Ein Kriegsende - Garmisch-Partenkirchen am 29. April 1945

 

 

Anmerkungen

 

Glück und Gnade war es, dass Garmisch-Partenkirchen am Ende des Zweiten Weltkrieges von Kampfhandlungen und ihren Folgen für Leib und Leben aller Menschen im Ort verschont geblieben ist. Vielen Tausend Einwohnern, zahllosen verwundeten Soldaten, Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen, ungezählten Gestrandeten ist das Schicksal erspart geblieben, das der Krieg seit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen Millionen von Menschen in ganz Europa bereitet hatte.

Es ist und bleibt aber paradox, dass die Bewahrung der Heimat Garmisch-Partenkirchen vor furchtbarer Zerstörung weitgehend Menschen zu verdanken ist, die zuvor im Auftrag Hitlers und ihrer Vorgesetzen die Heimat anderer Menschen in ganz Europa angegriffen und zerstört und für ihre Tüchtigkeit dabei höchste Auszeichnungen erhalten haben.

Der Oberst Ludwig Hörl und der Major Pössinger haben beide größten Anteil daran, dass in Garmisch-Partenkirchen nicht bis zum äußersten gekämpft wurde. Pössingers Elternhaus stand in Ettal, Hörl hatte Frau und Kinder in Garmisch-Partenkirchen. Gute Motive, die vielleicht geholfen haben, aus anerzogener ideologischer Blindheit und gewohnter militärischer Unterordnung auszubrechen.

Michael Pössinger trat in diesen letzten Tagen des Krieges in seiner gewohnten Rolle auf – in der des konsequenten Haudegens. Er war der Ritterkreuzträger, der jetzt auch noch die Aufgabe mit der weißen Fahne in der Hand mit Bravour löste, nachdem er zuvor schon in mehr als fünf Kriegsjahren auf fast allen Kriegsschauplätzen vielen Gefahren getrotzt hatte. Pössinger war der „Kriegshandwerker". Seine Gegner waren jetzt nicht mehr französische Panzer, russische Soldaten, jugoslawische Partisanen oder italienische „Verräter", jetzt hatte er es für zwei Wochen mit lavierenden Offizierskollegen, mit „Sonderbeauftragten des Führers", mit benachbarten SS-Verbänden, mit unberechenbaren Verhältnissen zu tun. Er war der Praktiker und Taktiker des Plans, Garmisch-Partenkirchen vor Kampf und Zerstörung zu bewahren. Dazu brauchte er jemand, der ihm den Rücken frei hielt, um den amerikanischen Panzern vor Oberammergau erfolgreich gegenübertreten zu können. Mit Schneid und Glück löste er dann auch diese Aufgabe.

Ludwig Hörl, Ritterkreuzträger auch er, war von anderer Natur. Er war der Stratege aller Pläne, das Loisachtal vor der Kriegsfurie zu bewahren. Dreimal schon hatte er mit seiner offenen Ablehnung des nationalsozialistischen Krieges Kopf und Kragen riskiert. Ein Draufgänger war er dennoch nicht, eher ein Zögerer, der aber mit Umsicht, Entschlossenheit und Redegewandtheit an die selbst gestellte Aufgabe heranging. Beim Stellv. Generalkommando in Kempfenhausen versuchte er zunächst, im größeren Rahmen der Freiheitsaktion Bayern zu handeln. Die Unterstützung für dieses Unternehmen bröckelte, die Aktion scheiterte. Hörl ließ sich nicht entmutigen. Im eigenen Verantwortungsbereich als Standortältester für das Gebiet Garmisch brachte er wichtige Offiziere wie z.B. Oberst Pfeiffer, den Kommandeur der Offiziersschule am Luttensee, wenigstens zeitweise auf seine Seite. Mut gehörte dazu, den „Sonderführer" Bauernfeind, das letzte Aufgebot Hitlers, in die Schranken zu weisen und den Befehl von Generalfeldmarschall Kesselring zur „Verteidigung von Garmisch-Partenkirchen um jeden Preis" unbeachtet zu lassen.

Oberst Ludwig Hörl und Major Pössinger und die sie unterstützenden Offiziere haben wenige Tage vor dem Untergang der Mächte, denen sie seit 1939 als Soldaten freiwillig gedient haben oder dienen mussten, verantwortungsbewusst gehandelt. Es war und es konnte nicht die Aufgabe dieser Darstellung sein, ihr gesamtes Wirken im Zweiten Weltkrieg zu untersuchen und zu würdigen.

 

 

© Alois Schwarzmüller 2006

 

Zurück zur Titelseite