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Olympische Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen 1936 - "Der Geist des neuen Deutschland" |
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Öffentlicher Abendvortrag anlässlich der 45. Jahrestagung des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung – „Sport als städtisches Ereignis“ Garmisch-Partenkirchen - 10. November 2006
„Wir sind gar nicht darauf gekommen, dass wir etwas aufarbeiten müssten.“ 1. Olympischer Sport und politischer Hintergrund in traditioneller lokaler Sichtweise
Professor Müller vom Fachbereich Sport der Johann-Gutenberg-Universität Mainz war in den 90er-Jahren auf der Suche nach Quellenmaterial zur Wechselwirkung zwischen Schule und olympischem Sport. Er war fest überzeugt davon, dass im Archiv der ehemaligen Oberschule Garmisch-Partenkirchen, dem heutigen Werdenfels-Gymnasium, in dessen Aula wir hier sind, Interessantes für 1936 zu finden sein müsste. Ich habe ihn bei seinen Recherchen unterstützt. Die Ausbeute war ernüchternd – die NS-Zeit war aus dem lokalen Schularchiv, der Schulgeschichte und damit auch aus der Wirkungsgeschichte der Olympischen Spiele in der Erziehung am Ort des Ereignisses mehr oder weniger ausradiert worden. Diese fatale Ausblendung des politischen Hintergrundes der olympischen Spiele in Garmisch-Partenkirchen betraf und betrifft aber nicht nur diese Schule. Sie reicht viel tiefer. Es ist über Jahrzehnte hinweg fast allgemeine Auffassung gewesen, dass dieses Ereignis, das unsere Marktgemeinde so stark geprägt hat wie vorher und nachher keines, auf Organisation, olympische Bauwerke und sportliche Wettbewerbe reduziert werden dürfe oder sogar müsse. In einem Leserbrief im Garmisch-Partenkirchner Tagblatt wurde das vor Jahren auf den Punkt gebracht: „Die Erinnerung an die großartige Darbietung 1936 hat mit Politik überhaupt nichts zu tun", hieß es da. Die Sportmoderatorin Corinna Halke modifizierte diesen Tenor elegant, als sie bei der Jubiläumsfeier 1996 meinte, „allen sei bekannt, in welcher Epoche die Spiele stattgefunden hätten.“ Ein sportgeschichtliches „Basta“. Auch die Verantwortlichen stellten sich blind und taub: „Wir sind gar nicht darauf gekommen“, so hieß es damals, „dass wir etwas aufarbeiten müssten“. Politik habe keine Rolle gespielt, die Spiele seien ja sportlich fair abgelaufen! Also: Ein „Friedensfest“ unweit des Konzentrationslagers Dachau, in dem zu dieser Zeit auch etwa ein Dutzend Männer aus Garmisch-Partenkirchen und Umgebung gefangen gehalten und gequält wurden, die unübersehbare Ausgrenzung der jüdischen Bürger auch in Garmisch-Partenkirchen, – alles nur ein unbedeutender Kollateralschaden ansonsten gut organisierter Sportveranstaltungen? Das sind die Fragen, die mir auch immer wieder von meinen Schülerinnen und Schülern gestellt wurden. Darf ein Gemeinwesen seine Geschichte selektiv betrachten und vermarkten? Trifft es zu, dass die ganzheitliche Betrachtung der Lokalgeschichte eines international bekannten und angesehenen Fremdenverkehrsortes wie Garmisch-Partenkirchen zur Rufschädigung bei den Touristen führt und zum massenhaften Rückgang der Übernachtungszahlen? Ist Lokalgeschichte nichts weiter als ein Marketingartikel? Die lokalen Begleitumstände der Kandidatur von Garmisch-Partenkirchen für 1936 wurden bisher noch wenig untersucht und dargestellt. Vielleicht stehen einzelne bis heute leise schwelende Brandherde herzlicher Abneigung zwischen den Ortsteilen Garmisch und Partenkirchen einer vorurteilsfreien Aufarbeitung im Wege. Die von den NS-Machthabern mit KZ-Androhung herbeigezwungene „Verschwisterung“ spielt dabei sicher eine Rolle. Vielleicht ist es auch ein strukturelles Problem: Nichts hat den Bevölkerungszuwachs der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen so beschleunigt wie die Olympische Veranstaltung von 1936. Diese ruckartige Urbanisierung zweier ursprünglich sehr überschaubarer Fremdenverkehrsgemeinden mag mehr Distanz als Nähe geschaffen haben, auch Distanz zu einer geschichtlichen Betrachtung, die über den Marketingnutzen für den Tourismus hinausgeht.
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© Alois Schwarzmüller 2006 |
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