehscheibe für den Erfahrungsaustausch der „Ehemaligen“ mit den „Gegenwärtigen“, als Diskussi­onsforum für bildungspolitische Themen und als potenter Förderer unverzichtbarer Ein­richtungen für den Unterrichtsalltag.

Drehscheibe für drei mathematische „Superhirne“ des Werdenfels-Gymnasiums wurde die Schweiz. Im Walliser Ort Sion durften sie auf Einladung durch die Universität Augs­burg an einem einwöchigen Mathematikseminar teilnehmen und taten dies mit großem Genuss, wie Gudrun Haberl, eine der Teilnehmerinnen, berichtete: „Nicht nur mit Zah­lentheorie wurden wir konfrontiert, wir setzten uns auch auseinander mit numerischer Mathematik und deren aktuellster Anwendung, wie zum Beispiel in den neu entwickelten Fluidstoßdämpfern in der Automobilindustrie. Trotz dieser doch sehr anstrengenden Be­schäftigung kam auch die Freizeit nicht zu kurz.“[57]

Im LauOberstudiendirektor Dr. Peter Wabra bei seiner Abschiedsrede - 2002fe dieses Schuljahres verabschiedeten sich der Schuleiter, sieben Kolleginnen und Kolle­gen und die Chefsekretärin in den Ruhestand – ein ge­waltiger personeller Aderlass. Zunächst zum Schulleiter. Von der Zauberformel „Wabra kadabra“ war viel zu hören in den Reden, mit denen Dr. Peter Wabra, Leiter des Werdenfels-Gymnasiums seit September 1994, verabschiedet wurde. Dass er mit dieser Urform des arabischen „Abra kadabra“ viele der Wünsche von Schülern, Eltern und Lehrern - vielleicht sogar den einen oder anderen des Ministeriums - erfüllt habe, deutete Oberstudienrat Franz Bechtold als Sprecher des Kollegiums an und auch dass er den „hohen Anteil oberländlerischer Gymnasiallehrer“ am Gesamtkollegium gut in die Schule integriert habe. Und schließlich: Dass er ein au­ßergewöhnlicher „Chef“ gewesen sei, vor dem sich das Kollegium und die Schülerschaft verneigen.[58] Landrat Ha­rald Kühn verlieh dem scheidenden Schulleiter „seiner“ Schule die Ehrenmedaille des Landkreises in Silber, von Bürgermeister Thomas Schmid, WG-Abiturient 1984, wurde ihm die Goldene Bürgerplakette des Marktes Garmisch-Partenkirchen überreicht. Als „Mann des Ausgleichs und des Gesprächs“ wurde Dr. Peter Wabra von der örtlichen Presse gewürdigt.[59] Er selbst nahm „mit zwei weinenden Augen“ Abschied von seiner Schule, die er 1952 als Schüler zum ersten Mal betreten hatte.

Seine rechte Hand und milde Herrscherin im Sekretariat seit 25 Jahren, Gerlinde Klass, verließ mit Dr. Wabra das Schulschiff. „Wir alle,“ so schrieb Oberstudienrat Gebhard Zinßer anlässlich ihrer Verabschiedung im Juli 2002, „vom Praktikanten bis zum ge­stan­denen Lehrer, wussten, hast du Fragen, Sorgen, brauchst du Rat oder auch nur ein Aspirin, einen Termin beim Chef, ein Telefonat, das wir nicht selber erledigen können oder wollen … es gab nur eine Adresse: Zimmer 111.“[60] Sie war für die Schülerinnen und Schüler Anlaufstelle bei je­dem Kummer an Leib und Seele, die verlässliche Konstante in einer Schulwelt der unaufhörlichen Veränderungen.

Schon im Februar 2002 hatten sich Studiendirek­torin Gertrud Roscher, Oberstudienrat Walter Fischer, Studiendirektor Josef Frank und Ober­studienrat Gerd Rössler von ihrer Schule in den Ruhestand verabschiedet. Und im Juli nahmen Studiendirektorin Ulrike Müller, Oberstudienrätin Eva Maria Brockelt und Studien­direktor Reiner Schmid-Egger Abschied vom Werdenfels-Gym­nasium.

Franz Bechtold, Vorsitzender des Personalrats, fasste die personelle Umbruchsituation in Worte: „Wenn wir unsere Schule als geistiges Ge­bäude betrachten, so heißt das, dass umgebaut wird. Da verschwinden Mauern und Stützen.“[61]


  Oberstudienrat Gerd Rößler - 2002 Verwaltungsangestellte Gerlinde Klass - 2002 Studiendirektorin Gerty Roscher - 2002 Oberstudienrat Walter Fischer - 2002
  Gerd Rössler Gerlinde Anita Klass Gertie Roscher Walter Fischer  
  Studiendirektor Reiner Schmid-Egger - 2002 Oberstudienrätin Eva Brockelt - 2002 Studiendirektor Josef Frank - 2002  
  Reiner Schmid-Egger Eva Maria Brockelt Ulrike Müller Josef Frank


[52] Jahresbericht 2001/2002 S. 133

[53] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 16.04.2002

[54] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 28.11.2001

[55] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 26.04.2002

[56] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 21.10.2001

[57] Jahresbericht 2001/2002 S. 180

[58] Aus der Rede von Oberstudienrat Franz Bechtold am 25.07.2002

[59] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 27.07.2002

[60] Jahresbericht 2001/2002 S. 23

[61] Jahresbericht 2001/2002 S. 4


 

© Alois Schwarzmüller 2006

 

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