Ein Kriegsende - Garmisch-Partenkirchen in den letzten Apriltagen 1945

 

 

 

 

Sepp Grabichler
Rosenheim, Kufsteinstraße 1/III - 20.12 1946
Eidesstattliche Erklärung für Herrn L. Hörl, Bad Reichenhall

 

... In den letzten Kriegstagen war ich dem Geb.J.Rgt. Ers.Rgt. 537 in Garmisch-Partenkirchen in meinem Dienstrang als Lt.d.R. als Hochgebirgsreferent zugeteilt. Mein Rgt.-Kdr. war Oberst und Ritterkreuzträger L. Hörl. Vorweg möchte ich gleich erwähnen, dass Hörl sich bei dem Mannschaftsstand wie auch bei den Offz. einer grossen Beliebtheit erfreuen konnte. Schon bei der Übernahme der Kdr.-Stelle hat Oberst Hörl mir gegenüber, und auch bei vielen anderen Offz. ganz offenkundig davon gesprochen, dass diesem sinnlos gewordenen Krieg ein Ende bereitet werden muss. Ferner, dass er zum gegebenen Zeitpunkt den ihm zugeteilten Verteidigungsabschnitt kampflos übergeben wird. Seine negative Einstellung gegenüber der Partei und den seinerzeitigen Machthabern brachte er stets immer wieder klar zum Ausdruck. Sein Vorhaben und seine Einstellung begründete er sachlich und wohlüberlegt. Er wollte unter allen Umständen weiteres Blutvergießen verhindern und keine Menschenleben für eine hoffnungslose Sache hinopfern.

Es war am 28. April 1945, als die Kriegslage immer hoffnungsloser wurde, wo sich im Zimmer des Kdr., Herrn Oberst Hörl, folgendes abspielte:

„Es war ungefähr 9.00 Uhr vormittags, als ich mit dem seinerzeitigen Btl.-Kdr. Hptm. Müller zu unserem Kommandeur kam. Wir traten ein, als sich im Zimmer ein Oberstleutnant Bauernfeind befand. Er stellte sich uns als Führer des fliegenden Führer-Standgerichtes vor. Dieser bezichtete unseren Oberst der „schlimmsten Sachen" und machte immer wieder Vorwürfe über haltlose Zustände und Zerfallserscheinungen im Geb.J.Ers.Rgt. 537. Bauernfeind betonte, dass bekannt geworden sei, dass die Gebirgsjäger den Kampf einstellen wollen und mit der „Freiheit – Aktion Bayern" in Verbindung stehen würden. All nach diesen Vorwürfen und Beschuldigungen gab er Oberst den Befehl, sofort an seine Einheiten Anweisungen zu geben, den Kampf bis zum letzten Mann aufzunehmen. Bei Nichtbefolgung dieses Befehls drohte er Oberst Hörl – nachdem er ihm eine Zeit von 10 Minuten zur Verfügung stellte – mit der sofortigen Absetzung und Verhaftung. Oberst Hörl ließ sich jedoch von Oberstleutnant Bauernfeind unter den gegebenen Umständen nicht einschüchtern. Im Gegenteil Oberst Hörl ließ diesem zu verstehen geben – bekräftigt durch einen kräftigen Faustschlag auf seinen Schreibtisch – dass im Schutzkreis Ga-Pa nur einzig und allein er Befehle erteile und sonst niemand. Auch nicht Herr Oberstleutnant Bauernfeind. Was er zu befehlen hätte, wisse er selbst. Überrascht durch das schneidige Auftreten von Oberst Hörl legte der Führer des Standgerichtes eine etwas gemilderte Note an den Tag. Nach einer Aussprache, wobei Oberst Hörl, Hptm. Müller wie auch meine Person ihn auf die Zustände bei anderen Truppenteilen aufmerksam machten, zog Oberstleutnant Bauernfeind, mit dem Hinweis, nochmals zu kommen, ab.

Noch am Abend des gleichen Tages drohte unserem Oberst eine erneute Verhaftungsgefahr. Gegen 17.00 Uhr traf ein Major als Vertreter des Kdr. der Feldjäger, General der Flieger Speidel, und gegen 19.00 Uhr Speidel persönlich ein. Er wollte Aufklärung haben, wieso H. bzw. Oblt. Haller des Rgt.-Stabes dazukämen, den kämpfenden Truppen eine Brücke bei Schleedorf zu sperren. Es wurde ein Sabotage-Akt des Rgt.-Stabes vermutet. Auch diese Gefahr wurde nach einer sachlichen Aussprache abgewendet.

Am 29. April wurde auf Befehl von Oberst Hörl um 14.00 Uhr nach Verlesung einer Proklamation an die Zivilbevölkerung - worin H. diese aufforderte, sich ruhig zu verhalten, da die Massnahmen, die von den Gebirgsjägern getroffen werden, äusserst vernünftig sind – zur Übergabe geschritten. Um 17.00 Uhr übergab Herr Oberst Hörl entgegen allen Befehlen von höchsten Parteistellen und des Kdr. vom Kampfabschnitt Süd-West, Generalfeldmarschall Kesselring, den Schutzkreis Garmisch-Partenkirchen kampflos an die Alliierten Streitkräfte.

Zum Schluss führe ich noch einen Ausspruch des Kreisleiters Schiede von Ga.-Pa. an. Ich war bereits von der Übergabe aus Oberammergau zurück und gerade auf dem Weg zum Rgt., als ich vor dem Rgt., d.h. vor dem Div.Stabsgebäude den Kreisleiter in grosser Ratlosigkeit antraf und ihm berichtigte (sic), dass Ga.-Pa. übergeben sei. Er gab mir daraufhin die folgende Antwort: "Ich habe es ja schon immer gewusst, dass Oberst Hörl noch nie für unsere Sache eingestanden ist."

Rosenheim, 20.12.1946

Gez. Sepp Grabichler

 

© Alois Schwarzmüller 2006

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