1936 - Anmerkungen zu den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen

 

 

 

 

"Behandlung jüdischer Sportsleute in Deutschland" - Die Boykottbewegung

 

20.10.1935

Der Präsident der amerikanischen Amateur Athletic Union (AAU), der Richter am Obersten New Yorker Gericht Jeremiah T. Mahoney, begründet am 20. Oktober 1935 in einem sehr persönlichen Brief an Theodor Lewald, den Vorsitzenden des Deutschen Olympischen Ausschusses, warum der größte Sportbund der USA die Teilnahme an den Olympischen Spiele 1936 in Deutschland ablehnt.

 

 "Sehr geehrter Herr Lewald!

Ihre unglückliche Position als nomineller Vorsitzender des Deutschen Olympischen Ausschus­ses zwingt mich, Ihre kürzlichen entschuldigenden Auslas­sungen über den Sport in Deutschland und die Teilnahme Amerikas an den Olympischen Spielen unter die Lupe zu neh­men. Ich tue das mit um so größerem Bedauern, als ich Sie einst als einen Sportsmann angesehen habe, der sich den be­sten Überlieferungen und den höchsten Idealen des Sports widmete, und weil ich weiß, wie schwierig Ihre Lage als Mitglied der großen Gruppe nicht-arischer Christen ist, die ihre Regierung in barbarischer Weise und zusammen mit den Juden zu dem Stand von Parias in ihrem Heimatland herabge­drückt hat.

Ich erinnere mich, dass man Ihnen die Beibehaltung Ihrer Stellung als nomineller Leiter des Deutschen Olympischen Komitees unter dem Druck der öffentlichen Meinung im Aus­land gestattet hat, und ich befürworte, dass Sie, da Ihnen jede wirkliche Macht mangelt, als ein Schleicher verwendet werden, um die offenbaren Verstöße Ihrer Regierung gegen das olympische Ideal als Fair Play für alle, auch die Schwächsten, zu verdecken.

Falls Sie nicht eine Geisel Ihrer Regierung sind, rate ich Ihnen, mein verehrter Herr Lewald, Ihr Amt in dem olympi­schen Komitee aus Achtung vor den Idealen des Sportgeistes, denen Ihr ganzes bisheriges Leben gewidmet war, formell und öffentlich niederzulegen.

Gestatten Sie mir zu bemerken, dass Ihr Land unter seiner gegenwärtigen Führung die Grundsätze der Demokratie und der Gleichheit, auf denen sich die Olympischen Spiele aufbauen, nicht nur missachtet, sondern sie überhaupt nicht beachten kann. Das olympische Prinzip, das im Reich des Sports die vollkommene Gleichheit aller Rassen und Bekenntnisse aner­kennt, steht im direkten Gegensatz zu der Nazi-Ideologie, deren Eckstein das Dogma von der Rassenungleichheit ist. Ehe das Nazi-Regime nicht zu Ende gegangen ist, wird das amerikanische Volk keinen Grund zu der Annahme haben, dass der wahre Sportgeist, dem die Olympischen Spiele gewidmet sind, seinen Ausdruck in Deutschland finden kann."

Bundesarchiv Potsdam - 70 Or 1 G 147

 

© Alois Schwarzmüller 2006

Zurück zur Startseite