Der Wehrmachtsstandort Garmisch-Partenkirchen

 

 

Standortverwaltung und Heeresbauleitung - Garmisch, Riesserseestr. 20

 

1911 ließ der Berliner Universitätsprofessor Dr. Julius Sand durch den Garmischer Baumeister und Architekten Johann Ostler an der Riesserseestraße 20 eine prächtige Villa errichten. Sieben Jahre später erwarben Dr. Richard Ladenburg und seine Frau Maud diese Villa samt Grundbesitz. Dr. Richard Ladenburg, am 5. November 1864 in Mannheim geboren, Bankdirektor und Rittmeister der Landwehr, war 1915 von Mannheim nach Garmisch-Partenkirchen gezogen und wohnte mit seiner Frau Maud, einer gebürtigen Engländerin, und zwei Kindern zunächst in der Burgstr. 246 1/8, ehe sich die Familie 1918 in der Villa Riesserseestraße 20 niederließ.

 

Ansichten der Villa Sand (1911)

Lageplan der Villa Sand (1911)

 

Umbau zur Villa Ladenburg (1918)

Umbau zur Villa Ladenburg (1918)

Während des antijüdischen Pogroms am 10. November 1938 wurde er, wie viele andere Garmisch-Partenkirchner Bürgerinnen und Bürger jüdischer Herkunft, mit vorgehaltener Pistole gezwungen, den Ort binnen Stundenfrist zu verlassen. Über diese Begebenheit berichtete Maud Ladenburg am 30.11 1948 als Zeugin im Spruchkammerverfahren gegen den ehemaligen NS-Kreisleiter Hans Hausböck: "Als ich von der 8 Uhr Messe zurückkehrte, fand ich mit Entsetzen, daß mein kranker Mann, Dr. Richard Ladenburg, von Nazis aus dem Bett geholt und nach dem Rathaus Garmisch abgeführt wurde. (Maud Ladenburg meint das ehemalige Rathaus des Marktes Garmisch am damaligen Adolf-Wagner-Platz, heute wieder Marienplatz, das seit 1935 als "Haus der Nationalsozialisten" diente. A.S.) Ich fuhr ihm sofort nach. Sicherlich ist er schlecht behandelt worden, denn auch ich mußte meinen Weg durch johlende, uniformierte Hitlerjugend, vor dem Rathaus angesammelt, durchmachen. Im Rathaus fand ich meinen Mann mit seinem treuen Pfleger (1946 gestorben), stundenlang mußten wir warten, obgleich ich die wachenden Nazis darauf aufmerksam machte, daß mein Mann keinerlei Nahrung zu sich aufgenommen hatte und krank sei. Endlich wurden wir in einen Saal geführt. Dort lag vor Dr. Richard Ladenburg ein Revolver-Schießgewehr. Es wurde ihm kurz mitgeteilt, daß er ein Dokument zu unterschreiben hätte, wonach sein Hausbesitz in Garmisch den Nazis übergeben werden sollte. Täte er dies nicht und zwar sofort, bliebe nichts übrig, als ihn nach einem Konzentrationslager abzuführen auf eine 3jährige Strafe. Außerdem und auf jeden Fall müsse mein Mann Deutschland sofort verlassen. Er wurde bis zu seiner Abreise ständig bewacht. Unser Haus wurde übernommen. Ich bat meinen Mann, seine Unterschrift ohne weiteres zu geben, und hatte nur den einen Gedanken - nach England. Wir hatten aber, da Dr. Richard Ladenburg seit Ende des letzten Krieges Invalide gewesen war, keinen Paß für ihn, nur einen kleinen Ausweis. Am 10. November, als wir in Cleve ankamen, wurde mein Mann sofort wieder von Nazis verhaftet und ins Gefängnis geführt, wo es unserem treuen Pfleger und mir erst nach 24 Stunden gelang ihn zu befreien. Er war am Ende seiner Kräfte. Es gelang mir, ihn in ein katholisches Krankenhaus unterzubringen, wo er von Arzt und Nonnen gütig behandelt wurde. Aber am 14. November 1938 früh morgens starb er am Herzschlag."

Nach dem Tod ihres Mannes ließ sich Frau Ladenburg in England nieder, die Kinder Mary und Johannes lebten in den Vereinigten Staaten und Hubert in Wien. Als Testamentsvollstrecker handelte der Mannheimer Rechtsanwalt Anton Lindeck, der die Ladenburgs schon vor dem Pogrom beraten hatte. Am 25. April 1939 ließ Landrat Dr. Wiesend wissen, ihm seien „Arisierungsangelegenheiten Ladenburg" nicht bekannt. Eine „Abwicklung" des Ladenburgschen Immobilienvermögens komme „vorerst" nicht in Frage, da es sich in diesem Falle weder um einen Gewerbebetrieb noch um landwirtschaftlichen Grundbesitz handle. Eine zwangsweise Enteignung der Villa sei „vorerst nicht möglich".

 

Umbau zur Heeresbauverwaltung (1939)

Umbau (1939)

„Vorerst" währte freilich nicht lange: Am 8. Januar 1940 meldete die Heeresstandortverwaltung Garmisch-Partenkirchen bei NS-Bürgermeister Scheck ihr Interesse am „Anwesen Riesserseestr. 20 Ladenburg" an und bat „um Anhergabe eines Preisgutachtens". Drei Wochen später teilte die Marktgemeinde ihre „Gesamtwertschätzung" mit: Für das Anwesen „im Luxuswohngebiet des Ortsteils Garmisch" mit einer Grundfläche von 7223 qm wurden 147.959.- RM angesetzt. Am 7. September 1940 „gelangte das Haus in das Eigentum des Deutschen Reiches", wie es in einer Darstellung der Standortverwaltung Mittenwald aus dem Jahre 1966 heißt. Genaueres ist diesem „Bericht" aber nicht zu entnehmen. Vermutlich zur Abwendung einer Zwangsenteignung durch das Bezirksamt Garmisch-Partenkirchen wurde das Anwesen an den Heeresfiskus „verkauft" - zum Preis von 140.000.- RM, verbrieft durch den Garmischer Notar Dr. Deimer. Nach einer Berechnung der Bundesvermögensstelle vom 1.4.1953 hatte das Anwesen im Jahre 1936 freilich einen Wert von 203.770.- RM.

Es ging dann alles ganz schnell: Am 26. Oktober 1940 stellte das Heeresbauamt, das bisher in der Zugspitzstraße 49 residiert hatte, den Antrag auf „Umbau des Hauses Ladenburg zu einem Heeresbauamt". Mit der „Baumaßnahme 74395" war alles „abgewickelt". Von 1940 bis zum April 1945 beherbergte die „Ladenburg Villa" dann die Standortverwaltung und das Heeresbauamt Garmisch-Partenkirchen.

Nach dem Ende von Holocaust und Weltkrieg wurde das Bayerische Landesamt für Wiedergutmachung und Entschädigung vorübergehend neuer Hausherr. 1955 beanspruchte der Bund als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches Haus und Grundstück. 1961 wurde die „Villa Ladenburg" als Offizierheim von der Bundeswehr übernommen. Was die Vorgänge um Leben und Sterben von Dr. Richard Ladenburg angeht, sind Akten und Berichte erstaunlich inhaltsleer: Im Grundbuch steht nichts über das Alter von Dr. Ladenburg, nichts über seine jüdische Herkunft und nichts darüber, „ob irgend ein Zwang auf Herrn Dr. Ladenburg oder seine Familie ausgeübt wurde, der zu seinem Wegzug geführt hat." Auch der „Bericht der Standortverwaltung Mittenwald" aus dem Jahr 1966 schweigt über die Ereignisse vom 10. November 1938 in Garmisch-Partenkirchen. Lakonisch heißt es dort: „Am 14.11.1938 verstarb Dr. Ladenburg in Kleve am Niederrhein; ein Testamentsvollstrecker übernahm die Vermögensangelegenheiten." Auch dreißig Jahre später - anlässlich der Sanierung der Villa für das Marshall Center - fand das Schicksal der Ladenburgs in der von einem Münchner Architekturbüro vorgelegten „Chronologie des Hauses 1911-1995" keine weitere Erwähnung.

1949 wurde von der Erbengemeinschaft Maud Ladenburg u. A. auf der Grundlage des Gesetzes Nr. 59 der US-Militärregierung ein Rückerstattungsanspruch erhoben. Als Vertreter der Erbengemeinschaft handelte der Garmisch-Partenkirchner Rechtsanwalt Dr. Carl Roesen. Das Landratsamt wandte sich am 6. Juni 1950 an die Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen mit der Bitte, „mitzuteilen, was über den Verkauf des Anwesens Ladenburg Riesserseestr. 20 an die Wehrmacht noch festgestellt werden kann, insbesondere, ob er durch eine Verfolgungsmaßnahme aus Gründen des Art. 1 des Rückerstattungsgesetzes verursacht worden ist." Die Antwort war wenig hilfreich: „Über das Zustandekommen des Verkaufs sind hier keine Unterlagen vorhanden, die Marktgemeinde hatte mit dem Verkauf nichts zu tun." Am 8. August 1953 wurde der Vermerk in Grundbuch, dass ein solches Rückerstattungsverfahren anhängig war, wieder gelöscht. Ob es eine Entschädigung gab, geht aus den Unterlagen nicht hervor.

In der Liste der Baudenkmäler für den Markt Garmisch-Partenkirchen aus dem Jahr 1973 steht zu lesen: „Staatliches, ehemal. Landhaus, jetzt Offiziersheim, mit Mansard-Walmdach, erbaut 1910 von Johann Ostler, Garmisch"

 

 

Ehemals Heeresbauverwaltung, Osterfelderstraße (Foto 2009)


 

© Alois Schwarzmüller 2009

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