"Im Großen und Ganzen willig und brauchbar"
Zwangsarbeit in Garmisch-Partenkirchen 1940-1945

 

 

Aus „Zivilrussen“ wurden „displaced persons“

Am frühen Abend des 29. April 1945, von einer Stunde auf die andere, wurden in Garmisch-Partenkir­chen aus Gefangenen und KZ-Häftlingen, aus „Ostarbeitern“ und „Zivilrussen“ – Menschen. Sie waren jetzt frei, aber zunächst einmal doch nur Teil des Chaos aus Erschöpfung, Verzweiflung, Hoffnung, das sich seit vielen Monaten einen Weg in die vermeintliche „Alpenfestung“, zum Schauplatz olympi­scher Friedensversprechungen gesucht hatte.

Ein Heer Evakuierter, unter ihnen mehr als tausend aufs Land verschickte Kinder aus „bombenge­fährdeten Gebieten“, tausende verwundeter und genesender Soldaten der Wehrmacht und der SS, ungezählte Flüchtlinge mit Sack und Pack, endlose Kolonnen militärischer Einheiten und Stäbe in Auflösung, zivile Mitarbeiter von Ministerien, Atomwissenschaftler und Raketenspezialisten auf der Flucht – alle kamen früher oder später, viele in den letzten Tagen vor dem absehbaren Ende ohne „Endsieg“ nach Garmisch-Partenkirchen. Geborgen, gerettet, geflohen, angekommen im Durcheinan­der einer Fluchtburg, die plötzlich das Mehrfache an Menschen versorgen musste. 1939 lebten etwa 18.000 Frauen, Männer, Kinder in Garmisch-Partenkirchen, 1945 kurzfristig ein Mehrfaches. Jeder Heustadel und jede Berghütte war belegt.

Dem Eschenloher Pfarrer Josef Demleitner verdanken wir in seinen tagebuchähnlichen Aufzeichnun­gen eine anschauliche Schilderung der Verhältnisse.[1] Am Samstag, 28. April 1945, einen Tag vor dem Einmarsch der US-Streitkräfte in Garmisch-Partenkirchen, notierte er: „In Garmisch soll sich alles stauen. Die Leute bleiben im Freien übernacht, die Straßen sind von Autos verstopft, es gibt kein Brot mehr. Alles flüchtet ins Gebirge, besonders die Norddeutschen, weil sie meinen, das sei ein Land, das von Milch und Honig fließt.“ [2] Und weiter: „Garmisch-Pa hat bei 80 000 Einwohner. Die wollen ver­pflegt sein.“[3] Ähnliche Beobachtungen sind auch der „Chronik der letzten Kriegstage“ von Ottilie Dihm und ihres Sohnes Karl Dihm zu entnehmen. Dort heißt es: „Im Raum Garmisch-Partenkirchen sollen jetzt einschließlich Farchant und Grainau und der Lazarettin­sassen 70000 Menschen wohnen gegen­über früher 18000. Da nichts mehr hereinkommt, macht sich das an der Ernährung sehr fühlbar.“[4] Und in den ersten Tagen nach dem lokalen Kriegsende kamen noch, so Demleitner, „bei 5000 Autos u. Panzer“ und „ca. 20000 Mannschaften“ der US-Armee hinzu.[5]

In diesem Durcheinander von Einheimischen und Schutzsuchenden, von Wehrmachtssoldaten und US-Truppen waren die etwa 1000 ausländischen Zwangs- und Zivilarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge plötzlich für sich selbst verantwortlich, auf sich selbst gestellt. Aus Frauen und Männern, die gestern noch mit aufge­nähten Stoffzeichen als nützliche „Untermenschen“ kenntlich waren, wur­den Konkurrenten um Kalo­rien. Manche haben die Gelegenheit wahrgenommen, um sich zu rächen und zu plündern. Pfarrer Josef Demleitner beobachtete die Entwicklung in Eschenlohe und wunderte sich darüber, „dass die Russen, die oft unmenschlich geschlagen wurden und dauernd die schlech­teste Kost, lange nur Dotschen, bekamen, tagelang kein Brot, keine Kartoffeln, nicht blutige Rache an ihren Peinigern genommen haben.“[6] Der Garmischer Pfarrer Josef Bittel notierte dagegen in seinem „Kriegs- und Einmarschbericht“[7]: „Die Ausländer plünderten in großem Umfang hiesige Geschäfte, besonders Geschäfte für Konfektion, Schuhe und Lebensmittel, auch in Privathäusern wurde geplün­dert; ebenso in großen Lagern, wo das Gut der Evakuierten untergebracht war… bis dann ein stren­ges Plünderungsverbot kam.“[8] Von ähnlichen Erfahrungen berichtete auch Kurat Max de L`Espine aus Farchant: „Ausländische Arbeitskräfte glaubten in diesen Tagen die Stunde für gekommen Ver­geltung üben zu können.“[9] Die gewalttätige Selbsthilfe endete mit den Bemühungen der US-Besat­zungsbehörden, ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge als „displaced persons“ zu registrieren, sich um ihre Versorgung mit den Bedürfnissen des täglichen Lebens zu kümmern und ihre Rückfüh­rung in die Heimat zu organisieren.

   
  Ukrainische DPs 1945 in Mittenwald, Camp Luttensee Jüdische DPs 1947 in Garmisch-Partenkirchen bei einem Gedenkmarsch  

Über die weiteren Wege der Garmisch-Partenkirchner DPs gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Schicksale ehemaliger Zwangsarbeiter, die aus der Sowjetunion gekommen waren, sind nicht bekannt geworden. Wer in die kommunistische Heimat zurückgekehrt war, wurde nicht selten von Stalin als Kollaborateur und Verräter gebrandmarkt und musste damit rechnen, erneut zu Zwangsarbeit ernied­rigt zu werden. Vor allem Ukrainer, aber auch Polen blieben deshalb ihrer Heimat fern. In den ehema­ligen Mittenwalder Gebirgsjägerkasernen Camp Jägerkaserne, Camp Pionierkaserne und Camp Lut­tensee wurden im März 1946 für sie und ihre Leidensgenossen aus anderen Teilen Bayerns Lager eingerichtet, die von der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) betreut wurden. Im Juni 1946 lebten allein in der Mittenwalder Jägerkaserne 3450 Zwangsausgesiedelte aus Russland, Polen und der Ukraine.[10]

 

[1] Josef Demleitner, Die letzten Zuckungen des ewigen Reiches - Randbemerkungen eines Landpfarrers zu einer Tragikomödie (o.O.,o.J.) - Das Manuskript, 39 eng beschriebene Seiten, liegt im Archiv des Bistums Augsburg (Sig. ABAPf132/1). Anton Jordan vom Verein zur Erforschung und Erhaltung der Eschenloher Heimatgeschichte „De Burgadler“ danke ich für den Hinweis.

Josef Demleitner (1877-1954), von 1928 bis 1950 Pfarrer der Katholischen Pfarrei St. Clemens zu Eschenlohe, war ein unerschrockener Verteidiger der Menschlichkeit, seines Glaubens und seiner Kirche. Zweimal wurde er deshalb von der Gestapo im Konzentrationslager Dachau in Haft gehalten.

Literatur zu Josef Demleitner:
Leni Berchtold, Erinnerungen an Pfarrer Josef Demleitner anlässlich seines 125. Geburtstages – in: „De Burgadler“ (2002). S. 7

[2] Demleitner S. 7

[3] Demleitner S. 28

[4] MA Garmisch-Partenkirchen - Tagebuch von Ottilie Dihm (1845-1936) und ihres Sohnes Karl Dihm (1869-1960), Eine Chronik der letzten Kriegstage 1945  (Typoskript o.O., o.J.) S. 11 – Karl Dihm war bis zu seiner Pensionierung 1933 Regierungsdirektor  bei der Regierungsforstkammer Ansbach. Von Februar 1945 bis März 1947 lebte er in Garmisch-Partenkirchen.

[5] Demleitner S. 23

[6] Demleitner S. 12

[7] Pfarrei Garmisch – Berichterstatter Pfarrer Josef Bittel – 30. Juli 1945 in: Peter Pfister (Hrsg.), Das Ende des Zweiten Weltkrieges im Erzbistum München und Freising. Die Kriegs- und Einmarschberichte im Archiv des Erzbistums München und Freising – Teil II (Regensburg, 2005) S. 1405ff

[8] Josef Bittel – Die Kriegs- und Einmarschberichte, a.a.O. S. 1408

[9] Max de L`Espine – Die Kriegs- und Einmarschberichte, a.a.O. S. 1404

[10] Society of Former Residents of the Ukrainian Displaced Persons Camps in Mittenwald, Germany (Hrsg.), Mittenwald 1946-1951 (Michigan, 2001) S. 5

 

© Alois Schwarzmüller 2012

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