Olympische Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen 1936 - "Der Geist des neuen Deutschland"

 

 

Öffentlicher Abendvortrag anlässlich der 45. Jahrestagung

des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung –

„Sport als städtisches Ereignis“

 Garmisch-Partenkirchen - 10. November 2006

 

 

„Der Geist des neuen Deutschland“

5. Die Bevölkerung von Garmisch-Partenkirchen wird olympiatauglich gemacht.

 

  "Ehrenwand" im ersten Großzeltlager der HJ in Aidling/Riegsee - 1934  

 

Schon in der 2. Sitzung des Organisationsausschusses für die Winterspiele – im November 1933 – beherrschte das Thema das Treffen, zu dem von Halt geladen hatte. Oberregierungsrat Dr. Mahlo vom Reichspropaganda­ministerium überbrachte die Grüße von Goebbels und fügte hinzu, das sein Ministerium werde sich jetzt der Sache annehmen – mit besonderem Augenmerk auf Auslandspresse, Kurzwellensender und Fremdenverkehrs­werbung im Aus­land. Ein 2-Jahresplan wurde aufgestellt, der Apparat und die finanziellen Mittel des Ministeriums wurden „zur Verfügung gestellt“.

Ritter von Halt, für die Gesamtorganisation in Garmisch-Partenkirchen zu­ständig, hob den besonderen außenpolitischen Wert der Spiele hervor und betonte, dass man dem ge­genüber alle Nebeninteressen fallen lassen müsse.

Die Garmisch-Partenkirchner hatten durchaus noch „Nebeninteressen“, waren zum Ärger ihrer Führer noch nicht ganz auf dieser rein „vaterländi­schen“ Linie. So bauten sie zunächst ein Sommerstadion, das Stadion am Gröben, ehe sie sich an die Arbeit für das Eisstadion machten. Sie ernte­ten dafür hefti­gen Groll von Pfundtner und von Halt. Und weigerten sich sogar standhaft lange Zeit, das Eisstadion 8 Meter weiter nach Süden zu platzieren, wie es die Berliner Planer wünschten.

Dr. Mahlo wandte sich darauf direkt an die Bevölkerung in Garmisch-Par­tenkirchen und mahnte sie, sich endlich auf die große Aufgabe einzustel­len. Jeder müsse wissen, um was es gehe. Der Führer wolle mit dieser Veranstaltung „den Ring der Gräuelpropaganda“ sprengen, ein „Land der Ruhe und Ordnung“, ein „Land der Volksgemeinschaft“ solle sich präsen­tieren.

Diese Erwartungen auf allerhöchster Ebene wurden in Garmisch-Partenkir­chen vom amtierenden Bezirksamtmann noch zugespitzt: „In Garmisch-Partenkirchen muss“, so schrieb er, „der Geist des neuen Deutschland dem Ausland gegenüber in Erscheinung treten.“

„Der Geist des neuen Deutschland“ – das Trugbild einer friedliebenden Volks- und Völkergemeinschaft sollte der kleine Olympiaort unter der Zugspitze stellvertretend für das Deutsche Reich in die Köpfe der interna­tionalen Gäste gaukeln. Unsichtbar sollten die Schikanen für die Minder­heiten bleiben, unsichtbar die Verfolgung der politischen Gegner, unsicht­bar die Aufrüstung.

Um den „Geist des neuen Deutschland“ perfekt in Szene zu setzen, hielten es die lokalen NS-Repräsentanten für dringend erforderlich, „die Bevölke­rung auch weltanschaulich auf die Olympiade 1936 vorzubereiten,“ so dass sie dann „die fremden Gäste unterhalten und ihnen einen Einblick in deutsches Wesen gewähren“ könne.

Das Bezirksamt legte höchsten Wert darauf, dass die Garmisch-Par­ten­kirchner Gastgeber die Olympiade nicht etwa „als ergötzliches Schau­spiel oder eine angenehme Abwechslung in der Reihe der sonstigen Un­terhal­tungen“ betrachten „oder gar als eine willkommene Gelegenheit, mühelos möglichst viel Geld zu verdienen“. Um Abweichungen immer noch unein­sichtiger Bevölkerungskreise zu unterbinden, wurde das Jahr 1935 vom Bezirksamt zum „Jahr der psychologischen und weltanschauli­chen Vorbe­reitung der Bevölkerung auf die Aufgaben, die sie hier dem Ausland ge­genüber zu erfüllen hat“, erklärt. Nichts und niemand wollte man dem Zufall überlassen, jeden Gastwirt, Geschäftsmann, Zimmervermieter, Droschkenführer hatte man im Visier.

Das Bezirksamt kümmerte sich darum, „dass der „Völkische Beobachter“ in allen Gaststätten in genügender Zahl aufliegt“ und sorgte dafür, „dass die verschiedenen Zeitungsverkaufsstellen in Garmisch-Partenkirchen in erster Linie den Völkischen Beobachter führen und diesen so auflegen bzw. aufstellen, dass er sofort sichtbar ist und den Vorzug vor allen übri­gen Zeitungen genießt.“ Geprüft wurde auch, ob die katholischen Zeitun­gen „Sankt Michael" und „Der Katholik" überhaupt zugelassen werden sollten.

Die Zahl der Zeitungshändler wurde während der 14 kritischen Tage der Olympischen Winterspiele eingeschränkt. Zu diesem Zweck wurde die Zu­lassung der Händler von einer polizeilichen Erlaubnis abhängig gemacht.

Wenige Tage vor Beginn der Spiele untersagte Goebbels der deutschen Presse, während der Olympischen Tage in Garmisch-Partenkirchen „über Zusammenstöße mit Ausländern und tatsächlichen Auseinandersetzungen mit Juden“ zu berichten. Der kritischen Haltung vor allem in den USA sollte nicht noch in letzter Minute Material gegen die Winterolympiade in die Hand gegeben werden.

Knapp zwei Wochen vor Beginn der Spiele wurde Alois Adam, Herausgeber und Redakteur des „Garmisch-Partenkirchner Tagblatts“, wegen Presse­vergehens festgenommen und ins Gefängnis des hiesigen Amtsgerichts eingeliefert. Auch sein Konkurrent und Kollege Hans Bierprigl vom „Wer­denfelser Anzeiger“ blieb nicht verschont. Er kam am gleichen Tag wegen Pressevergehens ins Gefängnis. Beide nur für kurze Zeit – aber diese Drohgebärde der lokalen NS-Machthaber hat sicher ihre Wirkung nicht verfehlt.

Freilich wissen wir nicht, welchen Erfolg die so genannte Aufklärungs- und Propagandakampagne der NS-Kreisleitung tatsächlich erzielte, ob also die Garmisch-Partenkirchner den ausländischen Gästen gegenüber „eine ein­heitliche nationale Haltung“ demonstrierten.

So bleibt nur ein Blick in die Akten der Bayerischen Politischen Polizei, die ein dichtes personelles und organisatorisches Netz zur Abwehr uner­wünschter Einflüsse errichtet hatte. Die Anmeldungen aller Olympia-Teil­nehmer - der Sportler, der Presse-, Film- und Funkleute und der touristi­schen Gäste - wurden sorgsam überprüft. Die Landeskriminalstelle er­wartete vom Bezirksamt Garmisch die Gewährleistung „einer absolut si­cheren und lückenlosen Durchführung der Fremdenkontrolle in Verbindung mit kriminalpolizeilichen Maßnahmen während der Olympischen Winter­spiele 1936.“

Besonderes Augenmerk wurde auf die Überwachung der Ausländer wegen des in den USA immer noch aktiven „Comitee on fair play in sports" ge­legt. Diese Boykottbewegung wurde nach Möglichkeit mit allerlei Falsch­meldun­gen diskreditiert wie etwa mit der Mutmaßung, die Olympiagegner würden es für zweckmäßig halten, „wenn in den bayerischen Alpen ein amerikani­scher Sportler erdolcht aufgefunden“ würde.

Aus der Sicht der um einen „guten“ Ein­druck bei den Ausländern besorg­ten NS-Behörden waren die Maßnahmen erfolgreich. Von einer einzigen politische Aktion musste das Bezirksamt nach München berich­ten: In zwei Olympianächten klebten an einigen Briefkästen in der Lud­wigstraße in Partenkirchen und in der Bahnhofstraße in Garmisch kleine weiße Zettel mit der Aufschrift „Nieder mit der Verbrecher- und Mörderre­gierung Adolf Hitler! Nur die KPD befreit!". Dazu kamen noch zwei Ver­stöße gegen das „Heimtückegesetz“ und ein „Flaggenvergehen“.

So wurde die Welt vom Tarnkappendiktator und seinen propagandisti­schen Helfershelfern getäuscht, ließ sich täuschen – auch weil sie sich täuschen lassen wollte. In und mit Garmisch-Partenkirchen wurde in die­sen zwei olympischen Wochen das erreicht, was Goebbels erreichen wollte: Berlin galt als gesichert, Deutschland stand als muster­gültiger Organisator da, spärliche Zeichen von Judenfeindlichkeit, kein spürbarer Hauch von KZ, kaum ein militaristischer Gestus.

 

 

© Alois Schwarzmüller 2006

 

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