22. Februar 1945 - Luftangriff auf den Bahnhof Garmisch-Partenkirchen

 

 

 

 

Von den Schrecken und Grausamkeiten des Bombenkrieges blieb Garmisch-Partenkirchen im Unterschied zu vielen Orten auf der europäischen Landkarte des Zweiten Weltkrieges fast gänzlich verschont. Im Unglück des Krieges war das ein Glück, dessen Ursachen man allenfalls vermuten darf. 

Der einzige Rüstungsbetrieb von einiger Bedeutung war eine im Februar 1944 von der Firma Messerschmidt errichtete Werkstätte zur Herstellung von Flugzeugmotoren im Rohbau der Oberrealschule für Jungen (heute Werdenfels-Gymnasium), vornehmlich im Bereich der Aula. Etwa 40 Arbeitskräfte, die Hälfte von ihnen französische Zivilarbeiter, waren dort tätig. Stellvertretender Betriebsleiter war der Ingenieur Albert Geiger, der später in Garmisch-Partenkirchen ein Unternehmen zur Produktion von Kunststoffteilen für die Automobilindustrie gründete ("Geiger-Plastik").

 

 

 

 Kleinere Rüstungsbetriebe 1944/45 in Garmisch-Partenkirchen:
   Bild links: Eingang in die Oberrealschule für Jungen (1945),
   Bild rechts oben: Festsaal (1939),
   Bild rechts unten: Gasthof "Zum Lamm" in Garmisch (1935),

 

 

 

 

 

 

 

Weitere "wehrwirtschaftliche Betriebe" waren im Rohbau des Hallenschwimmbads am Gamsangerweg, im Festsaal am Kurpark und im Kurhaus Garmisch, im Sporthaus am Hausberg und im Saal des Garmischer Gasthofs "Zum Lamm" untergebracht.

Keines dieser Unternehmen wurde zum Ziel eines Angriffs der alliierten Luftstreitkräfte. Drei Flak-Stellungen (Fliegerabwehrkanonen) zur Abwehr von Luftangriffen sind bekannt - eine im Heeresverpflegslager an der Falkenstraße, mit Bunker für die Flak-Besatzung, eine zwischen Grainau und Eibsee und eine auf der Zugspitze.

Vom Luftkrieg gegen die Städte des Deutschen Reiches unmittelbar Betroffene, vorwiegend Frauen, Kinder und alte Leute, kamen ab 1944 als "Evakuierte" oder  "Ausgebombte" in den noblen und sicheren Olympiaort Garmisch-Partenkirchen und belegten die Häuser und Wohnungen, die bis dahin noch nicht als Hilfslazarette für verwundete Soldaten oder als Unterkünfte für Schülerinnen und Schüler der "Kinderlandverschickung" benötigt worden waren. Am 13. Juli 1944 ordnete der Münchner Gauleiter Paul Giesler in seiner Funktion als Reichsverteidigungskommissar an: "Aus sämtlichen Hotels, Gaststätten, Pensionen und Privatquartieren haben innerhalb zwölf Stunden alle Kurgäste, Urlauber und Erholungsreisende abzureisen. Die dadurch freiwerdenden Zimmer und Betten sowie alle sonstigen Räume und Schlafgelegenheiten werden hiemit beschlagnahmt... Alle durch diese Anordnung und bereits früher beschlagnahmten Betten stehen ausschließlich für die Unterbringung von Münchner nicht berufstätigen Männern, Frauen und Kindern zur Verfügung." 1939 lebten im Landkreis Garmisch-Partenkirchen 36353 Einwohner, bei Kriegsende waren zusätzlich 8000 Evakuierte gemeldet.

Im vorletzten Kriegsjahr 1944 näherte sich der Luftkrieg dem Loisachtal auch direkt. Im April wurde ein alliiertes Flugzeug zwischen Oberau und Eschenlohe abgeschossen, im Juni wurde das Partenkirchner Schwimmbad Kainzenbad geschlossen. Die Lage des Bades, so hieß es, "schließt einen Angriff durch Feindflugzeuge keinesfalls aus." Luftschutzräume standen nicht zur Verfügung. Im Juli stürzte ein alliiertes Flugzeug in der Nähe von Hammersbach ab und im November wurden Brandbomben in der Nähe des Kochelberges und des Grainauer Ortsteils Schmölz abgeworfen. Noch war dabei kein Mensch ernsthaft zu Schaden gekommen.

Wenige Wochen vor dem Kriegsende kam der Krieg aus der Luft auch nach Garmisch-Partenkirchen. Am 22. Februar 1945 wurden die Gleisanlagen und der Lokomotivschuppen am Südende des Bahnhofs zum Ziel eines alliierten Angriffs. Etwa 28 Fliegerbomben in der Größe von 250 lbs (113 kg) und 500 lbs (227 kg)  kamen dabei zum Einsatz, kein Fehl- oder Notabwurf, sondern sehr genau gezielt, das zeigt die Dichte der Einschläge im Zielgebiet des Lokschuppens. Mit der Zerstörung des Gleisdreiecks und des Maschinenhauses sollte die Transportkapazität der Reichsbahn Richtung Innsbruck und Reutte getroffen werden. Zwei Personen kamen dabei ums Leben, mehrere wurden schwer verletzt.

Einer der beiden Toten hieß Peter Metz, geboren am 18. Juli 1898, gestorben "am 22. Februar 1945 um 13 Uhr 20 Minuten" bei einem Luftangriff - so steht es im Sterbebuch des Marktes Garmisch-Partenkirchen. Metz war Magazinleiter bei der Reichsbahn, verheiratet seit 1920, wohnte in Farchant in der Garmischer Straße 5. Amtsarzt Dr. Zick notierte: "Bombeneinwirkung bei Luftangriff, Impressionsbruch der Stirnseite."

Ein Teil der Bahnhofsgebäude wurde beschädigt, die Bahn konnte ihren Betrieb aber schon bald wieder aufnehmen.

 

 

 

 

Bahnhof Garmisch-Partenkirchen: Alliierter Luftangriff am 22. Februar 1945 auf den Lokschuppen im Gleisdreieck

Bild: Bayer. Landesvermessungsamt, Landesluftbildarchiv 451671/0 - US-Luftbild vom 17.04.1945 - Ausschnitt

 

 

Noch am 20. April 1945 trafen sich im Schneefernerhaus auf der Zugspitze ranghohe Parteiführer der NSDAP. Sie wurden zur Zielscheibe eines weiteren alliierten Angriffs, die Bomben verfehlten aber ihr Ziel.

Eine Woche später, am Sonntag, dem 29. April 1945, näherten sich die Panzer der 10. US-Panzerdivision von Oberammergau her dem Markt Garmisch-Partenkirchen. Der Ettaler Gebirgsjägermajor Michael Pössinger fuhr den US-Truppen als Parlamentär entgegen, um sie davon zu überzeugen, dass der Lazarettort Garmisch-Partenkirchen zur kampflosen Übergabe bereit sei. Der US-Offizier, mit dem Pössinger verhandelte, erklärte zunächst, das Angebot komme zu spät, der Plan der Amerikaner, Garmisch-Partenkirchen von mehreren hundert Flugzeugen bombardieren zu lassen, könne nicht mehr gestoppt werden. Damit hätte das Inferno die Krieges Garmisch-Partenkirchen noch wenige Tage vor dem Waffenstillstand erreicht und vernichtet. Der Angriff unterblieb aber -  sei es, weil Pössinger die US-Offiziere überzeugen konnte, sei es, weil die Drohung mit dem Bomberangriff nur eine Finte war - die Panzer erreichten am frühen Abend kampflos das Rathaus Garmisch-Partenkirchen.

 

 

Garmisch-Partenkirchen aus der Vogelperspektive - 17. April 1945, zwölf Tage vor dem Einmarsch der 10. US-Panzerdivision

Bild: Bayer. Landesvermessungsamt, Landesluftbildarchiv 451671/0 - US-Luftbild vom 17.04.1945

 

 


Quellen:
Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen - Schachtel 19
Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen - Sterbebucheintragung Nr. 99 für Peter Metz vom 23.02.1945 - Auskunft von Andreas Baumann
Hochlandbote 12.01.1946, 13.08.1946, 20.10.1949
Bericht des Zeitzeugen Georg Erhard aus Garmisch-Partenkirchen (1922-2001, Messerschmidt-Mitarbeiter 1944/45) vom 05.07.1998
Markus Hirthammer, Der Landkreis Garmisch-Partenkirchen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges - Facharbeit am Werdenfels-Gymnasium Garmisch-Partenkirchen (Garmisch-Partenkirchen, 2000) S. 18
Auskunft des Geologen und Spezialisten für Kampfmittelsuche Antonius Buchwieser, Garmisch-Partenkirchen, am 18.11.2009
www.gapgeschichte.de - Ein Kriegsende: Garmisch-Partenkirchen am 29. April 1945

Bilder:
Bayer. Landesvermessungsamt - Landesluftbildarchiv
Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen
Archiv des Autors

 

© Alois Schwarzmüller 2010

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