Der Wehrmachtsstandort Garmisch-Partenkirchen

 

 

Gebirgsjägerkaserne („Ritter-von-Epp-Kaserne") - Garmisch, Gernackerstraße

 

Die Grundstücksfrage

Am 27. Januar 1934 wurden vom Wehrkreisverwaltungsamt VII München zum ersten Mal die Bedingungen für die Errichtung von Kasernenbauten in Garmisch genannt: Der Markt müsse sich verpflichten, hieß es da, „den ausgewählten Bauplatz für die Kasernenbauten unentgeltlich dem Reichswehrfiskus zu übereignen", ferner sollte ein Gelände für einen Exerzierplatz „zur unentgeltlichen Benutzung" zur Verfügung gestellt werden, und dazu noch ein „für den Schießplatz ausgewählte(s) Gelände in Größe 120 m Breite und 700 m Länge."

 

Garmischer "Viechwoad"

Lageplan für die Jägerkaserne (1937)

Der Druck auf die Gemeinde wurde noch kräftiger: „Das Reichswehrministerium rechne unbedingt mit der kostenlosen Übereignung des Kasernenbauplatzes sowie des Exerzierplatzes und Schießplatzes". Der Verfasser hielt es „nicht für ausgeschlossen, dass hiervon das Reichswehrministerium die beabsichtigte Verlegung von Standorten abhängig macht." Vier Tage ließ man dem Garmischer NS-Bürgermeister Josef Thomma Zeit für eine Antwort - „bis längstens 31. Januar."

Der brauchte dafür sogar nur 48 Stunden. Schon am 29. Januar 1934 erklärte sich Thomma dazu bereit, eine rechtsverbindliche Erklärung zu den Vorschlägen und Erwartungen der Wehrkreisverwaltung VII abzugeben. Aus Gründen der Geheimhaltung hatte er nur den 2. Bürgermeister sowie den Gemeindebaumeister über das Interesse der Wehrmacht an Garmisch als Kasernenstandort informiert. „Eine Stellungnahme des Gesamtgemeinderates", so Thomma, „konnte aus diesem Grunde bis heute nicht erfolgen."

Der Garmischer NS-Bürgermeister Thomma ging auf die Bedingungen der Wehrkreisverwaltung unter drei Voraussetzungen ein: Die Finanzmittel zum Erwerb privater Grundstücke sollten vom Reichswehrministerium als Kredit zur Verfügung gestellt werden, „zu angemessenem Zinsfuß". Gegen „widerspenstige Grundstücksbesitzer" wollte er die Genehmigung zur Zwangsenteignung erhalten und bei Grundstücken, die unter das Erbhofgesetz fielen, sollten ihm „keine Schwierigkeiten bereitet werden."

Für das Garmischer Kasernenprojekt wurde eine Fläche mit etwa 6500 Dezimalen (rund 22 Hektar) benötigt. Für das Dezimal (34,08 qm) veranschlagte der Bürgermeister einen Durchschnittspreis von 75.- RM. Die finanzielle Belastung der Gemeinde lag bei einer halben Million RM. Dazu rechnete Thomma noch mit 25.- RM pro Dezimal an Kosten für „die Beseitigung der Weiderechte" auf dem Wege der Barabfindung oder durch Grundstückstausch.

Die „Werdenfelser Grundstücksverwertung Garmisch-Partenkirchen", eine von Regierungsbaumeister a.D. Kurt Rudnicki gegründete Immobilienagentur, bemühte sich - vermutlich im Auftrag von Bürgermeister Thomma - schon seit dem 24. Januar 1934 darum, „durch Verhandlungen mit den Grundstückseigentümern deren Bereitschaft zu erlangen, die Grundstücke zu möglichst angemessen niederem Preis zu verkaufen." Die in Frage kommenden 6500 Dezimal waren im Besitz der Bayerischen Staatsforstverwaltung (Bayerischer Forstärar mit 2400 Dezimal), des Marktes Garmisch (mit 270 Dezimal) und von elf privaten Grundstückseignern (mit Grundstücken zwischen 80 und 660 Dezimal). Unter ihnen befanden sich vier sogenannte Erbhofbauern.

Die ersten Gespräche von Rudnicki mit den privaten Grundeigentümern verliefen recht zäh. Über die Ergebnisse seiner Verhandlungen berichtete Rudnicki am 4. Februar 1934 dem Bürgermeister: Der eine „lässt sich auf Verhandlungen nicht ein und verkauft auf keinen Fall." Der andere „hat vier Buben, die jeder davon einen Bauplatz bekommen." Auch der lässt sich „von keinem hindern und wenn er eingesperrt wird." Wieder ein anderer kritisiert, dass man sein Grundstück „billig als Landwirtschaft" kaufen und dann aber doch bebauen möchte. Und alle zusammen sind nicht bereit, auf die vom Bürgermeister vorgeschlagenen 75.- RM pro Dezimal einzugehen. Ihre Vorstellungen liegen, wenn sie überhaupt verkaufen wollen, zwischen 100.- und 150.- RM je Dezimal. Die einzige Frau unter den Grundeigentümern „ist sehr ängstlich", schreibt Rudnicki. Sie „wird sich wohl nach den anderen richten."

Selbst Rudnicki hielt 75.- RM für zu niedrig und wies darauf hin, dass beim Grundstückserwerb für die Bayerische Zugspitzbahn schon vor Jahren ein Durchschnittserlös von 82,68 RM erzielt worden sei. Für die weiteren Verhandlungen musste noch geklärt werden, „ob etwa auch mit Enteignung und Festsetzung der Entschädigung auf landwirtschaftlicher Preislage gedroht werden darf."

02.07.1935 - Wehrkreisverwaltung München an NS-Bürgermeister Scheck - EnteignungsverfahrenDie Ermunterung dazu kam am 8. Juli 1935 von der Wehrkreisverwaltung VII in München. In einem Schreiben an den neuen NS-Bürgermeister Jakob Scheck der zum 1. Januar 1935 zwangsvereinten Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen wurde „vorsorglich" darauf hingewiesen, „dass die Heeresverwaltung, um sich möglichst bald in den Besitz der Grundstücke zu setzen, von dem beschleunigten Enteignungsverfahren Gebrauch machen kann und auch Gebrauch machen wird, sobald es die Bedürfnisse des Heeres erfordern."

Die weiteren Auseinandersetzungen um den Erwerb des Straßengrunds zogen sich noch mehrere Wochen hin. Ein Landwirt wollte eine Teilfläche nur dann zur Verfügung stellen, wenn ihm „ein gleichwertiges Grundstück hierfür übereignet wird", ein anderer war mit dem Preis nicht einverstanden und erhob Einspruch dagegen, „den Straßenbaugrund zu dem Kasernenneubau im Ficht in Garmisch als landwirtschaftlichen Grund durch den Reichsnähstand schätzen zu lassen." Es ist anzunehmen, dass die Heeresbauverwaltung in allen Fällen, in denen sie es für notwendig hielt, vom bereits angekündigten beschleunigten Enteignungsverfahren Gebrauch gemacht hat. Ob die Grundstücksbesitzer mit dem Ergebnis einverstanden waren, ist den Quellen nicht zu entnehmen. Ein späterer Vermerk des Bauamtes des Marktes Garmisch-Partenkirchen vom 23. Juli 1937 lässt aber erkennen, auf welche Weise die Interessen der privaten, meist kleinbäuerlichen Grundbesitzer missachtet wurden. Dort heißt es: Bereits „vor Beginn der eigentlichen Hochbauarbeiten (war) die Art und Weise der Bebauung und des Baugeländes klar, wenngleichen dafür kein Baulinienverfahren durchgeführt wurde." Und weiter: „Das war vor allem deswegen für die Heeresverwaltung nicht tunlich, weil sonst bei den Verkaufs- und Übereignungsverhandlungen ein rechtskräftig festgesetzter Baulinienplan die bedeutende Erhöhung des Kaufpreises im Gefolge gehabt hätte." Mit anderen Worten: Einzelne Grundstücksbesitzer wurden beim Bau der Kaserne bewusst getäuscht.

Wenig später begannen die konkreten Planungsarbeiten. Verantwortlich dafür zeichnete der Chef der Heeresbauverwaltung München und später der Heeresneubauverwaltung Garmisch-Partenkirchen Reg.-Baurat Ferdinand Castell. Dem Münchner Architekten Oskar Eduard Bieber, der die Pläne für das neue Rathaus und für die weitere Gestaltung der Bahnhofstraße in Garmisch-Partenkirchen entworfen hatte, wurden die Pläne der Heeresbauverwaltung für die Jägerkaserne mit der Bitte um „Korrektur" vorgelegt.

Am 25. September 1935 erfolgte der erste Spatenstich für die Jägerkaserne durch die Garmisch-Partenkirchner Baufirma Josef Zwerger. Binnen Jahresfrist waren die fünf U-förmigen Kasernengebäude und die Stallungen für mehrere hundert Tragtiere fertiggestellt.

 

Grundriss Jägerkaserne

Grundsriss Jägerkaserne

 

Baustelle Jägerkaserne 1936

Kasernenbauten und Mulistallungen

Mannschaftsgebäude

Hauptwache

 

3. Oktober 1936 - erster Zapfenstreich in der Jägerkaserne

Im Oktober 1936 wurde das I. Bataillon des Gebirgsjägerregiments 99, hervorgegangen aus dem III. Gebirgsjäger/Infanterie-Regiment 19 der Reichswehr, von Kempten nach Garmisch-Partenkirchen verlegt. „Der Einmarsch gestaltete sich zu einem Triumphzug", schrieb der damalige Oberjäger und spätere Ritterkreuzträger Carl Rall, nach dem Krieg Geschäftsleitender Beamter der Gemeindeverwaltung Garmisch-Partenkirchen. Am 3. Oktober 1936 wurde der Einzug der Soldaten mit großem militärischem Zeremoniell begangen: Oberst Ludwig Kübler, NS-Bürgermeister Jakob Scheck und Hermann Freiherr von Ziegesar, pensionierter und in Garmisch wohnender Generalleutnant der alten preußischen Armee, begrüßten das Bataillon auf dem Bahnhofsplatz. An den Kriegerdenkmälern in Garmisch am Adolf-Wagner-Platz (so hieß der Marienplatz in der NS-Zeit) und in Partenkirchen an der Sebastians-Kapelle wurden Kränze niedergelegt - die Täter und Opfer des kommenden Krieges erinnerten an die Täter und Opfer des vergangenen.

Nach der Parade auf dem Bahnhofsplatz, der von vielen Einwohnern des Marktes Garmisch-Partenkirchen gesäumt war, marschierte das Bataillon über die Bahnhofs- und die Zugspitzstraße zur neuen Kaserne an der Gernackerstraße. Der Chef der Heeresneubauverwaltung Ferdinand Castell übergab dann die Kasernengebäude an Bataillonskommandeur Oberst Hagl. Allgemein üblich war die Bezeichnung „Jägerkaserne", offiziell lautete der Name „Ritter-von-Epp-Kaserne". Franz Ritter von Epp (1868-1946) war von 1933 bis 1945 Hitlers „Reichsstatthalter" in Bayern.

 

Begrüßung der Gebirsgjäger am 3. Oktober 1936
auf dem Bahnhofsplatz

Marsch der Gebirgsjäger auf der Bahnhofstraße
am 3. Oktober 1936

 

Rückkehr der Gebirgsjäger aus dem Manöver
Zugspitzstraße 1937

Besichtigung der neuen Jägerkaserne durch die Generale
von Blomberg und von Reichenau

Am 12. Oktober 1937 wurde das in der Garmisch-Partenkirchner Jägerkaserne stationierte I. Bataillon des Gebirgsjäger-Regiments 99 umbenannt in I. Bataillon des Gebirgsjäger-Regiments 98.

Die Führung des Bataillons im Oktober 1937:

- Bataillonskommandeur Major Walter von Stettner Ritter von Grabenhofen (ehemals Freikorps Epp)

- Bataillonsadjutant Leutnant Köpper

- Chef 1. Kompanie Oberleutnant Karl Scanzoni von Lichtenfels

- Chef 2. Kompanie Hauptmann Klaus Dauner

- Chef 3. Kompanie Oberleutnant Übelhack

- Chef 4. Kompanie Hauptmann Buchner

 

Richard Strauss und "dicke Luft über der Jägerkaserne"

Nicht nur der Umgang mit den privaten Grundstückseignern bei den Verkaufs-„Verhandlungen" für das neue Kasernenareal war repressiv, auch die Nachbarn des großen Militärkomplexes wurden mit diktatorischer Willkür behandelt. Anlass waren mehrere Klagen gegen die Heeresneubauleitung Garmisch-Partenkirchen wegen der Rauchentwicklung durch die Heizungsanlage der Jägerkaserne. Der Arzt Dr. Fritz Salzmann, Maximilianstraße 40, und der berühmte Generalmusikdirektor Dr. Richard Strauss, Zoeppritzstraße 42, hatten Ende des Jahres 1936 Beschwerde geführt. Die Heeresneubauleitung erklärte sich für unzuständig, wollte sich aber für die Verwendung von Koks anstelle der bisher verheizten oberbayerischen Braunkohle einsetzen. Bis zum Mai 1938 blieb aber alles beim Alten.

Am 27. Mai 1938 wandte sich Dr. Hugo Neumaier, Leiter des örtlichen NS-Ärztebundes und des nationalsozialistischen Amtes für Volksgesundheit, an das Bezirksamt Garmisch-Partenkirchen mit der Bitte, „die Heizungsanlage einer genauen Prüfung zu unterziehen." Er habe sich selbst davon überzeugt, dass „die Umwohner der Kaserne durch die Abgase und die Rußentwicklung schwer belästigt" werden. Verschiedene Krankheitsfälle aus der Umgebung der Jägerkaserne „können sogar als Schädigung durch die giftigen Abgase gewertet werden", so die Schlussfolgerung des Arztes. Wieder geschah nichts.

Jetzt wurde das Staatliche Gesundheitsamt Garmisch-Partenkirchen aktiv. Amtsarzt Dr. Hans Zick wandte sich am 2. Juli 1938 in der Sache an das Bezirksamt. Er berichtete, dass dem Standortarzt Dr. Steinhuber die Klagen durchaus bekannt seien und dass auch nicht bestritten werde, dass "eine Rauchbelästigung bei gewissen Witterungsverhältnissen für die Anwohner in der Umgebung der Kaserne mehrfach eingetreten ist." Dem Gesundheitsamt sei bekannt, „dass als Heizungsmaterial Oberbayerische Steinkohle - wohl wegen ihres niedrigen Preises - gebrannt wird." Zur Beseitigung „der für den Kurort bedauerlichen Störung" schlug der Amtsarzt eine technische Ableitung der Rauchgase und die Wahl eines anderen Brennstoffes vor.

Alle Vorschläge wurden vom Bayerischen Revisionsverein München abgelehnt. Am 26. Juli 1938 stellte Dr. Deinlein gutachtlich fest, dass sich „bei sachgemäßer Feuerbedienung mit oberbayerischer Kohle keine nennenswerte Rauchentwicklung ergibt." Die Schornsteine waren seiner Auffassung nach „verhältnismäßig niedrig ausgeführt". Sein Resümee: „Solange an der Schornsteinanlage nichts geändert wird, wird immer mit einer gewissen Belästigung der Nachbarschaft durch die Kesselabgase gerechnet werden müssen. Bei der Verheizung von Koks würde sich zwar weniger Ruß ergeben, die Belästigung durch die Abgase als solche würde aber nach wie vor bleiben."

Soweit die lokalen Quellen. Ob sich für Dr. Richard Strauss, der ja verhältnismäßig weit entfernt von der Quelle des Übels wohnte, und für die direkten Anlieger der Kaserne, die am heftigsten betroffen waren, jemals etwa geändert hat, darüber geben die Akten des Bauamtes Garmisch-Partenkirchen keine endgültige Auskunft.

Eines wird jedoch deutlich durch diesen Vorgang: Weder die Einschaltung ordentlicher Gerichte, noch die Befassung des Bezirksamtes, der obersten zivilen Behörde am Ort und im Kreis, noch die für die Gesundheit der örtlichen Bevölkerung zuständigen Ämter wie das Gesundheitsamt oder das NS-Amt für Volksgesundheit vermochten über viele Monate hinweg etwas gegen die Interessen der Wehrmacht und ihrer Vertreter auszurichten. Im Dienste der nationalsozialistischen „Wehrkraft" war die Gesundheit der Bevölkerung von Garmisch-Partenkirchen zweitrangig.
 

 

Die Gebirgsjäger und ihr "Führer" -
Aufenthaltsraum der 98er-Kompanien

"... es ruhen unsre Stutzen nicht bis dass das Auge bricht!" -
Heldenpoesie im Aufenthaltsraum der 98er-Kompanien

 

Gefechtsübung der Gebirgsjäger auf dem Wank

Gefechtstross in der Zugspitzstraße

 

Vereidigungszeremonie
in der Jägerkaserne

Begrüßung des Gebirgsartillerieregiments I/79
nach seiner Rückkehr aus dem Sudetenland
im Oktober 1938 am Festsaal

Parade der Garmisch-Partenkirchner
Gebirgsjäger vor dem Überfall auf Polen
am 1. September 1939

 

 

 

© Alois Schwarzmüller 2009

Zurück zur Startseite