Ein Kriegsende - Garmisch-Partenkirchen in den letzten Apriltagen 1945

 

 

 

 

Aus dem Tagebuch eines Offizierschülers der Gebirgsjägerschule Luttensee

 

Mittenwald, 18. April 1945

"Fliegeralarm. Ich verbringe den Außendienst mit dem sehr sympathischen Kameraden Oberfeldwebel xxx, der sehr belesen ist. Der Außendienst besteht in der Verteidigung eines Geländeabschnittes in der Nähe des Kranzberges. Weil ein hoher General sich die Sache ansehen will, wird Gefechtsübung befohlen. Meine Gruppe mit dreißig Mann und ich stürmen den Hügel hinauf. Rechts und links von uns spritzen nur so die Steine und knallen die Schüsse aus den schweren MGs, die uns Feuerunterstützung geben sollen. Der General war zufrieden und rauschte ab. Als alter Fronthase ging ich anschließend zu den MG-Schützen und fragte, was es mit den spritzenden Steinen neben uns auf sich hätte. Ich war durch die Fronterlebnisse schon sehr abgebrüht, aber als ich hörte, daß sie aus Angst vor dem General trotz nebliger Sicht einfach in die Gegend geschossen haben, um ja nicht unangenehm aufzufallen, blieb mir doch die Spucke weg. Sie hatten nämlich aus Kostengründen nicht mit Platzpatronen, sondern mit scharfer Munition geschossen. Nach der Übung haben wir so etwas wie Pause, liegen im Schnee und schlafen in der herrlichen Sonne. 200 fliegende Festungen der Amerikaner tauchen mit ihren Kondenzstreifen am Horizont auf und fliegen nach München oder zu anderen Städten, um dort ihre todbringende Last abzuwerfen. Am Abend haben wir frei und gehen mit Inge, Anni und Günter xxx zum Symphoniekonzert in die Mittenwalder Turnhalle. Die herrliche Musik hat uns sehr gut gefallen. Zum Abschluß machen wir einen erholsamen Abendspaziergang.

Kaltenbrunn, 19. April 1945

Unsere Offizierspistolen treffen ein und werden ausgeteilt. Die Italienfront wankt, Mailand und Verona sind schon gefallen. Wir aber werden sturheil auf das Gelände der Gröblalm befohlen und machen dort Gefechtsausbildung. Wir hören schon den Kanonendonner aus Richtung Weilheim. Nach Beendigung der Übung heißt es Waffenreinigung der neuen Pistolen in der Kaserne...

16.00 Uhr plötzlich Alarm. Wir verabschieden uns von Inge und Anni. Diesmal wird es Ernst. Unsere Stubengemeinschaft von dreißig Mann bildet eine Gruppe, Jetzt heißt es Rucksack packen, Waffen, Munition und Panzerfäuste fassen. Auf einmal gibt es Marketenderware in Hülle und Fülle. Abmarsch um 19.00 Uhr in Richtung Krün.

Ein herrlicher Tag. Unsere Einheiten müssen vor Oberst xxx vorbeimarschieren. Wir sind eine Elite-Einheit und wundern uns, daß wir bisher nicht zum Einsatz gekommen sind. Viele PKW mit hohen Offizieren passieren unser Kasernentor. Das Oberkommando der Wehrmacht sucht Schutz in unserer Kaserne oder verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Peinlich wirkt, daß unser Kommandeur im offenen Mercedes mit Kisten, Kasten und Koffern schwer beladen, mit Höchstgeschwindigkeit die Kaserne verläßt, um vermutlich in seinem Privathaus die Sachen unterzubringen. Auf der Straße ein unendlicher Flüchtlingsstrom aus den Gebieten südlich von München. Tolle Gerüchte schwirren umher. In München sendet schon ein Freiheitssender...

20. April 1945

Führers Geburtstag. Eine wunderbare Morgenfeier in der Kaserne. Musik von Mozart und Beethoven wird gespielt. Der Dirigent heißt Adam. Lange Muße bleibt uns nicht, denn wir werden zum Scharfschießen auf den Brendten befohlen. Ich erziele ganz gute Ergebnisse. Außerdem müssen wir ein Überlebenstraining absolvieren, obwohl wir altgediente Landser mit hohen Auszeichnungen u.a. Ritterkreuzträger bei uns haben. Wir schlagen Zelte im Gebiet des Kranzberges auf, schlagen Latschnkiefernzweige ab, damit wir in unserer Sommeruniform nicht auf dem Schnee liegen müssen, breiten die dünnen Decken aus und fallen in einen Erschöpfungsschlaf. Was mir in Jahren im russischen Winter nicht passiert ist, tritt heute ein: Mir sind beide Füße angefroren. Unter großen Schmerzen schleppe ich mich in die Kaserne zurück. Beim Ausziehen der Bergschuhe bleiben große Fetzen von Hackenfleisch und Sockenresten am Bergstiefel hängen. Mit übermangansaurem Kali werde ich kuriert. Abends bin ich Offizier vom Dienst und übernehme die Kasernenwache...

26. April 1945

Es erfolgt der Befehl, eine Kampfgruppe für den Alarmfall aufzustellen. Ich bekomme eine Gruppe und bin aufgrund meiner Erfahrung MG-Schütze I. Abends geht's zum Einkaufen in die Stadt. Wir haben immer Hunger. Aber bei Margret im Bahnhof gibt's gutes Essen. Anschließend treffe ich mit Kuhn und Mühle zusammen, und wir gehen in den Postkeller. Wir essen mangels Essenmarken Stammgericht, geben der Serviererin ein gutes Trinkgeld und verlangen aus Protest gegen die nicht ausreichende Verpflegung der Soldaten, daß alle leer gegessenen Teller auf dem Tisch stehenbleiben. Wir brachten es auf sechzehn Teller.

27. April 1945

Beförderung zum Leutnant der Reserve. Vaters Wunsch ist mit dem heutigen Tage in Erfüllung gegangen. Leider wissen die Eltern und Verwandten nichts davon. Ich bekomme 400,-- Reichsmark Bekleidungsgeld und 48,-- RM Wehrsold. Stolz wird der nach bestandenem Lehrgang vorsorglich schon beim Schneider bestellte Offiziersrock angezogen... Jeder Ausgang ist seit einer Woche gesperrt, weil die Amis schon auf Weilheim vorrücken.

28. April. 1945

Klais, Kaltenbrunn, bepackt wie Mulis.

Nach einer halben Stunde sind wir schwerbepackten Jäger trotz allen Trainings schon ziemlich fertig. Da kommt wie vom Himmel geschickt ein großer LKW mit Anhänger daher. Ein Kamerad hat ihn trotz der wegen Fliegergefahr abgeblendeten "Schlitzaugen" in der Dunkelheit rechtzeitig gesehen und angehalten. Wir dürfen aufsteigen und ca. vierzig Mann nehmen auf dem Motorwagen und weitere vierzig Mann auf dem Anhänger Platz. Einer war nicht mehr unterzubringen und er stieg auf die Deichsel. Dieser Kamerad sollte unser Lebensretter sein. Wir waren zwar abgebrühte Landser, mußten aber mit Entsetzen feststellen, daß der LKW mit Anhänger ca. 800 Panzerfäuste geladen hatte. Wir saßen also wie auf einem Pulverfaß, und ab ging die Fahrt Richtung Garmisch...

Der LKW-Fahrer mußte uns leider vor unserem Einsatzziel absetzen, weil er eine andere Order hatte. Wir marschierten nun weiter bis Sankt Gerold und warteten im Heustadl auf unseren Einsatzbefehl.

30. April 1945

Es wird eine Vorpostengruppe von 13 Mann gegründet, die die Aufgabe hat, durch Maschinengewehrfeuer und Leuchtpistolen anzuzeigen, daß die Amis, die jetzt schon in Garmisch sind, angreifen werden... Und ab geht's nach Kaltenbrunn als Gefechtsvorposten.

In Kaltenbrunn angekommen, hören wir schon Ari-Abschüsse und Sprengungen aus der Gegend um Garmisch. Nach langen Überlegungen bezieht unsere Gefechts-Vorpostengruppe eine Stellung 300 Meter gegenüber dem Bahnhof von Kaltenbrunn. Natürlich hatten wir wegen des schweren Gepäcks kein Schanzwerkzeug bei uns und kauerten uns hinter Felsvorsprünge. Wir hatten immer Experten bei uns, und zwei Mann schlichen sich zum Bahnhof nach Kaltenbrunn. Dort stand ein wunderschöner Güterzug mit sagenhafter Verpflegung, der nicht weiterfahren konnte, weil die Amerikaner Garmisch-Partenkirchen schon besetzt hatten... Ein Kamerad hatte sogar einen amerikanischen Spähtrupp am Bahnhof von Kaltenbrunn entdeckt. Es herrscht Rauhreif und vereinzelte Ari-Einschläge sausen an uns vorbei. Sonst ist es aber ruhig, weil die Amerikaner uns nicht bombardieren können, da Rauhreif und Nebel herrschen. Einer unserer pfiffigsten Kameraden geht zur Panzersperre der Pioniereinheit. Sie versichern uns, daß hier keiner auf der nur 3 Meter breiten Engstelle neben der Isar durchkommt. Sie hätten fünfzig hochexplosive Minen gelegt. Wir könnten also ganz beruhigt sein. Um 5.00 Uhr früh erwarten wir den amerikanischen Angriff, nach den Angriffszeiten in Rußland. - Nichts geschieht. Um 7.00 Uhr herrscht immer noch für uns ungewöhnliche Stille. Um 8.00 Uhr dann fliegt unsere - von den Pionieren gelegte Panzersperre - in die Luft. Die Amis hatten Spezialpanzer eingesetzt, die mit Geräten, die wie Dreschflegel wirkten, alle Minen in die Luft gesprengt hatten. Damit war die Straße nach Mittenwald frei.

Um 9.00 Uhr erfolgt ein Panzer- und Infanterieangriff schwerster Art gegen uns. Kugeln und Querschläger sausen uns um die Ohren. Vierradangetriebene Jeeps mit 2-cm-Geschützen versuchen uns zu erwischen, weil wir befehlsgemäß unserer Hauptdivision den Angriff der Amerikaner durch MG-Feuer und Leuchtkugeln gemeldet hatten. Damit war unsere Aufgabe erfüllt, und wir konnten uns absetzen.

Das war leichter gesagt als getan, denn wir mußten uns nach mühseliger Überwindung einer Steilwand auf den Höhenkamm in Richtung Krün durchschlagen... Von der Höhe aus konnten wir den Kampf der Haupttruppe der Mittenwalder Jäger gut beobachten. Acht amerikanische Sherman-Panzer werden heute abgeschossen..."

 

© Alois Schwarzmüller 2006

Zurück zur Startseite