Die Kreisleiter der NSDAP in Garmisch-Partenkirchen
 – „Politische Frontoffiziere der Bewegung“

 

 

 

 

Heinrich Schiede: „Erziehung der Willigen, Ausschaltung der Abseitigen“

 

„Erziehung der Willigen – Ausschaltung der Abseitigen“

Die Einführung Schiedes als Kreisleiter für Garmisch-Partenkirchen fand Mitte Mai 1943 im Rahmen eines „Kreisappells“ der NSDAP statt, verbunden mit dem knappen Dank an seinen Vor­gänger Jakob Scheck, der dieses Amt dreieinhalb Jahre ausgeübt hatte.[1] Seine erste programmatische Rede hielt Schiede Ende Mai 1943 anlässlich einer „Führertagung des Kreises“.[2] Die Bindung der Bevölkerung seines Kreises an die NS-Führung stand ganz im Mittelpunkt seines Appells. Im vierten Monat nach der Wende von Stalingrad war die Zahl der Zweifler gewachsen. Schiede sah daher seine Hauptaufgabe in der „Erziehung der Willigen“, in der „Stärkung der Zaghaften“ und in der „Ausschaltung der Abseitigen“.[3] Trotz Stalingrad verkündete er den sicheren Sieg und wandte sich „in der letzten Viertelstunde vor dem Sieg“ gegen „Meuterer und Verräter wie 1918“. Die „Willigen“ wollte er zur Bejahung des „Führungsan­spruchs“ in Europa erziehen. Den Unschlüssigen drohte er: „Keiner kann sagen, er sei ein Deutscher, wenn er nicht für Adolf Hitler ist.“[4] Zweifel an Adolf Hitler waren ihm „Sünde“, denn „der Herrgott selbst“ habe Deutschlands Schicksal in die Hände des „Führers“ gelegt. „Gläubig, fleißig, entschlossen“ wünschte Schiede sich die Garmisch-Partenkirchner.[5] Nach Hartmann und Hausböck bediente sich nun auch Schiede religiöser Formeln, um damit die Zustimmung der Menschen zu den ideologischen und politischen Zielen der Nationalsozialisten zu stärken.

Erzogen werden mussten auch die „Betriebsführer (und) Haushaltsvorstände, die Ausländer beschäf­tigen“.[6] Der Ton war ganz „volkspädagogisch“: „Im Kreisgebiet sind Kriegsgefangene und ausländi­sche Arbeitskräfte zur Arbeitsverrichtung einge­setzt. Im Großen und Ganzen sind sie willig und brauchbar. Stellenweise ist jedoch zu beobachten, dass ihnen gegenüber von Seiten der deutschen Volksgenossen nicht der nötige Abstand gewahrt wird und es oft am richtigen Auftreten den Auslän­dern gegenüber fehlt. Die Partei wird in vermehrtem Maße hier Erziehungsarbeit leisten... Betriebsfüh­rer und Volksgenossen, die sich eines un­würdigen Verhaltens gegenüber Ausländern zuschulden kommen lassen, wird die Kreisleitung zur Verantwortung ziehen.“[7]

Auch bei einer Kundgebung des Handwerks wurde Schiede als Erzieher tätig. „Politik als Vertretung unseres Lebensrechts“[8] überschrieb er seine Rede, so als hätte irgendwer den Deutschen das Existenz­recht aberkannt. Im Juli 1943 ging es immer noch zuvorderst um das Lebensrecht der Polen, Ukrainer und Russen – wenn sich auch der Wind gedreht hatte. Die deutsche „Operation Zitadelle“ war gescheitert, Kiew von der Roten Armee befreit. Die in Garmisch-Partenkirchen tätigen Zwangsar­beiter aus der ukrainischen Hauptstadt werden Hoffnung geschöpft haben. Schiede drohte den Hand­werksmeistern, vor denen er das Wort ergriffen hatte, jeder sei ein „Kriegsverlängerer“, der den „Kampfarm der Front schwächen“ würde, wenn er nicht alle Kräfte für das „Dasein des deutsche Vol­kes“[9] mobilisierte.

Die Siegeszuversicht schien im Schwinden begriffen. Schiede sah die ersten Zeichen an der Wand. Es fiel ihm auf, dass die Garmisch-Partenkirchner Bevölkerung immer seltener „die Fahnen der Partei“ grüßte und dass beim Singen der „Lieder der Nation“ kaum noch aufgestanden und „mit unbedecktem Haupt“ zugehört wurde. Mehrfach ertappte er Kinder, „die Krieger-Denkmäler als Spielplatz aussu­chen.“[10]

Vertreter des zur Wehrmacht eingezogenen 1. Bürgermeisters Jakob Scheck war Engelbert Freudling. Der ließ sich mit der vom Kreisleiter gewünschten Zurechtweisung der „Volksgenossen“ Zeit. Erst nach drei Wochen machte er bekannt, dass „bei öffentlichen Veranstaltungen von Wehrmacht und Partei … würdiges Verhalten“ erwartet werde, auch in der Weise, dass man „den Verkehr über den Veranstaltungsplatz meidet“, wenn man nicht daran teilnimmt. Alles andere sei ein Ärgernis und wi­derspreche „dem gesunden Empfinden des Deutschen Volkes“.[11] Ein wachsender Teil der örtlichen Bevölkerung ließ also im vierten Kriegsjahr den Kopf hängen und nahm das Gehabe der „politischen Leiter“ nicht mehr so ernst. Manche hielten sich fast demonstrativ fern.

Wer das zu weit trieb und „Maßnahmen der Partei und des Staates sabotierte“, etwa die Unterbrin­gung „luftkriegsbeschädigter oder luftkriegsgefährdeter Volksgenossen“ ablehnte, der wurde öffentlich verwarnt – „an den Pranger mit ihnen“,[12] hieß es. Das Garmisch-Partenkirchner Tagblatt nannte im Oktober 1943 alle Namen.

Auf die Rolle der Frauen im Krieg ging Schiede bei einer „Großkundgebung“ der NS-Frauenschaft im Juni 1943 ein. „Frauen, wie wir Deutsche sie wollen“,[13] fand er bei den Germanen und zur Zeit der Befreiungskriege. Sie hätten keine Fragen gestellt, wie der Krieg ausgehen werde und hätten „keine Zweifel am gerechten Sinn dieses Krieges“ gehabt.[14] Nicht alle Frauen entsprachen dem Bild des Kreisleiters. Er war vor allem bemüht, Beziehungen zwischen einheimischen Frauen und Zwangsarbeitern zu unterbinden. Die Natur der Menschen ließ sich aber trotz des Kriegs nicht nur von „völkischen“ Gedan­ken, sondern auch von Gefühlen leiten, die schwer kontrollierbar waren. Ob Schiedes „glühender Appell“,[15] mit dem er im November 1943 „Abstand den Fremdvölkischen gegenüber“[16] verlangte, erfolgreich war, ist nicht bekannt.

1944 wurden Frauen und Mütter bis zum 60. Lebensjahr, auch wenn sie bis zu zwei Kinder zu versorgen hatten, in den „Kriegseinsatz der deutschen Frau“[17] geschickt. Nicht alle eiferten den germani­schen Vorbildern nach und wollten sich von Schiede „kriegswichtiger Arbeit zufüh­ren“ lassen. Angst als „abseitig“ abgestempelt zu werden, führte letztlich zu einer dem Regime nützlichen „Freiwilligkeit“. Ende 1944 war es damit vorbei. Die Gendarmerie berichtete von „Unwillen und Erregung“ über den Zwangsdienst für Frauen und davon, dass es „in mehreren Fällen und an mehreren Orten des Kreises“ notwendig gewesen sei, den „Kriegseinsatz der deutschen Frau durch polizeiliche Vorführung“[18] zu erzwingen.

Schon im Juli 1943 berichtete die Gendarmerie des Kreises Garmisch-Partenkirchen, dass der Regierungs­wechsel in Italien „die Siegeszuversicht sowie auch das Vertrauen zur Staatsführung merklich erschüttert“ habe.[19] Gerüchte kursierten, dass Göring nach Schweden geflüchtet sei und sich erschossen habe. Hitler „habe Tobsuchtsanfälle und verbeiße sich in Teppichen.“ Auch würden Witze erzählt, die die Autorität der „Führung“ in Frage stellten: „Im Kurgarten in Garmisch-Partenkirchen während eines Kurkonzertes: „Haben Sie heute Nacht die amerikanischen Flieger über Garmisch-Partenkirchen ge­hört und wissen Sie, was diese abgeworfen haben? Heu für die Esel, die noch an einen deutschen Sieg glauben.“[20] Die militärischen „Absetzbewegungen“ an der Ostfront stießen auf wachsende Skep­sis der Bevölkerung, „planmäßiges Zurückgehen findet nicht vollen Glauben“, heißt es.[21] Beobachtet wurde, dass „Kirchenbesuch und Wallfahrten immer mehr zunehmen.“ [22] Auch die Stimmungslage drehte sich nach den Feststellungen der Gendarmerie: „Früher brachte der Soldat von der Ostfront nur die beste Stimmung mit in die Heimat und munterte damit die Bevölkerung in der Heimat auf. Heute ist das Gegenteil der Fall.“[23] In der Jahresmitte 1944 hieß es knapp: „Die Stimmung in der Bevölkerung ist sehr gedrückt. Ein großer Teil glaubt an keinen Sieg mehr.“[24]

 

[1] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 17.05.1943

[2] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 29.05.1943

[3] ebd.

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] MA Garmisch-Partenkirchen 932 – Sicherheit und Ordnung in Badeanstalten 1931-1944 / 02.06.1943

[7] ebd.

[8] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 24.07.1943

[9] Alle ebd.

[10] MA Garmisch-Partenkirchen 932 – Sicherheit und Ordnung in Badeanstalten 1931-1944 / Schiede 02.09.1943

[11] ebd. 24.09.1943

[12] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 16.10.1943

[13] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 03.06.1943

[14] ebd.

[15] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 23.11.1943

[16] ebd.

[17] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 06.09.1944 – s.a. „Erlass des Führers über den umfassenden Einsatz von Männern und Frauen für Aufgaben der Reichsverteidigung" vom 13.1.1943  und „Verordnung über die Meldung von Männern und Frauen für Aufgaben der Reichsverteidigung" vom 27.1.1943. In: RGBl. I, 67

[18] StA München LRA 61619 – Monatsberichte 1942-1944 / 29.11.1944

[19] StA München LRA 61619 - Monatsberichte 1942-1944 / 28.07.1943

[20] ebd.

[21] ebd. 27.09.1943

[22] ebd.

[23] ebd. 25.10.1943

[24] ebd. 25.08.1944

 

© Alois Schwarzmüller 2012

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