Olympische Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen 1936 - "Der Geist des neuen Deutschland"

 

 

Öffentlicher Abendvortrag anlässlich der 45. Jahrestagung

des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung –

„Sport als städtisches Ereignis“

 Garmisch-Partenkirchen - 10. November 2006

 

 

„Ein erfreulicher Aktivposten in der Politik des Führers“

6. Die Vergabe der Olympischen Winterspiele 1940 an Garmisch-Partenkirchen

 

  Plakat für die V. Olympischen Winterspiele 1940 Planung für das Eisstadion 1940  

 

Eine kaum noch für möglich gehaltene Steigerung erfuhr dieses sportpoli­tische Doppelspiel im Jahre 1939. Im November 1938 hatten die Synago­gen in ganz Deutschland gebrannt, im März 1939 war Hitlers Armee zur „Zerschlagung der Resttschechei" ausgerückt – und im Juni 1939 sprach sich das IOC in London in einer einstimmigen Entscheidung für die Ver­gabe der Winterspiele 1940 an Garmisch-Partenkirchen aus. Für die Geg­ner Hitlers mochte diese Entscheidung ähnlich unverständlich gewesen sein wie der zwei Monate später verkündete Pakt zwischen Hitler und Sta­lin. Nicht wenige Zeitzeugen halten diese Entscheidung noch heute für den Beweis, dass Deutschland unter dem Nationalsozialismus ein friedlieben­der, international angesehener und organisationstüchtiger Staat gewesen sei. Es ist hier nicht der Ort, die Wanderschaft der V. Winter­spiele von Tokio über Oslo und St. Moritz zurück nach Garmisch-Partenkir­chen im Detail zu beschreiben. Es ist freilich ein Stück aus dem welt- und sportge­schichtli­chen Tollhaus.

Hitler „bestellte“ die Spiele nach diesen Irrfahrten bei Ritter von Halt und der agierte wie stets gehorsam und erfolgreich im Auftrag der NS-Politik. Das IOC stimmte im Juni 1939 geschlossen für Garmisch-Partenkirchen. Sein Präsident Baillet-Latour ließ es sich nicht nehmen, das einstimmige Votum als Beweis für die „Freiheit des IOC von politischen Einflüssen" zu nehmen. Heute fällt das Urteil anders aus: Peter Heimerzheim, der Bio­graph von Ritter von Halt, bescheinigt dem IOC von damals „profaschisti­sche Tendenzen", Thomas Alkemeyer spricht von einer „starken Affinität zwischen Olympismus und Nationalsozialismus“.

Reichssportführer von Tschammer und Osten hatte allen Anlass zum Jubel nach dem Beschluss des IOC für Garmisch-Partenkir­chen am 1. Juli 1939:

„Meine Herren, wir feiern heute einen Sieg. Es ist ein Sieg Deutschlands, es war wieder einmal 'The Germans to the front'. Ich darf Ihnen mitteilen, meine Herren, dass der Führer die Übernahme der Spiele als einen weite­ren, erfreulichen Aktivposten in seiner Politik betrachtet und dass er uns befohlen hat, die Spiele in größtem Rahmen durchzuführen.“ Und dann fügte er noch hinzu: „Wir müssen uns ehrlich Rechenschaft darüber ge­ben, dass in einem Teil der Welt Antipathie herrscht. Es ist militärisch falsch, einen Gegner zu unterschätzen, am allerschlimmsten im Augen­blick, wo man ihn angreifen will."

Deutlicher konnte man es nicht ausdrücken: Deutschland bereitete sich auf einen Krieg vor und die Olympischen Winterspiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen sollten als Deckmantel über diese Kriegsvorbereitungen ausgebreitet werden.

Zuvor hatte Hitler mit von Halt, Diem, von Tschammer und Osten und dem Wehrmachtsgeneral von Reichenau die Spitze der deutschen Sport­funktionäre auf den Obersalzberg zitiert und den Herren bei den Winter­spielen 1940 eine gigantische Ski-Demonstration im Stil der NS-Propa­ganda befohlen: 12000 deutsche Skifahrer sollten im Gebiet der Buckel­wiesen zwischen Klais, Krün und Mittenwald sternförmig auf Hitler zufah­ren und vor ihm paradieren. Die nötigen Finanzmittel wur­den dafür und für die großzügige Erweiterung und Ergänzung der Gar­misch-Partenkirch­ner Olympiaanlagen aus dem Staatshaushalt zur Verfü­gung gestellt. Bis November 1939 waren das 10 Millionen Reichsmark. Die Ausgaben für die Winterspiele 1936 lagen bei ca. 2,6 Millionen Reichs­mark. Die Wehrmacht war gehalten, die Vorbereitung der Spiele mit allen Mitteln zu unterstüt­zen. Beides lässt erkennen, wie wichtig die Spiele von 1940 für die Politik waren. Hitler gab sogar Weisung, an den Sportanlagen in Garmisch-Par­tenkirchen auch nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen weiterzu­bauen.

Erst Ende November 1939 wurde dem olympischen Grundsatz Rechnung getragen, dass in dem ausrichtenden Land Friede herrschen müsse. Ritter von Halt und Reichssportführer von Tschammer und Osten informierten IOC-Präsident Baillet-Latour über die Absage für 1940 mit einer Begrün­dung ganz im Stil der NS-Propaganda:

„Da die deutschen Vorschläge auf Herbeiführung eines Weltfriedens von der englischen und französischen Regierung abgelehnt wurden und der Krieg daher weiterge­führt werden muss, sehen sich der Deutsche Olympi­sche Ausschuss und das von ihm eingesetzte Organisationskomitee für die V. Olympischen Winterspiele Garmisch-Partenkirchen 1940 gezwungen, den Auftrag dieser Spiele zurückzugeben." Den Mitgliedern des Organisa­tionskomitees für die V. Olympischen Winterspiele 1940 teilte von Halt am 22. November 1939 mit: „Die V. Olympischen Winterspiele fallen aus. Sie haben aber einen Teil ihrer Wirkung gezeigt und die Welt davon über­zeugt, wie sehr Deutschland dem Werke des Friedens zu dienen bereit ist." Das war die Sprache des Dritten Reiches - der seit dem 1. September ge­führte Krieg Deutschlands gegen Polen wurde zum "Werk des Friedens" umgelogen.

Im Januar 1940 war von Halt – in einem Brief an Avery Brundage, dem Präsidenten des amerikanischen Olympischen Komitees - davon über­zeugt, „dass viele Sportsleute mit mir einer Meinung sind und wünschen, dass die Aufgabe, die uns für 1940 gegeben wurde, einfach ins Jahr 1944 übertragen wird." Die Engländer und Franzosen würden allerdings „end­gültig lernen müssen, sich Deutschland anzupassen. Danach vertrauen wir, dass der Friede in der ganzen Welt zurückkehrt."

Nicht nur England und Frankreich, auch Polen und Dänemark, Norwegen und Belgien, Holland und die Sowjetunion mussten erst lernen, was Hitler und von Halt unter „Frieden in der ganzen Welt" verstanden.

 

 

© Alois Schwarzmüller 2006

 

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