Ein Kriegsende - Garmisch-Partenkirchen am 29. April 1945

 

 

 

 

Ereignisse

 

Freitag, 20. April 1945

Im Garmisch-Partenkirchner Nobelhotel und Teillazarett „Alpenhof" wurde Adolf Hitlers 56. Geburtstag in großer Runde gefeiert. Die Geburtstagsrede auf den „Führer" hielt der Hauptmann der Gebirgsartillerie Hans Müller-Brandeck vor mehreren hundert Zuhörern: „Vom Generaloberst bis zum Landser alles vorhanden."

 

Sonntag, 22. April 1945

Nach einer scharfen Auseinandersetzung mit Oberleutnant Burger, dem Ortskommandanten der Wehrmacht in Oberammergau, bezog SS-Obergruppenführer Hans Kammler, zugleich „Sonderbeauftragter des Reichsführers SS für das A4-Programm" und „Sonderbeauftragter des Führers für Strahlenwaffen", mit etwa 600 Mann Quartier zwischen Oberammergau und Graswang. Pfarrer Rusch von Unterammergau fielen die überraschend zahlreichen eleganten Automobile der SS-Truppe auf - „noch mit Benzin fahrend". Die Lastwagen mit angeblich „hochwertigem Forschungsgut" führten, so notierte er, „reiche Vorräte an Lebensmitteln, Kaffee, Tee, Reis, Mehl, Wein, Schnäpse, Zigaretten" mit.

Kammler war verantwortlich für den Ausbau der unterirdischen Produktionsstätten des A4-Raketenprogramms, für die Durchführung der unterirdischen Großbaumaßnahmen zur Sicherstellung der Jägerfertigung (Messerschmitt Me 262) und für die Einsatzfähigkeit der V2-Rakete; seit September 1944 fanden Raketenangriffe auf London, Paris und später auch auf Antwerpen und Brüssel statt. Seit 1943 leitete er eine Koordinierungsstelle der SS für das Atomprogramm. Die Rakete „Rheinbote" sollte eine atomare Nutzlast ins Ziel steuern. Kammler, Herr über 175.000 KZ Häftlinge, residierte mit seinem Stab bis in die Nacht zum 28. April in Linderhof und setzte sich dann nach Salzburg ab.

 

Montag, 23. April 1945

Oberst Ludwig Hörl, seit kurzem Standortältester für das Gebiet Garmisch, informierte sich in einer Lagebesprechung bei Oberst Grosser, Chef des Stabes des Stellvertretenden Generalkommandos VII in Kempfenhausen am Starnberger See, über die militärische Situation. Dabei sondierte er auch die politische Lage und die Bereitschaft höherer Offiziere, im Rahmen der Freiheitsaktion Bayern selbständig zu handeln und die Kampfhandlungen einzustellen, um sinnlose Opfer in der Bevölkerung und in der Truppe zu verhindern.

 

Dienstag, 24. April 1945

Am Tag nach den Gesprächen in Kempfenhausen kam es in der Gebirgsjägerschule Mittenwald zu einem Treffen zwischen Oberst Hörl und Oberst Pfeiffer, dem Chef der Schule. Mit anwesend waren Major Weber, Oberleutnant Gais und Leutnant Dickhoff. Ziel Hörls war es, Pfeiffer davon zu überzeugen, dass bewaffneter Widerstand gegen die von Landsberg über Schongau ins Ammtertal vorrückenden amerikanischen Panzer- und Infanterieeinheiten nicht mehr zu verantworten sei. Hörl wollte Pfeiffer auf seine Seite ziehen.

Bei seinem Lagebericht vor den Teilnehmern des ROB-Lehrgangs 537 der Gebirgsjägerschule Luttensee wies Hörl vor allem darauf hin, dass bei unzureichender Ausrüstung und zu geringer Mannschaftsstärke jeder Widerstand aussichtslos sei und zur Zerstörung der Heimat führen werde. Pfeiffer und seine Offiziersanwärter verfügten über keinerlei Gebirgs- und Panzerabwehr-Geschütze; nur wenige Panzerfäuste, Granatwerfer und schwere Maschinengewehre konnten eingesetzt werden. Selbst die Handfeuerwaffen reichten nicht für alle, die Munitionsausstattung gar nur für ein Drittel der potentiellen Verteidiger. Hörl machte auch auf die Gefahren aufmerksam, die vor allem für die Orte mit Lazaretten durch die US-Luftwaffe drohte.

Der Standortälteste beendete seinen Lagevortrag vor den Offizierbewerbern der Gebirgsjäger mit zwei wuchtigen Argumenten: Es gebe keinerlei Aussicht auf eine Wendung der Lage durch eine neue Armee in Tirol und es sei völlig ungewiss, ob Hitler überhaupt noch am Leben sei. Sechs Tage vor Hitlers Selbstmord war das der Versuch, seine Zuhörer vor falschen Hoffnungen zu bewahren und sie von falschen Bindungen zu lösen. Hörl verließ Mittenwald mit dem Gefühl, Oberst Pfeiffer teile seine Einschätzung der Lage.

Offene Unterstützung gab es weder in Kempfenhausen noch in Mittenwald.

 

Mittwoch, 25. April 1945

Inzwischen war der Landkreis Garmisch-Partenkirchen immer stärker zum Fluchtziel und zum Notasyl für viele Menschen geworden: „Ausgebombte" Familien und „kinderlandverschickte" Schülerinnen und Schüler aus den Großstädten, Flüchtlinge aus den von der russischen Armee bedrohten Gebieten, erschöpfte Soldaten aller Dienstgrade und Waffengattungen, ganze Wehrmachtsstäbe und Beamte der verschiedensten Reichsministerien und nicht zuletzt die Bonzen der NS-Parteibürokratie hatten sich auf den Weg nach Garmisch-Partenkirchen gemacht – in der Hoffnung auf Schutz und Zuflucht in der gerüchteumwobenen „Alpenfestung", vielleicht auch in der Erwartung auf den Einsatz der dort stationierten „Wunderwaffen" des SS-Generals Kammler und seines Stabes, der doch eben noch bei Oberammergau gesehen worden war.

Das Elend der herumirrenden Flüchtlinge und der versprengten Soldaten mit ihrer Angst vor den „Kettenhunden" der SS, der Feldpolizei der Wehrmacht und den vorrückenden US-Truppen wurde immer größer. Viele Soldaten versteckten sich in den Wäldern, suchten Zuflucht in einsamen Berghütten und Heustadln, baten in den Dörfern und Märkten des Landkreises um Zivilkleidung. Der Unterammergauer Pfarrer Rusch beobachtete „Soldaten mit und ohne Waffen, mit Stöcken zur Stütze, ermüdet, hungrig, schmutzig, in armseligem Zustand." Für Hauptmann Müller-Brandeck bot die Artilleriekaserne in Garmisch-Partenkirchen „ein deprimierendes Bild, dauernd fuhren Befehlswagen mit hohen Offizieren und deren Sekretärinnen aus Norddeutschland hier ein. Angeblich waren es Teile des Oberkommandos des Heeres." Hohe und höchste Stäbe wurden gesichtet, dann wieder jugendliche Arbeitsdienstler mit Waffen, müde und heruntergekommen. Das Phantom „Alpenfestung" zog nicht nur hohe Generale und Reichsminister an, auch prominente Künstler, Schauspieler, Schriftsteller und Musiker, z.B. Elly Ney und Ludwig Hölscher, glaubten, dass Garmisch-Partenkirchen von Bomben verschont bleiben werde. Hauptmann Müller-Brandeck nannte Zahlen. Man habe ihm berichtet, „der sonst 25000 Einwohner zählende Ort beherberge derzeit 85000 Menschen." Das darf man für übertrieben halten, aber das Chaos, die wachsenden Sorgen der einheimischen Bevölkerung, die Befürchtungen, am Ende doch noch Kriegsschauplatz zu werden, waren ganz real.

In diesem explosiven Durcheinander erhielt Major Pössinger von Oberst Hörl den Auftrag, einen motorisierten Steifendienst im Schutzbereich Garmisch einzurichten, um mit dessen Hilfe so weit wie möglich für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Zur Sicherstellung der Verpflegung für die einheimische Bevölkerung und zur Eindämmung der „Bonzenflucht" requirierte das Pössinger-Kommando unberechtigt fahrende PKWs und LKWs. So wurden zum Beispiel Fahrzeuge mit den Teppichen von Reichsmarschall Hermann Göring und mit Möbeln von Christian Weber, dem Vorsitzenden der Münchner NSDAP-Stadtratsfraktion, von Pössinger und seiner Truppe aus dem Verkehr gezogen.

Oberst Hörl veranlasste einen weiteren wichtigen Schritt: Er beauftragte Oberleutnant Gais und Rittmeister Mayr mit der Vorbereitung einer Proklamation an die Bevölkerung des Landkreises Garmisch-Partenkirchen. Er wollte in diesem Aufruf der einheimischen Zivilbevölkerung, den Bewohnern der Ausländerlager und den Kriegsgefangenen zum geeigneten Zeitpunkt mitteilen, dass die lokalen NSDAP-Funktionäre ausgeschaltet seien und dass die gesamte Befehlsgewalt und Verantwortung auf militärischem und zivilem Gebiet bei ihm und den von ihm geführten Gebirgsjägereinheiten liege.

Mit dieser Proklamation in der Aktentasche fuhr Hörl am Nachmittag erneut zum stellvertretenden Generalkommando nach Kempfenhausen, um sie dort absegnen zu lassen. Enttäuscht stellte er fest, dass auch sein letzter Verbündeter im Generalkommando für ein kampfloses Kriegsende im Oberland, Oberst Großer, die Verantwortung nicht übernehmen oder mit ihm teilen wollte. Er hatte sich in ein Lazarett zurückgezogen.

 

Donnerstag, 26. April

Hörl ließ nicht locker. Die Proklamation war aus seiner Sicht ein wichtiges Instrument zur Beruhigung der aufgeregten Bevölkerung und zur wirksameren Kontrolle der ständig neu ins „Landl" strömenden Wehrmachtseinheiten und zivilen Dienststellen. Deshalb wollte er sich Rückendeckung bei den lokalen NS-Funktionären holen. Zunächst bei Landrat Dr. Wiesend, der zugleich Leiter des NS-Rechtsamtes war. Wiesend war mit dem Text einverstanden. Nicht so Heinrich Schiede, der weitaus mächtigere Kreisleiter der NSDAP. Er machte Einwendungen gegen den Entwurf, hielt den Zeitpunkt für die Übernahme der Verantwortung durch das Militär für verfrüht und ließ ein eigenes Konzept ausarbeiten. Es wurde von Hörl als „verwässert und völlig untauglich" verworfen.

Auch der Kommandeur der Gebirgsjägerschule Mittenwald, Oberst Pfeiffer, wurde tätig. Er ließ aus 20 Luttensee-Offizieren einen zusätzlichen Kontrollapparat („Überfallkommando") zusammenstellen, dessen Tätigkeit am 28. April ab 6.00 Uhr morgens beginnen sollte. Seine Aktion richtete sich vor allem gegen die NSDAP: „Die Partei mit ihrem unwürdigen Verhalten hat ausgespielt." Sie sei es nicht wert, „dass auch nur einer unserer Gebirgsjäger ihretwegen sein Blut vergießt."

Zwischen Mittenwald und Oberammergau mehrten sich die Gerüchte, dass Garmisch-Partenkirchen kampflos übergeben werden solle.

 

Freitag, 27. April

Das Klima in den Garmischer Kasernen und Stäben wurde von wachsender Unsicherheit und Nervosität bestimmt. Bei Lenggries und Seefeld standen starke SS-Kräfte, von Schongau her näherten sich unaufhaltsam die Amerikaner. Zwischendrin in Garmisch-Partenkirchen und Umgebung der immer noch wachsende Flüchtlingsstrom, die Ersatzeinheiten, die Gebirgsjägerschule, die Unteroffizierlehreinheiten – vieles regel- und führerlos. Oberst Ludwig Hörl mit seinen Offizieren im Divisionsstabsgebäude in Partenkirchen blieb der Fels in der Brandung.

Oberleutnant Seibold, Verbindungsmann zur Freiheitsaktion Bayern, befürwortete eine sofortige Aktion gegen die Nazis. Hörl lehnte ab mit dem Argument, dass es keine Kontakte zu Hauptmann Rupprecht Gerngroß, dem Führer der FAB, gebe und die Gefahr eines Blutvergießens in den eigenen Reihen noch zu groß sei. Erst in der Nacht zum 28. April ließ Gerngroß den Sender Erding besetzen und zur Einstellung aller Verteidigungsmaßnahmen aufrufen.

Im Laufe des Tages gab Major Hoffmann, Kommandeur des Artillerieersatzregiments 157 Ersatzabteilung Garmisch bei einer Offizierbesprechung bekannt, dass der Standortälteste Oberst Hörl beabsichtige, die Lazarettstadt Garmisch den Amerikanern kampflos zu übergeben. Es sei mit Widerstand der SS zu rechnen. Vor dem Einmarsch der Amerikaner müssten sich alle Einheiten der Wehrmacht in Garmisch selbst auflösen. Alle Angehörigen der Wehrmachtsteile seien sofort mit Entlassungsscheinen zu versehen, so dass sie der Gefangenschaft entgingen. Diese Pläne müssten durch Vortäuschung von Kampfbereitschaft vor den letzten Nazi-Fanatikern verheimlicht werden. Man werde deshalb aus Rekruten in der Jäger- und Artilleriekaserne je eine „Alarmeinheit" bilden, um eine Bedrohung der Übergabepläne durch die Waffen-SS zu verhindern. Führer der Alarmeinheit wurde Hauptmann Müller-Brandeck.

Major Hoffmann gab dann Befehl, in der Artilleriekaserne alle greifbaren Papiere zu vernichten, vor allem die Geheimpapiere im Panzerschrank, „aber auch soviel sonstige Papiere als möglich." Alle Akten und Schriftstücke wurden daraufhin in den Hof getragen, mit Benzin übergossen und verbrannt.

Gleiches geschah mit vielen Dokumenten des Rathauses Garmisch-Partenkirchen, die die NS-Funktionäre weder ihren deutschen Gegnern noch den amerikanischen Truppen in die Hände fallen lassen wollten. Nach Aussage von Augenzeugen brannte das Feuer im Innenhof des Rathauses drei Tage.

 

Samstag, 28. April 1945

Schon früh am Morgen, gegen 5.30 Uhr, fuhr Oberst Hörl ein drittes Mal in diesen Tagen nach Kempfenhausen. Auf dem Weg dorthin erhielt er von einem Zivilisten die Nachricht von der Besetzung des Senders München durch die Freiheitsaktion Bayern, musste sich aber sagen lassen, dass für seine Pläne zur kampflosen Übergabe der Landkreise Weilheim und Garmisch-Partenkirchen an die amerikanischen Streitkräfte nicht mit der Hilfe des stellvertretenden Generalkommandos zu rechnen sei und beschloss deshalb, sofort wieder nach Garmisch zurückzukehren und dort wenigstens in seinem eigenen Verantwortungsbereich als Standortältester im Sinne der FAB zu handeln.

Nach der Ankunft im Divisionsstabsgebäude an der Bahnhofstraße rief Hörl seine Offiziere, unter ihnen Major Pössinger und Hauptmann Müller, zu einer Besprechung zusammen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. „Ungebetener Teilnehmer" dieser Unterredung wurde der Oberstleutnant Hans Bauernfeind. Er stellte sich als „Sonderbeauftragter des Führers" vor, hatte vermutlich von den Gerüchten gehört, dass Garmisch-Partenkirchen kampflos übergeben werden sollte und beschuldigte Hörl der Verletzung seiner soldatischen Pflichten.

Hörl ließ sich nicht einschüchtern und „legte energisch seinen Standpunkt klar": Truppe und Bevölkerung seien demoralisiert, mit den aufgelösten Truppenteilen sei eine Reorganisation nicht möglich, den Soldaten stehe nur noch „mittelalterliche Bewaffnung" zur Verfügung, Munitionsausstattung und Verpflegung seien mangelhaft. Die „Rettung der soldatischen Ehre" sehe er darin, sinnloses Blutvergießen zu verhindern sowie die Bevölkerung und die Verwundeten in den Lazaretten zu schützen. Die anwesenden Offiziere stellten sich hinter Hörl. Bauernfeind sah sich Männern gegenüber, die entschlossen waren, Hörl zu schützen.

Michael Pössinger beschreibt die Szene so: „Hörl versuchte Bauernfeind klarzumachen, wie sinnlos eine Verteidigung sei. Sie schrieen sich gegenseitig an, und in Wortfetzen kam sogar zum Ausdruck, dass sich die beiden Streithähne mit gegenseitigem Erschießen drohten. Daraufhin erklärte Hörl als Standortkommandant den Kommandeur des Sonderkommandos für verhaftet. Als ich sah, dass die Situation im Begriff war zu entgleisen, trat ich ein, was zu einer Entspannung der Situation führte, weil mich Bauernfeind kannte und freudig begrüßte." Bauernfeind war Pössingers Regimentskommandeur in Ostpreußen bis zum Dezember 1944 gewesen.

In diese erregte Auseinandersetzung platzte von der Ortskommandantur Penzberg per Telefon die Nachricht herein, dass in der oberbayerischen Bergarbeiterstadt der NS-Bürgermeister abgesetzt und durch einen Sozialdemokraten ersetzt worden sei. Bauernfeind, „Sonderführer" und zugleich „Führer eines fliegenden Standgerichts", forderte Hörl auf, umgehend nach Penzberg den Befehl zu übermitteln, „dass dort die Ordnung wieder hergestellt wird!" Hörl tat- angesichts der Drohung Bauernfeinds mit Standgericht – wie ihm geheißen. Ehe Bauernfeind sich daraufhin nach Penzberg verabschiedete, warnte er, er werde wieder kommen und auf die Bevölkerung schießen lassen, „wenn sie kriegsmüde eingestellt ist". Nach Penzberg begab sich Bauernfeind deshalb, weil er „die von Hörl getroffenen Maßnahmen nicht der Lage entsprechend ansah."

Major Pössinger hatte für Garmisch-Partenkirchen schon „alle Vorkehrungen zum Losschlagen getroffen, um im entscheidenen Moment die Kreis- und Ortsgruppenleiter zu verhaften. Das Penzberger Beispiel habe ihm jedoch zu denken gegeben." Er bat Bauernfeind beim Abschied, „Hörl ruhig auf seinem Posten zu belassen, er würde schon dafür sorgen, dass alles in Ordnung ginge."

 

Sonntag, 29. April

Einem Spezialkommando der 10. US-Panzerdivision war es drei Stunden nach Mitternacht gelungen, das deutsche Brückenkommando an der Echelsbacher Brücke lautlos zu überwältigen, diese wichtige Brücke fast kampflos einzunehmen und so zu verhindern, dass sie gesprengt wurde. Die telefonische Nachricht vom nächtlichen Vormarsch der Spitzenverbände der 10. US-Panzerdivision zusammen mit der 103. US-Infanteriedivision Richtung Oberammergau erreichte Hörl und seine Offiziere in Garmisch in einer denkbar ungünstigen Situation.

Der Kommandeur der Gebirgsjägerschule Luttensee, Oberst Pfeiffer, erschien um 9.00 Uhr im Divisionsstabsgebäude Garmisch-Partenkirchen mit dem Befehl, „Garmisch bis zum Verschuss der Munition zu verteidigen." Vor drei Tagen hatte Pfeiffer noch erklärt, dass jedes Blutvergießen vermieden werden müsse, jetzt beugte er sich dem Befehl von General Jaschke, dem Befehlshaber der Nordalpenfront, und gab Anweisung, Garmisch bei Oberau und Farchant zu verteidigen. Hörl konnte Pfeiffer schließlich doch noch davon überzeugen, dass die Lazarettstadt Garmisch kampflos übergeben werden musste. Pfeiffer zog sich wieder zurück nach Mittenwald.

Während des Gesprächs zwischen Hörl und Pfeiffer waren die US-Truppen inzwischen mit Panzern und Infanterie in Oberammergau eingedrungen. Am Südausgang des Ortes unter der Bärenhöhle hatte sich ein etwa 60-köpfiges deutsches Widerstandsnest mit Soldaten der Mittenwalder Gebirgsjägerschule hinter einer Panzersperre aus dicken Bäumen verbarrikadiert. Gegen 11.30 Uhr gab es schweres Geschützfeuer aus den Rohren der US-Panzer. Auf Seite der Gebirgsjäger wurden sieben Tote und 30 Verwundete gezählt, auch zwei deutsche Zivilpersonen wurden getötet. Kloster und Dorf Ettal wurden bei diesen Kämpfen von Artilleriefeuer in Mitleidenschaft gezogen und beschädigt.

Oberst Hörl wurde von der Lage im Ammertal telefonisch in Kenntnis gesetzt. Jetzt hielt er den Zeitpunkt der kampflosen Übergabe von Garmisch-Partenkirchen für gekommen. Herr Meunier, der Leiter einer in Grainau weilenden Delegation des Roten Kreuzes, bot Hörl bei einem Gespräch im Divisionsstabsgebäude an, zwischen der Wehrmacht und den US-Truppen die friedliche Kapitulation von Garmisch-Partenkirchen einzuleiten. Hörl beauftragte daraufhin Major Pössinger und Oberleutnant Licht, zusammen mit dem Vertreter des Roten Kreuzes den Amerikanern bei Oberammergau mit der weißen Fahne entgegenzufahren. Als Dolmetscher gab er ihnen Gisbert Palmié mit, einen des Englischen kundigen Kunstmalers, der in den Garmisch-Partenkirchner Lazaretten zur Truppenbetreuung eingesetzt war. Hörl selbst sah seine Aufgabe darin, dafür Sorge zu tragen, dass diese Kapitulationsverhandlungen nicht noch in letzter Minute von SS-Eiferern, von Durchhalte-Funktionären der NSDAP oder von vagabundierenden Wehrmachtsteilen gestört oder gar verhindert werden konnten.

Auf der Fahrt zu den amerikanischen Truppen veranlasste Major Pössinger, wohl wissend um die prekäre Situation, dass zwei Gebirgsjägerkompanien in exponierten Stellungen, die eine in Oberau am Fuße des Ettaler Berges, und die andere vor Ettal, am Eingang zur Bergstraße, weiteren Widerstand einstellten. Gegen 13.00 Uhr erreichten die Parlamentäre Pössinger, Licht und Palmié – Meunier wird nicht mehr erwähnt – die Panzersperre an der Bährenhöhle vor Oberammergau und gingen von dort aus den Amerikanern entgegen.

Aus deutscher Sicht entwickelten sich die Dinge dann in dieser Weise: Die erste Begegnung zwischen den Parlamentären aus Garmisch-Partenkirchner und der Besatzung des amerikanischen Führungspanzers verlief unfriedlich – auf Pössinger und seine Begleiter wurde trotz der weißen Fahne geschossen. Es gelang aber nach einigem hin und her, mit dem verantwortlichen Offizier der Amerikaner, Lieutenant Colonel "Red" Hankins vom 61. US-Infanteriebataillon Kontakt aufzunehmen. Die Unterredung dauerte etwa zwei Stunden. Pössinger eröffnete das Gespräch mit der Versicherung, dass das gesamte Loisachtal einschließlich der Lazarettstadt Garmisch-Partenkirchen kampflos an die Amerikaner übergeben werden solle. Hankins reagierte abweisend und gab zu verstehen, dass bereits alle Vorbereitungen zur Bombardierung von Garmisch-Partenkirchen getroffen worden seien. Der Angriff aus der Luft stehe unmittelbar bevor, es sei nicht möglich, diese Maßnahme rückgängig zu machen. Pössinger setzte seine Beredsamkeit und seine militärische Erfahrung ein, um Hankins davon zu überzeugen, dass der Angriff amerikanischer Bomber nicht mehr notwendig sei, weil Garmisch-Partenkirchen und das Loisachtal nicht mehr verteidigt würden. Der US-Offizier erklärte schließlich, dass es ihm doch noch gelungen sei, den Angriff „in letzter Minute" abzuwenden.

Aus Sicht amerikanischer Beteiligter und Historiker spielte sich das Geschehen so ab: Das Kommando der US-Streitkräfte unter Lieutenant Colonel Hankins brach den Widerstand der Gebirgsjäger an der Panzersperre bei Oberammergau, stieß dann auf Major Pössinger, der sich nicht davon abbringen ließ („stiffnecked"), die kampflose Übergabe von Garmisch-Partenkirchen anzubieten. Man tat, was er wollte: „He was quickly accomodated." Eine Luftoperation mit hunderten schwerer oder mittlerer Bomber gegen Garmisch-Partenkirchen konnte wegen der Wetterlage – kalt, regnerisch, teilweise Schnee - nicht stattfinden. Die Angaben werden von den Aufzeichnungen der „Combat-Chronology der US-Army Air Forces in World War II" für den 29. April 1945 bestätigt. Dort heißt es: „Weather cancels operations by 9th Bomb Div", „Weather again restricts operations" und "Bad weather again prevents HB operations". Nach amerikanischer Auffassung war die Drohung mit Bomberangriffen eine List, um eine Stadt wie Garmisch-Partenkirchen kampflos einzunehmen. Betont wird auch, dass es aus militärischer Sicht falsch gewesen wäre, die einzige Straße, mit der die Panzer Innsbruck erreichen konnten, zu zerstören. Aus den amerikanischen Quellen gibt es also bisher keine Belege für die tatsächliche Planung eines derart massiven Bomberangriffs auf Garmisch-Partenkirchen.

Nach dem Disput zwischen Major Pössinger, der die kampflose Kapitulation der Gebirgstruppen in Garmisch-Partenkirchen zugesichert hatte, und Lieutenant Colonel Hankins, der versicherte, er habe die Bombardierung des Ortes gestoppt, setzte sich die Panzerkolonne in Bewegung. Die Parlamentäre wurden auf dem ersten US-Panzer festgehalten. In Ettal und in Oberau ergaben sich die zwei Gebirgsjägerkompanien vereinbarungsgemäß. Der Bau von Stellungen in der Nähe des Oberauer Bergfriedhofes war kurz zuvor eingestellt worden. Die Amerikaner trafen mit den deutschen Parlamentären gegen 16.00 Uhr in Oberau ein.

Am Nachmittag des 29. April – während Pössinger und seine Mitstreiter bei Oberammergau verhandelten – ließ Oberst Hörl in Garmisch-Partenkirchen gegen 14.00 Uhr die vorbereitete Proklamation an die Bevölkerung verkünden. Darin hieß es: „Gebirgsjäger übernehmen die Verantwortung und den Schutz der Verwundeten… ortsfremde Truppenteile, Stäbe und Dienststellen haben Garmisch und seine Umgebung zu verlassen." Außerdem wurde das Standrecht verhängt. Ortsfremde Sprengmannschaften konnten von Oberleutnant Gais rechtzeitig daran gehindert werden, die Eisenbahnbrücke zwischen Farchant und Burgrain in die Luft zu jagen.

Etwa zur selben Zeit ging im Divisionsstabsgebäude per Telefon der Befehl von Generalfeldmarschall Kesselring ein, Garmisch-Partenkirchen sei „rücksichtslos zu verteidigen", es sei keine „offene Stadt". Der Kesselring-Befehl wurde von Oberst Pfeiffer, dem Chef der Mittenwalder Gebirgsjägerschule, wiederholt und konkretisiert: Garmisch-Partenkirchen werde von 250 Offizierschülern bei Farchant verteidigt.

Oberst Hörl missachtete sowohl den Befehl des mächtigen und gnadenlosen Generalfeldmarschalls Kesselring wie auch den des wankelmütigen Oberst Pfeiffer. Er hatte damit auf eigene Verantwortung allen offiziellen Versuchen zur bewaffneten Abwehr der US-Truppen eine Absage erteilt. Gefährlich wurde es noch einmal am späten Nachmittag, als am Golfplatz vor der kleinen Siedlung Burgrain vier stärkere Gebirgsjäger-Kampfgruppen aus den Garmischer Kasernen mit Maschinengewehren und Panzerfäusten auftauchten, von denen Hörl nichts wusste. Sie wollten, nur von Unteroffizieren geführt, Garmisch-Partenkirchen scheinbar auf eigene Faust bei Farchant verteidigen. Zum Glück wurde Hörl davon durch einen bereits entlassenen Soldaten rechtzeitig telefonisch in Kenntnis gesetzt – mit Hilfe des einzigen Telefonapparates in der Siedlung. Hörl eilte sofort persönlich nach Burgrain und schickte die Soldaten in die Kaserne zurück.

Anschließend machte er sich auf den Weg nach Oberau, um den amerikanischen Truppen, die in der Zwischenzeit am Fuße des Ettaler Berges standen, die Kapitulation von Garmisch-Partenkirchen kraft seines Amtes als Standortältester förmlich anzubieten. Pössinger, Licht und Palmié wurden in einen Jeep gesetzt und zum Rathaus Garmisch-Partenkirchen gebracht. Oberst Hörl musste in einem anderen US-Fahrzeug an der Spitze der amerikanischen Panzerkolonne, bewacht von zwei US-Soldaten mit Maschinengewehren, über die Burgstraße, den „Adolf-Wagner-Platz" (Marienplatz), vorbei am schmalen Sorge-Eck und über die Bahnhofstraße bis zum „Adolf-Hitler-Platz" (Rathausplatz) in den Ort einfahren. Nach einer letzten kleineren Schießerei bei Farchant auf fliehende deutsche Soldaten war damit der Zweite Weltkrieg für Garmisch-Partenkirchen am Sonntag, dem 29. April 1945, etwa um 19.00 Uhr zu Ende gegangen.

Im Rathaus fand die Übergabe des Marktes Garmisch-Partenkirchen durch Georg Schütte, 2. Bürgermeister in Partenkirchen bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten, Kurdirektor Max Werneck und Rechtsanwalt Dr. Carl Roesen statt. Die Rolle des Dolmetschers hatte Professor Alexander Cap übernommen, welterfahrener Englischlehrer an der Oberschule. Georg Schütte wurde zum kommissarischen Bürgermeister ernannt. Der bisherige Standortälteste Oberst Ludwig Hörl wurde abgesetzt. Major Herbert L. Snapp von den US-Streitkräften übernahm die Kommandogewalt in Garmisch-Partenkirchen.

Nachspiel: Um 20.00 Uhr betrat der Waffen-SS-Oberst Schauen den Gefechtsstand des Artilleriehauptmanns Müller-Brandeck in der Almhütte am Kramerplateauweg. Müller-Brandeck hielt dort, eine Stunde nach dem Einmarsch der US-Truppen, eine Besprechung mit zwölf Offizieren der in Garmisch-Partenkirchen stationierten Gebirgsartillerie-Ersatz- und Ausbildungsabteilung 79. Der ungebetene Oberst stellte sich vor als Heinrich Himmlers „Sonderbeauftragter für die Alpenfestung". Ein gefährlicher Mann. Auf beiden Seiten wurden die Pistolen entsichert. Der „Sonderbeauftragte" zog es dann aber doch vor, die Almhütte um Mitternacht zu verlassen. Der „Alpenfestung" Garmisch-Partenkirchen blieb ein letztes Gefecht erspart.

Nicht so den Bürgern der Gemeinde Mittenwald: Offizieranwärter der Mittenwalder Gebirgsjägerschule hatten in den vergangenen Tagen bei Kaltenbrunn und Gerold einen Sperrriegel errichtet, mit dem sie den Vormarsch der amerikanischen Streitkräfte aufhalten wollten. Hoffnung „Alpenfestung"? Am 29. April 1945, dem Tag des Kriegsendes für Garmisch-Partenkirchen, hatte Adolf Hitler den NSDAP-Gauleiter Tirol-Vorarlberg Franz Hofer zum „Reichsverteidigungskommissar Alpenfestung" ernannt. Am 30. April beging Hitler Selbstmord. Die kurze und militärisch vollkommen sinnlose Auseinandersetzung der Gebirgsjäger mit den amerikanischen Truppen bei Kaltenbrunn am 30. April 1945 kostete zwei Mittenwalder Bürger das Leben.

 

Danksagungen

15. Juni 1945: Landrat Hans Ritter dankt Hörl, Pössinger, Grabichler und Licht für ihr „mutiges Auftreten" bei Kriegsende.

18. Juni 1945: 1. Bürgermeister Georg Schütte dankt Ludwig Hörl, „dass Sie mit Ihren Männern unter größten Gefahren für Ihr eigene Person nichts unterlassen haben, dass Garmisch-Partenkirchen nicht in Schutt und Asche gelegt worden ist."

5. Mai 1945: Generaloberst a.D. Wilhelm Adam bezeugt, „dass Garmisch kampflos übergeben wurde und damit erhalten geblieben ist, ist das Verdienst des Oberst Hörl."

 

© Alois Schwarzmüller 2006

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