1923 - Hermann Göring, „Hitlers Paladin“, auf der Flucht

 

 

1933 - Hermann Göring wird Ehrenbürger der Märkte Garmisch und Partenkirchen

Kaum zehn Jahre nach dem gescheiterten Münchner Putsch gegen die junge Republik im November 1923 waren Adolf Hitler, Hermann Göring und ihre politischen Spießgesellen auf anderen Wegen an die Schalthebel der Macht gelangt - in Berlin, in München und auch in Partenkirchen und in Garmisch. Im Mai 1933 wurde ihnen, zusammen mit Reichspräsident von Hindenburg, General von Epp und NS-Gauleiter Adolf Wagner, die Ehrenbürgerwürde der beiden Märkte angetragen und verliehen. Göring, inzwischen vom Geschwaderkommandeur der kaiserlichen Flieger zum nationalsozialistischen Reichsminister für Luftfahrt aufgestiegen, nahm diese Ehrung persönlich entgegen. Heilrufe der spalierstehenden Gesinnungsfreunde, hakenkreuzbeflaggte Straßen und strammstehende SA-Männer begleiteten seinen Auftritt vor und in den beiden Rathäusern in Partenkirchen und in Garmisch. Am Abend des 12. Mai wandte er sich vom Balkon des Hotels am Riessersee an seine Anhänger, die ihm zu Ehren mit einem Fackelzug die Straße hinaufgezogen waren. Und Göring sprach aus, was manche von ihnen vermuteten oder vielleicht sogar wussten: Er war nicht zum ersten Mal in Garmisch-Partenkirchen. Ein Lokalblatt gab seine Erinnerungen an die Nacht vom 9. zum 10. November 1923 mit den Worten wieder: „Jahre sind vergangen, da stand er in tiefdunkler Nacht hier in diesen Bergen; in Nacht und Nebel musste er aus dem Vaterlande fliehen.“[1]

 

Hitlers Putsch am 9. November 1923 und die Folgen für Göring

Dem gescheiterten Putsch an der Feldherrnhalle folgte die Flucht aus München. Der US-Historiker David Clay Large beschreibt die Situation: „Göring gehörte zu den ersten, die getroffen wurden. Er bekam eine Kugel in die Leistengegend ab und suchte auf allen Vieren Schutz im Einfahrtstor zur Residenz. Später schleppte ihn einer der Putschisten in ein nahegelegenes Wohnhaus, wo die Frau eines jüdischen Möbelhändlers ihm erste Hilfe leistete.“[2] Görings Frau Carin schrieb vier Tage später aus Innsbruck an ihre Mutter: „Hermanns Bein ist zerschossen, die Kugel ging quer hindurch, einen halben Zentimeter von der Schlagader entfernt.“ Die Gefahr für sein Verbluten sei noch nicht vorüber.[3]

Wohin mit dem schwer verwundeten Putschisten?

 

Lokale Legenden

Ein weites Feld war das für die Bildung von Mythen und Legenden. Retter konnten nach dem 30. Januar 1933 auf Dank und Anerkennung hoffen. Gerüchte wurden lange Zeit gepflegt.

Eines dieser Gerüchte sah Hanns Kilian, den langjährigen Besitzer des Garmischer Hotels „Alpenhof“, im Mittelpunkt. Kilian, in späteren Jahren durch seine Erfolge im Bobsport national und international bekannt geworden, hatte sich 1923 an Hitlers Putsch beim Marsch zur Feldherrnhalle als Mitglied des Bundes Oberland beteiligt. Darauf hatte er im Jahr 1933 in einer Auseinandersetzung mit Nationalsozialisten selbst hingewiesen.[4] Und so wurde behauptet, Kilian habe Göring in seinem Garmischer Hotel aufgenommen und für seinen weiteren Transport über Kloster Ettal und Schloss Linderhof nach Innsbruck gesorgt.

Eine andere Erzählung fand 1984 ihren Weg in die lokale Presse: Katharina Zahler aus Partenkirchen berichtete damals dem Garmisch-Partenkirchner Tagblatt, am 10. November 1923 - sie war 17 Jahre alt und bei ihrer Tante auf dem Racher-Hof in Hintergraseck in Stellung - seien zwei Männer zur Tür hereingeschlichen: Adolf Hitler und Hermann Göring. Die zwei seien über die Elmau nach Hintergraseck gekommen, hätten sich dort für „ein paar Tage“ verborgen gehalten, „dann zogen sie wieder ab“.[5]

Und schon 1934 wollte die Garmisch-Partenkirchner „Kurzeitung“ wissen, dass Hermann Göring über den Franzosensteig bei Mittenwald und Scharnitz nach Innsbruck geflohen sei.[6]

Für alle drei Varianten der Flucht gibt es keinen überzeugenden Beleg. Dass Göring, der schwer verwundet und kaum gehfähig aus München geflohen war, ausgerechnet den Weg nach Hintergraseck gesucht haben soll - noch dazu gemeinsam mit dem ebenfalls lädierten Hitler - das darf man getrost ins Reich der Erfindungen verweisen; ebenso die Mär vom Franzosensteig, die allenfalls als Werbegag für den Mittenwalder Fremdenverkehr in den Anfängen des NS-Tourismus taugen mochte.

 

Hitler in Uffing

Hitler, der mit einem Arzt und einem Sanitäter von München aus in Richtung Österreich unterwegs gewesen war, kam mit seinem Automobil nur in die Nähe von Uffing. Dort streikte der Motor und was dann passierte, berichtet Helene Hanfstaengl, in deren Uffinger Villa er Unterschlupf fand: „Hitler und seine Gefährten stiegen aus und versteck­ten sich im Wald, während der Chauffeur den Defekt zu beheben suchte. Bald stellte sich heraus, daß man einen Mechaniker benötigen würde. Die drei Männer konnten es sich nicht leisten, gesehen zu werden, da sich die Nachricht von den Er­eignissen in München auch auf dem Land wie ein Lauffeuer verbreitete. Sie versteckten sich im Wald. Hitler dachte an unser Haus und sobald es dunkel war, machten sie sich auf den Weg. Auf dem langen, mühsamen Marsch vermied man Hauptstraßen und wählte versteckte Pfade. Da wir einen Seiteneingang haben, blieb ihre Ankunft bei uns unbemerkt. Ich holte sie ins Haus, sperrte ab und führte sie in den ersten Stock.“[7]

Hitlers Weg führte weder über die Elmau noch nach Hintergraseck. Der gescheiterte Putschist verbarg sich vielmehr in Uffing in der Hanfstaenglschen Villa, bis er dort am 11. November verhaftet wurde.

   

 

Reihe oben:

Links:  Hermann Göring als Jagdflieger im Ersten Weltkrieg (1918)

Mitte: Villa Gumppenberg in Partenkirchen, in der Goering am 9. November 1923 von seinem ehemaligen Fliegerkameraden Schueler - van Krieken verborgen wurde.

Rechts: Major Friedrich Schueler-van Krieken (1916 - in deutscher Fliegeruniform)

Unten rechts: Ansichtskarte mit dem Zollamt Mittenwald (um 1920)

 

Göring in Partenkirchen

Aus drei Berichten wissen wir, dass Görings Flucht aus München am 9. November zunächst in Partenkirchen endete. Zwei wurden 1934 bzw. 1935 von Franz Thanner geschrieben, der das Ehepaar Göring auf dieser Fahrt chauffiert hatte, der dritte stammt von Carin Göring.8

Thanner war 1934 Mitglied des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK), 1935 „Sturmmann und Fürsorgereferent im Sturm 14/K86“. Er bezeichnete sich in seinem ersten Bericht auch als Vertrauensmann des Bundes Oberland zur Zeit der Ereignisse im November 1923. Die beiden Berichte unterscheiden sich inhaltlich nur dadurch, dass in der Fassung von 1935 die Ereignisse an der Grenzstation Mittenwald ausführlicher dargestellt werden.

Göring wurde am Nachmittag des 9. November von Thanner zunächst in die Partenkirchner Villa des Majors Friedrich Schueler - van Krieken (1885-1936) gebracht, wie Göring Offizier der deutschen Fliegertruppe im Ersten Weltkrieg[9]. Dort erhielt er etwa um 22 Uhr den Auftrag[10], mit Göring und dessen Frau über die Grenze von Griesen nach Tirol zu fahren. Begleitet wurden sie von Dr. Richard Meyer, Arzt im angesehenen Partenkirchner Sanatorium „Dr. Wiggers Kurheim“. Bei der Passkontrolle wurde entdeckt, um wen es sich bei dem verwundeten Insassen des Wagens handelte. Der diensttuende Beamte verweigerte Göring den Grenzübertritt, nahm ihn aber nicht fest, da noch kein Haftbefehl vorlag. Begleitet von Landespolizei, wurde Göring zum Bezirksamt Garmisch gefahren. Dort wurde ihm erneut mitgeteilt, dass er die Grenze nicht passieren dürfe; er bleibe weiter unter polizeilicher Beobachtung, könne sich aber selbst eine Unterkunft wählen. Seine Begleitung entschied sich für das Kurheim Wiggers in Partenkirchen und brachte den Verwundeten dorthin.

Nachts um halb zwei begann der zweite Fluchtversuch.[11] Thanner schreibt dazu: „Mir wurde zur Aufgabe, mit dem Wagen wegzufahren und mich in der Nähe bereit zu halten. Nach kurzer Zeit wurde ich verständigt, möglichst geräusch­los und unbemerkt an dem Rückausgang des Hauses vorzufahren. Mit abgestellten (sic) Motor habe ich mit Hilfe von Mitgliedern des Bund Oberland (sic) den Wagen vor die hintere Haustüre hingeschoben. Hauptmann Göring wurde in meinen Wagen getragen und eingebettet.“[12] In Begleitung des Arztes fuhr Thanner mit Göring diesmal an die Grenze bei Mittenwald. Inzwischen war auch der Haftbefehl telefonisch aus München an den Grenzstationen eingetroffen.

Für den Grenzübertritt bei Mittenwald/Scharnitz hatte man diesmal mit einem falschen Pass für Göring Vorsorge getroffen, „und zwar den Pass des Herrn Dr. Klüter von Garmisch.“[13] An der Grenze in Mittenwald stand aber trotz dunkler Nachtzeit der Schlagbaum geöffnet. Der Pass wurde nicht benötigt. Thanner schreibt, er habe für einen Augen­blick angehalten, „gab kurz Signal, fuhr aber gleich, nachdem niemand sichtbar war, mit Vollgas weiter.“[14] Gegen 2 Uhr nachts kam der Wagen mit Göring zur Grenzstation Scharnitz. Dort gab es keine Schwierigkeiten. Thanner notierte: „Nachdem ich den Leuten amtsbekannt war, durfte ich passieren und fuhr nach dem Gasthof Lamm nach Seefeld.“[15]

Von Seefeld aus wurde Göring noch in der gleichen Nacht zunächst in das Innsbrucker Hotel Tirol und dann in ein Innsbrucker Krankenhaus gebracht.

 

1926 konnte Hermann Göring nach Deutschland zurückkehren, Reichspräsident von Hindenburg hatte ihn amnestiert. Er wurde seit 1933 zu einem der engsten und mächtigsten Mitarbeiter Hitlers. Als Reichskommissar für das preußische Innenministerium kontrollierte er die preußische Polizei, ließ die Verschleppung von Gegnern des NS-Regimes in sogenannte „wilde KZs“ zu, veranlasste die Gründung der Gestapo und ließ zahllose Mordbefehle beim sogenannten „Röhmputsch“ am 30. Juni 1934 vollstrecken. Er war mitverantwortlich für die Vernichtungsaktionen gegen die europäischen Juden. Dem Todesurteil der alliierten Siegermächte beim Nürnberger Prozess entzog er sich durch Selbstmord.[16]

 

[1] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt, 15.05.1933

[2] David Clay Large, Hitlers München. Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung (München 2001) S. 240 - siehe auch William L. Shirer, Aufstieg und Fall des Dritten Reiches (Köln 1961), S. 73: „Der schwer verwundete Göring erhielt erste Hilfe von dem jüdischen Besitzer einer nahegelegenen Bank, in die man ihn hineingetragen hatte.“

[3] Der Brief ist abgedruckt bei Fanny Gräfin von Wilamowitz-Moellendorff, Carin Göring (Berlin1934) S. 68

[4] Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen - Schachtel 35 - 07-072 / 1767: Erklärung von Hanns Kilian vom 22.09.1933 an den Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Garmisch-Partenkirchen Martin von Hagen, Garmisch, Buntes Haus: „Antrag auf Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen sich selbst“ Als Gewährsleute nennt Kilian Hauptmann a. D. Wilhelm Voelk, Führer des Bundes Oberland, und Dr. Ritter von Halt, Präsident der Olympischen Winterspiele 1936

[5] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt Nr. 125 30./31.05.1984: Wolfgang Kaiser, „Ein Hauch von Geschichte weht über Graseck. Wie 1944 Albrecht Haushofer versteckt und verhaftet wurde und wie 1923 Adolf Hitler Unterschlupf suchte.“

[6] Kurzeitung Garmisch-Partenkirchen Nr. 30/1934

[7] Zitiert nach Anna Maria Sigmund, Aus dem Tagebuch von Helene Hanfstaengl - Süddeutsche Zeitung 9. November 2009
Bei John Toland, Adolf Hitler 1889-1945 (New York 1982 - S. 234) heißt es: “On nearing Murnau, Hitler remembered that the Hanfstaengl villa in Uffing was only a few miles away. He ordered the driver to hide the Selve, then started on foot with the doctor and first aid man toward Uffing.”
(‘Selve‘ hieß die Automarke der Norddeutschen Automobilwerke. AS)

[8] Bundesarchiv NS 026/001225 fol.1-:
Franz Thanner, Bericht über die Flucht "Hauptmann Göring" im Nov. 1923 (München, 1.2.1934)
Franz Thanner, Bericht über die Flucht des Hauptmann Göring am 10.-11. November 1923 (München, 15.2.1935)
Bei Von Wilamowitz-Moellendorff a.a.O. S. 68 heißt es in dem Brief von Carin Göring: „Von München nach Garmisch fuhren wir (mit seinem ersten Verband) im Auto zu guten Freunden, in deren Villa wir ein paar Tage wohnten…“

[9] Friedrich Schueler - van Krieken gehörte im Ersten Weltkrieg der Feldfliegerabteilung 23 an, Göring der Feldfliegerabteilung 25, 1916 war Schueler -van Krieken  Kommandeur der Flieger der 5. (osmanischen) Armee - s. http://www.frontflieger.de/3-s-f.html:

[10] A.a.O. - Franz Thanner, Bericht vom 15.2.1935

[11] A.a.O. - Franz Thanner, Bericht vom 15.2.1935

[12] A.a.O. - Franz Thanner, Bericht vom 1.2.1934

[13] A.A.O. - Franz Thanner, Bericht vom 1.2.1934 - Es handelt sich vermutlich um den Partenkirchner Zahnarzt Dr. Wilhelm Klüter.

[14] A.A.O. - Franz Thanner, Bericht vom 1.2.1934

[15] A.A.O. - Franz Thanner, Bericht vom 1.2.1934

[16] Helmut H. Müller, Schlaglichter der deutschen Geschichte (Mannheim 2002) S. 268

 

Bildquellen

Hermann Göring: http://www.ww2incolor.com/german_leadership/Hermann+G__ring+WWI.html
Friedrich Schueler - van Krieken:
http://www.buddecke.de/buddecke/budda.jpg
Straßenzollamt Mittenwald: Bundesarchiv NS 026 / 001225 fol.1-
Villa Gumppenberg: Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen

 

 

© Alois Schwarzmüller 2010

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