IV. Olympische Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen

Die Kehrseite der Medaille

Eine Ausstellung im Olympia-Skistadion

 

Texte und Materialien für die Leseecke

 

 

 

 

01 - Die Bewerbung - „Eine bayerische Sache“

02 - Olympischer Gedanke und nationalsozialistische Ideologie

03 - Internationale Anerkennung für den „Friedenskanzler“ Hitler

04 - „Ein Land der Ruhe und Ordnung“

05 - Die Präsenz der NS-Führung bei den Winterspielen:

06 - Generalprobe für die Sommerspiele - „Es muss alles klappen“

07 - Jüdische Bürger und Gäste in Garmisch-Partenkirchen

08 - Antisemitismus führender Sportfunktionäre

09 - Ein Bericht aus dem Alltag

10 - Die Zwangsvereinigung von Garmisch und Partenkirchen 1935

11 - Kontrolle und Steuerung der Berichterstattung

12 - Auswahl der deutschen Athleten

13 - Die internationale Boykottbewegung

14 - Aus dem Polizeibericht: Lokale Aktionen gegen das NS-Regime

15 - Jüdische Bürger und Gäste in Garmisch-Partenkirchen

16 - Olympismus und Faschismus in den dreißiger Jahren

17 - Vergabe Winterspiele 1940 an Garmisch-Partenkirchen

18 - Olympische Elite?

19 - Schicksale

20 - „Nicht alle ließen sich täuschen“

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Schicksale

 

Birger Ruud (1911-1998)

Während des Zweiten Weltkriegs war Norwegen von der deutschen Armee besetzt. Birger Ruud, norwegischer Goldmedaillengewinner bei den Winterspielen von 1936, weigerte sich, bei offiziellen Wettkämpfen anzutreten und die Besatzer mit seiner Popularität zu unterstützen. Wegen „illegalen Skispringens“ kam er deshalb, zusammen mit seinen Brüdern Asbjörn und Sigmund und elf anderen norwegischen Skiläufern, 1943 in das Konzentrationslager Grini bei Oslo. Alle wurden, weil sie nicht bereit zur Kollaboration waren, auf Lebenszeit gesperrt. Ralph Tams, einer der Verweigerer, wurde in das KZ Natzweiler gebracht, wo er 1944 starb. 1986 schrieb Birger Ruud: „So habe ich beide Gesichter Deutschlands kennengelernt. Aber das trübt nicht mein Urteil. Man muss zwischen Deutschland und den Nazis unterscheiden.“

Philippe de Rothschild (1902-1988)

Rothschild, erfolgreicher jüdischer Bobfahrer aus Frankreich, entschied sich 1936 gegen die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen. Er setzte damit ein Zeichen gegen die Diskriminierung jüdischer Sportler in Nazi-Deutschland. Während des Zweiten Weltkrieges kämpfte er in den Reihen der Alliierten. Seine Frau und seine Tochter, die in Frankreich geblieben waren, wurden 1941 von der Gestapo in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Rothschilds Frau wurde ermordet.

Bronislaw Czech („Bronek“) (1908-1944)

Bei den Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen nahm Bronislaw Czech, der erfolgreichste polnische Wintersportler in den zwanziger und dreißiger Jahren, an fünf Wettbewerben teil - als Springer und Abfahrtsläufer, im Slalom, in der Nordischen Kombination und als Langläufer. Czech kam aus der polnischen Skimetropole Zakopane, war bereits bei den Olympischen Spielen 1928 und 1932 dabei und erreichte in Garmisch-Partenkirchen 1936 mit seiner Mannschaft bei der 4*10km-Staffel den 7. Platz. Nach der Besetzung Polens durch die deutsche Wehrmacht lehnte Czech das Angebot der Deutschen ab, als Trainer in ihre Dienste zu gehen. 1941 wurde er deshalb in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht und starb dort 1944.

 

Dr. Eduard Hamm (1879-1944)

Der Garmischer Bezirksamtmann Carl von Merz war von 1931 bis 1933 lokaler Förderer  der Bewerbung für die Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen. Sein Schwager Eduard Hamm konnte als Präsidialmitglied des Deutschen Industrie- und Handelstages die Bewerbung auf höherer Ebene erfolgreich ins Gespräch bringen und unterstützen. Während des Zweiten Weltkrieges knüpfte Hamm Kontakte zur Widerstandsbewegung um den früheren Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler, der ihn im Fall der Ausschaltung Hitlers als bayerischen Landesverweser einsetzen wollte. Hamm wurde nach dem 20. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet, stürzte sich am 23. September 1944 nach Misshandlungen bei einem Verhör aus dem Fenster und erlag den Folgen des Sturzes.

 

Berta Schneider (1889-1942)

Anfang Oktober 1930 kam Berta Schneider, geb. Ambrunn, aus München nach Partenkirchen, ließ sich dort nieder, erwarb die kleine Pension „Sonnenfleck“ in der Angerstraße 12 und vermietete die zehn Betten an „arische“ und „nichtarische“ Gäste gleichermaßen - auch im Olympiawinter 1936. Danach begann eine Kette von Schikanen gegen die jüdische Pensionsinhaberin. Bürgermeister Scheck hielt es für „ein bedrückendes Gefühl“ für die Nachbarn in der Angerstraße, „in ihrer nächsten Umgebung stets auf Juden zu stoßen.“ Auf seinen Antrag hin ordnete das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen die Schließung der Pension „Sonnenfleck“ im August 1938 an. Am 10. November des gleichen Jahres wurde Berta Schneider zusammen mit allen anderen Garmisch-Partenkirchner Bürgerinnen und Bürgern jüdischer Herkunft aus dem Olympiaort vertrieben. Sie flüchtete vor den örtlichen Nazis nach München. Vier Jahre später wurde sie von München in das Konzentrationslager Piaski bei Lublin deportiert. „Seither fehlt jede Spur…“

 

 

 

 

© Alois Schwarzmüller 2016

 

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