Ein Kriegsende - Garmisch-Partenkirchen in den letzten Apriltagen 1945

 

 

 

 

Die letzten Tage der Gebirgsartillerieabteilung 79 in Garmisch

Bericht von Dr. Karl Salm, Freiburg im Breisgau, Neumattenstraße 19. Damals Hauptmann der Reserve, Führer der 2. Bttr in Garmisch.

 

Die Abteilung hatte 3 Aufgaben:

1. Sie war Ersatzabteilung; sie hatte also die Aufgabe, die Front-Gebirgsartillerieregimenter mit Ersatz an Offz, Uffz und Mannschaften für die Ausfälle zu versorgen. Genesende, die nach Verwundung oder Krankheit im Lazarett behandelt und von dort als felddienstfähig entlassen worden waren, kamen zunächst zur Ersatzabteilung, um wieder in den militärischen Dienstbetrieb eingewöhnt zu werden. Ebenso kamen in die Ersatzabteilungen diejenigen, deren UK-Stellung beendet war.

2. Ausbildung

Die neueingezogenen, jungen Wehrpflichtigen wurden im Geschütz- und Nachrichtendienst sowie im Führen von Tragtieren ausgebildet. In der folgend beschriebenen Zeit, April 1945, handelte es sich hierbei um 17jährige, ganz junge Burschen, welche zwar im allgemeinen sehr willig, aber - ihrem Alter entsprechend - für den soldatischen Dienst kaum brauchbar waren.

3. Entlassung

Diejenigen Soldaten, welche wegen schwerer Verwundung oder schwerer Krankheit gänzlich dienstunfähig waren, wurden durch die Abteilung entlassen. Die Entlassenen erhielten eine Urkunde, den sogenannten Entlassungsschein, mit welchem sie sich gegenüber sämtlichen Zivilbehörden auszuweisen hatten. Der Besitz eines solchen Entlassungsscheines war von entscheidender Bedeutung; ohne ihn konnte der Entlassene weder Fahrkarten bei der Eisenbahn, noch Lebensmittelkarten bei der Bewirtschaftungsbehörde, noch sonstige Bezugsscheine für Gegenstände des täglichen Bedarfs erhalten. Ferner war der Entlassungsschein notwendig für die Vorlage bei der polizeilichen Meldebehörde und insbesondere für eine Zuzugs- und Wohnungsgenehmigung.

Vorweg sei bemerkt, daß die Amerikaner diese deutschen Entlassungsscheine zunächst anerkannt haben. Wer also einen deutschen Entlassungsschein vorweisen konnte, galt, zunächst, bei den Amerikanern nicht mehr als Soldat, sondern als Zivilist; wenn er Zivilkleidung trug und diesen Schein vorweisen konnte, entging er also der Gefangennahme.

Die Ersatzabteilung in Garmisch stand unter dem Befehl des Artillerieersatzregiments 157, das seinen Sitz zunächst in München, später in Landsberg am Lech hatte. Dem Artillerieersatzregiment 157 unterstanden weitere Ersatzabteilungen. So z.B. die Artillerieersatzabteilung 7 in Freising, die Ersatzabteilung 157 in München (später wahrscheinlich wegen Bombenschäden nicht mehr in der Luitpoldkaserne in München, sondern - wahrscheinlich - in Landsberg am Lech). Ferner gehörte zum Regiment - nach meiner Erinnerung - eine Artillerieersatzabteilung 27, deren Sitz vermutlich in Augsburg oder in Landsberg am Lech lag.

Die Abteilung in Garmisch bestand aus der AbtStab und 3 Bttr. Die 1. und die 2. Bttr waren AusbildungsBttr und zugleich GenesendenBttr; die 3. Bttr war nur GenesendenBttr. Der Führer der Abteilung war Major der Reserve Hofmann (aus Neuburg a.d.Donau); der Adjutant war Lt d. Res Pflanz. Der Führer der 1.Bttr war Oberleutnant d.Res Dietmeier, der 2.Bttr Hptm D. Res Salm, der 3. Bttr Hptm d. Res Prüssmann.

Bis Mitte April 1945 führte die Garmischer Abteilung den normalen Dienstbetrieb aus mit Geschütz-, Tragtier- und Nachrichtendienst. Ihre technischen Mittel waren allerdings beschränkt: sie hatte nicht mehr die modernen Gebirgsgeschütze 36, sondern nur noch die alten Gebirgskanonen M 15 Skoda; als Tragtiere dienten keine Muli, sondern requirierte Bauernpferde. Ebenso war das Nachrichtengerät weitgehend veraltet und nur noch teilweise brauchbar. Munition für Übungsschießen war nur noch im beschränkten Umfang vorhanden. Die infanteristische Ausstattung der jungen Mannschaft bestand nicht mehr aus dem deutschen Karabiner 98K, sondern aus kleinen italienischen Beutegewehren, von denen man scherzhaft sagte, daß sie "um die Ecke herumschießen".

Mitte des Monats April 1945 drangen in diesen Garnisons-Dienstbetrieb die immer bedrohlicher werdenden Nachrichten vom Verrücken des Feindes. Insbesondere drängte eine amerikanische Kräftegruppe donauabwärts in Richtung Osten inner schneller vor. Da erreichte uns am 20. April 1945 der Befehl, die Abteilung gefechtsbereit zu machen und raschestens in die Gegend Donauwörth/Regensburg in Marsch zu setzen, um die dort kämpfenden deutschen Truppen artilleristisch gegen die Amerikaner zu unterstützen.

In Ausführung dieses Befehls wurden ein Abt-Stab unter Major d.Res Hofmann und 2 (oder 3?) Bttr nebst Munitionsstaffel aufgestellt. Die Stellenbesetzung ist mir nicht mehr erinnerlich. Ich weiß nur noch, daß einer der BttrFhr ein Lt der Reserve Himmel gewesen war, der sich zu diesem Einsatz freiwillig gemeldet hatte. Himmel hatte erfahren, daß seine schlesische Heimat von den Russen besetzt worden war und daß seine schlesischen Landsleute von der Roten Armee mit Morden und Vergewaltigungen Schreckliches erdulden mussten; aus Verzweiflung hierüber suchte er den Tod im Feld. Er hat dann aber - wie ich später zuverlässig erfuhr - das Kriegsende heil überstanden.

Die somit aus der Ersatzabteilung aufgestellte "Gefechtsabteilung" wurde von jedermann als das "Letzte Aufgebot" empfunden. Das Führungs- und Mannschaftspersonal bestand fast nur aus Genesenden, von denen kaum einer im vollen Umfange felddiensttauglich war. Mit veraltetem Gerät, knappster Munition und - nach meiner Erinnerung - ohne jegliches Motorfahrzeug - praktisch also kaum beweglich - war von der Abteilung ein wirklich erfolgreicher Einsatz gegen die motorisierten und gepanzerten Verbände des Feindes schlechthin nicht zu erwarten.

Nach meiner Erinnerung ist diese „Gefechtsabteilung" am 21.04.1945 aus Garmisch ausgerückt. Ich kann keine genauen Angaben darüber machen, in welchem Umfang und mit welchem (Miß-) Erfolg die Abteilung dann im Raum Donauwörth/Regensburg eingesetzt wurde; soviel ich weiß, war ihr Einsatz nur kurz und völlig erfolglos; Verluste sollen dabei nicht eingetreten sein.

Nachdem diese „Gefechtsabteilung" abgerückt war, bestand die restliche "Abteilung" nur noch aus Genesenen oder Genesenden, welche "av" (arbeitsverwendungsfähig) oder "g.v.H" (garnisons-verwendungsfähig Heimat) geschrieben waren, mithin also felddienstuntauglich waren, sowie ferner aus den soeben einberufenen Wehrpflichtigen, 17jährigen jungen Burschen ohne jegliche Ausbildung. Ein artilleristischer Dienstbetrieb fand nicht mehr stand. Mit den Rekruten wurde etwas Fußdienst geübt. Im übrigen wurden die Leute dazu eingesetzt, hinter der Kaserne einen Luftschutzstollen zu graben, da inzwischen einige Bomben im Raum Garmisch (genauer: auf die Hänge am Kochelberg) gefallen waren und man nicht mehr damit rechnen konnte, daß Garmisch - wie bisher - als Lazarettstadt vom Bombenkrieg verschont bleiben würde.

Am 26. oder 27.04.1945 kam Major Hoffmann vom Einsatz aus dem Donauraum zurück nach Garmisch.

Aus seinen Worten war nicht zu entnehmen, weshalb er zurückkehrte. Auch über den Einsatz der Abteilung sagte er nichts. Es blieb also offen, ob die Abteilung beim Einsatz zerschlagen und zersprengt wurde, oder ob Hoffmann - wie manche vermuteten - wegen offenbarer Unfähigkeit nach Hause geschickt worden war. Hoffmann äußerte sich lediglich dahingehend, daß der Krieg nun endgültig verloren und ein weiterer Einsatz sinnlos sei. (Womit er allerdings recht hatte).

Am 27.04.1945 fand eine Offizierbesprechung unter Major Hoffmann statt. Dabei gab er bekannt, daß der damalige Standortälteste von Garmisch, Oberst Hörl, beabsichtigte, die Lazarettstadt Garmisch den von Norden und Nordwesten rasch heranrückenden Amerikanern kampflos zu übergeben. Dabei müsse allerdings mit Widerstand durch einzelne Teile der SS gerechnet werden, welche sich noch immer in Kampfhandlungen mit hinhaltendem Widerstand gegen die Amerikaner befänden. Vor dem zu erwartenden Einmarsch der Amerikaner müßten sich alle am Platz befindlichen Einheiten der Deutschen Wehrmacht selbst auflösen. Alle Angehörigen dieser Wehrmachtsteile seien unverzüglich mit Entlassungsscheinen zu versehen, damit sie nicht in Gefangenschaft gerieten. Um diesen Plan zu verheimlichen und weiterhin Kampfbereitschaft vorzutäuschen, würden aus den in der Jäger- und Artilleriekaserne befindlichen Rekruten je eine "Alarmeinheit" gebildet, welche solange unter den Waffen und unter Befehl bleiben sollten, als der Platz Garmisch noch nicht übergeben war und eine Bedrohung durch die Waffen-SS noch als möglich erschien. Mit der Führung dieser Alarmeinheit wurde Oberstleutnant a.D. Hans Müller-Brandeck - damals Hauptmann - beauftragt; da Major Hofmann sich in Anschluß an diese Offiziersbesprechung auf die Barbarahütte zurückzog und in das weitere Geschehen kaum mehr eingriff, war Hptm Müller-Brandeck damit praktisch der letzte Führer der Artillerieersatzabteilung Garmisch, und er war überdies - wie sich im weiteren Verlauf des Geschehens herausstellen sollte - auch der letzte "Verteidiger" von Garmisch. Er wird hierüber im Anschluß an meinen vorliegenden Bericht ausführlich selber berichten.

Ich (Salm) erhielt von Hoffmann den Befehl, die Abteilung aufzulösen, soweit sie nicht in die Alarmeinheit aufgenommen war. Der Sache nach bedeutete dies, einer Anzahl von Genesenden (Offz, Uffz und Mannschaften), deren genaue Bezifferung mir nicht mehr möglich ist, Entlassungsscheine auszustellen und ferner sämtliche Papiere der Abteilung zu vernichten. Das Büropersonal der Abteilung arbeitete daher am Vormittag des 27.04.45 eifrig an der. Fertigung dieser Entlassungspapiere, welche ich anschliessend unterzeichnete. Mein eigener Entlassungsschein wurde nicht durch mich selbst, sondern durch den Hauptmann Dr. Mairle unterzeichnet...

Ich war an diesem Vormittag hauptsächlich damit beschäftigt, die Vernichtung sämtlicher Papiere zu überwachen. Dabei wurden nicht nur die im Panzerschrank aufbewahrten Geheimpapiere vernichtet, sondern auch soviel sonstige Papiere als möglich. Unter meiner Aufsicht wurden diese Papiere aus dem Panzerschrank und aus den weiteren Aktenschränken entfernt und in den Hof getragen, dort mit Benzin übergossen und verbrannt. Ich achtete sorgfältig darauf, daß keine halbverkohlten Rückstände übrigblieben, die dann teilweise doch noch leserlich gewesen wären; vielmehr habe ich mich davon überzeugt, daß alle wesentlichen Papiere der Abteilung vollständig zu Asche vernichtet wurden. Ich glaube mich zu erinnern, daß der Abteilungsadjutant, Lt Pflanz, mich damals hierbei unterstützte...

Nach meiner Erinnerung rückte die "Alarmabteilung" unter Hptm Müller-Brandeck gegen den Mittag des 27. April 1945 aus der Kaserne ab; die mir aufgetragene Auflösung der restlichen "Abteilung" war nach meiner Erinnerung am frühen Nachmittag des 27.04.1945 beendet. Wir alle, die wir mit Entlassungsscheinen versehen waren, verließen, jeder für sich, die Kaserne, um in Garmisch alsbald Zivilkleidung anzulegen und möglichst unterzutauchen.

So auch ich. Am 28. April 1945 bewegte ich mich bereits als Zivilist in Garmisch. Am 29. April 1945 stand ich als Zivilist auf der Straße in Garmisch, als dort die 10. amerikanische Panzerdivision einrollte...

 

Dr. Karl Salm
78 Freiburg/Br.
Neumattenstraße 19

 

© Alois Schwarzmüller 2006

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