Karl-Steinbauer-Ausstellung am 6. Februar 2000 im Evangelischen Gemeindehaus Partenkirchen

 

 

 

 

Vor wenigen Tagen war Termin für die Abgabe der Facharbeiten an den bayerischen Gymnasien. Ein Abiturient des Werdenfels-Gymnasiums, der eine Untersuchung über die „Häftlinge aus Garmisch-Partenkirchen und Umgebung im Konzentrationslager Dachau“ vorgelegt hat, kam am Ende seiner Arbeit zu einer bedrückenden Feststellung. Er schreibt: „In Garmisch-Partenkirchen scheint das Konzentrationslager Dachau bereits vollkommen in Vergessenheit geraten zu sein oder einer geistigen Verdrängung zu unterliegen... Nirgends erinnert ein Mahnmal oder ein anderes Gedenkstück an die Menschen, die zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft, oftmals im Auftrag der Gemeinde, in das Lager nach Dachau verschleppt wurden. Vielleicht wird von der Gemeinde befürchtet, dass etwas derartiges nicht in das Bild von Garmisch-Partenkirchen passen würde.“ So formuliert ein 18-jähriger junger Mann, dem die Augen übergegangen sind angesichts des Unrechts, der Not und des Elends, dem er bei der Untersuchung der Lebensgeschichten einiger Häftlinge aus unserem Ort im KZ begegnet ist.

Die meisten jungen Leute wollen wissen, was sich abgespielt hat in ihrer Heimat vor 50, 60, 70 Jahren, aber sie betreten im lokalgeschichtlichen Umfeld von Garmisch-Partenkirchen weitgehend eine tabula rasa - kaum jemand erzählt, Dokumente sind verschwunden, Archive leer, Fotografien entsorgt, Beweise vernichtet, Bürgermeister und Gemeinderäte ängstlich - die 1000 Jahre von 1933 bis 1945 sind doch dadurch „bewältigt“ worden, dass Ehrenbürgerschaften irgendwie erloschen sind und Straßenschilder ausgetauscht wurden, dass aus Goldenen Büchern die schmuddeligen Seiten sorgfältig herausgetrennt wurden.

Umso unerwarteter kommt es, dass die Evangelische Gemeinde mit dieser Ausstellung einen Mann vorstellt und bekannt macht, einen Christenmenschen und Seelenhirten, der sich in schwierigen und gefährlichen Zeiten quer gestellt hat wie ein sperriger Findling, der Gott mehr gehorcht hat als den Menschen, der sich nicht gefügig machen ließ, der es sich selbst und denen, die mit ihm waren, nie bequem gemacht hat. Er hat sich nicht eingerichtet in seiner Zeit, sondern ist unbeirrbar seinem evangelischen Kompass gefolgt trotz aller Widrigkeiten, hat noch dazu alles überstanden und ist tatsächlich in einer besseren Zeit angekommen. Er wurde kein Märtyrer, eher wurde er vergessen und klein geredet. Und überhaupt - was wollen die Evangelischen denn mit diesem Pfarrer Karl Steinbauer (1906-1988) hier in Garmisch-Partenkirchen, so wurde ich wiederholt gefragt. Ein protestantischer Franke, den es von 1933 bis 1938 in das rote Penzberg verschlagen hat - welchen historischen Aussagewert kann der denn für uns hier haben?

Er hat ganz einfach standgehalten. Standgehalten in einer Welt, die es trotz des Gedächtnisverlustes der Zeitgenossenschaft gegeben hat - nicht nur in Penzberg, sondern auch in Garmisch und in Partenkirchen, zwei schmucken Fremdenverkehrsgemeinden mit bäuerlicher und kleinstädtischer Tradition und scheinbar festgefügten christlichen Fundamenten.

Erlauben Sie, dass ich mit ein paar wenigen Strichen versuche, ein sehr unvollständiges Bild von dem Garmisch-Partenkirchen zu zeichnen, das der Vikar Steinbauer vorgefunden hätte, wäre er von seiner Kirchenleitung 1933 nicht nach Penzberg, sondern nach Partenkirchen gesandt worden.

Er wäre - vielleicht gerade rechtzeitig zu seinem Dienstantritt und nur wenige Meter von seiner Kirche entfernt auf dem kleinen Platz am Ende der Hindenburg- und Hans-Gossel-Straße - vom flammenden Ungeist der Nazis begrüßt worden - nicht nur in München oder Berlin, selbst in Garmisch-Partenkirchen wurden die „undeutschen Schriften“ von Erich Kästner bis Thomas Mann im Mai 1933 öffentlich verbrannt.

Der junge Vikar Steinbauer wäre vielleicht Ohrenzeuge einer Scheinerschießung geworden, die im Hof des unweit seiner Kirche liegenden Bunten Hauses am Bahndamm stattfand - durchgeführt von hitlergläubigen SA- und SS-Leuten, die ihren Hass auf alle Widersacher seiner Bewegung in Garmisch-Partenkirchen an drei oder vier jungen Kommunisten in dieser Weise ausgetobt haben, ehe sie ihre Opfer nach Dachau verschleppten.

Pfarrer Steinbauer hätte es in seiner politischen Gemeinde und darüber hinaus im Bezirksamt Garmisch mit einer gut organisierten und uniformierten Gesellschaft zu tun gehabt, die alle Macht in Händen hielt: 2600 NSDAP-Mitglieder wurden Mitte der 30er Jahre von 380 Politischen Leitern geschult und straff geführt, 10300 Mitglieder der DAF wurden von 679 Amtswaltern für Hitlers Vierjahresplan eingesetzt, 1500 HJ-Pimpfe samt Fähnleinführern und 1400 BDM-Mädchen wurden dressiert und gefügig gemacht für Front und Heimatfront. Für Ruhe und Ordnung sorgten 600 SA-Männer mit 64 Führern und Unterführern sowie 80 SS-Männer - sie machten viele stumm und schüchterten sicher auch Aufrechte und Mutige ein.

Karl Steinbauer wäre in Garmisch-Partenkirchen und in seiner Kirchengemeinde aber nicht nur Stummen und Mutlosen begegnet. Pfarrer Lipffert, Weltkriegssoldat, seit 1919 im Amt, politisch eher deutschnational, musste schon bald erkennen, dass Hitlers Auftritt in der Garnisonkirche zu Potsdam nur ein Täuschungsmanöver gewesen war. Die Post des bekenntnistreuen Mannes wurde beschlagnahmt, ein Fenster seines Pfarrhauses „von unbekannt“ eingeworfen - Warnung genug für einen Mann, der der NSDAP am Ort „Verdrießlichkeiten“ bereitete, der vom Kreisleiter beschuldigt wurde, eine „absicht­liche und bewusste gegnerische Einstellung gegen die derzeitige Staatsform und die nationalsozialistische Bewegung“ zu haben und der schließlich wegen des Vorwurfs, dass sein Schwiegervater jüdischer Herkunft sei, - akribisch recherchiert in den Standesämtern Pasing und Heidelberg - aus seinem Pfarramt von seiner Kirche in den Ruhestand versetzt wurde. Viel Stoff für einen jungen Vikar, der sicher auch in diesem Fall mit seiner Kirchenleitung gehadert hätte.

Pfarrer Hermann Mencke vom Katholischen Pfarramt Garmisch wäre für Karl Steinbauer ein Bruder nicht nur in Christus, sondern auch im Geist gegen den Nationalsozialismus gewesen. 1936 war Mencke auf Betreiben der NS-Kreisleitung als Standortpfarrer abgelehnt worden, wegen politischer Unzuverlässigkeit; der Kreishandwerksmeister des Bezirkes Garmisch gab Mencke in einem Brief zu verstehen, dass er sich mit seinen Reden und Predigten außerhalb „der deutschen Volksgemeinschaft“ gestellt habe. Und weiter: „Wenn Sie sich nicht einfügen wollen oder können, so mögen Sie nach Spanien oder Russland gehen.“ Da war also noch einer, der sich nicht einfügen wollte, der deshalb ebenfalls eingesperrt werden wird - wie vor ihm schon sein junger Kollege in Penzberg.

Ein gutes Verhältnis zu Partenkirchen hatte in diesen Jahren auch der Holzbildhauer und Professor an der Berliner Hochschule für freie und angewandte Kunst Otto Hitzberger, dessen Arbeitschwerpunkt im sakralen Bereich lag und der zu den bedeutendsten deutschen Expressionisten zählte. Zu seinem Freundeskreis in Berlin gehörten Künstler wie Barlach, Ringelnatz, Chagall. Die Nazis haben ihn als „Entarteten“ gebrandmarkt und verfemt und einige seiner Werke in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München der Verachtung preisgegeben. Das wäre ein interessanter Diskurs geworden, wenn sich Hitzberger und Steinbauer in Partenkirchen begegnet wären. 

Auch Karl Reiser und Rolf Cavael, beide Kunstmaler in Garmisch-Partenkirchen, der eine vom Kreisleiter der unverzeihlichen Freundschaft mit Juden beschuldigt, der andere kommunistischer Neigungen verdächtigt und nach Dachau gezerrt, hätten sich das Maul nicht stopfen lassen und mit dem evangelischen Vikar über Gott und die Welt, über die Bekennende Kirche und die Deutschen Christen räsoniert.

Bei einer Begegnung mit Anna Zahler, einer jungen Bäuerin von Mittergraseck, hätte Steinbauer vielleicht ihren Mut zur Menschlichkeit schon in der Mitte der 30-er Jahre erkannt, der dazu gehörte, nach dem 20. Juli 1944 einen Mann wie Albrecht Haushofer auf ihrem Anwesen vor der Gestapo zu verstecken. Sie hat es gewagt, wie Steinbauer es wohl auch getan hätte, ist gescheitert - Haushofer wurde auf ihrem Hof aufgespürt und ermordet - sie wurde zerbrochen und ist vergessen.

Andere Begegnungen mit Helden nach dem Geschmack der NS-Zeit sind Steinbauer dagegen in Garmisch-Partenkirchen erspart geblieben - z.B. die mit Karl Ritter von Halt, der für die fünf Ringe in Garmisch-Partenkirchen im 36er Jahr alles weggeworfen hat, was man von einem wahren „Sportsmann“ hätte erwarten können - olympischen Geist, Humanität, völkerverbindende Gedanken. Statt dessen verkaufte er sich an den nazistischen Kriegsgott. Nicht die Sturmflut judenfeindlicher Kundgebungen im Vorfeld der Winterspiele 1936, nicht die internationalen Proteste dagegen brachten ihn dazu, sich an den politischen Rahmenbedingungen seiner sportlichen Ziele zu stoßen. Für Pfarrer Steinbauer war dagegen der ganze Geist der Nazi-Zeit ein einziger Skandal, er hat sich mit ihren politischen Implikationen nie abgefunden.

So unglaublich es nun klingt - vielleicht sind sich von Halt und Steinbauer doch begegnet - zwar nicht in Garmisch-Partenkirchen und auch nicht in Penzberg - aber wahrscheinlich im Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen bei Berlin - 1939. Steinbauer als Häftling in der Zeit zwischen März und Dezember 1939 - Ritter von Halt als Gast Heinrich Himmlers 1939 beim - zweiten - Informationsbesuch im KZ Sachsenhausen als Mitglied des „Freundeskreises Himmler“. Die Visite diente wohl dem Zweck, den Herren von der Deutschen Bank und anderen NS-freundlichen Unternehmungen zu demonstrieren, wie korrekt die Häftlinge an diesem Schreckensort untergebracht waren und behandelt wurden.

Das Garmisch-Partenkirchner Fußball- und Leichtathletikstadion trägt seit 1958 und noch immer den Namen des Ritters von Halt. Mit dieser Ausstellung, für die ich all denen, die sich um sie bemüht haben und die sie hierher gebracht haben, herzlich danken möchte, mit dieser Ausstellung kommt endlich auch Karl Steinbauer nach Garmisch-Partenkirchen.

© Alois Schwarzmüller 2000

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