Alois Schwarzmüller, Ein Beitrag zur Umbenennung der Hindenburgstraße in Garmisch-Partenkirchen

 

 

 

Partenkirchen 1917: Von der "Bahnhofstraße" zur "Hindenburgstraße"

Die Straße zwischen der Sebastianskirche und der Partnachbrücke hieß seit 1889 "Bahnhofstraße", seit 1910 trug sie die Bezeichnung "Alte Bahnhofstraße". 1917, im dritten Jahr nach der "Schlacht von Tannenberg" und aus Anlass des 70. Geburtstages von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, wurde die "Alte Bahnhofstraße" in "Hindenburgstraße" umbenannt.

 

Garmisch 1933: Ehrenbürgerwürde für Reichspräsident Paul von Hindenburg

Am 30. März 1933 wurde in einer Feiersitzung des Gemeinderats Garmisch einstimmig „zur Hebung des Ansehens und zum Wohle unserer geliebten Heimatgemeinde Garmisch“ beschlossen, die Ehrenbürgerrechte zu verleihen an

  • Reichspräsident von Hindenburg, „der nicht bloß während des Krieges, sondern in der Nachkriegszeit das Vaterland vor Schwerstem bewahrte.“

  • Reichskanzler Adolf Hitler, „dem Einiger Deutschlands, dem Schöpfer der nationalen Erhebung, dem Vernichter des Kommunismus“

  • Reichsmarschall Hermann Göring, „der sich nach dem Krieg ungeheure Verdienste um die deutsche Freiheitsbewegung erworben hat.“

  • General Ritter von Epp, „der ganz Bayern von der Spartakistenherrschaft befreit hat“

  • Innenminister Adolf Wagner, „der für die Freiheitsbewegung mit zäher Ausdauer sein ganzes Können einsetzte im Dienste der Befreiung Deutschlands.“
    Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen - MA Garmisch I/3/23

 

Garmisch 1933: "Hindenburgplatz"?

Am 22. April 1933, knapp drei Monate, nachdem Hindenburg Hitlers Griff zur Macht ermöglicht hatte, und nur wenige Tage nach dem Gesetz zur Gleichschaltung der Länder und Gemeinden mit dem Reich, wurden in Garmisch und in Partenkirchen die neuen Gemeinderäte gebildet. Der Garmischer NS-Bürgermeister Josef Thomma grüßte am Schluss seiner Ansprache "die Männer der nationalen Regierung, unseren hochverehrten Reichspräsidenten von Hindenburg, unseren Volkskanzler und Führer Adolf Hitler" mit einem "dreifachen Sieg Heil!" Dabei sollte es aber nicht bleiben - es war vorgesehen, Hindenburg, Hitler und andere Repräsentanten der neuen "nationalen Regierung" auch im öffentlichen Raum zu ehren. Der "Mohrenplatz" sollte in "Hindenburg-Platz" umbenannt werden.[1] Die Garmischer Nazis wussten, warum sie dem Reichspräsidenten zu diesem Zeitpunkt Respekt zollten - es war Dank und Anerkennung für seine Rolle bis zum 30. Januar und seither.

Dass der "Mohrenplatz" erhalten blieb, hat vermutlich mit den Überlegungen zur Vereinigung der beiden Gemeinden zu tun - ein "Hindenburg" hätte weichen müssen.
[1] Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen, AR-MAG 49-41, 28.04.1933

 

Marktgemeinderat Garmisch-Partenkirchen 1946: Antrag zur Umbenennung der Hindenburgstraße

"1. Antrag für Umbenennung der Hindenburgstraße am 18.06.1946 durch Gemeinderat Ludwig Reiser - Antrag wird aber zurückgestellt (Nr. 156)"

 

Garmisch-Partenkirchen 1978, 1983, 2006, 2012:
Von der "Hindenburgstraße" zur "Hermann-Levi-Straße" + "Bürgermeister-Schumpp-Straße"

In einer Gemeinderatssitzung im August des Jahres 1978 wurden die "Rosenstraße" und die "Fichtenstraße" in "Dr. Gazert-Straße" umbenannt. "Die Straßennahmen kommen jetzt in Bewegung", schrieb das Garmisch-Partenkirchner Tagblatt am 24. August 1978. Bürgermeister Toni Neidlinger hatte die Frage aufgeworfen, "ob die Hindenburgstraße auf alle Zeiten so  heißen müsse."

Fünf Jahre später regte die CSU-Fraktion im Gemeinderat Garmisch-Partenkirchen in der Gemeinderatssitzung vom 17. März 1983 die Umbenennung der Hindenburgstraße an. Die SPD-Fraktion unterstützte diesen Vorstoß der CSU mit dem Vorschlag, der Straße den Namen "Friedenstraße" zu geben. Die CSU zog ihren Antrag zurück, der Antrag der SPD wurde abgelehnt.

Der dritte Anflug eines deutlichen Unbehagens mit der "Hindenburgstraße" kam im Jahre 2006. Das "Ritter-von-Halt-Stadion" war im August des Jahres wieder zum "Stadion am Gröben" rückbenannt worden. Das Garmisch-Partenkirchner Tagblatt berichtete am 10. August 2006, "dass weitere Aktionen in Sachen Vergangenheitsbewältigung vorerst  nicht geplant" seien, dass die Gemeinde aber mit der Hindenburgstraße "eine weitere Persönlichkeit ehrt, die ebenfalls in einem Zusammenhang mit den Nationalsozialisten stehe." Rathaussprecher Florian Nöbauer wurde mit den Worten zitiert "Hindenburg ist auch streitbar." Er bezeichnete Hindenburg als Hitlers "Steigbügelhalter", hielt aber, aus "betriebswirtschaftlichen Gründen", eine Umbenennung "für wenig sinnvoll."

Am 18. September 2012 sprach der Ältestenrat des Marktes Garmisch-Partenkirchen die einstimmige Empfehlung aus, die Hindenburgstraße in "Hermann-Levi-Straße" (zwischen Sebastianskirche und Hauptstraße) und in "Bürgermeister-Schumpp-Straße" (von der Hauptstraße bis zur Partnachbrücke) umzubenennen. Diesem Votum schloss sich der Bauausschuss ebenfalls einstimmig an.

Am 14. November 2012 beschloss der Gemeinderat mit 20 zu 7 Stimmen die Umbenennung der Hindenburgstraße - wie vom Ältestenrat und vom Bauausschuss empfohlen.

 

2012 Bundespräsident Joachim Gauck:  "Wir sind verantwortlich für unser Wissen!" [1]

2012 ist Paul von Hindenburg nicht mehr der, der er 1917 war. Die Geschäftsgrundlage für die Ehrung ist weggefallen. Nicht mehr der "Retter des Vaterlandes" im Jahre 1914 steht zur Debatte, sondern der Steigbügelhalter Hitlers in den Jahren 1932 bis 1934. Hindenburg half Hitler nicht nur in den Sattel, sondern sah ihm beim Reiten mit großem Wohlwollen zu. In die Zügel fiel er ihm nie mehr. Diese Rolle Hindenburgs als "williger Helfer" des nationalsozialistischen Diktators bei dessen Machtergreifung und darüber hinaus hat sein Biograph Wolfram Pyta [2] akribisch untersucht und belegt.  Das Geraune um den Vater der Nation, den genialen Feldherrn, den Verächter des „böhmischen Gefreiten“ und das senile Opfer einer Kamarilla ist zu einem Ende gekommen. Wir wissen: Hindenburg hat Hitler den Weg zur Macht wohl kalkuliert freigegeben.

Pyta hat keine Handreichung zur Umbenennung von Hindenburgstraßen, -plätzen oder -alleen vorgelegt. Folgt man ihm aber in die Ereignisse am Ende der Republik und am Beginn der Diktatur, dann wird deutlich: Hindenburg verdient die Ehrung, die mit einem Straßennamen verbunden ist, nicht mehr.  Der Gemeinderat und seine Ausschüsse haben mit dem Wissen des Jahres 2012 verantwortlich entschieden.

[1] Bundespräsident Joachim Gauck anlässlich der Ehrung eines Wehrmachtsoffiziers als "Gerechter unter den Völkern" (sz-online, 28.11.2012)
[2] Wolfram Pyta, Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler (Siedler-Verlag München 2007, 1117 Seiten)

 

Hindenburgs Rolle bei der Zerstörung der ersten deutschen Demokratie 1932-1934:

  1. Hindenburg ernannte Hitler aus eigener Initiative zum Reichskanzler. Niemand hat ihm dabei die Hand geführt. Er wollte Hitler, weil er wie dieser schon lange den „nationalen Einheitsstaat“ propagierte.

  2. Hindenburg ermöglichte die Aufhebung der Grundrechte und damit eine schrankenlose Verfolgung politisch Andersdenkender.

  3. Hindenburg gab den Weg frei zur Gleichschaltung der Länder und damit zur Ausschaltung der bayerischen Eigenstaatlichkeit.

  4. Hindenburg duldete die Behinderung der demokratischen Parteien vor der Reichstagswahl am 5. März 1933 und drückte nach dem Sieg Hitlers seine Freude darüber aus, dass „jetzt ein für allemal mit der Wählerei Schluß sei.“

  5. Hindenburg wollte ein Ermächtigungsgesetz, mit dem Hitler dann den Reichstag und damit die Kontrolle der Regierung durch die Volksvertretung ausschalten konnte.

  6. Hindenburg lobte Hitler für die Verbannung der demokratischen Parteien aus der Politik.

  7. Hindenburg ließ Hitler beim sogenannten „Röhmputsch“ freie Hand. Ermordet wurden mehr als 80 SA-Führer und ein halbes Dutzend konservativer Politiker, unter ihnen der ehemalige bayerische Generalstaatskommissar von Kahr, der General und ehemalige Reichskanzler Schleicher und der Vorsitzende der Katholischen Aktion Berlin, Erich Klausener. Hitler konnte einen solchen Schritt nur wagen, weil er sich der Rückendeckung Hindenburgs sicher war.

  8. Hindenburg sah sich selbst in seinem politischen Testament als Wegbereiter der sogenannten „nationalen Erneuerung“ durch Hitlers Politik seit dem 30. Januar 1933.

Die Republik von Weimar ist viele Tode gestorben - an den Belastungen durch die harten Bedingungen des Versailler Vertrages, an den Propagandalügen vom "Dolchstoß", von den "Novemberverbrechern" und von den "Erfüllungs-politikern", an den Putschversuchen von Kapp bis Hitler, an den Aufständen der "Roten Armee" und an der "Ordnungszelle Bayern", an der Verarmung weiter Schichten des Volkes durch Inflation und Weltwirtschaftskrise, am Versagen der Parteien und an der Lustlosigkeit weiter Kreise, vom Geschenk der Demokratie verantwortlich Gebrauch zu machen. - Hindenburg ist es vorbehalten geblieben, das Reich  sehenden Auges dem Mann auszuliefern, der alle inneren und äußeren Fragen radikal und gewalttätig lösen wollte. An diesen Hindenburg muss heute nicht mehr auf Straßenschildern ehrend erinnert werden.

"So bleibt am Ende von dem Bild eines erzkonservativen, aber doch verfassungstreuen Reichspräsidenten nichts mehr übrig. Vielmehr begegnet uns ein bis zum Ende kaltblütiger Egoist, der sehenden Auges und zielgerichtet auf eine autoritäre Staatsform zusteuerte und die Anfänge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sogar gut hieß." (Nils Freytag, Wolfram Pyta: Hindenburg (Sehepunkte 8/2008)

 

21. April 2013 in Garmisch-Partenkirchen: Ergebnis des Bürgerentscheids

An der Abstimmung mit der Frage, ob der Name "Hindenburgstraße" beibehalten werden soll, beteiligten sich 6176 Bürgerinnen und Bürger (29,3%). Mit "Ja" stimmten 5517 (89,3%), mit "Nein" 659 (10.7%).

 

 

Literatur:

Peter Adam / Anton Jocher, Die Straßennamen von Garmisch-Partenkirchen (Garmisch-Partenkirchen, 2001)

Wolfram Pyta, Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler (München, 2007)

 

Hans-Ulrich Wehler, Wolfram Pytas herausragende Biografie über Hindenburg, eine deutsche Unheilsfigur (Die Zeit, 09.11.2007)

Peter Merseburger, Demontage eines Deutschen (Deutschlandradio Kultur, 11.11.2007)

Rudolf Walther, Biographie - Hindenburg hatte eigene PR-Abteilung (Frankfurter Rundschau Literatur, 04.01.2008)

Sven Felix Kellerhoff, Von Hindenburg zu Hitler - "Der Mann war nie eine Marionette" (Die Welt, 09.01.2008)

Norbert F. Pötzl, Weimars Totengräber (Spiegel Spezial, Geschichte 1/2008)

Wolfgang Kruse, W. Pyta - Hindenburg (H-Soz-u.-Kult, 28.01.2012)

Nils Freytag, Wolfram Pyta: Hindenburg (Sehepunkte - Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaft (8/2008 Nr. 6)

Jacob-Nicolas Sprengel, Weltkriegsfeldmarschall und Reichspräsident (Focus-online, 02.08.2009)

Barbara Stollberg-Rilinger, Hindenburg - Der Mann, der Hitler zur Macht verhalf (Magazin 'Damals', 8/2012)

http://www.muenster.de/stadt/strassennamen/hindenburg_reichspraesident.html

 

© Alois Schwarzmüller 2014
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