Die Kreisleiter der NSDAP in Garmisch-Partenkirchen
 – „Politische Frontoffiziere der Bewegung“

 

 

 

 

 

Der „Führer“ und seine „Ausführer“

 

Die Macht des Diktators kam aus demagogischer Rhetorik, breit gestreuten „deutsch-nationalen“ Sehnsüchten seiner Anhänger, wurzeltiefem Antisemitismus - und aus einer flächendichten Organisa­tion. Ganz oben „der Führer“, unter ihm viele „Ausführer“ – vom „Reichsorganisationleiter“ in Berlin bis zum „Zellenleiter“ vor Ort. Im Braunen Haus zu München hielten 18 Reichsleiter die Fäden in der Hand. 43 Gauleiter, Hitler unmittelbar verantwortlich, lenkten die NSDAP auf regionaler Ebene. Den Gau München-Oberbayern, von den Nationalsozialisten auch „Traditionsgau“ genannt, leitete von 1933 bis 1944 Adolf Wagner; Paul Giesler folgte bis zum Ende im Mai 1945. Die „Einheit von Partei und Staat“ stärkte die NSDAP und unterwarf den „Staat“ der „Partei“.

 

 

Das „Haus der Nationalsozialisten“  am „Adolf-Wagner-Platz“ (Marienplatz) in Garmisch-Partenkirchen 1937 - Fotos: Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen / Foto Beckert

 

 

1932 schloss die NSDAP die organisatorische Lücke zwischen der Gauebene und den Ortsgruppen durch die Einrichtung von Kreisen. Diese Kreise waren in der Regel deckungsgleich mit den Bezirken bzw. Landkreisen (seit 1938). 1935 gab es im Gau München-Oberbayern 26 Kreise mit insgesamt 249 Ortsgruppen.[1] Die Kreisleiter wurden in der Sprache der NSDAP auch als „Hoheitsträger“ bezeichnet. Ihre Aufgabe war es, die nationalsozialistische „Weltanschauung“ in der Bevölkerung zu verankern und zu sichern, die rassenpolitischen Grundsätze zu gewährleisten, parteiinterne und öffentliche Kundgebungen zu organisieren, Garant der „inneren Front“ zu sein – im Frieden wie im Krieg.

Ein Kreisleiter stand, nach dem „Führer“, dessen Stellvertreter und dem Gauleiter, an vierthöchster Position im Macht- und Entscheidungsgefüge der Partei. Als „Hoheitsträger“ war er auf regionaler Ebene die zentrale Figur. Unklare Grenzlinien zwischen seinen Kompetenzen und denen der Bürger­meister und des Bezirksamtmanns bzw. Landrats boten Spielraum für eigenmächtiges Handeln in der Grauzone zwischen Macht, Recht und Willkür: „Die Macht eines Kreisleiters gründete auf Angst und erstreckte sich - innerhalb seines Kreises - auf beinahe jedes Gebiet.“[2]. Mit Kriegsbeginn wurde er noch unentbehrlicher als „Einpeitscher des Durchhaltewillens".[3]

Zur Erfüllung seiner Aufgaben war der Kreisleiter Herr nicht nur über die Ortsgruppenleiter seines Kreises, sondern auch über eine Vielzahl von Amtsleitern. In der „Kreisleitung“ wucherte eine Parallel­bürokratie in Konkurrenz zur öffentlichen Verwaltung. 1939 residierten im Garmisch-Partenkirchner „Haus der Nationalsozialisten“ außer dem Kreisleiter ein Stabsleiter und die Amtsleiter für Propa­ganda, Wirtschaft, Kommunalpolitik, Kultur, Presse und Personal, der Kreiskassenleiter und der Kreis­rechtsamtsleiter. Außerdem hatten die „Kreiswaltung“ der Deutschen Arbeitsfront, die Kreisämter für Volksgesundheit und für Volkswohlfahrt, die Kreisführung des Winterhilfswerks, die NS-Frauenschaft des Kreises, das Kreisgericht der NSDAP, der Reichskolonialbund, der NS-Ärztebund, der Reichsluft­schutzbund, der Reichsbund Deutscher Beamter, die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ sowie die Führung von HJ, BdM, SA und NSKK[4] ihren Hauptsitz in der NS-Kreisleitung.

 

 

Oben: Kreiseinteilung im Gau München-Oberbayern 1935 – Aus: Claudia Roth, Parteikreis und Kreisleiter S. 525

Rechts: Organigramm einer Kreisleitung 1936 – Aus: Organisationsbuch der NSDAP München 1936 S.135

 

 

 

 

Funktionäre ohne Sitz im „Haus der Nationalsozialisten“ waren der Kreisausbildungsleiter, der Kreis­bauernführer, der Kreishandwerksmeister, der Kreisberufswalter, der Kreisfachschaftswalter Handel, der Kreisjugendwalter, der Kreismusikwart und der Kreissportführer. Auch ein Kreissammlerwart Briefmarken und ein Kreisvolkstumswart, zeitweise auch Kreistrachtenwart genannt, waren Teil dieses Systems, in dem die Menschen „verstaatlicht“, gleichgeschaltet und zur „Volksgemeinschaft“ gedrillt und geschmiedet werden sollten.

Im September 1938 - in den 18 Gemeinden des Landkreises Garmisch-Partenkirchen waren 36353 Einwohner gemeldet - veröffentlichte das Garmisch-Partenkirchner Tagblatt gerundete Mitgliederzah­len der NSDAP und einiger von ihr abhängiger Verbände und Organisationen[5]. Die NSDAP hatte zu diesem Zeitpunkt 2600 Mitglieder, die Deutsche Arbeitsfront 10300, die NS-Frauenschaft 2100. Der SA gehörten 600 Männer an, 80 der SS. Das NSFK (Nationalsozialistisches Fliegerkorps) umfasste 320 Mitglieder, das NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps) 300. In der Hitlerjugend waren 1500 Jungen, im BdM 1400 Mädchen.

Für die drei NSDAP-Ortsgruppen in der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen liegen genauere Angaben vor: Danach hatte die Ortsgruppe „Zugspitze“ 251, die Ortsgruppe „Kramer“ 301 und die Ortsgruppe „Wank“ 279 Mitglieder – zusammen 831 NSDAP-Mitglieder bei ca. 18700 Einwohnern.[6] Wie stark die anderen Verbänden und Organisationen waren, geht aus dieser Quelle nicht hervor.

Die erste offizielle Geschäftsstelle der NSDAP hatte ihren Sitz im „Bunten Haus“ in Garmisch, Bahn­hofstraße 66. Finanziert wurde sie seit 1935 teilweise aus den Bürgersteuern: Am 23.01.1935 be­schloss der neue Gemeinderat Garmisch-Partenkirchen einen „Zuschuss an die Kreisleitung Garmisch der NSDAP“ und bewilligte pro Einwohner und Monat 2 Pfg.[7]

Im Laufe des Jahres 1935 wurde dann im ehemaligen Rathaus des Marktes Garmisch am Adolf-Wag­ner-Platz (Marienplatz) 13 das „Haus der Nationalsozialisten“ eröffnet. Lage, Ausstattung und Perso­nalapparat machten es zum lokalen politischen Zentrum der NS-Diktatur. Von hier aus wurde die Be­völkerung indoktriniert, mobilisiert und terrorisiert.

Es war bis 1945 Sitz der vier Kreisleiter Hans Hartmann, Johann Hausböck, Jakob Scheck und Hein­rich Schiede.

 

 

 

 

 

Aus: "Adressbuch des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, umfas­send die Gemeinden  Garmisch-Partenkir­chen, Mittenwald, Oberammergau, Eschenlohe, Ettal, Farchant, Grainau, Kohlgrub, Krün, Oberau, Ohlstadt, Saulgrub, Unteram­mergau, Wallgau, Wamberg – Ausgabe 1939" (S. 9)

 
 

 


[1] Bernhard Schäfer, Traditionsgau München-Oberbayern, 1930-1945, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44887 - aufgerufen am 14.03.2011)

[2] Barbara Faith, Die Kreisleiter der NSDAP nach 1945. In: Martin Broszat / Klaus-Dietmar Henke / Hans Woller (Hrg.), Von Stalingrad zur Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland (München 1988) S. 220

[3] Horst Schinzel, URL suite101.de/article/kreisleiter-der-nsdap-im-norden-a42231 – aufgerufen am 22.03.2012

[4] Adressbuch des Landkreises Garmisch-Partenkirchen (Ausgaben 1937 und 1939), jeweils S. 9

[5] Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 19.09.1938

[6] Archiv des Autors (Kopie) - US Military Government Garmisch-Partenkirchen – Subject: Denazification – 16.11.1945

[7] MA Garmisch-Partenkirchen – Niederschriften Gemeinderatssitzungen / 23.01.1935

 

 

 

© Alois Schwarzmüller 2012

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