Die Kreisleiter der NSDAP in Garmisch-Partenkirchen
 – „Politische Frontoffiziere der Bewegung“

 

 

 

 

Heinrich Schiede: „Erziehung der Willigen, Ausschaltung der Abseitigen“

 

29. April 1945 – Kriegsende für Garmisch-Partenkirchen

In Garmisch-Partenkirchen waren einige Offiziere entschlossen, den Ort nicht wie befohlen mit militä­rischen Mitteln zu verteidigen, sondern ihn kampflos den heranrückenden US-Streitkräften zu überge­ben. Die wichtigsten Akteure waren Oberst Ludwig Hörl, Standortältester in Garmisch-Partenkirchen, und Major Michael Pössinger.

Heinrich Schiedes Rolle in diesen Tagen und bei diesem Unternehmen ist höchst zweifelhaft. Drei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner wollte Oberst Hörl mit einer Proklamation zur Beruhigung der aufgeregten Bevölkerung beitragen. Dazu bemühte er sich um Rückendeckung auch bei den lo­kalen NS-Funktionären. Landrat Dr. Reinhard Wiesend, zugleich Leiter des NS-Rechtsamtes, war mit dem Text einverstanden. Heinrich Schiede, der weitaus mächtigere Kreisleiter der NSDAP, erhob Einwendungen gegen den Entwurf, hielt den Zeitpunkt für die Übernahme der Verantwortung durch das Militär für verfrüht und ließ ein eigenes Konzept ausarbeiten. Es wurde von Hörl als „verwässert und völlig untauglich" verworfen.[1] In das weitere Vorgehen wurde Schiede deshalb nicht mehr einbezo­gen.

In den Abendstunden des 29. April 1945, kurz nach der friedlichen Übergabe des Marktes Garmisch-Partenkirchen an die US-Streitkräfte, begegnete Leutnant Josef Grabbichler vor dem Divisionsstabs­gebäude dem Kreisleiter, der „in großer Ratlosigkeit“ gewesen sei, und berichtete ihm von der Über­gabe. Dabei habe Schiede zu ihm gesagt, er habe es ja schon immer gewusst, „dass Oberst Hörl noch nie für unsere Sache eingestanden ist."[2] Schiede blieb sich treu.

Ludwig Hörl, Kommandeur des GebJägErsRgts und Standortbereichsführer in Garmisch von Anfang April bis 29. April 1945, mehrfach bestrafter Gegner des NS-Regimes, Schwerkriegsbeschädigter und Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN),[3] sagte im Juli 1947 im Spruchkam­merverfahren gegen Schiede aus, die Zusammenarbeit in den letzten Tagen des Krieges vor dem Einmarsch der Amerikaner in Garmisch-Partenkirchen habe sich „in vernünftigen Grenzen“ bewegt, obwohl der „überzeugte Nat.Soz.“ Schiede wusste, dass Hörl ein Gegner war. Schiede habe von ihm gewusst, dass er „fest entschlossen war, kein Menschenleben und keine Sachwerte mehr für dieses mir verhasste System zu opfern“[4] und das Garmischer Gebiet zu übergeben. Er habe ihn dabei nicht gestört, obwohl er als höherer Parteibeamter zum Ein­schreiten verpflichtet gewesen wäre. Schiede habe die Meinung vertreten, dass eine Verteidigung des Garmischer Gebietes, vor allem we­gen der darin befindlichen Verwundeten, sinn- und nutzlos sei und dies auch in einer Kreisstabssit­zung kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner zum Ausdruck gebracht. Auch als das „Standgericht des Führers“ den Garmisch-Partenkirchner Standortältesten einen Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner (28.5.45) mit dem Tode bedroht habe, „hat Herr Schiede mit meinen Offizieren, Oberjägern und Mannschaften zu mir gehalten.“[5]

Vermutlich hat Schiede sich nach der Begegnung mit Grabbichler noch am Abend des 29. April aus dem Staub gemacht. Der Eschenloher Pfarrer Josef Demleitner schrieb in diesen Tagen in seinen „Randbemerkungen“, Kreis­leiter Schiede halte sich, „mit vielen SS“, auf dem Krottenkopf auf.[6]

 

Von der Berghütte ins Internierungslager

Am 11. Mai 1945 berichtete das Garmisch-Partenkirchner Tagblatt, dass Schiede, Kreisschulungslei­ter Schumitz und Kreisamtsleiter Sigl und „Windeisen von der Aule Alm“ in Haft genommen worden seien. Weiter hieß es: „„Sieg oder Tod“ hatte Schiede noch bis in die letzten Tage in den Versamm­lungen geschrien. Mit dem Sieg war es nichts und jetzt blieb ihm demnach eigentlich nur noch der Tod übrig, den er bedenkenlos so viele junge Menschen sterben ließ, während er selber daheim saß. Aber sterben ist nicht so einfach und so gab er sich, nachdem er sich zuvor auf einigen Hütten herumge­trieben hatte, gefangen.“[7] Seit dem 8. Mai 1945 war er im Internierungslager Garmisch-Partenkirchen in Haft, später in den Lagern Moosburg und Dachau.

 

[1] Hubert Gais, OLt. Stab Geb.Jäg.E.u.A.Rgt. 537 - Garmisch-Partenkirchen, 15.05.1945 - Tagebuch-Aufzeichnungen

[2] Sepp Grabichler Rosenheim, Kufsteinstraße 1/III - 20.12 1946 Eidesstattliche Erklärung für Herrn L. Hörl, Bad Reichenhall

[3] StA München Spruchkammern – Karton 1603 Heinrich Schiede / Ludwig Hörl 08.07.1947

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] Josef Demleitner, Die letzten Zuckungen des ewigen Reiches - Randbemerkungen eines Landpfarrers zu einer Tragikomödie (o.J.o.O) S. 26  – Josef Demleitner (1877-1954) war von 1928 bis 1950 Pfarrer in Eschenlohe.

[7] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 11.05.1945

 

© Alois Schwarzmüller 2012

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