Die Kreisleiter der NSDAP in Garmisch-Partenkirchen
 – „Politische Frontoffiziere der Bewegung“

 

 

 

 

Hans Hartmann - „Aufopfernde Tätigkeit im Dienst der Bewegung“

 

Nationalsozialist – Kreisleiter – Sonderkommissar

Was den Bankkaufmann und Geschäftsinhaber Hans Hartmann bewog, in den folgenden Jahren Anhänger Adolf Hitlers und aktives Mitglied der Nationalsozialisten zu werden, geht aus den Quellen kaum hervor. Er suchte jedenfalls den Weg zu denen, die das enttäu­schende Ende des Ersten Weltkriegs nicht wahrhaben, den Versailler Frieden nicht anerkennen und die parlamentarische Staatsform der Weimarer Republik nicht bejahen wollten. Am 1. Februar 1931 wurde er Mitglied der NSDAP, der Gesinnungs­gemeinschaft derer, die für alles „Unglück“ die Juden verantwortlich machen, den Weltkrieg weiterfüh­ren und alle Gegner die­ser Auffassung zum Schweigen bringen wollten. So nahe stand er der „Bewegung“, dass er in der Folge aus der katholischen Kirche austrat und „gottgläubig“ wurde[1] – sein „Glaubensbekenntnis“ wurde die „Weltanschauung“ der Nationalsozialisten.

Hartmanns Aufstieg innerhalb der NSDAP des Bezirks Garmisch ging schnell voran. Im Dezember 1932 wurde er, nach noch nicht einmal zweijähriger Mitgliedschaft, ehrenamtlicher Kreisleiter der NSDAP[2]. Zu den „alten Kämpfern“ konnte er nicht gezählt werden. 1933 und 1934 häuften sich Partei- und Kommunalämter: In schneller Folge wurde er SA-Obersturmführer, NSKK-Haupt­sturmführer, NSV-Kreisamtsleiter, 2. Bürgermeister des Marktes Garmisch und Vorsitzender des Be­zirkstages Gar­misch[3].

Das Amt jedoch, das ihn in besonderer Weise als Repräsentanten der neuen Machthaber erscheinen ließ, war das des „Sonderbeauftragten des Obersten SA-Führers“ für den Bezirk Garmisch-Partenkirchen. Er übte es vom März 1933 bis zum 30. Juni 1934 aus – von den Anfängen der Machtergreifung bis zur blutigen Ausschaltung der SA-Führungsspitze beim sogenannten „Röhm-Putsch“.[4] Kreisleiter und Sonderkommissar – diese Ämter der „Bewegung“ wurden nicht an Mitglieder vergeben, an deren Überzeugungstreue und Handlungsbereitschaft die Gauleitung und die SA-Führungsspitze in Mün­chen Zweifel gehabt hätte.

Aufgabe der SA-Sonderkommissare war es, die NS-Herrschaft auf kommunaler Ebene umfassend  einzurichten und unbeugsam zu sichern. Auf ihr Konto ging die Gleichschaltung von Menschen und Institutionen. Winfried Süss charakterisierte Hitlers Kommissare und Röhms „Emissäre“ als den „eigentlich revolutionären Typus von außeror­dentlichen Sondergewalten.“ Sie seien nicht als Einrichtung des bestehenden Staates gedacht gewesen, „son­dern verstanden sich als Treibsatz einer grundlegenden Umwälzung.“[5]

Hans Hartmann war bereit, diese Rolle im Bezirk Garmisch-Partenkirchen zu spielen. Bisher hatte die NSDAP ihre örtliche Geschäftsstelle in Verbindung mit Hartmanns Laden im Bunten Haus. Als SA-Sonderbeauftragter richtete er sich jetzt demonstrativ im Gebäude des Bezirksamtes Garmisch ein[6] – in unmittelbarer Nähe der Amtsräume von Bezirksamt­mann Carl von Merz, der dem Nationalsozi­alismus nicht gewogen war. Das Signal Hartmanns hieß: Par­teimacht kontrolliert Staatsmacht. Hartmanns „Adjutant“ wurde Dr. Leuchtl, ein ehemaliger Theologe.[7] Sprechstunden hielten Hartmann und Leuchtl täglich vormittags von 8 bis 10 Uhr und nachmittags von 15 bis 17 Uhr. Die NSDAP etablierte sich.

Einen ersten Auftritt inszenierte Hartmann Ende Februar 1933. Er beschwerte sich bei der Gendar­meriesta­tion Partenkirchen darüber, „dass am Arbeitsamt Garmisch gelegentlich der Auszahlung der Arbeitslo­senunterstützungen kommunistische Zeitungen verkauft werden.“ Dies sei unzulässige kommunisti­sche Pro­paganda.[8] Presse- und die Meinungsfreiheit waren noch nicht aufgehoben, aber der Polizei genügte der Vorstoß des NS-Kreis­leiters, die Auszahlung überwachen zu lassen. Festgestellt wurde, dass der Hilfsarbeiter Karl Chris­toph aus Gar­misch die Zeitung „Der Erwerbslose“ um 10 Rpfg. das Stück ver­kauft hatte.[9] Hartmann demonstrierte kurz darauf seine Macht als „Sonderbeauftragter“ – Karl Christoph gehörte zu den ersten Garmisch-Partenkirchner Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau.

Es war der 11. März 1933, an dem die drei führenden Funktionäre der NSDAP, Kreisleiter Hartmann, SA-Führer Scheck und SA-Führer Thomma, auf Weisung des bayerischen Reichskommissars Ritter von Epp in Garmisch-Partenkirchen 14 als Kommunisten bekannte oder verdächtigte Männer von Polizei, SA- und Stahlhelmmitgliedern verhaften ließen. In Garmisch waren das Karl Christoph, Max Unger, Richard Schwanninger, Josef Brunner, Ludwig Handlmaier, Max Josef Gmeinwieser und Dominikus Malik; aus Partenkirchen kamen Anton Piethold, Paul Riedel, Kaspar Bernhard, Josef Radner, Eberhard Kaufmann, Adolf Breuer und Alfred Lauter­bach.[10] Engelbert Freudling, Ortsgruppenleiter der NSDAP Garmisch-Partenkirchen, bestätigte 1949 im Spruchkammerverfahren gegen den ehemaligen Bürgermeister Josef Thomma, dass Hartmann für diese Verhaftungen verantwortlich war.[11]

 

[1] MA Garmisch-Partenkirchen – Meldekarte Hans Hartmann – Eintrag „gottgl.“

[2] Erst sein Nachfolger Hans Hausböck übte das Amt des Kreisleiters hauptamtlich aus.

[3] entspricht heute dem Kreistag

[4] StA München LRA 198951 – Verbot marxistischer Organisationen 1933

[5] Winfried Süss, Hitlers Kommissare. Sondergewalten in der nationalsozialistischen Diktatur (2006) S. 30

[6] StA München LRA 198951 – Verbot marxistischer Organisationen 1933

[7] StA München LRA 61711 – Vereinswesen 1932-1946 / 30.04.1935 Pfarrer Mencke an Hartmann

[8] StA München LRA 61796 – Zeitungsverbote 1933-1943 / 27.02.1933

[9] StA München LRA 61796 – Zeitungsverbote 1933-1943 / 27.02.1933

[10] StA München Spruchkammern – Karton 629 Hans Hartmann / 11.03.1933

[11] StA München Spruchkammern – Karton 4302 Josef Thomma / 04.05.1949

 

© Alois Schwarzmüller 2012

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