1944 - Der Professor, die Bäuerin und die Nazis: Albrecht Haushofer und Anna Zahler

 

 

 

 

Rainer Hildebrandt, ... die besten Köpfe, die man henkt. Ein tragischer Auftakt zur deutschen Teilung und zur Mauer - Herausgegeben von Alexandra Hildebrandt (Berlin 2003) S. 245–247

„Es ist eine alte Erfahrung, daß Menschen, die verfolgt werden, mit ungewöhnlicher Gewalt dorthin gezogen werden, wo sie ihre seelischen Wurzeln haben. Selbst sehr kluge Menschen werden in diesem Zustand des Gehetztseins von ihren eigenen Gedanken irregeführt und reden sich irgendeinen Grund ein, warum sie gerade in ihrer Heimat am sichersten sind. Die Gestapo jedoch hatte genügend Praxis, um diese Zusammenhänge zu kennen.

Haushofers nächtlicher Weg führte in die Nähe seines geliebten Almhäusls, nach Graseck zu einer guten Bauersfrau, welche die Haushofers seit vielen Jahren kannten. Die Partnachklamm lag zwischen ihrem Hause und dem Almhäusl, zu dem man hinübersehen konnte.

Eines Morgens in den ersten Septembertagen - so erzählte Frau Zahler - klopfte es an ihrer Haustür. „Im Gesicht war der Herr Professor gar nicht zu erkennen. Er hatte ringsherum einen Bart und war ganz verstaubt. Man sah ihm an, daß er sehr lange gelaufen sein mußte. Aber an seinem braunen Lodenmantel habe ich ihn gleich erkannt. Kennen Sie mich denn noch, Frau Zahler?' fragte er. ´Ja freilich', sagte ich. Ich dachte mir schon gleich, daß irgend etwas nicht stimmt. Ja, und dann hat er mir auch gesagt, ich solle nicht fragen warum, aber er müsse sich verstecken. Und ich habe gleich Ja' gesagt. Das war eine Erleichterung für ihn, man hat es ihm richtig angesehen! Da hat er dann ganz anders geschnauft.

Und dann hat er erzählt, daß sie ihn ums Haar gefaßt hätten. Drei Gestapoleute sind nachts im Wald ganz nah an ihm vorbeigegangen und haben nach ihm gesucht. Er hat sich schnell in ein Loch geworfen, und so ist er ihnen entwischt.

Und verhungert war der Herr Professor! Er hatte ja schon zwei Tage nichts Richtiges mehr gegessen. Und das Essen hat ihm geschmeckt!

Dann habe ich ihn gleich auf sein Zimmer heraufgebracht, und wir haben alles besprochen. Dem Russenmädel, das bei mir arbeitete, wollten wir nichts sagen. Aber meiner Tochter haben wir alles gesagt. Gleich am Abend kam der Herr Professor zu uns herunter in die Stube. Wir haben die Läden gut zugemacht, daß man durch keinen Schlitz durchsehen konnte. Dann haben wir den ´Engländer´ eingeschaltet, und was meinen Sie, was der sagt: Viele tausend Menschen seien auf der Flucht und müßten sich verstecken. Diese sollten aber ausharren und nicht den Mut sinken lassen. Es würde nur noch wenige Wochen dauern, und dann wären sie befreit. Wie das auf uns gewirkt hat! Wir konnten kein Wort mehr zueinander sagen.

Dann ist der Herr Professor fast jeden Abend zu uns heruntergekommen und hat Radio gehört. Er konnte es gar nicht verstehen, daß es in Frankreich nicht schneller ging. Ich glaube, er überlegte sich oft, ob er nicht doch noch weiter sollte nach der Schweiz; aber es lag schon Schnee. Er hat auch die Karten studiert, und ich habe ihm immer gesagt, er kann gut bleiben.

Leicht war es für ihn trotzdem nicht hier, denn er hat sich jedesmal sehr aufgeregt, wenn Leute kamen. Dann ging er schnell auf den Boden hinauf und versteckte sich im Heu. War wieder alles in Ordnung, und ich sagte es ihm, dann war ihm noch anzusehen, daß er solche Aufregungen nicht gewohnt war.

Und der Herr Professor war ja so bescheiden. Er sagte immer: ´Gehen Sie ruhig fort. Wenn Sie mir am Abend etwas zu essen geben, genügt es.' Er war immer allein in seinem Zimmer oben und hat unsere Bücher vom Alpenverein studiert.

Dann hat er auch geschrieben. Aber was das war, weiß ich nicht. Als es in den November ging, hat er sich gut herausgemacht gehabt, auch war er jetzt nicht mehr so aufgeregt, wenn es klopfte.

Ende November hat die Gestapo meine Nachbarin gefragt, ob man bei mir etwas beobachtet habe. Aber das schlechte Weib hat mir nichts gesagt, die Verdammte. Sonst hätte man ihn doch woanders hingeschafft. Am 7. Dezember ist es dann passiert: Ich war nicht da, sonst wäre vielleicht alles anders gegangen, und er wäre besser versteckt worden. Es klopfte energisch, und er ist gleich auf die Bühne raufgesprungen und hat in der Aufregung vergessen, die Leiter hinter sich hochzuziehen. Meine Tochter hat aufgemacht. Dann kamen drei Beamte herein und haben alles durchsucht. Erst am Schluß gingen sie hinauf auf den Boden, und dort fanden sie ihn dann im Heu.

Als ich zurückkam von der Arbeit, wurde er gerade abgeführt. Wie er mich angeschaut hat! Der Mann wußte, daß es jetzt aus ist. Und mich hat er noch so dankbar angeschaut. Er hat wohl gefürchtet, ich würde etwas Ungeschicktes sagen, aber so dumm war ich doch nicht. Sie haben mich dann gleich verhört, und ich tat so, als habe ich von nichts gewußt. Aber die nahmen mich dann doch mit."

Haushofer wurde von zwei Beamten nach Partenkirchen hinabgeführt. Als er den Weg durch die Partnachklamm ging und an dem Sägewerk herauskam, begegnete ihm dort der Tragesel, der alltäglich den Weg zu seinem elterlichen Almhäusl hinauf machte und die Bewohner der Partnachalm mit Lebensmitteln versorgte. Lange mochte er dem hinauftrabenden Tier nachgeschaut haben:

Noch immer hört mein Ohr den grauen Huf,
Der Saumweg windet sich den Fluß entlang.
Es rauscht. Es trappelt... Ungewisser Klang ...
Erstorben nun - der Heimat letzter Ruf.
Die Wasser strömen aus der Berge Tor,
und ferne Hufe ziehn zur Alm empor.

Im Zuge saßen vier Gestapomänner, Haushofer und Frau Zahler in einem Abteil. Die Beamten erzählten sich, wie sie Haushofer fanden. Einer sagte, als er auf den Boden hinauf gekommen sei, habe er das ganze Heu durchsucht und nichts gefunden. Dann sei er wieder gegangen und schon auf der Leiter gestanden. Da habe er im Heu etwas Weißes aufleuchten sehen. An der Stelle fand er Haushofers Hand. Was geleuchtet habe, sei der perlmutterne Manschettenknopf gewesen.

Zunächst kam Haushofer zwei Tage in ein Münchener Gefängnis. Frau Zahler begegnete ihm dort. „Er war so unglücklich, daß sie mich auch festgenommen haben", sagte Frau Zahler. „Als wir einmal aneinander vorübergingen, flüsterte er mir zu: Machen Sie sich keine Sorgen, es wird Ihnen nichts passieren."

Zwei Tage später wurde Albrecht Haushofer nach Berlin ins Gefängnis Lehrterstraße gebracht."

 

Alois Schwarzmüller 2006

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