Ein Kriegsende - Garmisch-Partenkirchen am 29. April 1945

 

 

 

Akteure

Ludwig Hörl

Oberst Ludwig August Philipp Hörl (geb. 02.08.1901 in Passau, gest. 22.01.1993 in Innsbruck), seit dem 2. Oktober 1942 Kommandeur des Gebirgsjägerregiments 91 der 4. Gebirgsdivision, am 4. Juni 1944 mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet, hatte mit seinem Regiment seit 1940 an den Kämpfen in Ungarn, Rumänien und Bulgarien, im Raum Grodec und bei Lemberg, am Dnjepr, im Donez-Raum und im Kaukasus teilgenommen. Von 1943 bis in die Anfänge des Jahres 1945 war er beteiligt an den Rückzugskämpfen der deutschen Wehrmacht auf dem Kubanbrückenkopf, bei Uman und bei Kishinev, am Dnjestr und in den Waldkarpaten.

Nach Verwundung und Genesung wurde er Mitte April als Standortbereichsführer im Gebiet Garmisch-Partenkirchen und als Regimentskommandeur des dortigen Gebirgsjäger Ersatz- und Ausbildungsregiments 537 eingesetzt. Mit den örtlichen Verhältnissen der Garnisons- und Lazarettstadt war er zunächst nur wenig vertraut.

Drei Mal hatte er vor dem Kriegsgericht gestanden; einmal wurde er wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz bestraft und ein andermal wegen Befehlsverweigerung zu Festungshaft verurteilt. Er war mehr als ein verbaler Gegner der Naziherrschaft: Seine Freunde nannten ihn „Kämpfer gegen dieses System", seine Gegner „Staatsfeind". Bei Kriegsende sagte der führende Funktionär der Nationalsozialisten in Garmisch-Partenkirchen, Kreisleiter Heinrich Schiede: „Ich habe es ja schon immer gewusst, dass Oberst Hörl noch nie für unsere Sache eingestanden ist."

Hörl hatte vermutlich schon vor seinem Dienstbeginn als Standortältester in Garmisch-Partenkirchen Kontakte zur Freiheitsaktion Bayern geknüpft. Seine örtlichen Vertrauenspersonen und Gesprächspartner waren Oberleutnant Kaspar Seibold, der die Freiheitsaktion unterstützte, und Generaloberst a.D. Wilhelm Adam, der wegen seiner kritischen Haltung gegen die riskanten Kriegspläne Hitlers am 10. November 1938 aus dem aktiven Dienst entlassen worden war. Im Ruhestand hatte er sich nach Garmisch-Partenkirchen zurückgezogen.

Hörl beurteilte die Lage Mitte April 1945 so: Der Krieg ging in rasender Eile zu Ende. Der deutschen Armee fehlten die Mittel, dies zu verhindern. Es musste daher alles unternommen werden, weiteres Blutvergießen bei der einheimischen Bevölkerung, den Verwundeten in den Lazaretten und den ihm anvertrauten Soldaten zu verhindern. Das Gebiet Garmisch-Partenkirchen sollte deshalb der amerikanischen Armee kampflos übergeben werden. Da eine größere Aktion im Rahmen der Freiheitsaktion Bayern am fehlenden Verantwortungsbewusstsein höherer Offiziere scheiterte, entschied Hörl sich am 29. April 1945 für eine „Teilaktion" in Garmisch-Partenkirchen.

 

Michael Pössinger

Michael Pössinger (1919-2003) wurde 1919 in Ettal geboren. Die Eltern führten dort einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb. 1937 meldete er sich als Freiwilliger bei der Wehrmacht und begann seine Soldatenlaufbahn in Lenggries in der 6. Kompanie des II. Bataillons im Gebirgsjäger Regiment 98. 1940 wurde er Chef dieser Kompanie, 1944 zunächst Kommandeur des I. Bataillons des Gebirgsjägerregiments 98 und später des II. Bataillons des Grenadierregiments 1128 der 578. Volksgrenadierdivision.

1938 war er beim Einmarsch in Österreich und im Sudetenland dabei – „die ‚lustigen’ Einmärsche". 1939, im Krieg gegen Polen, nahm er an der so genannten „Sturmfahrt auf Lemberg" teil. Während des Feldzuges gegen Belgien und Frankreich („die Hurra-Feldzüge") wurde er mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet. Als junger Ritterkreuzträger wurde er den Schülern der Oberschule Garmisch-Partenkirchen als Vorbild präsentiert. 1941 kämpfte er in Jugoslawien und an der Ostfront, 1942 im Kaukasus, 1943 wieder in Jugoslawien („Partisaneneinsätze" in Serbien, Bosnien, Montenegro und Albanien) und in Griechenland („nach Abfall und Verrat der Italiener"). Bei der Entwaffnung der ehemaligen Verbündeten war Pössinger als Kompaniechef maßgeblich bei der Eroberung des Raumes Arta-Prevesa beteiligt. Das Massaker von Kefalonia hat Pössinger so im Gedächtnis: „Ein unerfreuliches Kapitel bei der Einnahme von Inseln bildete Kefalonia, wo die Italiener bewaffneten Widerstand leisteten. Ich war selber nicht dabei und will daher auch nicht darauf eingehen… Nach drei Tagen Kampf war die Insel erobert und bei 40 deutschen Gefallenen hatten etwa 4000 Italiener den Tod gefunden." Heute gilt als gesichertes Wissen: 4.000 italienische Kriegsgefangene wurden dort im September 1943 von der deutschen Wehrmacht abgeschlachtet - auf Befehl Hitlers und des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW). Im Kriegstagebuch des OKW vom 18. September 1943 wurde der Oberbefehlshaber Südost angewiesen, "wegen des gemeinen und verräterischen Verhaltens auf Kefalonia keine italienischen Gefangenen machen zu lassen". Nach dem Ende der "Säuberung" zollte der kommandierende General Hubert Lanz den Massenmördern „vollste Anerkennung und herzlichsten Dank".

1944 wurde Pössinger nach Ostpreußen kommandiert, im März 1945 verwundet und zur Genesung nach Garmisch-Partenkirchen ins Teillazarett im Hotel „Husar" geschickt. Ab Mitte April 1945 führte Pössinger Gespräche mit Pater Johannes Albrecht vom Kloster Ettal, mit dem Garmisch-Partenkirchner Rechtsanwalt Dr. Karl Rösen (BVP) und mit Georg Schütte (SPD - 2. Bürgermeister von Partenkirchen bis 1933) über Möglichkeiten, in den letzten Kriegstagen eine Tragödie für die Lazarettstadt Garmisch-Partenkirchen zu verhindern.

s.a. Anmerkung

 

Gisbert Palmié

Gisbert Palmié (1897-1986), Sohn des Münchner Landschaftsmalers Charles Palmié, galt in den dreißiger Jahren mit seinen „arischen" Frauenbildnissen („The Rewards of Work") als Repräsentant der Antimoderne. 1935 und wieder von 1939 bis 1944 stellte er im Münchner „Haus der deutschen Kunst" aus. Im Krieg tat er Dienst bei einer in München stationierten Dolmetscher- und Kriegsberichterstatterkompanie unter dem Kommando des Hauptmanns Rupprecht Gerngroß. Gerngroß war der „Kopf" der Freiheitsaktion Bayern. Gegen Ende des Krieges war Palmié zur Truppenbetreuung in den zahlreichen Lazaretten nach Garmisch-Partenkirchen versetzt worden.

Von 1945 bis 1957 lebte er als Porträtmaler in Garmisch-Partenkirchen. Künstler wie Richard Strauss, viele Industrielle, berühmte Frauen, mächtige Zeitgenossen, z.B. der US-General Patton, ließen sich von ihm abbilden. Seine Ausbildung hatte er an der Münchner Kunstakademie bei den Professoren Herterich und Hengeler erhalten. In den Jahren nach 1957 arbeitete er in Atlanta (USA) und wurde mit Bildern der US-Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson berühmt. 1986 starb er in Murnau.

 

Hans Bauernfeind

Am 28. April 1945 übernahm Hans Rummer, bis 1933 sozialdemokratischer Bürgermeister von Penzberg, mit sozialdemokratischen und kommunistischen Helfern die Macht im Rathaus des oberbayerischen Bergarbeiter-Städtchens, um – ermutigt von den nächtlichen Rundfunkaufrufen der „Freiheitsaktion Bayern" - die von den Nazis geplante Sprengung des Bergwerks und des Wasserwerks von Penzberg zu verhindern. Wenig später wurde Rummer von einer Wehrmachtseinheit, dem Werferregiment 22 unter dem Kommando von Oberstleutnant Werner Ohm, verhaftet und mit sechs weiteren Beteiligten in Penzberg erschossen.

Am Abend dieses 28. April 1945 erschien Oberstleutnant Hans Bauernfeind, „Sonderbeauftragter des Führers" und „Vorsitzender eines fliegenden Standgerichts", in Penzberg. Er kam unmittelbar von einem dramatischen Auftritt im Divisionsstabsgebäude in Garmisch-Partenkirchen. Während einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Garmisch-Partenkirchner Standortältesten Oberst Ludwig Hörl über die weitere Vorgehensweise im Gebiet Garmisch hatte Bauernfeind von den Vorgängen in Penzberg erfahren und beschlossen, selbst dorthin zu fahren. In Penzberg stellte er zusammen mit einer dem NS-Literaten Hans Zöberlein unterstellten hundertköpfigen SS-Werwolfeinheit „Ruhe und Ordnung" wieder her: Neun weitere Frauen und Männer aus Penzberg wurden auf offener Straße und ohne Verfahren ermordet. Einen Tag später rückten die Amerikaner in Penzberg ein.

Hans Bauernfeind, geboren am 18.01.1915 in Regensburg, nach dem Krieg kaufmännischer Angestellter, wurde zusammen mit weiteren Beteiligten der „Penzberger Mordnacht" 1948 vor Gericht gestellt. Bauernfeind und Zöberlein wurden zum Tode verurteilt, die übrigen Angeklagten zu Freiheitsstrafen. Nach Inkrafttreten des Grundgesetzes im Jahre 1949 wurde die Todesstrafe in eine lebenslängliche Freiheitsstafe umgewandelt. In einem weiteren Verfahren 1952 wurde Hans Bauernfeind freigesprochen.

 

Heinrich Schiede

Heinrich Schiede, geboren am 4.10.1904 in München, war während des Krieges Leutnant im Gebirgsjägerregiment 98. Nach einer Verwundung wurde er 1943 zum Kreisleiter der NSDAP im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ernannt. Damit wurde ihm das wichtigste lokale politische Amt übertragen, das er bis zum 29. April 1945 ausübte.

Ausführliche Darstellung hier: Heinrich Schiede - „Erziehung der Willigen, Ausschaltung der Abseitigen“

 

Weitere Beteiligte

Oberleutnant Hubert Gais
Leutnant Josef Grabichler
Oberleutnant Guntram Licht
Hauptmann Hans Müller-Brandeck
Hauptmann Karl Salm

Herr Meunier - Internationales Rotes Kreuz

Lieutenant Colonel "Red" Hankins
Major Herbert L. Snapp

 

© Alois Schwarzmüller 2006

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