„… Juden sind hier nicht mehr aufhältlich.“
Die Ausgrenzung jüdischer Kurgäste in Garmisch-Partenkirchen
1937/38

 

 

1938 - „Judenabwehrschilder“ und „Judenzettel“

Am 25. Januar 1938 forderte der Garmisch-Partenkirchner Bürgermeister Jakob Scheck mit einem Rundschreiben des NS-Kreisamtes für Kommunalpolitik seine 15 Bürgermeisterkollegen im Bezirk Garmisch dazu auf, der Bevölkerung „erneut“ zur Kenntnis zu bringen, „dass Juden in ihrer Gemeinde unerwünscht sind“, dass der Ankauf von Grundstücken oder Gebäuden durch Juden oder für Juden „unter allen Umständen“ zu unterbinden sei und dass an allen Ortseingängen sogenannte „Judenabwehrschilder“ anzubringen seien. Die Gemeinden wurden verpflichtet, diese Schilder von der NS-Kreisleitung in Garmisch-Partenkirchen zu erwerben.

Quelle 17

 

 
 
 

Antijüdische Schilder (von der NSDAP als "Judenabwehrschilder" bezeichnet):

Links oben: Ein dem Autor im Jahre 2007 übergebenes Originalschild (Foto: privat)

Oben rechts: An der Straßengabelung zwischen Farchant und dem heutigen Ortsteil Burgrain - 1942 (Foto: Privat)

Mitte rechts: An der Eingangstür eines Garmischer Hotels mit einem Schüler aus der Kinder-Landverschickung - 1944

Mitte links: Bestellung von Schildern durch die Gemeinde Wamberg bei der NS-Kreisleitung Garmisch-Partenkirchen

 

Mit Schildern, Plakaten und Tafeln konnten freilich nur die jüdischen Gäste erreicht und beeindruckt werden, die trotz der vor Ort deutlich spürbaren antisemitischen Stimmung noch nach Garmisch-Partenkirchen gereist waren. Der nächste Schritt der Tourismusbehörden galt deshalb dem Versuch, diese Gäste schon zuhause bei der Wahl ihres Urlaubsortes davon abzubringen, ihre Ferientage im Ort der Winterspiele von 1936 oder in einer seiner Nachbargemeinden zu verbringen. Der Anstoß dazu kam aus dem Reichspropagandaministerium des Dr. Goebbels. Oberregierungsrat Fritz Mahlo - er hatte schon bei der Planung der politischen Propaganda für die Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen die entscheidenden Vorgaben gemacht - wies den Garmisch-Partenkirchner Kurdirektor und „Kameradschaftsführer des Kreises Werdenfels“ Hans Reitinger an, alle Fremdenverkehrsgemeinden des Kreises Garmisch-Partenkirchen dahingehend zu verständigen, dass sie ihren Bildprospekten ein Faltblatt mit der Inschrift: „Juden sind in den Werdenfelser Fremdenverkehrsorten unerwünscht“ beizufügen hätten. Diese Anweisung galt für alle Gästeanfragen, die aus Deutschland kamen. Anfragen ausländischer Gäste waren ausgenommen. Kurdirektor Reitinger wurde zur Überwachung dieser Anordnung verpflichtet. In seiner Funktion als Kreisamtsleiter für Kommunalpolitik informierte der Garmisch-Partenkirchner NS-Bürgermeister Jakob Scheck alle 16 Bürgermeister des Bezirkes Garmisch in seinem schon erwähnten Rundschreiben K II/38 auch von dieser neuen „Aktion“ und gab seiner Erwartung Ausdruck, dass seine Anweisung „genau zu beachten und durchzuführen“ sei. Quelle 18

Kurdirektor Reitinger - zugleich „Beauftragter des Landesfremdenverkehrsverbandes München und Oberbayern“ und „Führer des Kameradschaftskreises Werdenfels“ - handelte unverzüglich: Ende Februar 1938 erhielten alle Bürgermeister des Kreises ein Muster des Beilagenfaltblattes mit dem Aufdruck „Juden sind in den Werdenfelser Kur- und Fremdenorten unerwünscht“ verbunden mit der Anfrage, wie viele Exemplare benötigt würden. Zweihundertfünfzigtausend dieser so genannten „Judenzettel“ sollten umgehend in Druck gehen. Angebote für diesen Auftrag legten eine Münchner und eine Garmisch-Partenkirchner Druckerei vor. 3000 Exemplare bestellte die Gemeinde Unterammergau, 50.000 die Gemeinde Oberammergau, 100.000 der Markt Mittenwald. Dort ging man noch einen Schritt weiter - nicht nur das Verkehrsamt wollte diese antijüdischen Faltblätter versenden, auch die Hoteliers und die Privatvermieter sollten dazu angehalten werden. Quelle 19

Vom „Stürmer“, der antisemitischen Wochenzeitung des fränkischen Gauleiters Julius Streicher, auf die Vorgehensweise des Olympiaortes Garmisch-Partenkirchen bei der Behandlung der „Judenfrage“ aufmerksam gemacht, erkundigte sich Kurdirektor Plenio von der Allgäuer Fremdenverkehrsgemeinde Oberstdorf Ende März 1938 (Quelle) bei seinem Kollegen Reitinger nach dem Garmischer „Juden-Abwehrschild“ (Bild) und bat um die Zusendung eines Musters. Reitinger teilte ihm mit, dass „die Originalexemplare zur Zeit restlos vergriffen“ seien, denn es gebe „keinen Konzessionsbetrieb und auch kein Geschäft mehr, das diese Schilder … nicht angebracht hätte.“ Statt eines „Judenabwehrschildes“ legte Reitinger seiner Antwort an die Kurverwaltung Oberstdorf ein Exemplar des „roten Zettels“ bei, mit dem reichsdeutsche jüdische Gäste von Garmisch-Partenkirchen ferngehalten werden sollten und bezeichnete diese Kampagne als „eine Maßnahme, die unsere nun einmal eingeleitete Judenaktion sehr fühlbar unterstützen wird.“ Quelle 20

 

 
 

Drei Beispiele aus einer Serie von Mustern für die antijüdischen Beilagen ("Judenzettel") zu den Faltblättern und Prospekten der Kurverwaltung Garmisch-Partenkirchen und der Verkehrsämter im Bezirk Garmisch 1938

 

© Alois Schwarzmüller 2009

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