William L. Shirer, Aus dem Tagebuch eines amerikanischen Korrespondeten

 

 

 

 

William L. Shirer (1904 - 1993) zählt zu den berühmtesten amerikanischen Publizisten. 1925 ging er als Korrespondent der Chicago Tribune nach Paris, von 1926 bis 1932 war er Leiter des europäischen Büros. Er kam 1934 nach Berlin, war bis 1937 Korrespondent für die Nachrichtenagentur Universal News Service, dann Europaberichterstatter für CBS New York. 1946 nahm er als Beobachter an den Nürnberger Prozessen teil, 1947 ging Shirer in die USA zurück und widmete sich fortan schriftstellerischer Tätigkeit. Sein "Berliner Tagebuch" und die 1960 erschienene Studie "Aufstieg und Fall des Dritten Reiches" wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. (www.booxtra.de)

 

"Berlin, 23.Januar 1936 Ein unerfreulicher Tag. Am Morgen wurde ich von einem Anruf geweckt - ich arbeite lange und schlafe danach lange -, Wilfried Bade war am Apparat, fanatischer Nazi-Karrierist und zur Zeit verantwortlich für die Auslandspresse im Propagandaministerium. Er begann: „Waren Sie unlängst in Garmisch?“ Ich sagte: „Nein.“ Da begann er zu schreien: „So, Sie sind nicht dort gewesen, und doch besitzen Sie die Unredlichkeit, eine verlogene Geschichte über die Juden dort zu schreiben." - „Einen Moment“, sagte ich, „nennen Sie mich nicht unredlich“, doch er hatte bereits aufgelegt.

Mittags schaltete Tess das Radio für die Nachrichten an, gerade rechtzeitig für uns, um einen heftigen persönli­chen Angriff gegen mich zu hören. Es hieß, ich sei ein dreckiger Jude und würde versuchen, die Olympischen Winterspiele in Garmisch (die in wenigen Tagen begin­nen) mit erlogenen Geschichten über Juden und Nazi-Offizielle dort zu torpedieren. Als ich nach dem Essen ins Büro kam, fand ich die Nachmittagszeitungen voll mit typisch hysterischen Nazi-Denunziationen gegen mich. Die deutschen Mitarbeiter im Büro erwarteten, daß jeden Moment die Gestapo kommen und mich abholen würde. Tatsächlich hatte ich vor einiger Zeit in einer Artikelserie geschrieben, daß die Nazis in Garmisch alle Schilder Ju­den unerwünscht (die man in ganz Deutschland findet) entfernt haben, damit die Besucher der Olympiade keine Anzeichen für die Behandlung vorfinden, die die Juden in diesem Lande erfahren. Außerdem hatte ich eher beiläu­fig erwähnt, daß die Nazi-Offiziellen alle guten Hotels mit Beschlag belegt hätten und die Presse in ungemütlichen Pensionen untergebracht haben, was der Wahrheit ent­spricht.

Jedesmal wenn der Bürojunge am Nachmittag eine neue Zeitung hereinbrachte, wuchs meine Entrüstung. Die meisten meiner Freunde riefen an und empfahlen mir, die ganze Affäre zu vergessen. Wenn ich dagegen ankämpfen würde, sagten sie, wäre wahrscheinlich Ausweisung die Folge. Aber die Berichte waren so übertrieben und verleumderisch, daß ich mein Temperament nicht zu zügeln vermochte. Ich rief in Bades Büro an und verlangte ihn zu sprechen. Er war nicht da. Ich rief wieder an. Schließlich teilte mir seine Sekretärin mit, daß er heute nicht zurückkommen würde. Gegen neun Uhr abends konnte ich es nicht mehr aushalten. Ich ging hinüber zum Propagandaministerium, an einer Wache vorbei, und stürmte in Bades Büro. Wie ich vermutet hatte, war er anwesend und saß an seinem Schreibtisch. Unaufgefor­dert setzte ich mich ihm gegenüber und ver­langte, noch ehe er sich von seiner Überraschung erholt hatte, eine Entschuldigung und Richtigstellung in der deutschen Presse und im Radio. Er fing an, auf mich loszubrüllen. Ich brüllte zurück, und da ich in Momenten der Erregung mein Deutsch ziemlich vergesse, sicher sehr unzusam­menhängend. Offenbar hatte unser Geschrei einige Leute draußen alarmiert, denn sie öffneten die Tür und schau­ten herein. Bade herrschte sie an, die Tür zu schließen, und wir gingen wieder aufeinander los. Er begann, auf den Tisch zu schlagen. Ich schlug zurück. Eilig wurde die Tür geöffnet, und ein Bediensteter trat ein, offenbar um seinem Chef Zigaretten anzubieten. Ich zündete mir eine von meinen eigenen an. Noch zweimal riefen unsere Schläge auf den Tisch den Mann herein, einmal mit neuen Zigaretten, danach mit einer Wasserkaraffe. Doch ich be­gann allmählich zu begreifen, was ich hätte wissen müs­sen, daß ich nichts ausrichten konnte, weil keiner, und Bade zuallerletzt, die Macht und den Anstand besaß, je­mals ein Stück Nazipropaganda zu korrigieren, wenn es erst einmal ausgegeben worden war, völlig gleich, wie groß die Lüge auch war. Am Ende wurde er ruhig, sogar zuckersüß. Man hätte entschieden, teilte er mir mit, entgegen der ursprünglichen Absicht auf meine Ausweisung zu verzichten. Wieder brauste ich auf und forderte ihn auf, mich doch auszuweisen, doch er reagierte nicht, so daß ich schließlich langsam hinausging. Viel zu aufgeregt, fürchte ich.

 

SS-Wachen am Skistadion - 1936

Antijüdisches Schild im Kurhaus Partenkirchen - Manchester Guardian 23. Juni 1935

Hitler mit Ehrenkompanie in Garmisch-Partenkirchen - 1936

Links: SS-Wache am Olympiaskistadion vor der Eröffnung

Mitte: Antijüdisches Plakat im Olympiaverkehrsbüro Garmisch-Partenkirchen (1935)

Rechts: Militärischer Empfang Hitlers am 6. Februar 1936

 

Garmisch-Partenkirchen, Februar Das war ein angenehmeres Zwischenspiel, als ich erwar­tet hatte. Viel harte Arbeit für Tess und mich von Mor­gengrauen bis Mitternacht mit den Olympiaberichten; zuviel SS und Militär überall (nicht nur nach meinem Empfinden, auch besonders für Westbrook Pegler!); doch  die Szenerie der Bayerischen Alpen superb, besonders während des Sonnenauf- und -untergangs, die Bergluft belebend, die rotbäckigen Mädchen in ihrer Skikleidung insgesamt attraktiv, die Spiele aufregend, besonders das halsbrecherische Skispringen, die Bobrennen (auch hals­brecherisch und zuweilen tatsächlich todesmutig), die Eishockey­spiele und Sonja Henie. Und insgesamt ist den Nazis eine großartige Propagandaveranstaltung gelun­gen. Sie haben die meisten ausländischen Besucher stark be­eindruckt durch die großzügige und rei­bungslose Art der Abwicklung der Spiele und durch ihr freundliches Auftre­ten, das wir natürlich, die wir aus Berlin kamen, als auf­gesetzt empfanden. Ich war so alarmiert von dem Ganzen, daß ich einige un­serer anwesenden Geschäftsleute zum Essen einlud und Douglas Miller dazubat, den besten Deutsch­landexperten unserer Botschaft in Berlin und dor­tigen Handelsattache, um die Besucher ein wenig aufzu­klären. Doch sie erklärten ihm, wie die Dinge lagen, und Doug kam kaum zu Wort. Es war eine Freude, mit Pegler zusammenzusein, dessen spitze, scharfe Zunge hier Hochkonjunktur hatte. Er, Gallico und ich hatten unsere beständigen Auftritte mit den SS-Wachen, die das Stadion abschirmten, wenn immer Hitler sich darin befand, und die uns am Betreten hindern wollten. Die meisten Korrespondenten sind ein wenig aufgebracht über einen Artikel im Völkischen Beobachter, der Birchall von der „New York Times“ mit der Aussage zitiert, daß diese Spiele abso­lut unmilitärisch verlaufen sind und daß Korrespondenten, die etwas anderes berichten, nicht korrekt arbeiten. Besonders Peg regte das auf. Heute nacht schien er fast überzeugt, daß die Gestapo ihn wegen seiner Berichte abholen würde, aber das glaube ich nicht. Der Olympische Geist wird wohl noch etwa zwei Wochen anhalten, und dann ist er längst in Italien."

Aus: William L. Shirer, Berliner Tagebuch (Leipzig 1995) S. 42-45

 

© Alois Schwarzmüller 2006

Zurück zur Startseite