1936 - Anmerkungen zu den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen

 

 

 

 

„Behandlung jüdischer Sportsleute in Deutschland" – Die Boykottbewegung

I. Die Entwicklung im Überblick

Am 7. Juni 1933 vergab das Internationale Olympische Komitee die Winterspiele 1936 bei seiner Sitzung in Wien an die Orte Garmisch und Partenkirchen. Die nationalsozialistische Diktatur hatte ein halbes Jahr zuvor mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler begonnen.

Jetzt waren die Nazis an der Macht.

Julius Streicher, der in seinem antijüdischen Hetzblatt „Der Stürmer" die olympische Idee noch als ein „infames Spektakel, das die Juden dominieren", charakterisiert hatte, musste sich Joseph Goebbels beugen. Dem neuen Reichsminister für Propaganda und Volksaufklärung kamen die Olympischen Spiele gerade zum richtigen Zeitpunkt. Sie eigneten sich als erstklassige Plattform für die nationale und internationale Selbstdarstellung der noch jungen nationalsozialistischen Herrschaft. Unter der olympischen Tarnkappe mit Friedenstauben und sportlichem Wettstreit ließen sich die gewaltigen Maßnahmen zur Aufrüstung ganz gut verbergen.

Schwieriger war das schon mit der Diskriminierung und Unterdrückung der Juden in Deutschland. Spätestens seit 1935 gab es nichts mehr zu verschleiern: Auf dem Nürnberger Parteitag der NSDAP wurden die Juden ganz offen mit Rassengesetzen erniedrigt und der Hetzjagd preisgegeben. Bürgermeister Scheck und Landrat Dr. Wiesend bemühten sich in Garmisch-Partenkirchen mit Nachdruck um die Ausführung dieser „Gesetze". Der Zuzug von Juden wurde gleich 1933 erschwert. Zettel und Tafeln mit der Aufschrift „Juden sind hier nicht erwünscht" wurden vielfach in und um Garmisch-Partenkirchen angebracht.

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bilder und Karikaturen zur US-Boykottbewegung

Rechts unten: Der erfolgreiche jüdische Bobfahrer Philippe de Rothschild aus Frankreich boykottierte die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen aus Protest gegen die die antisemitische Politik des Dritten Reiches

Fotos: Cohen, National Archives, Evening Standard, USHMM

 

 

 

Diktatur, Militarismus, Antisemitismus – auf den offenkundigen Verstoß gegen die olympische Idee folgte vor allem in den USA, in Frankreich, in England und in der Schweiz, in den Niederlanden, in den skandinavischen Ländern und in der Tschechoslowakei eine Welle der Empörung. Das Ziel war, die Spiele in Hitler-Deutschland zu boykottieren oder sie in ein anderes Land zu verlegen. Bei der gleichen Wiener Session des IOC im Juni 1933, bei der Garmisch und Partenkirchen mit den Winterspielen beauftragt wurden, musste Hitlers Regierung schriftlich garantieren, dass in der deutschen Olympiamannschaft „für alle Rassen und Konfessionen" freier Zugang gewährt werden würde.

Das größte Gewicht hatte die Boykottbewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika. Sie wurde getragen von der American Amateur Athletic Union (AAU). Sie drohte mit der Ächtung der Spiele in Deutschland. Avery Brundage, ihr ehemaliger Vorsitzender, wurde zum Präsidenten des Amerikanischen Olympischen Komitees gewählt. In dieser Funktion fuhr Brundage, ein Gegner des Boykotts, 1934 nach Deutschland und „untersuchte" die Situation jüdischer Sportler im nationalsozialistischen Deutschland. Sein Bericht führte dazu, dass sich die amerikanische Boykottbewegung geschlagen geben musste. In der entscheidenden Abstimmung behielten die Befürworter mit 58 zu 56 Stimmen die Oberhand.

 

II. Quellen zu einigen Aspekten der Entwicklung

  • 22.11.1933
    Theodor Lewald, Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg und Ritter von Halt erkennen die Gefahren, die vom Beschluss der amerikanischen Amateur Athletic Union ausgehen

  • 14.12.1933
    Theodor Lewald informiert Hitler – IOC-Präsident Graf Baillet-Latour sieht „Ungeschicklichkeit"

  • 18.05.1934
    Das Deutsche Olympische Komitee erklärt sich 1934 in Athen – Baillet-Latour: „Kein contra oder du bien für die Juden"

  • 14.05.1935
    Ritter von Halt, Präsident des NOK für die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen, macht sich Sorgen wegen „planmäßig einsetzender antisemitischer Propaganda" in Garmisch-Partenkirchen, nicht aber, „um den Juden zu helfen".

  • 28.05.1935
    Das Organisationskomitee droht mit Rücktritt.

  • 24.08.1935
    Der amerikanische Botschafter a.D. Ch. H. Sherrill spricht bei Hitler vor. Der Führer lässt sich nicht erweichen: „Man würde dann eben rein deutsche olympische Spiele veranstalten."

  • 01.09.1935
    Die Bayerische Politische Polizei erlaubt jüdischen Sportlern die sportliche Betätigung – „Eine generelle Regelung des jüdischen Sports wird nach Ablauf der Olympiade erfolgen."

  • 20.10.1935
    Der Präsident der amerikanischen Amateur Athletic Union (AAU), der New Yorker Rechtsanwalt Mahoney, begründet  in einem sehr persönlichen Brief an Theodor Lewald, warum er selbst und der größte Sportbund der USA die Teilnahme an den Olympischen Spiele 1936 in Deutschland ablehnen.

  • 23.12.1935
    „… dass Einzelaktionen gegen Juden unter allen Umständen unterbunden werden und dass die Schilder an den Parkeingängen entfernt werden."

  • 30.12.1935
    Botschafter a.D. Ch. H. Sherrill bittet Baron Le Fort, den Generalsekretär des deutschen NOK, „dringend ... alle antijüdischen Tafeln in Garmisch-Partenkirchen entfernen zu lassen, ehe die amerikanische Mannschaft dort eintrifft."

  • 11.02.1936
    Weit entfernt von Garmisch-Partenkirchen, im Dresdner Stadtteil Dölzschen, schreibt Viktor Klemperer am Dienstag, 11. Februar 1936 in sein Tagebuch: "Die Lage wird immer dunkler. In Davos hat ein jüdischer Student den deutschen Parteiagenten der NSDAP erschossen. Im Augenblick, da hier das Olympiaspiel stattfindet, wird alles totgeschwiegen. Hinterher wird man sich an die Geiseln, an die deutschen Juden halten." Aus: Viktor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1941 (Berlin 1995) S. 245

  • III. Quellen zum Antisemitismus in Garmisch-Partenkirchen von 1933 bis 1936

  • 1933

  • 1934

  • 1935

  • 1936

  •  

    © Alois Schwarzmüller 2006

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