Die Kreisleiter der NSDAP in Garmisch-Partenkirchen
 – „Politische Frontoffiziere der Bewegung“

 

 

 

 

Hans Hartmann - „Aufopfernde Tätigkeit im Dienst der Bewegung“

 

Kirche – Glaube – Rasse

Hans Hartmann war katholisch getauft und man darf annehmen, dass er in der Mindelheimer Bäckermeis­terfamilie und in der Schule auch in diesem Glauben erzogen wurde. Auf seinem Weg zum Nationalsozialismus kehrte er der katholischen Kirche den Rü­cken, nannte sich und seine nationalsozialistischen Mitstreiter „bewusst Got­tesgläubige“, die „eine schönere und größere Auffassung von dem Walten der Gottheit“ haben.“[1] Als „Neuheide“ wollte er sich freilich nicht bezeichnen, zählte sich vielmehr zu den „Leute(n) des fanatischen Glaubens“[2]. Sein Glaubensbekenntnis war kurz und bündig. Es lautete: „Glaube an unser Blut, an unsere Sendung“. In seinem Katechismus stand „In Deutschland gilt nichts mehr, was nicht deutsch ist.“ - zugespitzt auf die Formel „Nicht die Konfession, nur das Blut und die Rasse ver­binden uns.“[3]

In der Auseinandersetzung mit den christlichen Kirchen gab er sich gerne als Beschützer des Christentums: Die Nationalsozialisten hätten doch die „Gottlosenbewegung aufs schärfste bekämpft“, niemand um seiner religiösen Überzeugung willen behelligt[4] und die Priester durch das Konkordat „davor bewahrt, einen Kampf um (ihre) äußere Existenz führen zu müssen.“ Seine Bedin­gung hieß: Der Priester müsse „Diener des Staates“ sein.[5] Wer dem Staat der Nationalsozialisten nicht dienen wollte, dem drohte Unheil – auch von Hans Hartmann.

Als Kreisleiter und SA-Sonderbeauftragter prüfte er zum Beispiel, ob die Kirchendiener den Kriterien seiner „Blut-und-Rasse-Religion“ entsprachen. Im Dezember 1934 wandte er sich an das Standesamt Pasing mit der Bitte, ihm die „genauen Personalien des Privatgelehrten Dr. Josef Welker“ mitzuteilen. Welker war der Vater von Klementine Lipffert, der Frau von Ernst Lipffert, der seit 1919 als Pfarrer der ersten evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Partenkirchen im Amt war. Eigentlich interes­sierte sich Hartman nur für die Konfession des Dr. Welker, „auch der frühe­ren und ob Dr. Welker ari­scher Abstammung war.“[6] Von Pasing kam die Auskunft, Welker sei evange­lisch. Aus Heidelberg, dem Geburtsort von Klementine Lipffert, erhielt Hartmann aber Unterla­gen, „aus denen“, so schrieb er. „einwandfrei hervorgeht, dass der Vater der Frau Lipffert ein Jude war und so­mit Frau Lipffert nicht arischer Abstammung ist."[7]

 

 

 

 

Klementine Lipffert - 1935 (Foto: privat)

"Stürmer"-Meldung vom 28. Juni 1935

Pfarrer Ernst Lipffert - 1931 (Foto: privat)

 

 

Das genügte für eine monatelange Kampagne gegen Klementine Lipffert und ihren Mann, dem Hart­mann schon früher eine „bewusste gegnerische Einstellung gegen die derzeitige Staatsform und die nationalsozialistische Bewegung“ zum Vorwurf gemacht hatte.[8] Der „Stürmer“, antijüdisches Hetzblatt der NS-Bewegung, machte daraus in seiner Ausgabe vom 8. Juni 1935 eine Sensati­ons­meldung, in der hieß es: „Es ist eine Schande, wenn ein evangelischer Pfarrherr eine Jüdin zur Frau hat. … Der Höhepunkt der ganzen Angelegenheit ist jedoch die Tatsache, dass Frau Lipffert sogar Religionsunterricht erteilt. Sie hält Bibelstunden bei den Kleinen. Man stelle sich vor, eine Ange­hörige jener Rasse, die den Heiland ans Kreuz geschlagen hat, versucht heute arischen Kindern die Liebe zu Christus beizubrin­gen! … Wir in Garmisch-Partenkirchen sind nicht gewillt, uns dies noch länger gefallen zu lassen.“

„Wir in Garmisch-Partenkirchen“… Hartmann hatte die Anti-Lipffert-Kampagne losgetreten. Sie passte ganz ausgezeichnet in die ohnehin bereits erregte Atmosphäre antijüdischer Demagogie im Vorfeld der Olympi­schen Winterspiele 1936 und endete mit der Abberufung von Pfarrer Ernst Lipffert und seiner Frau Klementine durch die Kirchenbehörden im November 1935. Zweifellos ein Erfolg des Scharfmachers Hartmann.

Auch die „Abwicklung“ der Katholischen Volksbücherei Gar­misch durch die Marktgemeinde Garmisch wurde von Hartmann geduldet. Monatelange Schikanen gingen der Entfernung der Büche­rei aus dem Garmischer Rathaus am Marienplatz voraus. Kontrollen des Büchereibestands, Drohun­gen mit der Verstaatlichung, Einstellung des bisher unentgeltlichen Strombezugs, schließlich die Kün­digung der Räume. Hans Hartmann, zu diesem Zeit­punkt nicht nur Kreisleiter und SA-Sonderbeauftragter, sondern auch 2. Bürgermeister des Mark­tes Garmisch, hätte diesem Spiel ein Ende machen können. Das Vorgehen wurde aber ausdrücklich „von Herrn Bürger­meister Hartmann … gutgeheißen.“[9]

Ein besonderer Dorn im Auge des Kreisleiters und SA-Sonderbeauftragten waren die katholischen Gesellenvereine in Garmisch und in Partenkirchen. 1932, in dem Jahr, in dem Hartmann Kreisleiter geworden war, hatte der Gesellenverein Garmisch die NSDAP in einem offenen Brief wissen lassen: "Unsere Zentrale ist nicht das Braune Haus in München, sondern die Minoritenkirche in Köln, unser Führer ist nicht Adolf Hitler, sondern Adolf Kolping."[10] Im April 1935 hielt Hartmann die Gelegenheit für gekommen, die Kolpingsbewegung in Garmisch-Partenkirchen zu schwächen. Anlass war die – von der NSDAP erzwungene – Vereinigung der beiden Gemeinden zum 1. Januar 1935. Als Kreisleiter wandte er sich an das Bezirksamt Garmisch und erklärte: „Da Garmisch-Partenkirchen nunmehr eine Marktgemeinde geworden ist, halte ich 2 Gesellenvereine nicht mehr für notwendig. Ich betrachte daher die Verschmelzung der beiden Vereine Garmisch und Partenkirchen für gegeben.“ Für den Fall der Ablehnung dieser weiteren Zwangsvereinigung schlug er vor, „monatlich nur eine Veranstaltung zu genehmigen, also für den einzelnen Verein im Jahre 6 Veranstaltungen.“[11]

Die beiden für die Gesellenvereine verantwortlichen Geistlichen reagierten entschlossen. Kaplan Josef Kronast, Partenkirchen, teilte Hartmann mit, der „Anregung der Kreisleitung“ könne nicht entsprochen werden, weil die Organisation der politischen Gemeinde „in keiner Weise“ das kirchliche Leben be­rühre. Nach wie vor gebe es zwei selbständige Pfarreien.[12] Der Garmischer Pfarrer Her­mann Mencke vertrat in seinem Schreiben an das Bezirksamt den Standpunkt, die Kolpingsfamilien seien „überall nach Pfarreien und nicht nach Gemeinden eingerichtet … deswegen kommt eine Zu­sammenlegung nicht in Frage.“[13] Sowohl Kronast wie Mencke nahmen die Gelegenheit wahr, dage­gen zu protestie­ren, dass ihre Kolpingsmitglieder nicht zugleich Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront sein durften. Mencke schrieb: „Nur in unserem Winkel sind derartige Dinge in Erscheinung getreten.“ Gesellen aus allen Teilen Deutschland hätten erklärt, dass man so etwas nirgends kenne. Es wider­spreche „nicht nur dem Konkordat, sondern auch dem Willen des Führers.“[14] Hartmann hätte das als Kreisleiter und damit auch als Herr der örtlichen Arbeitsfront unterbinden können. Kronast und Mencke haben sich nicht gescheut, ihn darauf hinzuweisen.

Spätestens seit September 1934 liefen bei Hartmann die Fäden zur Überwachung aller Vereine und Organisationen und ihrer Versammlungen zusammen.[15] Er machte seither immer wieder einmal de­monstrati­ven Gebrauch von diesen Befugnissen. Wegen einer Theateraufführung im Lyzeum, deren Anmel­dung der Katholische Frauenbund Partenkirchen versäumt hatte, erstattete er am 11. Dezem­ber 1934 gegen die Verantwortlichen Anzeige „wegen Abhaltung einer nicht genehmigten Veranstal­tung“ und veranlasste auch noch, dem Frauenbund „die Versammlungstätigkeit für die nächste Zeit zu un­tersagen.“[16] Auch der Wallgauer Kurat Reindl geriet mit Hartmann in Konflikt. Der Kreisleiter ließ im Juni 1936 feststellen, „ob Kurat Reindl die Versammlungen nur der Ortspolizeibehörde meldet … oder ob er eine Anmeldung grundsätzlich unterlässt.“ Für diesen Fall forderte er das Bezirksamt Gar­misch-Partenkirchen dazu auf, „gegen Herrn Kurat Reindl Anzeige we­gen Vergehens gegen die Vereinsgesetze zu erstatten.“[17] Hartmanns Politik der Nadelstiche, der ständigen Überwachung und der Drohungen war für Pfarrer und Kapläne, für katholische Vereine und Organisa­tionen eine stete Herausforderung.

 

[1] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 16.10.1936

[2] ebd.

[3] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 04.07.1935 – Rede im „Rassen“

[4] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 29.08.1935

[5] ebd.

[6] StA München LRA 63130 – Evangelische Kirche 1933-1935 / Hartmann an Standesamt Pasing 03.12.1934

[7] StA München LRA 63130 – Evangelische Kirche 1933-1935 / 03.12.1934 Hartmann an Bezirksamt Garmisch

[8] ebd.

[9] ebd.

[11] StA München LRA 61711 – Vereinswesen 1932-1946 / Hartmann an Bezirksamt Garmisch 08.04.1935

[12] StA München LRA 61711 – Vereinswesen 1932-1946 / Kaplan Kronast an Bezirksamt Garmisch 23.04.1935

[13] StA München LRA 61711 – Vereinswesen 1932-1946 / Pfarrer Mencke an Bezirksamt Garmisch 30.04.1935

[14] ebd.

[15] StA München LRA 61707 – Maßnahmen gegen Verbände 1934 / Hartmann an Bezirksamt Garmisch 24.09.1934

[16] StA München LRA 61711 – Vereinswesen 1932-1946 / Hartmann an Bezirksamt Garmisch 11.12.1934

[17] ebd. Hartmann an Bezirksamt Garmisch 27.06.1936

 

© Alois Schwarzmüller 2012

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