Die Kreisleiter der NSDAP in Garmisch-Partenkirchen
 – „Politische Frontoffiziere der Bewegung“

 

 

 

 

Hans Hartmann - „Aufopfernde Tätigkeit im Dienst der Bewegung“

 

Der „Hoheitsträger der Partei“ wird abgesetzt

Wenige Tage nach dem „Röhm-Putsch“ 1934 hatte Hartmann sich bei einem NS-Sprechabend im „Rassen“ hervorgetan als bedingungsloser Gefolgsmann Hitlers. Er wetterte „gegen alle unsauberen Elemente, „die unseren Führer hintergehen und verraten wollen.“[1] Parteimitglied könne nur werden, wer „entschlossen ist, jegliches Opfer an Gut und Blut zu bringen, ja, sein Leben zu geben für Bewegung, Führer und Volk“ und „allen seinen bisherigen Bindungen“ zu entsagen.[2] War das die Rhetorik eines Mitläufers?

Im Januar 1935 versammelte sich im „Alten Wirt“ zu Farchant ein Kreis von 150 „politischen Leitern“ der NSDAP aus den 16 Gemeinden des Bezirks Garmisch. Sie kamen zu einer „Kreisschu­lungstagung der NSDAP“ zusammen. Dr. Leuchtl, Hartmanns Stellvertreter als Kreisleiter, sprach über die „Soldaten der Revolution“ und über die „Grundlagen der Weltanschauung“. Karl Märkl, Hartmanns Kreisgeschäftsstellenleiter im Garmisch-Partenkirchner „Haus der Nationalso­zialisten“, referierte über „Pazifismus und Wehrhaftigkeit“. Dem Kreisleiter selbst blieb es vorbehalten, die Er­wartungen an die zu formulieren, „die berufen wurden, auf vorgeschobenem Posten Dienst zu tun für Partei und Staat“. Seine Kernforderung: Die Elite der NSDAP muss ihren Mitmenschen „ein national­sozialistisches Leben … vorleben.“[3] War das die Sprache eines Enttäuschten?

Vom Dezember 1932 bis zum März 1937 gab es niemand, der an Hartmanns Einsatz für die Durch­setzung des Nationalsozialismus gezweifelt hätte. Weder als Kreisleiter der NSDAP noch als SA-Sonderbeauftragter stand er in der Kritik. 1. Bürgermeister von Garmisch-Partenkirchen wurde er in Zeiten der internationalen Aufmerksamkeit für den Olympiaort deshalb nicht, weil er ideologi­sche Linientreue im Vorgehen gegen die Juden stärker befolgt hatte, als es in München oder in Berlin im Augenblick opportun erschien.

 

   

 

Schon im Oktober 1933 wurde Hans Hartmann als NS-Kreisleiter und als "Sonderbeauftragter" für "seine aufopfernde Tätigkeit im Dienste der Bewegung" geehrt (Garmisch-Partenkirchner Tagblatt, 19.10.1933) - noch im Mai 1936 saß er beim Kreistag der NSDAP in Schongau Seite an Seite mit Gauleiter Adolf Wagner (Foto: Garmisch-Partenkirchner Tagblatt, 15.05.1936)

 

 

Für die Öffentlichkeit des Kreises Garmisch-Partenkirchen kam es jedenfalls unerwartet, dass Hartmann am 22. März 1937 durch Otto Nippold, den Stellvertretenden Gauleiter des NS-Gaues Mün­chen-Oberbayern, seiner sämtlichen Parteiämter und –funktionen enthoben und „zum Rücktritt veran­lasst“ wurde.[4]

Später wird es heißen, Hartmann habe die von der Münchner Gauleitung in ihn gesetzten Erwartun­gen als Kreisleiter nicht erfüllt. Welche Erwartungen konnten das sein? Im Mai 1936 wurde sein „Haus der Nationalsozialisten“, das ehemalige Garmischer Rathaus am Marienplatz, als Brennpunkt „natio­nalsozialistischer Lebens- und Schicksalsgemeinschaft“ gepriesen, mit dem Kreisleiter als personaler Mitte. Seine „Überzeugungstreue“, der „arbeits- und dornenreiche Weg“ Hartmanns vom Weltkriegs­soldaten zum „Organisator und Propagandisten an der vordersten Front“ der NS-Bewegung wurde eingehend gewürdigt, als „Hoheitsträger der Partei“ habe er seinen Teil zur „Lösung der Aufgaben im Sinne Adolf Hitlers, des großen Führers“, beigetragen – eine öffentliche Huldigung im gleichgeschalteten Garmisch-Partenkirchner Tagblatt.[5]

Im Sommer 1936 nahm Hartmann auf dem Marienplatz den Vorbeimarsch seiner 112 „politischen Leiter“ im Kreis ab. Darüber berichtete die Zeitung: „Unsere Sommergäste und zumal die Gäste des Auslandes konnten sich den besten Eindruck von den Einrichtungen des Dritten Reiches verschaffen und unsere einheimische Bevölkerung kann beruhigt sein, dass auch im schönen Wer­denfelser Lande die Idee unseres Führers mit allen zu Gebote stehenden Mitteln vertreten wird.“[6] Das klang nicht nach Unzufriedenheit mit der Arbeit des Kreisleiters. Im Januar 1937 durfte er noch die Gäste der Internationalen Wintersportwoche begrüßen[7] und im Februar zum „Heldengedenktag“ aufrufen.[8] Dann hatte er seine Rolle als Kreisleiter ausgespielt.

Im Spruchkammerverfahren gegen Hartmann nach dem Krieg deutete sein ehemaliger Kreisge­schäftsführer Carl Märkl „Meinungsverschiedenheiten mit Gauleiter Adolf Wagner“[9] an, die sich bei der Zusammenlegung der Gemeinden Garmisch und Partenkirchen ergeben hätten. Außerdem habe es „Differenzen mit Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten und dem olympischen Komi­tee“ gegeben.[10] Welcher Art diese Meinungsverschiedenheiten waren, geht aus dem Bericht Märkls nicht hervor. Märkl wies darauf hin, dass Hartmann die einzige Persönlichkeit in Gar­misch-Partenkirchen gewesen sei, „die beim großen Ordenssegen nach der Olympiade übergangen wurde.“[11]

Bei seinem vermutlich letzten öffentlichen Auftritt vor seiner Entlassung als Kreisleiter stellte Hartmann Mitte Oktober 1936 im Festsaal die Neuorganisation des NSDAP-Kreises Garmisch-Partenkirchen vor. Wieder einmal warnte er Kritiker und Abweichler und drohte, man werde „schnell und empfindlich jeden zu treffen wissen, der Zwiespalt und Zerrissenheit säen will“.[12] Sein letzter Satz klang nicht nach Duldsamkeit im Umgang mit Gegnern des Systems: „Unser Kämpfertum verlangt, dass wir hart und mitleidlos sind gegen jeden Volksschädling.“[13] So sprach kein ideologischer Drückeberger. Den­noch wurde er am 23. März 1937 ausgetauscht gegen Johann Hausböck, einen jungen Mann aus München, 27 Jahre alt, Mitglied des Stabes der Gauleitung München-Oberbayern.

Nach dem erzwungenen Rücktritt von seinen Ämtern und Parteifunktionen kehrte Hartmann in das Garmisch-Partenkirchner Geschäftsleben zurück. Schon im Jahr zuvor, am 13. Januar 1936, war sein Haushaltswarengeschäft vom Bunten Haus in die Bahnhofstr. 1 gegenüber dem neuen Rathaus umgezogen. Seit März 1937 stand er jetzt wieder hinter der Ladentheke und verkaufte Glas, Porzellan, Haus- und Küchengeräte. Es gab keine nach außen dringende Demütigung durch die NSDAP, die sein bür­gerliches Leben zerstört hätte. Es wurde ihm, nach einem Parteigerichtsverfahren, nur für die kom­menden drei Jahre untersagt, wieder ein Parteiamt zu bekleiden. Ein eigenartig-stilles Ende einer Kar­riere, die fünf Jahre bruchlos verlaufen war. Dass es auch „nicht im politischen Bereich liegende Gründe“ für seine Entlassung gab, wurde 1948 in der Spruchkammerverhandlung[14] angedeutet, aber nicht weiter untersucht. Von einem „unrühmlichen Ende“ ist bei Landrat Dr. Wiesend 1940 zu lesen.[15]

Bei Beginn des Zweiten Weltkrieges war Hans Hartmann 45 Jahre alt. Kein gutes Alter für militärische Unternehmungen. Ob ihm dieser Krieg, Ziel der NS-Politik seit Hitlers Treffen mit der Reichswehrge­neralität am 3. Februar 1933, nach seiner politischen Degradierung willkommen war, darf man be­zweifeln. Eingesetzt wurde er als Verpflegungs- und Bahnhofsoffizier und als Kommandeur für Ur­laubsüberwachung. Der Reserveleutnant wurde recht zügig befördert - im April 1940 zum Oberleut­nant und im Dezember 1940 zum Hauptmann der Reserve. Sein zweiter Weltkrieg endete, als er am 15. Mai 1945 in Kärnten in englische Kriegsgefangenschaft kam. Kaum vier Wochen zuvor, am 18. April 1945, war sein Sohn Hans Joachim, 19 Jahre alt, bei Bologna in einem Gebirgsjägerregiment kämpfend, gefallen.[16] Auch er ein Opfer derer, für die die Fahne mehr war als der Tod.

 

[1] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 07.07.1934 – „Sprechabend der NSDAP“

[2] ebd.

[3] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 19.01.1935

[4] StA München LRA 199071 – Entlassung Hartmanns als Kreisleiter / 22.03.1937

[5] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 12.05.1936

[6] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 06.08.1936

[7] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 20.01.1937

[8] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 20.02.1937

[9] StA München Spruchkammern – Karton 629 Hans Hartmann / Carl Märkl 18.01.1948

[10] ebd.

[11] ebd.

[12] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 16.10.1936

[13] ebd.

[14] StA München Spruchkammern – Karton 629 Hans Hartmann / Protokoll der öffentlichen Sitzung 24.06.1948

[15] StA München LRA 61617 – Monatsberichte 1940 / 29.01.1940

[16] StA München Spruchkammern – Karton 629 Hans Hartmann

 

© Alois Schwarzmüller 2012

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