Ein Kriegsende - Garmisch-Partenkirchen in den letzten Apriltagen 1945

 

 

 

 

Ludwig Hörl, Oberst

Bericht über die Übergabe des Gebietes von Garmisch-Partenkirchen am 29.4.1945 im Rahmen der Freiheitsaktion Bayern (Abschrift) - 25. April 1946 – Bad Reichenhall
 

"Als ich anfangs April nach Ausheilung meiner Verwundung die Geschäfte des Standortbereichsführers im Gebiet Garmisch-Partenkirchen und als Rgts.Kdr. des Geb. Jäg.E.u.A.Rgt. 537 übernahm, neigte sich das Drama des unsinnigsten aller Kriege mit reissender Schnelligkeit seinem bitteren Ende zu. Für mich als aktiver und durch den Nationalsozialismus durch das „Heimtückegesetz" als Staatsfeind bestrafter Kämpfer gegen dieses System war die Aufgabe völlig klar. Der mir anvertraute Heimatboden, seine Bevölkerung und die vielen dort untergebrachten Verwundeten mussten vor sinnloser Opferung, Vernichtung und Zerstörung bewahrt werden. Wie dieses Ziel erreicht werden konnte, ob im Rahmen einer grösseren Aufstandsbewegung in ganz Bayern oder im Ausmass einer Teilaktion, konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ermessen werden.

Die Aufgabe war schwierig, da mir die örtlichen Verhältnisse gänzlich unbekannt waren und ich erst meiner Offiziere und Gebirgsjäger sicher sein musste, wenn die die Aktion gelingen sollte. Im Laufe von Besprechungen und Unterredungen gab sich mir der damalige Adjutant der Ers.Btl. Garmisch, Oblt. Seibold, als einziger offen als Mitglied der Freiheitsaktion zu erkennen. Er war mir im weiteren Verlauf eine grosse Stütze und seiner Vertrautheit mit den örtlichen Verhältnissen verdanke ich die Verbindungsaufnahme zu Gen.Obst. a.D. Adam, der sich mir als unversöhnlicher Gegner des nat. soz. Systems zur Verfügung stellte. Mit meinen Offizieren wurden je nach ihrer Zuverlässigkeit die Fragen und Massnahmen gegen den unsinnigen Widerstand besprochen und durchgeführt. Unter anderen wurde die Partei und die Wehrwolfbewegung überwacht und die Möglichkeiten ihrer Unschädlichmachung vorbereitet. Des weiteren wurden von Ge.Kdo. angeforderte Truppen entgegen den Befehlen zurückgehalten, um das kostbare Blut unserer Gebirgsjäger weiterhin nicht mehr sinnlos zu opfern und um die Kampfkraft der Widerstandsgruppe Garmisch nicht zu vermindern. Mehrmals nahm ich in all diesen Fragen Verbindung mit Oberst Grosser, dem Chef des Stabes stellv. Gen.Kdo. VII A.K. in Kempfenhausen auf, vor allem auch um eine Widerstandsbewegung in grösserem Umfange auszulösen. Ich habe ihm für diese Aktion den Schutz der Gebirgsjäger in Garmisch angeboten. Mein ständiger Begleiter auf all diesen nicht ungefährlichen Fahrten war Oblt. Gais. Man hatte zwar den Eindruck, dass im Gen.Kdo. und in der Div. mit meinen Vorschlägen grossenteils Einverständnis herrschte und dass dort Pläne geschmiedet wurden, aber es hatte niemand den Mut, die Verantwortung zu übernehmen. Im Gegenteil, als Entscheidungen getroffen werden mussten, zog sich ein Herr nach dem anderen wegen Krankheit oder sonst einem Vorwand aus seinem Amte zurück. Als dann auch noch Oberst Grosser wegging, wurde mir klar, dass bei den schlechten Nachrichten- und Verkehrsmitteln, die einem Truppenkommandeur damals zur Verfügung standen, an eine grössere Aktion nicht mehr gedacht werden konnte und jeder Truppenführer auf sich allein gestellt war. So unterblieb das wesentlich wirksamere, gemeinsame Losschlagen und zerfiel in Teilaktionen. Für mich kam es nun darauf an, dass ich aus der gegebenen Lage die Konsequenzen klar zog, und die Verantwortung, die von oben her auf mich gekommen war, nicht noch weiter auf meine Untergebenen abschob. Obwohl Oblt. Seibold am 27.4. abends in einer geheimen Besprechung zum Losschlagen drängte, hielt ich die Zeit dafür aus folgenden Gründen noch für verfrüht:

  • auch Oblt. Seibold hatte keinerlei Verbindung zur Hauptbewegung. Wie dort die Lage stand, war unbekannt.

  • hatte sich inzwischen im Garmischer Gebiet eine grosse Anzahl hoher und höchster militärischer und ziviler Dienststellen zusammengedrängt, in Oberammergau lag der SS-Stab Kammler mit 600 – 800 Mann und stärkere SS-Kräfte hatten sich in der Gegend von Lenggries und Seefeld versammelt. Ein erfolgreicher Kampf gegen diese Kräfte war Utopie.

  • hatte die obere Führung nach Schaffung ihrer letzten Zufluchtstätte, der sogenannten „Alpenfestung Tirol", besonderes Augenmerk auf den Nordrand des bayerischen Gebirges gelegt, der das Glacis zur Festung bilden sollte. Es war mir klar, dass beim Herausbrechen eines Teils dieses Glacis die Festung damit gefallen war. Das Gebiet von Garmisch bot aber eine wichtige Einfallspforte, die Strasse über Mittenwald nach Innsbruck

Keine Sekunde zu früh durfte ich meine Karten aufdecken, wenn ich nicht damit die ganze Aktion gefährden wollte. Dazu kam noch, dass mich am 28.4. ein Standgericht des Führers wegen meiner Haltung mit dem Tode bedrohte und dass am 29.4. dem Tag der Übergabe, Oberst Pfeiffer, Kdr. Der Gebirgsjägerschule, auch den Befehl über meinen Abschnitt übernahm, obwohl er dem Patent nach jünger war. Durch die Gegenwart von Oberst Pfeiffer wurde die Lage für die Aktion erneut erschwert.

 

Der Einzelablauf der letzten Tage wird im Folgenden wiedergegeben:

 

Ablauf der Ereignisse in der Zeit vom 24. – 29.4.1945

Di. 24.4.

Fahrt nach Mittenwald zur Gebirgsjägerschule. Besprechung zwischen Oberst Hörl und Oberst Pfeiffer. Ergebnis: Übereinstimmung darin, dass jeder Widerstand unsinnig und jedes weitere Opfer an Menschen ein Verbrechen. Anschließend eine Ansprache von Oberst Hörl an die versammelten Offiziere der R.O.B. Lehrgruppe 537 Luttensee mit Bericht über die Entwicklung der Lage. Es wurde den Teilnehmern eröffnet, dass es notwendig ist, unseren Heimatraum vor sinnloser Zerstörung zu bewahren und dass unsere Verpflichtung nunmehr nur noch unserem Volke gilt.

Mi. 25.04

Einrichtung eines mot. Streifendienstes um Schutzbereich unter Führung von Mjr. Pössinger mit dem Auftrag, unberechtigt Kfz. sicherzustellen und gegen die traurige „Bonzenflucht" einzuschreiten. Die beschlagnahmten Kfz. wurden zur Herbeiholung von Verpflegung für die Bevölkerung eingesetzt. Vorbereitung einer Proklamation durch Oblt. Gais unter Mithilfe von Rittmstr. Mayr an die Bevölkerung der Landkreise Weilheim und Garmisch-Partenkirchen (Übernahme der Gesamtverantwortung auf militärischem und zivilem Gebiet unter Ausschaltung der Partei).

Nachmittags Lagebesprechung in Kempfenhausen. Dabei Kenntnisnahme vom Ausscheiden Oberst Grossers. Zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung wird ein Überfallkommando mot. aufgestellt.

Do. 26.4. und Fr. 27.4.

Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung unter den schwierigsten Verhältnissen. Es wird dadurch der Gesamtüberblick über den anvertrauten Bereiche bewahrt.

Sa. 28.4.

5.30 Uhr Fahrt dorthin Mitteilung durch einen Zivilisten über Besetzung des Münchner Senders durch die Bayerische Freiheitsbewegung. Der kurze Besuch in Kempfenhausen zeigte, dass das stellv. Gen.Kdo. keinen Zusammenhang mit der Freiheitsbewegung hatte, dass diese Verhältnisse dort unklar und verworren waren und dass nichts anderes übrig blieb, als zunächst selbsttätig, aber im Sinne der Freiheitsbewegung zu handeln. Nach Rückkunft Besprechung über die nun eingetretene Lage mit den Herren des Stabes unter Teilnahme von Mjr. Pössinger und Hptm. Müller, Kdr. I./98. Oberstlt. Bauernfeind verschafft sich unberechtigterweise Zutritt zu dieser Besprechung, stellt sich als Sonderbeauftragter des Führers vor, beschuldigt Oberst Hörl der Verletzung seiner Dienstpflicht und droht mit Standgericht. Oberst Hörl legt energisch seinen Standpunkt klar. Hptm. Müller und Lt. Grabichler geben dem Sonderbeauftragten eindeutig zu wissen, dass sämtliche Offiziere und Mannschaften in Frontkameradschaft hinter ihrem Oberst stehen.

So. 29.4.

Um 6.30 Uhr erscheint vom Befehlshaber Gen. Greiner der mit der Führung der Div. 467 beauftragte Oberst Brendel. Nach Bekanntgabe der Lage durch Oblt. Gais ist Oberst Brendel stark beeindruckt, er tritt sein Amt nicht an. Um 9 Uhr trifft Oberst Pfeiffer im Div. Stabsgebäude ein. Auf Befehl von Gen. Jaschke (Befehlshaber Nordalpenfront) hat Oberst Pfeiffer den Abschnitt übernommen, dem auch mein Bereich unterstellt ist. Er hat seine Meinung vom 26.4. dahingehend geändert, dass er von Oberst Hörl verlangt, sich bis zum Verschuss der Munition zu verteidigen. Fernmündliche Meldung der Gendarmerie Oberammergau, dass amerikanische Panzer im Anrollen sind. Oblt. Gais verhindert durch Festnahme ortsfremder Sprengmannschaften, dass die Eisenbahnbrücken südl. Hechendorf und bei Farchant zerstört wurden. Inzwischen sind die Amerikaner auf die Sperrlinie südl. Oberammergau aufgeprallt. Feindliche Artillerie beginnt in den Raum Ettal zu wirken. Lt. Grabichler entwirft auf Befehl von Oberst Hörl folgende Proklamation und gibt sie durch Lautsprecher an die Garmischer Bevölkerung bekannt: „Garmischer, haltet Ruhe und Ordnung, wir Gebirgsjäger übernehmen die Verantwortung und den Schutz der Verwundeten. Sämtliche ortsfremde Einheiten haben sofort Garmisch und seine Umgebung zu verlassen." (Auszug)

Noch So. 29.4.

Oberst Pfeiffer kann sich jetzt den Ausführungen von Oberst Hörl über die Unsinnigkeit, das Lazarett und Rote Kreuz in Ettal der Vernichtung preiszugeben nicht verschließen. Kurz erwägt er eine weitere Verteidigung in Oberau oder Farchant. Auch diese wird ihm ausgeredet und er wird überzeugt, dass Garmisch als Lazarettstadt kampflos übergeben werden muss. Daraufhin begibt sich Oberst Pfeiffer nach Mittenwald. Oberleutnant Gais setzt sich auf Befehl von Oberst Hörl mit dem Genfer Roten Kreuz in Grainau in Verbindung und führt Herrn Meunier, den Leiter der Delegation, zu Oberst Hörl. Herr Meunier erklärt sich bereit, die Verhandlungen über die Übergabe des Gebietes von Garmisch-Partenkirchen zu übernehmen. Er fährt mit Major Pössinger, Oberleutnant Licht und Leutnant Grabichler als Parlamentären und dem Sonderführer Palmié als Dolmetscher nach Oberammergau, um die Übergabe im Auftrage von Oberst Hörl anzubieten. Inzwischen ruft General Brandenberger vom AOK 19 an und gibt den Befehl von Feldmarschall Kesselring, „rücksichtslos zu verteidigen, offene Städte gebe es nicht", durch. Oberst Hörl begibt sich nach Oberau, um sich über den Stand der Ereignisse zu unterrichten. Um 17 Uhr geht in Garmisch ein fernmündlicher Befehl von Oberst Pfeiffer ein: Auf Befehl von Feldmarschall Kesselring wird Raum Garmisch bei Farchant verteidigt. Schicke zur Verstärkung 250 Offiziere der OKH Führerreserve Mittenwald mit Panzerfäusten. Die Verhandlungen mussten unter Einsatz des Lebens geführt werden. Aber sie gelingen. Entgegen allen diesen Befehlen rollen um 18.45 Uhr die ersten amerikanischen Panzer geführt von Oberst Hörl und Oblt. Licht, der freiwillig als Geisel bei den amerikanischen Truppen geblieben war, in Garmisch ein, wo Oberst Hörl offiziell den Bereich mit Stadt übergab.

Durch die rechtzeitige Übergabe von Garmisch konnte der bereits eingesetzte amerikanische Luftangriff von 400-600 Bombern auf das Gebiet von Garmisch gerade noch gestoppt werden.

Die Wahrheit obenstehenden Berichtes können bezeugen:

Herr K. Seibold, ehemals Oberleutnant und Btl. Adj. Ber. Dipl. Landw. Hochschulass, jetzt München, Dietlindenstrasse 3/II

Herr H. Gais, ehemals Oblt. B. Regstab, Dipl. Ing. Architekt, München, Washingtonstrasse 21

Herr Sepp Grabichler, ehemals Lt. u. Ord. Offizier, Sportberichter, Rosenheim im Hotel „Goldener Hirsch""

München, den 25. April 1946

Gez. H, Bad Reichenhall, Mozartstrasse 1

 

Nachtrag zur Übergabe - ohne Datum:

Als die Amerikaner an der Sperre südl. Oberammergau kamen, wurde die Übergabe durchgeführt. Sofort schickte ich Major Pössinger nach Garmisch, um dort die Ordnung aufrecht zu halten. Ich selbst führte, begleitet von Oblt. Licht, um jeden Zwischenfall zu vermeiden, in einem Jeep bewacht von Amerikanern mit schussbereiten Gewehren, die amerikanische Truppe nach Garmisch und übergab dort gegen 19.00 Uhr den Ort.

Meine Familie wurde einige Tage vorher von meinen Männern zum Schutz gegen die Sippenhaftung bei Nacht und Nebel und auf Umwegen von Bad Reichenhall nach Garmisch gebracht.

Gez. Hörl

 

Aus der Stellungnahme von Oberst a.D. Ludwig Hörl vom 27.10.1987:

"... Nun zu den Zeitungsberichten über Pössinger als Retter von Garmisch! Mein alter Freund, General Buchner, hat mir seinerzeit diesen Tartarenbericht geschickt. Ich kann nicht sagen, wie er zusammengebraut worden ist im Kreise Pössinger - in seinem Schlepptau der damalige ObLtnt. Licht – und einem eifrigen Zeitungsschreiber, der eine zündende Story brauchte. Natürlich ist Pössinger in Garmisch ein kleiner Nationalheros gewesen. Aber als Offz. sollte man sich nicht mit fremden Federn schmücken. Ich habe mich damals auch bei der Zeitung beschwert und bekam als Ausrede serviert: „Es hätte sich nur um eine Episode bei der Übergabe gehandelt!"

Ich möchte noch einmal die Sache klarstellen: Als sich die Amerikaner Ettal näherten und mit einem Luftangriff von 600 Maschinen nach Garmisch drohten, war der Zeitpunkt der Übergabe gekommen. Ich schickte damals Major Pössinger, ObLtnt. Licht mit einem Vertreter des Roten Kreuzes den Amerikanern entgegen mit dem Auftrag, die Übergabe vorzubereiten. Ich wollte solange als möglich in Garmisch bleiben um jede Störung zu unterbinden… Dann bin ich den Amerikanern entgegengefahren und habe Pössinger und Licht sofort nach Garmisch geschickt, damit dort die Ruhe gewahrt blieb. Ich selbst fuhr in einem Kraftwagen mit einem amerikanischen Offizier – hinter mir zwei Neger mit schussbereiten Gewehren – an der Spitze der Amerikaner nach Garmisch und übergab dort die Stadt."

Gez. H

 

 

© Alois Schwarzmüller 2006

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