Werdenfels-Gymnasium Garmisch-Partenkirchen - 1909-1918 - Gründungsgeschichte und erste Jahre

 


1913/14 - 25 Schüler - Hans Reitmaier, Georg Biedermann 

Neben Ebner-Eschenbach und dem Partenkirchner Bürgermeister Hellweger be­mühte sich auch Wilhelm Kagel, Malermeister und Besitzer einer Fabrik für Töpfe­reiwaren in Partenkirchen, um die Errichtung einer Realschule.

Wilhelm Kagel war es, der in der Gründungsversammlung des „Realschul­vereins Garmisch-Partenkirchen“ am 8. Oktober 1913 auf die Bedeutung einer „Realschule mit Latein“ hinwies. Große wirtschaftliche Vorteile versprach er sich für die Orte im Loi­sachtal „in Bezug auf Niederlassung vonWilhelm Kagel (1867-1935) - Großvater von Wilhelm "Bibi" Rehm, Studiendirektor am Werdenfels-Gymnasium von 1967 bis 1996 fremden Familien“. Der „männliche Nach­wuchs“ sollte auf „verhältnismäßig billige Weise eine gedie­gene, den Anforderungen mehr entsprechende Bildung“ erwerben können. Die Werdenfelser Kinder sollten auf „den von Jahr zu Jahr in bedrohlicherer Form auftretenden Konkurrenzkampf“ besser vorbereitet werden.[1] Gleichzeitig machte er den 60 Zuhörern klar, dass weder von staatli­cher noch von kommunaler Seite an die Errichtung einer höheren Schule im Be­zirksamt Garmisch gedacht wurde. Deshalb hielt er es für zwecklos, „bei diesen Instan­zen zu petitionieren.“ Der ein­zige Ausweg, der den Bürgern also blieb, war „opferfreu­dige Selbsthilfe“.[2] Der kgl. Bezirksamtmann Freiherr von Ebner-Eschenbach hatte das Projekt, das er in der Versammlung sogar als „sein Kind“ bezeichnete, bisher unterstützt. Im sel­ben Atemzug freilich erklärte er, dass er „auf Grund seiner amtlichen Stellung“ und der „obwaltenden Umstände“ dieses „Kind“ nicht mehr „mit der nötigen Nährmilch verse­hen könne.“[3] Aus welchen Gründen auch immer – seine vorge­setzte Münchner Behörde hatte ihm wohl einen Maulkorb umgehängt und ihn zum Stiefvater gemacht. Trotz dieser eigenartigen, halb offiziellen, halb privaten Stellungnahme des höchsten staatlichen Würdenträgers im Bezirk schreckten die versammelten Kaufleute, Handwerker und Fab­rikanten aber nicht  davor zu­rück, ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Das Kultusministe­rium hatte immerhin signalisiert, dass es einer vierklassigen Privatrealschule keine Steine in den Weg legen würde. Die ministerielle Begründung für diesen Schritt liest sich freilich heute noch so, als habe man den Werdenfelser Kindern nicht allzu viel zu­getraut: „Einen vierzehnjährigen Knaben, der eine solche Schule verlässt,“ so wurde das Ministe­rium in der Versammlung zitiert, könne man „eher wieder ei­nem bürgerlichen Berufe, insbesondere auch dem Gewerbe zuführen.“[4] Sollte wohl heißen, nicht zu viel höhere Bil­dung für die Kinder aus Garmisch, Partenkir­chen und Umgebung.

Nichts desto trotz – der Realschulverein wurde noch am selben Abend gegrün­det, 54 Anwesende trugen sich in die Mitgliederliste ein und ein Vorstand wurde gewählt. Ihm gehörten folgende Mitglieder an – schon damals sorgfältig ausge­wogen nach der Ortsteilarithmetik von Garmisch-Partenkirchen:[5]

  • Vorsitzender: Malermeister Wilhelm Kagel, Partenkirchen

  • Stellvertreter: Hotelier Hans Kilian, Garmisch

  • Schriftführer: Volksschullehrer Lothar Birkner, Partenkirchen

  • Kassier: Rentamtssekretär Bernhard Schmidt, Garmisch

  • und als Beisitzer die Herren

  • Magistratsrat und Buchdrucker Johann Bierprigl, Partenkirchen

  • Magistratsrat und Schreinermeister Josef Wörndle, Partenkirchen

  • Kurheimbesitzer Dr. Wigger, Partenkirchen

  • Kaufmann Fritz Werneck, Partenkirchen

  • Professor a.D. Biedermann, Garmisch

  • Bierdepotinhaber Biersack, Garmisch

  • Baumeister Anton Braun, Garmisch

  • Brauereibesitzer Wolfgang Röhrl, Garmisch

Der Bezirk war immerhin bereit, zur Errichtung einer neuen Schule ein Grund­stück zur Verfügung zu stellen. Nur das Staatsmi­nisterium des Innern in Mün­chen spielte noch nicht mit: Seine Abteilung für Kirchen- und Schulangelegen­heiten lehnte die Errichtung einer Realschule im Be­zirk Gar­misch zunächst ab. Der Verein ließ sich aber nicht ent­mutigen. Für das erste Schuljahr 1913/14 wurde mit Hans Reitmaier ein junger Privatlehrer und Lehramtsassessor mit den Fächern der klassischen Philologie gefunden. Er hatte bisher die Kinder von Kur­gästen mit Latein und Griechisch traktiert und war bereit, auch einheimische Buben in der Real­schule zu unterrichten. Deutsch, Französisch und Mathematik waren so für man­chen Sohn aus bürgerlichem Haus schon bald kein Hindernis mehr auf dem Weg zur „höheren“ Bildung.

Trotz dieser erfolgreichen Vorarbeiten lehnte das Innenministerium zu München am    14. Juli 1914 auch das zweite Gesuch des Realschulvereins zur Errichtung einer öf­fentli­chen Realschule in Partenkirchen ab. Selbst der Hinweis auf das gut funkti­onierende „Lich­ten­felser Modell“ konnte das Ministerium nicht überzeugen.

Doch den Anstrengungen des Realschulvereins Garmisch-Partenkirchen blieb der Erfolg nicht versagt. Das zeigte sich schon gleich am Ende des ersten Schuljahres – im Früh­jahr 1914 besuchten bereits 25 Knaben den Unterricht von Hans Reitmaier.

 


[1] Protokoll der Gründungsversammlung des Realschulvereins 08.10.1913 S. 1

[2] Protokoll der Gründungsversammlung des Realschulvereins 08.10.1913 S. 2

[3] Protokoll der Gründungsversammlung des Realschulvereins 08.10.1913 S. 3

[4] Protokoll der Gründungsversammlung des Realschulvereins 08.10.1913 S. 3

[5] Weitere Vereinsmitglieder: Otto Hittenkofer, Thomas Klarwein, Adolf Zoeppritz, Max Lievert, Josef Grasegger, Rudolf Rudolphi, Karl Dersch, Karl Hartenstein u.a.


 

© Alois Schwarzmüller 2006

 

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