1944 - Der Professor, die Bäuerin und die Nazis: Albrecht Haushofer und Anna Zahler

 

 

 

 

James Douglas-Hamilton, Geheimflug nach England. Der „Friedensbote" Rudolf Heß und seine Hintermänner (Düsseldorf 1973) S. 179

 

„Eines Tages im September 1944 hörte Frau Zahler ein Klopfen an der Tür ihres kleinen Hofes in der Nähe von Partenkirchen. Sie war gut bekannt mit der Familie Haushofer, aber den erschöpften Mann in seiner ungepflegten Kleidung und mit seinem Stoppelbart, der da hereinkam, hätte sie beinahe nicht wiedererkannt.

Sie erklärte sich bereit, Haushofer zu verbergen. Er hatte seit zwei Tagen kaum etwas gegessen, wäre im Walde beinahe von der Polizei aufgespürt worden und war glücklich, sich erst einmal ausruhen zu können. In der Nacht hörten sie den englischen Sender ab und erfuhren, daß die Befreiung durch die vordringenden Westalliierten nahte. Haushofer stand vor der Frage, ob er es wagen sollte, sich über die scharf bewachte Grenze in die Schweiz abzusetzen, oder ob er sich bis zum Einmarsch der Engländer oder Amerikaner versteckt halten sollte.

Es war aber nicht der ersehnte Feind, der zuerst kam, sondern die Polizei. Als Frau Zahler am 7. Dezember die Haustür öffnete, standen drei Gestapobeamte davor, die nach Haushofer suchten. Sie fanden im ganzen Haus niemand und wollten schon wieder abrücken, als es einem einfiel, noch einmal nachzusehen. Er kletterte die Leiter zum Heuboden hinauf und blickte sich um. Es war ein kalter Wintertag, und wie er so halb unschlüssig dastand, sah er einen perlmutternen Manschettenknopf leuchten. Es war Haushofers Hand. Er rief die anderen, man durchwühlte das Heu und hatte Haushofer im Nu gefunden. Frau Zahler sah, wie man ihn abführte, sie sah die hoffnungslose Angst in seinem Gesicht, als er sie anblickte. Auch sie wurde mit nach München genommen, was ihn neben seinem eigenen Schicksal zusätzlich bedrückte. Er versicherte ihr aber, daß ihr nichts geschehen werde, was sich auch bewahrheitete.

Am späten Abend des 9. Dezember wurde Haushofer im Wagen von München nach Berlin in das Moabiter Gefängnis in der Lehrter Straße gebracht. Das sternförmige Gebäude beherbergte in seinen Trakten 550 Zellen und wurde von einem SS-Sonderkommando bewacht. Nach dem 20. Juli hatte das Reichssicherheitshauptamt diese dem SS-Obergruppenführer Müller unterstehende Kommission geschaffen, um die Zusammenhänge und Hintergründe der Verschwörung aufzudecken. Himmler und Müller arbeiteten Hand in Hand, und da das Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße für die Zahl der eingelieferten Verdächtigen zu klein wurde, benutzte man das zwei Kilometer entfernt gelegene Gefängnis in Moabit als Dependance."

 

© Alois Schwarzmüller 2006

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