„… Juden sind hier nicht mehr aufhältlich.“
Die Ausgrenzung jüdischer Kurgäste in Garmisch-Partenkirchen
1937/38

 

 

Februar 1938 - „Fremdensaison ohne Juden“

Das Garmisch-Partenkirchner Tagblatt berichtete am 15. Januar 1938 über eine Versammlung im Gasthof „Lamm“, zu der die Garmischer NSDAP-Ortsgruppe Kramer eingeladen hatte. (Quelle) Der Redner, NS-Kreisschulungsleiter Hesse, sprach zum ersten Mal von einer geplanten „Judenaktion im Kreis Garmisch-Partenkirchen“. Die ausländischen Gäste würden sich wundern, so Hesse weiter, „wenn der bedeutendste Fremden­ver­kehrsort Deutschlands eine andere Stellung zur Judenfrage einnähme als andere deutsche Städte.“ Das war der Auftakt für eine weitere Eskalation im „Abwehrkampf gegen die Juden“ in Garmisch-Partenkirchen. Unterstützung dafür kam von vielen Seiten: In Hammersbach trommelte Anfang Februar Julius Streicher den HJ-Führern und BdM-Führerinnen des Bezirks seine antisemitischen Hetztiraden in die Köpfe („In der Judenfrage gibt es kein Nachgeben“). Das Garmisch-Partenkirchner Tagblatt schrieb fast täglich über die „Judenfrage in Osteuropa“, von einer „baldi­gen Lösung" und von „Entjudung“ und erinnerte an die „Weisen von Zion“, ein antisemitisches Pamphlet, das eine jüdische Weltverschwörung belegen sollte. Da konnte es nicht ausbleiben, dass auch die kleine Gemeinde Wamberg ihren Anteil zur „Judenaktion“ im Kreis Garmisch-Partenkirchen beisteuern wollte. Ihr Bürgermeister teilte am 1. Februar 1938 dem Amt für Kommunalpolitik bei der Kreisleitung der NSDAP Garmisch-Partenkirchen mit: „Im Gemeindebezirk Wamberg werden 3 Judenabwehrschilder benötigt.“

Den Höhepunkt der Kampagne brachte eine Großkundgebung der NSDAP am 18. Februar 1938 im Festsaal unter dem Motto „Fremdensaison ohne Juden“. Für diese Veranstaltung wurden alle Register der Propaganda gezogen. Die NS-Kreisgruppen von fünf örtlichen Wirtschaftsverbänden, unter ihnen die Einzelhändler, die Inhaber und Betreiber der Hotels, Pensionen und Gaststätten, erklärten die Teil­nahme ihrer Mitglieder zur Pflicht. Die Mitglieder der SA wurden von ihren Arbeitgebern zur Teilnahme an dem der Kundgebung vorausgehenden Propagandamarsch freigestellt. Diese geradezu rituelle NS-Prozession, oftmals geübt seit 1933, marschierte vom Fotohaus Beckert in Partenkirchen bis zum Festsaal in Garmisch – voran der Musik­zug der SA, dann die beiden SA-Stürme, gefolgt von NSKK und NSFK und den poli­tischen Funktionären der NSDAP, alle in ihren braunen und schwarzen Uniformen, als Höhepunkt und ganz öffentlich die Garmisch-Partenkirchner Mitglieder der ge­fürchteten SS.  Als „Kampfansage an die Juden und die Judenfreunde im Kreis Garmisch-Partenkirchen“ und als „machtvolles Bekennt­nis zur Rassenfrage“ sollte der Umzug von Partenkirchen nach Garmisch verstanden werden. Mit der Ankündigung besonderer Ereignisse wurde die Garmisch-Partenkirchner Be­völkerung zu dieser Massenkundgebung gelockt: „Große Überraschungen“ und die Antwort auf „entscheidende Schicksalsfragen“ versprach das Garmisch-Partenkirch­ner Tagblatt seinen Leserinnen und Lesern. Eintrittskarten wurden im Vorverkauf für 30 Pfennige angeboten – so sicher wa­ren sich die lokalen NS-Gewaltigen des Zustroms, dass sie es sich erlauben konn­ten, aus dieser Veranstaltung ein gutes Geschäft für die Parteikasse zu machen. Was Wunder: Die Bevölkerung wurde nicht so sehr eingeladen, als vielmehr vorgeladen. Die Stimmung dazu lieferte wiederum das Tagblatt mit seinem fanatischen Schriftleiter Fritz Brunner: „Wie in der Kampfzeit“ fühlte er sich, „SA marschiert, Marschtritt in den Straßen, Musik, Lieder der Bewegung“, ein rechter Jahrmarkt sollte die Vertreibung jüdischer Gäste aus Garmisch-Partenkirchen werden. Die „größte politische Kundgebung“ wurde erwartet. Quelle 21

 

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oben links:

Plakattafel zur NS-Kundgebung am 18. Februar 1938 im Festsaal Garmisch-Partenkirchen

Oben rechts:

Festsaal Garmisch-Partenkirchen bei Nacht und bei einer NS-Kundgebung im Jahre 1937

Unten links:

Kurdirektor Anton Reitinger und NSDAP-Kreisleiter Hans Hausböck

Unten rechts:

Leitartikel des Garmisch-Partenkirchner Tagblatts vom 19. Februar 1938

 

 

Als Redner traten Kurdirektor Reitinger aus Garmisch-Partenkirchen, der Münchner NS-Gauamtsleiter Wüster, der örtliche NS-Kreisleiter Hausböck und ein Dr. Hafner vom Berliner „Institut zum Studium der Judenfrage“ auf - Fremdenverkehr, Politik und „Rassenkunde“ sollten ihren Beitrag zur Schmähung der Juden und ihrer Gastgeber in dieser „spontanen Volkskundgebung“ leisten.

Fritz Brunner ließ tags darauf den Kreisleiter und den Gauamtsleiter im Garmisch-Partenkirchner Tagblatt ausführlich zu Wort kommen.

Bemerkenswert an der Rede von Gauamtsleiter Walter Wüster waren zwei Feststel­lungen: „Juden bleiben Juden“ sagte er, sie würden ihre Rassenmerkmale auch dann nicht verlieren, wenn sie oder ihre Vorfahren getauft seien. Damit versperrte er den Garmischer Vermietern das letzte Schlupfloch, mit dessen Hilfe sie bisher noch vereinzelt jüdische Gäste aufgenommen haben mochten. Und dann wurde Wüster noch deutlicher: Die Nürnberger Rassengesetze des Jahres 1935 bedeuteten nur den Anfang einer „Lösung der Ju­denfrage“, denn der Nationalso­zialismus sei sich darüber klar, dass es in dieser Frage nur ein "Entweder - Oder" gebe." Ein Satz mit tödlichen Folgen.

Es folgte die Rede von NS-Kreisleiter Hans Hausböck. Er ließ zunächst alle bekannten antisemitischen Vorurteile Revue passieren: Die Juden trügen die Schuld am Ersten Weltkrieg, an der Revolution 1918, an der Rätezeit und am Bürgerkrieg, an der Inflation und an der gesamten wirtschaftlichen Lage, sie hät­ten das Kulturleben untergraben und den Atheismus erfunden. Dann wandte er sich der lokalen Situation zu: Er erwarte, so sagte er, dass sich die hiesige Geschäftswelt freiwil­lig von den Juden abwende, sie aus dem Frem­denverkehr ausschalte und Garmisch-Partenkirchen zu einem „sauberen Kurort“ mache – ohne „Rassen­schande“ in den Hotels. Sein Kampf gegen die Juden, so versicherte er seinen Zuhö­rern, habe die Billigung der höchsten Stellen gefunden. Gegen die ortsansässigen jüdischen Familien richte sich „die von ihm vorgese­hene Arbeit“ nicht, sie könnten nach wie vor in ihren Geschäften ein­kaufen. Das hindere jedoch die Ge­schäftsinha­ber keineswegs, sogenannte „Judenabwehrschilder“ anzubringen, denn auch die hier ansässigen Juden sollten wissen, dass sie in Garmisch-Partenkirchen unerwünscht seien. Quelle 22

Auf die Reden folgte die Drohung mit konkreten Sanktionen: Alle 16 Bürgermeister des Kreises Garmisch unterzeichneten persönlich eine "Erklärung und An­ordnung": Weitere „Judenabwehrschilder“ mussten aufgestellt werden, uneinsichtige Inhaber von Geschäften und Beherbergungsbetrieben sollten bei der kommunalen Auftragserteilung bzw. bei der Vermittlung von Gästen nicht mehr berücksichtigt werden. Dem wirtschaftlichen Druck folgte der offene Aufruf zur Denunziation: Wer „die Bindungen mit den Juden“ auch jetzt noch nicht aufgab, der sollte von der Kreisleitung gemeldet werden. Quelle 23

Ausnahmslos alle 16 Bürgermeister gaben ihre Zustimmung durch Unterschrift. Die Zuhörer, die zahlreich erschienen waren - der Festsaal wurde wegen Überfüllung gesperrt - spendeten reichlich Beifall und riefen im Chor „Deutschland ewig den Deut­schen!"

 

© Alois Schwarzmüller 2009

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