Zehn Thesen zur Entwicklung des Antisemitismus in Garmisch-Partenkirchen vor 1945

 

 

 

 

  • Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zeigte sich der örtliche Antisemitismus als Judenfeindschaft ohne Juden – im Bezirk Garmisch lebten 14000 Einwohner, davon waren fünf mosaischen Bekenntnisses. Es gibt vereinzelte Hinweise darauf, dass sich sowohl einflussreiche Persönlichkeiten aus dem kirchlichen Bereich wie auch einzelne Presseorgane judenfeindlich äußerten.

  • Aus dieser latent-antisemitischen Stimmung vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich unter dem Eindruck des Kriegsendes, der Niederlage und der Parlamentarisierung Deutschlands in der Anfangsphase der Weimarer Republik auch im Bezirk Garmisch ein manifester Antisemitismus. Eine wichtige Rolle dürfte dabei die Räterepublik München und ihre blutige Niederwerfung gespielt haben.

  • Diese judenfeindliche Haltung störte das touristische Geschäftsleben in den Gemeinden Garmisch und Partenkirchen empfindlich. Aus diesem Grund gab es in der Mitte der zwanziger Jahre und wieder in den letzten Jahren der Republik ernsthafte Bemühungen des Hotel- und Gaststättengewerbes und lokaler politischer Gruppierungen, die „Hakenkreuzbewegung" und den von ihr vertretenen Antisemitismus von Garmisch-Partenkirchen fern zu halten.

  • Diese Bemühungen scheiterten. Auch im Werdenfelser Land fanden die antisemitischen Hasstiraden Heinrich Himmlers, Adolf Wagners und anderer NS-Redner seit 1929 zunehmend Gehör. Der NSDAP gelang es am Anfang der dreißiger Jahre, die anderen örtlichen Parteien mit ihrer dominierenden materiellen und personellen Präsenz fast in den Hintergrund zu drängen und ihre rassistischen und antidemokratischen Gedanken zu verbreiten.

  • Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Berlin und in München war die von oben angeordnete Gleichschaltung der Kommunalpolitik auch in den beiden Gemeinden Garmisch und Partenkirchen in wenigen Wochen vollzogen. Ebenso schnell und erbarmungslos wurden – sowohl von den beiden einzelnen Gemeinden wie auch von der seit 1935 zwangsvereinten Marktgemeinde – judenfeindliche Beschlüsse gefasst und von der Verwaltung ausgeführt. Sie hatten die bewusste und öffentliche Diskriminierung von Juden als Bürger des Marktes und als Kurgäste zum Ziel.

  • Die olympischen Spiele im Winter 1936 brachten in Garmisch-Partenkirchen allenfalls eine kurze, außenpolitisch wohlkalkulierte Unterbrechung der judenfeindlichen Hetzjagd, die dann aber im Frühjahr 1938 mit einer sorgfältig geplanten und monströsen Veranstaltung ihren ersten öffentlichen Höhepunkt fand: Unter Einbeziehung aller politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verbände und Organisationen wurde dabei den Juden im Fremdenverkehr der Krieg erklärt und ihre vollständige Ausschaltung aus dem Garmisch-Partenkirchner Wirtschaftsleben als Ziel formuliert.

  • Das volle Ausmaß erreichte der antijüdische Terror in Garmisch-Partenkirchen in den Vormittagsstunden des 10. November 1938. Mehr als vierzig jüdische Bürger des Deutschen Reiches, viele von ihnen seit Jahren Bürger der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen, wurden durch eine aus der NS-Kreisleitung und aus dem Rathaus heraus gesteuerte Pogromaktion eines Pöbelhaufens aus örtlicher und überörtlicher SA, SS und HJ unter Zwang des Ortes verwiesen und weitgehend ihres Besitzes beraubt. Für fünf jüdische Frauen und Männer endete die „Judenaktion" tödlich.

  • Die – im Einzelfall schwer zu beurteilende - Mitwirkung lokaler Behörden wie z.B. der Gendarmerie-stationen, der Wehrmacht, der Justiz, der Schulen, des Finanzamtes und der Kommunalverwaltung, das Stillhalten der großen Kirchen und die Zerschlagung der demokratischen Parteien und Organisationen in Garmisch-Partenkirchen haben erfolgreichen Widerstand auf der örtlichen Ebene in größerem Umfang schwer oder gar unmöglich gemacht.

  • Einzelbeispiele zeigen aber, dass aufrechte und mutige Menschen ihrem Gewissen folgen konnten: Da gab es die Hausgehilfin, die das Versteck ihrer jüdischen Arbeitgeberin auch nach dreitägigem Gefängnisaufenthalt nicht verriet. Da war der Rechtsanwalt, der eine Mandantin gegen den schwerwiegenden Vorwurf, sie sei eine verkappte Jüdin, offen verteidigte. Da handelte der Kunstmaler, der seinen jüdischen Freund nicht im Stich ließ. Da sprach ein Schulleiter ein Machtwort und nahm damit seine halbjüdischen Schüler vor den Ächtungen durch die HJ in Schutz. Da war der Sanitäter, der einer verfolgten Jüdin sein Mitleid und seine Mitschuld gestand. Da war auch der Hausbesitzer, der einer Schutz suchenden jüdischen Familie eine Wohnung zur Verfügung stellte.

  • Die Darstellung und Aufarbeitung der politischen Geschichte des Dritten Reiches in Garmisch-Partenkirchen ist bisher weitgehend gescheitert* – die schriftlichen Quellen fließen dünn, die Bereitschaft zum Gespräch ist gering, historische Vereine beschäftigen sich lieber mit früheren Jahrhunderten, Vereinschroniken blenden die Zeit nicht selten aus, die Marktgemeinde sah bisher in diesem Gegenstand keine Aufgabe (anders als die Gemeinden Murnau und Oberammergau), ja, sie befürchtete gar eine dem Tourismus abträgliche Auswirkung.
     

„... und die Wahrheit wird euch frei machen!" (Johannes 8,31-32)

 

*Die Blindheit für die antisemitische Geschichte des Fremdenverkehrsortes Garmisch-Partenkirchen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde durch die Austragung der Ski-Weltmeisterschaft im Jahre 2011 geringer. Mit Hilfe des DSV und der Marktgemeinde konnte im Kurhaus eine Ausstellung unter dem Titel "Olympische Winterspiele 1936 Garmisch-Partenkirchen - Kehrseite der Medaille" von Februar bis Mai 2011 gezeigt werden. Sie ist seit 2012 als Dauerausstellung im Olympiaskistadion zu besichtigen (Eintritt täglich von 10 bis 16 Uhr, am Montag geschlossen).

Auf dem Marienplatz wird seit 2010 mit einem Denkmal gegenüber dem ehemaligen "Haus der Nationalsozialisten" an die Vertreibung von 44 jüdischen Frauen, Männern und Kindern aus der Gemeinde erinnert.

Alois Schwarzmüller 9. März  2015

 

© Alois Schwarzmüller 2000

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