Die Kreisleiter der NSDAP in Garmisch-Partenkirchen
 – „Politische Frontoffiziere der Bewegung“

 

 

 

 

Jakob Scheck: „Lassen wir das, was zurückliegt“!

 

Kreisleiter – „Im bedingungslosen Glauben an den Führer“

Mit zwei knappen Sätzen wurde Jakob Scheck, „Bürgermeister und SA-Standartenführer“, am 5. De­zember 1939 vom Leiter des NS-Gaupersonalamts Reidinger zum kommissarischen Kreisleiter er­nannt: „Der Gauleiter, Parteigenosse Adolf Wagner, beauftragt Sie bis auf weiteres mit der geschäfts­führen­den Leitung des Kreises Garmisch. Ich setze Sie davon in Kenntnis und wünsche Ihnen hierzu vollen Erfolg.“[1] Schecks wichtigster Mitarbeiter war Kreisamtsleiter Dr. Georg Kropfelder als Nachfol­ger von Karl Märkl, der zum Kreisleiter im Kreis Schongau berufen wurde.

Im ersten Jahr seiner neuen Tätigkeit war Scheck als Kreisleiter, folgt man den Berichten im Gar­misch-Partenkirchner Tagblatt, in der Öffentlichkeit wenig präsent. Und wenn, dann waren es die übli­chen verbalen Propagandaschablonen, mit denen er sein Publikum bei verschiedenen „Großkundge­bungen“, meist im Festsaal, bediente. Die Hitler-Jugend mahnte er, „in Pflicht, Disziplin und Zucht“[2] die Lücken in der Heimat zu schließen und auf dem „Opferaltar des Vaterlandes“ dem Aufruf zur Me­tallspende Folge zu leisten. Die Sammlung für das „Winterhilfswerk“ kündigte er mit zeitgemäß-grim­miger Kriegsrhetorik an: „In dieser Woche veranstaltet das Kriegs-Winterhilfswerk ein Scharfschießen auf die Plutokraten mit Bomben und Granaten, schwerer Artillerie, Pak und das Deutsche Volk wird in alter Treffsicherheit sein Ziel nicht verfehlen: das Herz der Frauen- und Kindermörder an der Themse. Die WHW-Munition, die den Herren auf der Insel gewaltig zusetzen wird, schützt das Leben unserer Mütter und Kinder und wehrt so die gemeine Absicht der Judensöldner ab, unseren Frauen und unse­rer Jugend an Gesundheit und Leben zu schaden.“[3] In das gleiche Horn stieß Scheck mit seinem ersten „Frontbrief“.[4] Da war die Rede vom „feigen Briten“, von seinen „hinterlistigen Angriffen“ und seinem „teuflischen Hirn“, von der „siegreichen Endabrechnung“ und dem „Feldherrengenie des Füh­rers“ – alles verpackt mit Nachrichten aus dem Standesamt Garmisch-Partenkirchen, mit der Be­kanntgabe von Beförderungen und von Berichten aus der NS-Frauenschaft.

Im Winter 1940/41 trat Scheck in seiner Rolle als Kreisleiter und als SA-Brigadeführer erstmals vor großem Publikum auf. Bei den „VI. Winterkampfspielen der Hitler-Jugend“ begrüßte er 1800 Jungen und Mädchen und mit ihnen Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, Reichsjugendführer Arthur Axmann, Reichsminister Fritz Todt und Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten.[5] In der Juni-Aus­gabe des „Frontbriefes“ wurde Schecks kurze Rede beim NSDAP-Kreistag 1941 zitiert, ein Bekenntnis an „den Glauben an Adolf Hitler“ und an „das ewige und siegreiche Deutschland“.[6] Nach dem Überfall auf die Sowjetunion folgte eine „Großkundgebung“ im Festsaal zum Thema „Hakenkreuz oder Sowjet­stern“,[7] bei der Scheck aber keine aktive Rolle spielte. Beim „Kreisappell der UK-Gestell­ten“ trat Scheck wieder als Redner auf: „In unerhört kurzer Zeit zerschlug der deutsche Soldat Polen, Frank­reich, Norwegen, den Balkan und stand schließlich dem furchtbarsten Gegner jeden Fort­schritts und jeder Zivilisation gegenüber, dem Bolschewismus. Auch diesen Feind jagte der deutsche Soldat weit über seine Grenzen zurück.“[8] Bei einer „Großkundgebung“ im Festsaal im August 1942 mit Gauleiter Paul Gies­ler begrüßte Scheck die Teilnehmer; Giesler forderte „Ge­horsam“ von seinen Zuhörern: „Über das, was der Führer tut, wird in Deutschland nicht geschimpft. Da gibt es nur eines: es wird pariert!“[9]

Wer nicht parierte, dem zeigte Scheck in seiner Rolle als Bürgermeister auch einmal die Folterinstru­mente, über die er verfügte. Das Ehepaar Xaver und Therese Müller, Inhaber eines Schuhgeschäfts, Schnitzschulstraße 20, bekam das zu spüren. Es ging um Streitereien zwischen Mietern und dem Ehepaar Müller, den Hausbesitzern. Ende März 1943 teilte Scheck Landrat Dr. Wiesend mit, von den Müllers sei „allgemein bekannt, dass sie auch heute noch ganz gegen die nationalsozialistische Staatsführung eingestellt“[10] seien. Deshalb beantrage er, das Ehepaar in Schutzhaft zu nehmen. Nur auf diese Weise könne dem Ansehen des Staates Geltung verschafft werden. Helfe auch das nichts, dann „käme nur Einweisung in das Lager Dachau in Frage. Ich bitte um sofortige Anordnung.“[11] Das war ein anderer Scheck als der, an den sich seine Entlastungszeugen beim Spruchkammerverfahren erinnerten.

Der Fall von Stalingrad brachte neue Arbeit für die NS-Propaganda. Auch für Kreisleiter Scheck. Ein Ritterkreuzträger durfte im Festsaal in „packenden Schilderungen“ den „unerschütterlichen Glauben an den deutschen Sieg“ verkünden. Scheck mahnte bei dieser Gelegenheit, im „bedingungslosen Glauben an den Führer“ nicht nachzulassen und sprach blumig von „Gewitterwolken am Himmel“ und von der „Sonne des Sieges“ – „aber der Glaube muss da sein!“[12] Er setzte jetzt mehr auf „Führerfröm­migkeit“ als auf die bisher besungene Unbesiegbarkeit der deutschen Soldaten.

Ein immer neuer Anlass, Vertrauen in den „Führer“ zu fordern und zu demonstrieren, war Hitlers Ge­burts­tag. Repräsentanten der NSDAP, des Staates und der Wehrmacht kamen am 20. April 1943 ins Rat­haus und hörten Schecks Rede – den „Höhepunkt der Führergeburtstagsfeier“. Er wich angesichts der seit Stalingrad unerfreulichen militärischen Lage auf ein Feld aus, auf dem sich immer gefahrlos schwadronieren ließ: „Jüdische Drahtzieher“ seien für die Lage verantwortlich, diesen „jüdisch-pluto­kratischen Hetzern“ müsse man „noch härter und unerbittlicher“ entgegentreten. Mit einem „begeis­terten Sieg-Heil“ wurden seine Worte belohnt.[13]

 

[1] StA München Spruchkammern – Karton 1588 Jakob Scheck / Reidinger an Scheck 05.12.1939

[2] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 14.04.1943

[3] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 01.11.1940

[4] WA–Beilage „Die Heimat spricht zur Front“, Folge 1, Oktober 1940

[5] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 25.02.1941

[6] WA–Beilage „Die Heimat spricht zur Front“, Folge 14, Juni 1941

[7] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 30.10.1941

[8] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 24.02.1942

[9] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 08.08.1942

[10] MA Garmisch-Partenkirchen 1145 – Sicherheitspolizei Allgemeines 1935-1944 / 28.03.1943

[11] ebd.

[12] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 22.01.1943

[13] alle Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 22.04.1943

 

© Alois Schwarzmüller 2012

Zurück zur Startseite