Ernst und Klementine Lipffert
 - wie der evangelische Pfarrer und seine Frau aus Partenkirchen verbannt wurden
1935

 

 

Vom Vogtland nach Partenkirchen - vom Weltkrieg in die Diktatur

 

In der Juni-Ausgabe des Jahres 1935 empörte sich der „Stürmer“, der Nationalsozialisten abscheulichstes antisemitisches Hetzblatt, über einen „untragbaren Zustand in Garmisch-Partenkirchen“: „Eine Jüdin erteilt evangelischen Religionsunterricht!“ hieß es da. Nicht genug damit - der „Stürmer“ nannte es auch „eine Schande, wenn ein evangelischer Pfarrherr eine Jüdin zur Frau“ habe. Der verleumderische Hetzartikel en­dete mit der Drohung „Wir in Garmisch-Partenkirchen sind nicht gewillt, uns dies noch länger gefallen zu lassen.“

Fünf Monate später, im November 1935, war es einer unerbittlichen Allianz aus lokalen NS-Funktionären und biegsamen Vertretern der Evangelischen Kirche tatsächlich gelungen, das Pfarrerehepaar Ernst und Klementine Lipffert aus Partenkirchen zu verstoßen.

Die zwei waren seit 1911 verheiratet und zwei Jahre später nach Partenkirchen gekommen. Ernst Lipffert, geboren am 16. Mai 1883 in der sächsischen Landgemeinde Posseck, Sohn eines protestantischen Pfar­rers, war in Partenkirchen und Umgebung bis zum Kriegsbeginn 1914 zum Reiseprediger bestellt. 1919 erhielt er die Pfarrstelle der evang.-luth. Kirchengemeinde zu Partenkirchen. Seine Frau Klementine, Tochter des Privatgelehrten Josef Welker, war am 14. April 1889 in Heidelberg zur Welt gekommen. Ihr Vater stammte aus Wien, war jüdischer Herkunft und getauft.

Der Erste Weltkrieg hinterließ einschneidende Spuren im Leben des Pfarrers Ernst Lipffert. Früh schon war er als Feldgeistlicher an der Front. 1915 erlitt er so schwere Verletzungen, dass man ihn im Jahr darauf nach Hause entließ. Ein Eisernes Kreuz und einen Granatsplitter im Oberschenkel brachte er vom Schlachtfeld mit. Er gehörte zu den „Frontkämpfern“, die sich schwer damit taten, dass am Ende dieses Krieges, trotz ihrer Opfer, die Niederlage stand. Mit dem, was folgte, konnte er sich nicht anfreunden: Nicht mit der Revolution, nicht mit Weimar und nicht mit Versailles. Seine politische Heimat blieb eher das Kaiserreich als die Republik. 1934 taxierte das Bezirksamt Garmisch seine politische Haltung zwi­schen „völkisch“ im Jahr des Hitler-Putsches und „deutschnational“ im Jahre der Machtergreifung Hit­lers.

 

 
  Pfarrer Ernst Lipffert (1883-1948) Evang.-luth. Kirche und Pfarrhaus in Partenkirchen (1927) Klementine Lipffert (1889-1966)


Pfarrer Lipffert beugt sich den Nationalsozialisten nicht

Innerhalb der protestantischen Kirche stand Lipffert nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten auf der Seite der Bekenntniskirche und bezog deutlich Position gegen die nationalsozialistischen Deutschen Chris­ten. Die Ortsgruppe Werdenfels des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes brachte im Frühjahr 1933 ihre „große Freude über das Wiedererwachen einer starken nationalen Bewegung im Vaterland“ zum Ausdruck und stand mit der „Betonung des Verwurzeltseins im Evangelium einerseits, im deutschen Volkstum ande­rerseits“ dem neuen Nationalchristentum recht nahe. Lipffert tat dies nicht und hatte dabei, nach Auffassung des Bezirksamtes Garmisch, „die Mehrheit der kirchlich inter­essierten evangelischen Gemeindemitglieder, auch soweit sie der NSDAP angehören, hinter sich.“ Im September 1934 wurde Lipffert erstmals durch die lokale Polizeibehörde bespitzelt. Hauptwachtmeister Vollnhals von der Gendarmeriestation Partenkirchen meldete dem Bezirksamt Garmisch, dass er „am 2.9.34 von 10 bis 11 Uhr 30 Min.“ den Gottesdienst in der Evangelischen Pfarrkirche in Partenkirchen überwacht habe. In seiner Predigt habe sich Lipffert in der Aus­einandersetzung mit den Deutschen Christen hinter den bayerischen Landesbischof Meiser gestellt und ihm den Dank der Gemeinde ausgesprochen. Die Garmisch-Partenkirchner Nationalsozialisten fühlten sich he­rausgefordert und reagierten auf ihre Weise: Im Oktober 1934 beschlagnahmten sie einen Brief Lipfferts „an meine Gemeinde über die kirchliche Lage“. Er beschwerte sich darüber beim Bezirksamt, bat „um den Schutz des Staates für meine Kirche, der uns am Tag von Potsdam so feierlich zugesi­chert worden ist“, klagte über die Lage der Kirche und versicherte, er werde seine Gemeinde „über die tatsächlichen Vor­gänge“ aufklären. Das waren klare und bekenntnishafte Worte, denen er noch die herausfordernde Bitte hinzufügte, den „untergebenen Stellen und den hiesigen Parteistellen Kenntnis davon zu geben.“

Der örtliche Kreisleiter und NS-Sonderkommissar Hans Hartmann fühlte sich brüskiert. Am 3. De­zember leitete er eine geharnischte Beschwerde an das Bezirksamt Garmisch, nahm Anstoß an dem „Ver­halten des Pfarrers Lipffert“ und sah darin „eine absicht­liche und bewußte gegnerische Einstellung gegen die derzeitige Staatsform und die nationalsozialistische Bewegung.“ Lipffert habe „bisher noch keinen Be­weis dafür erbracht, dass er die national­sozialistische Bewe­gung in irgendeiner Form unterstützt.“ Das Be­zirksamt sprach zwar am 7. Dezember 1934 in seiner Meldung an die Bayerische Politische Polizei - so hieß die Gestapo in Bayern - über die Vorgänge um Lipffert nur von „Verdrießlichkeiten“ zwischen Lipffert und örtlichen Parteistellen, weil er „in seinen Predigten öfters hart an die Grenze zulässi­ger Kritik an der Reichs­kirchenregierung geraten“ sei. Aber die „örtlichen Parteistellen“ nahmen jetzt keine Rücksicht mehr.

 

Links: Der Artikel aus dem "Stürmer" in der Juni-Ausgabe 1935, mit dem die Hetzjagd gegen Klementine Lipffert öffentlich wurde.

Rechts: Ein Blick auf das "Haus der Nationalsozialisten" mit dem Sitz der NS-Kreisleitung Garmisch-Partenkirchen


Die Kampagne gegen Klementine Lipffert

Zunächst wurden nachts „von unbekannten Tätern“ mehrfach Fensterscheiben im Pfarrhaus eingeworfen. „Volkszorn“ hieß das. Viel bedrohlicher wurde aber, was der Kreisleiter schon seit längerem eingefädelt hatte: Die Verfemung von Klementine Lipffert als Jüdin. Hartmann hatte sich von den Standesämtern Pasing und Heidelberg Dokumente beschaffen lassen, „aus denen einwandfrei hervorgeht, dass der Vater der Frau Lipf­fert ein Jude war und so­mit Frau Lipffert nicht arischer Abstammung ist.“ Das teilte der Kreisleiter dem Bezirksamt mit. Diese Mitteilung fand ihren Weg zum „Stürmer“. Und der machte in der Ausgabe vom 8. Juni 1935 diese „Sensationsmeldung“ daraus:

„Eine Jüdin erteilt evangelischen Religionsunterricht! Pfarrer Lipffert von Garmisch-Partenkir­chen ist mit einer Jüdin verheiratet. Frau Lipffert, die sich gerne mit ‚Frau Pfarrer‘ ansprechen lässt, ist die Tochter des Juden Josef Welisch aus Wien. Bei seinem Übertritt zum evangelischen Glauben wurde ihm durch einen Erlass der K.K.n.ö. Statthalterei vom 28. Juli 1898 die Führung des Familien­namens Welker gestattet. Nun hatte der Jude ein neues Mäntelchen und seine Tochter Clementine Nina Welker, verheiratete Frau Lipffert, tut furchtbar empört, wenn man sie heute noch als Jüdin zu bezeichnen wagt.

Es ist eine Schande, wenn ein evangelischer Pfarrherr eine Jüdin zur Frau hat. Viele Garmisch-Par­tenkirchner Protestanten sind von ihrer ‚Frau Pfarrer‘ alles eher denn begeistert. Der Höhepunkt der ganzen Angelegenheit ist jedoch die Tatsache, dass Frau Lipffert sogar Religionsunterricht erteilt. Sie hält Bibelstunden bei den Kleinen. Man stelle sich vor, eine Angehörige jener Rasse, die dem Heiland ans Kreuz geschlagen hat, versucht heute arischen Kindern die Liebe zu Christus beizubrin­gen!

Wie lange soll dieser untragbare Zustand in Garmisch-Partenkirchen noch bestehen bleiben? Was sagt dazu die vorgesetzte Kirchenbehörde in München? Wir in Garmisch-Partenkirchen sind nicht gewillt, uns dies noch länger gefallen zu lassen.“

Damit begann in Garmisch-Partenkirchen eine wochenlange Kampagne gegen Ernst Lipfferts Frau Klemen­tine mitten in einer ohnehin bereits erregten Atmosphäre antijüdischer Demagogie im Vorfeld der Olympi­schen Winterspiele 1936.

Schon im April 1935 hatte der Sportfunktionär Carl Diem während eines Aufenthalts in Garmisch-Partenkir­chen seinem Tagebuch anvertraut, „dass seit zwei Monaten eine starke antisemitische Propaganda ein­setzt.“ Im örtlichen „Stürmer“-Kasten würden Parolen plakatiert wie „Wir lassen Juden und Huren über den­selben Strick springen“ oder „Wenn mir ein Jude ins Quartier kommt, fliegt das Fenster auf die Strasse“. Auch Ritter von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Olympischen Winterspiele 1936, beobachtete eine „planmäßig einsetzende antisemitische Propaganda“. NS-Kreisleiter Hans Hartmann, derselbe, der den Stammbaum von Klementine Lipffert untersuchen ließ, forderte am 1. Mai 1935 dazu auf, „alles Jüdische aus Garmisch-Partenkirchen zu entfernen.“ In Folge dieser Diffamierung beschwerten sich jüdische Bürgerinnen und Bürger beim Garmischer Bürgermeister Thomma darüber, dass an ihren Häusern Zettel mit der Aufschrift „Juden sind hier nicht erwünscht“ angebracht wurden. Diese „Judenaktion“ konnte erst wenige Tage vor dem Beginn der Winterspiele durch das Eingreifen der Reichskanzlei, des Hitler-Stellvertreters Heß und des Münchner Gauleiters Wagner wenigstens für die Dauer der Spiele beendet werden.

Seit sie mit ihren Mann nach Partenkirchen gezogen war, füllte Klementine Lipffert ihre Rolle als Begleiterin des Pfarrers der evangelischen Gemeinde Partenkirchen treu, klug und selbstbewusst aus, hatte sich Freunde erworben und auch Gegner. Ganz im Zentrum ihres Wirkens stand die Jugendarbeit. Mädchen und Frauen der Gemeinde führte sie zum Verständnis der Bibel, für viele ein unvergessliches Erlebnis. Mehr und mehr war sie auch zur Anlaufstelle für junge Frauen geworden, die im rasant anwachsenden Hotel- und Gaststättengewerbe der Olympiagemeinde Garmisch-Partenkirchen Arbeit gefunden hatten, aber am Ort selbst nicht so recht Fuß fassen konnten.

Zum Anlass eines ersten Schlagabtausches wurde Klementine Lipffert im April 1935. Der Geschäftsführer der NS-Kreisleitung hatte ihr nach der Schlussfeier der Evangelischen Schule im Garmischer SA-Heim jeden weiteren Zugang zu diesem Ort mit der Begründung untersagt, Juden sei der Zutritt verboten. Pfarrer Lipffert verwahrte sich unverzüglich und schriftlich gegen diese Anmaßung. Die NS-Kreisgeschäftsstelle nahm das zum willkom­menen Anlass, die Ergebnisse der Nachforschungen über Klementine Lipfferts jüdische Herkunft dem Münchner Kreisdekan Oscar Daumiller mitzuteilen. Die Lipfferts glaubten sich angesichts dieser dreisten Denunziation zunächst in ihrer Kirchengemeinde geborgen, zogen sich aber auch aus dem öffentlichen Raum zurück und wollten keinen Anlass für weitere Provokationen bieten.

Die örtliche nationalsozialistische Führung hatte dagegen nicht das geringste Interesse an einer behutsamen Behandlung der causa Lipffert. Am 8. Juni 1935 erschien der „Stürmer“ mit dem Artikel „Eine Jüdin erteilt evangelischen Religionsunterricht“. Der Stichwortgeber für diese erbärmlichen Zeilen saß mit größter Sicherheit in der Garmisch-Partenkirchner NS-Zentrale, im „Haus der Nationalsozialisten“ am ehemaligen Marienplatz, seit 1935 „Adolf-Wagner-Platz“.

Die Nationalsozialisten inszenierten einen öffentlichen Sturm der Empörung gegen die Pfarrersfrau.


Die evangelischen Kirchenbehörden und die Lipfferts

Hilfe von kirchlicher Seite kam zögerlich oder mutig, kleinlaut oder auch gar nicht. Kreisdekan Oscar Daumiller wandte sich zwar an die Berliner Reichskanzlei und machte sie darauf aufmerksam, dass der Hetzartikel des „Stürmer“ im Vorfeld der olympischen Spiele das Ansehen des Deutschen Reiches im Aus­land schwer beschädigen oder beinträchtigen könne. Davon ließ sich aber niemand beeindrucken. Coura­giert handelte Pfarrer Gerhard Bauer von der evangelischen Kirchengemeinde Murnau. Er attackierte den „Stürmer“ direkt, sprach von Lüge und Hetze, erinnerte an das Opfer, das Lipffert im Krieg gebracht hatte, an die Verdienste des Pfarrers über mehr als zwei Jahrzehnte in seiner Partenkirchner Gemeinde und verbat sich schließlich generell die Einmischung der Nationalsozialisten in die Angelegenheiten der Kirche. Der Kirchenvorstand der Partenkirchner Gemeinde stand, mit einer Ausnahme, zunächst hinter den Lipfferts. In der Gemeinde selbst gab es durchaus Mitglieder, die sich über die Attacke des „Stürmers“ freuten. Klemen­tine und Ernst Lipffert hatten nicht nur Freunde. Unzweideutig war die Haltung, die Viktor Schmerl, Vikar der Partenkirchner Gemeinde und SA-Mann, einnahm: Der Pfarrfrau machte er zum Vorwurf, dass sie ihre jüdi­sche Abstammung verheimlicht und die NS-Bewegung angegriffen habe. Mit seinem Pfarrer wollte er fürder­hin weder unter einem Dach wohnen noch mit ihm zusammenarbeiten.

Nachdem schließlich auch Kreisdekan Oscar Daumiller die Schuld an der schwierigen Situation immer mehr bei der Pfarrersfrau suchte - sie habe durch ihr Auftreten in der Gemeinde für Unmut gesorgt - und immer weniger bei den Nationalsozialisten, nachdem der Kirchenvorstand nur noch den Pfarrer, aber nicht mehr seine Frau gegen die „Stürmer“-Zumutungen verteidigen wollte und nachdem auch noch der Landeskirchen­rat die Lipfferts im Stich gelassen hatte, nahm Ernst Lipffert auf Anraten seiner vorgesetzten Kirchenbehörde „Urlaub“ und verließ Garmisch-Partenkirchen zusammen mit seiner Frau Klementine.

Jetzt erst entschied sich Dekan Gottfried Meinzolt zu einem persönlichen Gespräch über die Lage in der Gemeinde Partenkirchen. Die Betroffenen selbst wurden nicht gehört, Meinzolt wollte sie bei seiner Visitation nicht dabei haben. Von Mitgliedern des Kirchenvorstands kam dann der bekannte Vorwurf, Frau Lipffert habe die Gemeinde über ihre Abstammung im Ungewissen gelassen. Jetzt hieß es von dieser Seite auch, die Pfarrersfrau habe sich in der Gemeinde keiner großen Beliebtheit erfreut. Die Verteidiger Lipfferts im Kirchenvorstand machten dagegen kein Hehl daraus, dass die Kirche von allem Anfang an zu leise gegen den Antisemitismus der Nationalsozialisten protestiert habe. Sie ließen Meinzolt auch wissen, dass Pfarrer Lipffert und seine Frau sich vielfach Zuneigung und Ansehen erworben hätten, gerade deshalb, weil sie als aufrechte Christen im nationalsozialistischen Staat vielerlei Anfeindungen ausgesetzt gewesen seien.

Das Gespräch des Dekans mit dem Kirchenvorstand endete mit der Feststellung, dass eine weitere Tätigkeit des Pfarrers und seiner Frau in Partenkirchen nicht mehr in Frage komme. Er sollte mit einer Schamfrist von sechs Monaten um die Versetzung in den Ruhestand nachsuchen. Während dieser Wartefrist galt er als beurlaubt.

Am 17. November 1935 nahm Pfarrer Ernst Lipffert mit einem Predigtgottesdienst Abschied von seiner Gemeinde in Partenkirchen. Seine Frau Klementine durfte ihn nicht begleiten.

Zum 1. Dezember 1935 wurde Pfarrer Ernst Lipffert durch Weisung des Bayerischen Kultusministeriums auch von der Erteilung des evangelisch-lutherischen Religionsunterrichts an der Realschule mit Progymna­sium Garmisch-Partenkirchen entbunden. Die sechs Wochenstunden wurden dem auf Lipffert folgenden Pfarramtsverweser Schmerl übertragen. Und damit alles seine Richtigkeit hatte im Sinne der nationalsozia­listischen Rassenlehre und des auch für Pfarrer im Schuldienst gültigen „Arierparagrafen“ verfügte die Münchner Behörde für den Vikar und SA-Mann Viktor Schmerl: „Die arische Abstammung des Vorgenannten wolle noch festgestellt werden.“


"Zwischen den Gräbern keine Mauern"

Bei der Trauerfeier für den 1933 verstorbenen Pfarrer Sutor von der katholischen Pfarrei Mariä Himmelfahrt Partenkirchen hatte Ernst Lipffert ein Wort des Verstorbenen wiedergegeben, das dieser bei der Weihe des Friedhofs gesprochen hatte. Es hieß: „Katholiken – Protestanten, wir haben zwi­schen den Gräbern keine Mauern errichtet, wir wollen auch im Leben keine errichten.“ Nicht alle dachten so. In seinem Seelsorgebericht für das Jahr 1935 notierte Hermann Mencke, Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Martin in Garmisch, recht knapp und schroff: „Der protestantische Pfarrer Lipffert, der uns Katholiken nie recht wohl wollte, musste seinen Posten verlassen, da seine Frau nicht arisch war.“ Im Januar 1940 wurde der gleiche Hermann Mencke wegen „Abhörens von Feindsendern“ von der Gestapo verhaftet, vor das Son­dergericht München gestellt und zu Zuchthaus verurteilt. Auch er musste „seinen Posten verlassen“. Pfarrer Hans Hoffmann, der Nachfolger von Ernst Lipffert und im Amt von 1936 bis 1970, fand für das Schicksal seines katholischen Kollegen Mencke in seiner Chronik der Partenkirchner evangelisch-lutherischen Gemeinde kein einziges Wort.

Die Garmisch-Partenkirchner Nationalsozialisten scherten sich wenig um die konfessionellen Befindlichkeiten und das religiöse Konkurrenzdenken vor Ort. Sie handelten gegen Katholiken und Protestanten gleicherma­ßen rücksichtslos: Im Oktober 1936 wurde die traditionsreiche, von katholischen Schwestern geleitete Garmischer Mädchenschule gegen den ausdrücklichen Willen der Eltern „gleichgeschaltet“. Ein knappes Jahr später, im August 1937, ordnete die Regierung von Oberbayern die Aufhe­bung der evangelischen Volksschule an: „Die Schüler der aufgehobenen Schule besuchen nunmehr die Gemeinschaftsschulen in Garmisch oder Partenkirchen.“


Himmelkron

Eine Wirkungsstätte als Pfarrer fand Ernst Lipffert erst wieder im Juli 1936 in der oberfränkischen Klostergemeinde Himmelkron. Der Arierparagraf folgte ihm bis in seine neue Pfarrstelle, in die ihn das bayerische Landeskirchenamt berufen hatte - freilich erst, als Lipffert sich bereit erklärt hatte, „seine Ehefrau von jeglicher Mitarbeit bei seiner amtlichen Tätigkeit, insbesondere in kirchlichen Ver­einen und kirchlicher Jugendarbeit" fernzuhalten. Drei Jahre dauerte es noch, bis Lipffert wieder Religionsunterricht erteilen durfte.

Ernst Lipffert starb 1948 in Himmelkron. Der "Hochland Bote", Vorgänger des "Garmisch-Partenkirchner Tagblatts", meldete seinen Tod am 23. März 1948, erinnerte in knappen Zeilen an den langjährigen Seelsorger und ersten Inhaber der 1919 errichteten evangelischen Pfarrstelle in Garmisch-Partenkirchen und rief ihn als Erneuerer der Kirche und Erbauer des Pfarrhauses ins Gedächtnis. Unter welchen Umständen er 1935 zusammen mit seiner Frau die Pfarrstelle verlassen musste, fand keine Erwähnung.

Klementine Lipffert lebte bis zu ihrem Tod 1966 in Kassel.

Links: Das Lipffert-Haus in Partenkirchen (Jugendhaus der Johannes-Gemeinde)

Mitte: Blick auf Zisterzienserkloster und Stiftskirche in Himmelkron

Rechts: Umschlagbild der "Symbolfibel" von Klementine Lipffert (Kassel, 1957)

Das frühere Schul- und jetzige Jugendhaus der evang.-luth. Gemeinde Partenkirchen trägt seit 1992 den Namen „Lipffert-Haus“. Im Jahre 2009 wurde eine neue Gedenktafel mit einem ergänzenden Text zur Erinnerung an Klementine und Ernst Lipffert angebracht. Der Text lautet:
 

Lipfferthaus
Haus der Evangelischen Jugend
Das Pfarrersehepaar Ernst und Klementine Lipffert
wurde wegen der jüdischen Herkunft der Pfarrfrau
von den Nationalsozialisten verleumdet und diffamiert.
1935 mussten sie auf Druck der Kirchenleitung
die Gemeinde Partenkirchen verlassen.
Ernst Lipffert (1883-1948)
Klementine Lipffert, geb. Welker (1889-1966)
Pfarrersehepaar in Garmisch-Partenkirchen 1912-1935

 

 

Literatur:

Axel Töllner, Eine Frage der Rasse? Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, der Arierparagraf und die bayerischen Pfarrfamilien mit jüdischen Vorfahren im „Dritten Reich“ - Hier: Die Verdrängung von Klementine und Ernst Lipffert aus ihrer Kirchengemeinde Par­tenkirchen (Stuttgart, 2007) S. 179-238

Manfred Gailus und Hartmut Lehmann (Hg.), Nationalprotestantische Mentalitäten. Konturen, Entwicklungslinien und Umbrüche eines Weltbildes (Göttingen 2005) S. 279f

Barbara Dietzfelbinger, Mitarbeit unerwünscht: Klementine Lipffert - Pfarrfrau im Nationalsozialismus (Stegaurach 2008)

Barbara Dietzfelbinger, Frauenleben im Nationalsozialismus: Klementine Lipffert 1889-1966 (Unveröffentlichtes Manuskript 2006)

Dagmar Ahrens-Mensing, Margarete Baier, Ricarda Brose u.a., 100 Jahre Evang.-Luth. Johanneskirche Partenkirchen 1891-1991 (Partenkirchen 1991)

Ernst Lipffert, Geschichte der Evang.-Luth. Kirchengemeinde Garmisch-Partenkirchen (Unveröffentlichtes Manuskript - Himmelkron, o.J.)

Hans Hoffmann, Geschichte der Evang.-Luth. Kirchengemeinde Partenkirchen (Unveröffentlichtes Manuskript - Partenkirchen, 1958)

 

Quellen:

Staatsarchiv München - LRA 63130 - Evangelische Kirche im Bezirksamt Garmisch 1934-1936

Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen - Schachtel 37/1779 – Aufhebung der evangelischen Volksschule in Garmisch-Partenkirchen

Pfarrarchiv Garmisch - Faszikel 173 - Seelsorgsberichte

Werdenfelser Anzeiger

Hochland Bote

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt

 

© Alois Schwarzmüller 2009

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