Die Kreisleiter der NSDAP in Garmisch-Partenkirchen
 – „Politische Frontoffiziere der Bewegung“

 

 

 

 

Heinrich Schiede: „Erziehung der Willigen, Ausschaltung der Abseitigen“

 

Die Botschaft der „Ortstage“

Schiede schürte diesen Fanatismus bei vielen Gelegenheiten. In einer „zeitgemäßen Unterredung mit unserem Kreisleiter“,[1] so wurden die seltenen Gespräche der Lokalzeitung mit Schiede bezeichnet, wurde er zum Verhalten der Bevölkerung bei einem Luftangriff befragt. Der wichtigste Satz lautete: „Es wird heute jeder Volksgenosse wissen, dass die Verbrecher, die in den feindlichen Flug­zeugen flie­gen, morden wollen.“[2] Damit war Tür und Tor geöffnet für die mörderische Jagd auf die Besatzung abgestürzter alliierter Bomber und anderer Flugzeuge.

Beim Eschenloher „Ortstag der NSDAP“ hetzte er seine Zuhörer auf: „Den Feinden unser Hass, dem Vaterland unsere Liebe“, sprach von „abgeleierter Friedensmelodie“ und davon, dass „die Weltge­schichte ihren Sinn verloren“ hätte, wenn Deutschland in diesem Krieg nicht siegreich bliebe. Das hatte schon etwas vom Klang dessen, was Hitler am 18. März 1945 zu Speer, seinem Rüstungsminister, über das deutsche Volk sagte: „Das Volk hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrig bleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen."[3]

Eine Woche später, beim „Ortstag der NSDAP“ in Grainau, lehnte er jeden Frieden ohne deutschen Sieg ab, „weil der Frieden unserer Feinde das Ende unseres Volkes bedeuten würde.“[4] In Ohlstadt war es wieder einmal „das Judentum, der Erbfeind der ganzen Menschheit“, das „Unfrieden und Kriege unter die Völker“ bringe. [5] In Mittenwald sprach er von einem „Welt-Judenstaat“ und von jüdischen Weltherr­schaftsplänen, die „schon im Ersten Weltkrieg“ entstanden seien.[6]

Unentwegt drehte Schiede die Leier seiner ideologischen „Glaubenssätze“. Hilflos war das, ein Einge­ständnis des Scheiterns seiner „Bewegung“ und zugleich eine bequeme Flucht vor diesem Einge­ständnis.

 

20. Juli 1944

Der Anschlag auf den Diktator war gescheitert, Hitler überlebte leicht verletzt, Stauffenberg wurde im Stich gelassen, der Aufstand brach nach wenigen Stunden zusammen: Hoffnungen auf ein Ende des Krieges und des Mordens wurden enttäuscht.

In Garmisch-Partenkirchen titelte die Lokalzeitung mit dicken Lettern „Fester denn je steht ganz Deutschland heute hinter seinem Führer – Feiger Mordanschlag auf den Führer – Das deutsche Volk kennt seine Pflicht.“[7]

Am 27. Juli rief Schiede seine Anhänger zu einer „Treuekundgebung für den Führer“[8] auf den Adolf-Wagner-Platz (Marienplatz). Vom fahnengeschmückten Balkon des Posthotels sprach Standortbereichs­führer Gollé vor aufmarschierten Wehrmachtseinheiten, vor Angehörigen örtlicher Betriebe, der Kreisleitung, dem Landrat und vor Einwohnern und Gästen. Er beschwor die Einheit zwischen dem „obersten Befehlshaber, dem Garanten des deutschen Sieges und der Wehrmacht“ und versprach kompromisslosen Einsatz „bis zur Erringung des Endsiegs.“ [9]

Nach ihm geißelte Kreisleiter Schiede die „Verruchtheit des Attentats“, pries Hitlers Unverletzbarkeit, er sei „durch die Tat hindurchgegangen“, und leistete den Schwur, „mit dem Führer zu siegen oder auf dem Schlachtfeld zu bleiben.“[10] Es begann die Zeit der letzten Schwüre und Beteuerungen, der Endsieg­bekundungen am Fließband. Es wurde aber auch eine gefährliche Zeit für jene, die noch nie oder nicht mehr mit den Nazis siegen wollten.

„Gelichter“ nannte Schiede die Männer des Widerstands, die jetzt „in Zuchthausgewändern gehängt“ wurden. „Kreaturen“ waren sie für ihn, deren Schicksal in Berlin er „mit einer gewissen Genugtuung“ verfolgte, zufrieden darüber, dass auch ihre Familien „aus dem Körper unseres Volkes hinwegge­nommen werden.“[11] Auch hier in Garmisch-Partenkirchen, in seinem Verantwortungsbereich, wollte er aufräumen mit den „Drückebergern, gnädigen Frauen und Tagedieben“, und zwar „mit eiserner Faust“: „Seine Stimme steigernd, ließ der Kreisleiter keinen Zweifel daran, dass, wer nicht für uns ist, gegen uns ist… wer in diesen letzten 5 Minuten vor 12 Uhr weder das Gewehr, noch den Hammer, noch den Spaten für sein Deutschland in die Hand nehmen will, gehört nicht in unsere Gemeinschaft.“[12]

 

[1] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 29.04.1944

[2] ebd.

[3] Internationales Militärtribunal, Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher (fotomech. Nachdruck München 1989) Bd. 41, S. 428

[4] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 04.05.1944

[5] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 29.05.1944

[6] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 01.06.1944

[7] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 21.07.1944

[8] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 27.07.1944

[9] ebd.

[10] ebd.

[11] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 11.08.1944

[12] Alle ebd.

 

© Alois Schwarzmüller 2012

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