1933 - Der Beginn der nationalsozialistischen Diktatur in Garmisch-Partenkirchen

 

 

Die politischen Parteien zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 14. Juli 1933

Quellen zum Thema

Am Beginn von Hitlers Gewaltherrschaft waren im Deutschen Reichstag noch 11 Parteien vertreten: Die größeren – die Bayerische Volkspartei (BVP), die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), die Kommunistische Partei (KPD) und die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) – waren im Bezirksamt Garmisch in unterschiedlichem Ausmaß auch auf örtlicher Ebene organisiert:

Nach der Aushändigung der Macht an Hitler am 30. Januar gab es zunächst keine erkennbaren politischen Ausschläge vor Ort – nicht im autoritären Lager von NSDAP und DNVP, nicht im demokratischen Lager von BVP und SPD. „Einige unbedeutende kleinere Versammlungen" von Reichsbanner und SPD, von NSDAP und DNVP nahm das Bezirksamt zur Kenntnis, von „großer Zurückhaltung" ist zu lesen. Bei einer Versammlung eines „Reichsbauernkomitees" in Partenkirchen fanden sich gerade einmal zehn – kommunistische - Besucher. War das Erschöpfung, Resignation? War Hitler nicht mehr zu verhindern?

In den Tagen vor der Reichstagswahl am 5. März bäumte sich das demokratische Lager noch ein letztes Mal auf, aber auch die Kräfte um Hitler und Hugenberg zogen alle Register ihrer nicht selten überlegenen Propagandakünste.

 

Bayerische Volkspartei

Die BVP hatte mitgliederstarke Ortsgruppen vor allem in Partenkirchen, in Garmisch und in Mittenwald, war aber in allen Orten des Bezirksamtes gut vertreten. Sie war die mit Abstand stärkste politische Kraft im Bezirk, stellte die Landtags- und Reichstagsabgeordneten, die Bürgermeister und die Mehrzahl der Gemeinderats- und Bezirkstagsmitglieder.

Der politische Katholizismus fürchtete, so der Werdenfelser Anzeiger am 2. März 1933, „die Versuche, uns wieder zu Bürgern zweiter Klasse zurückzudrängen", so wie das Bismarck zwei Generationen zuvor während des Kulturkampfes vorübergehend getan hatte. Die Auflösung des Reichstages durch Hitler und Hindenburg wurde als „Unrecht" gebrandmarkt. Die „jetzigen Machthaber", heißt es weiter, würden bei einem für sie ungünstigen Ergebnis „das Heft nicht mehr aus der Hand geben." Damit waren Hitlers Diktaturpläne bildhaft und treffend beschrieben.

Am 4. März 1933 fand die letzte Kundgebung der BVP vor der Wahl im Gasthof „Zum Rassen" in Partenkirchen statt. Der 2. Bürgermeister von Bad Tölz und ein Vertreter der katholischen Arbeitervereine beschworen die Wählerinnen und Wähler, „für die Freiheit der Staatsbürger, gegen Gewaltherrschaft und Parteidiktatur" einzutreten. Am gleichen Tag wurden die Reden von Staatsminister Fritz Schäffer und Ministerpräsident Dr. Heinrich Held im Rundfunk übertragen.

In der Ausgabe des Garmisch-Partenkirchner Tagblatts vom 4. März 1933 wehrte sich die BVP ein letztes Mal wütend dagegen, von den Nationalsozialisten als „Novemberverbrecher" beschimpft zu werden, stellte sich als law-and-order-Partei dar und verteidigte die „christliche Kultur" des Kreuzes gegen das „Neuheidentum" der Hakenkreuz-Bewegung.

Am 29. Juni 1933 teilte der Schlossermeister Xaver Angerer, bisher Vorsitzender der BVP-Ortsgruppe Garmisch, dem Garmischer Bürgermeister Thomma (NSDAP) mit, dass die Ortsgruppe der Bayerischen Volkspartei aufgelöst und seine Tätigkeit als Vorstand der Ortsgruppe beendet sei.

 

Sozialdemokratische Partei Deutschlands

Die SPD hatte nach der Revolution 1918 zunächst bei den Wahlen Boden gut gemacht, in den folgenden Jahren aber wieder an Zustimmung verloren. Sie hatte ihre Organisationsschwerpunkte in Oberau, Partenkirchen und Garmisch, war aber auch in kleineren Gemeinden wie Oberammergau, Wallgau, Krün und Mittenwald vertreten.

Mit einer schneidenden Anklage gegen die Politik der NSDAP schloss die Garmisch-Partenkirchner SPD ihren Wahlkampf für die Reichstagswahl am 5. März ab: Sie verglich Hitler mit Stalin, griff die Unterdrückung und Knebelung der Presse an und warnte vor der kommenden Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Die erbosten Hitler-Anhänger reagierten schnell und verleumderisch. Kurz vor der Wahl erschien im Werdenfelser Anzeiger ein Leserbrief der NSDAP-Ortsgruppe Garmisch-Partenkirchen mit heftigen Angriffen auf SPD-Mitglied Georg Schütte, den 2. Bürgermeister von Partenkirchen und Vorstandsvorsitzenden der Allgemeinen Ortskrankenkasse Garmisch. Darin wurde das Bezirksamt aufgerufen, die Hitler-Regierung gegen die Angriffe der Garmisch-Partenkirchner Sozialdemokraten in Schutz zu nehmen und gegen Schütte ein Disziplinarverfahren zu eröffnen. Zudem wollten die anonymen NS-Leserbriefschreiber die Vergabe von Darlehen durch die AOK Garmisch in Verdacht bringen. Schütte konterte sofort und widerlegte die in heuchlerische Fragen gekleideten Vorwürfe. Zwei Sätze am Schluss seiner Erklärung zeigten den Mut dieses Mannes am Vorabend der endgültigen Eroberung der Macht durch die NSDAP: „Wer in dieser Sache etwas anderes behauptet, den erkläre ich hier öffentlich als gemeinen und niederträchtigen Verleumder." Und dann setzte er noch eins drauf mit der Prophezeiung „Wenn je der Fragesteller durch das Vertrauen seiner Mitbürger in die gleichen Ehrenämter gelangen sollte wie ich und er mit der gleichen Offenheit alle öffentlich gestellten Fragen beantworten könnte, dann wird es gut gestellt sein um das „Dritte Reich". Ich fürchte aber, dass in diesem Reich „öffentliche Anfragen" nicht mehr erlaubt sein werden."

Über welchen Einfluss die Nazis im Bezirksamt Garmisch schon vor der letzten Wahl verfügten, offenbarte das Verbot der öffentlichen SPD-Kundgebung am 3. März im Rassen durch „Bezirksamtl. Verfügung Nr. 1401" Den Mitgliedern des Reichsbanners, der SPD und der freien Gewerkschaften wurde nur noch eine geschlossene Versammlung erlaubt. Die Besorgnis der NSDAP und ihrer Helfer, vor den Argumenten der Sozialdemokraten um Georg Schütte und David Frischmann nicht bestehen zu können, muss groß gewesen sein. In Partenkirchen war die „letzte freie Wahl" nicht mehr frei. Die lokalen SPD-Verantwortlichen ließen sich nicht provozieren. Sie forderten Mitglieder und Anhänger auf, Kundgebungen der Hitler-Bewegung fernzubleiben und Auseinandersetzungen zu vermeiden. Ein letzter Aufruf richtete sich an den politischen Anstand: „Kämpft mit uns für Ordnung und Wahrheit, gegen Bürgerkrieg und Gewaltherrschaft. Gebt keine Stimme den Kommunisten, den Nationalsozialisten und der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot!"

Unmittelbar nach dem 5. März durchsuchten Polizisten der Gendarmeriestation Partenkirchen zusammen mit örtlichen SA-Führern die Wohnungen der maßgeblichen Sozialdemokraten Georg Schütte, David Frischmann und Philipp Schumpp. Die Nazianhänger zeigten mit dieser Drohgebärde ihre Macht und ihren Einfluss. Gendarm Vollnhals soll sich - nach Aussage von Philipp Schumpp - geweigert haben, an diesen Hausdurchsuchungen teilzunehmen.

 

Kommunistische Partei Deutschlands

Die KPD gründete ihre erste lokale Ortsgruppe im Februar 1921 mit etwa 70 Mitgliedern. Die politische Aktivität war unbedeutend. Erst 1930 trat sie wieder in Erscheinung. Das Bezirksamt, das die Entwicklung aufmerksam beobachtete, sprach von 80 Mitgliedern und fügte hinzu: „Bis vor einem Monat hatte die KPD so gut wie keinen gesicherten Besitzstand im Bezirk." Der Bau der Bayerischen Zugspitzbahn, der in den Jahren von 1928 bis 1930 viele Arbeiter in den Bezirk Garmisch gelockt hatte und die wachsende Arbeitslosigkeit in der Endphase der Weimarer Republik waren für die Entwicklung der KPD in Garmisch und Partenkirchen entscheidend. Das Bezirksamt Garmisch sprach 1932 von „auffallend vielen kommunistischen Versammlungen".

1930 wurde die neue Ortsgruppe in Garmisch-Partenkirchen von Max Unger, einem 1909 im Vogtland geboren Schneider, gegründet. Unger war seit 1921 Mitglied dieser Partei. In Hessen hatte er die kommunistische „Rote Hilfe" geleitet. Ob es politische Motive waren, die ihn in den Bezirk Garmisch gehen ließen, ist nicht bekannt. Seine Hauptaufgabe sah er in den letzten Jahren der Republik als Obmann der Arbeitslosen in Garmisch-Partenkirchen, Grainau und Mittenwald. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler richtete er an die Gemeinde Garmisch das Gesuch, sie wolle ihm 200.- RM für eine Reise nach Moskau gewähren, er werde dann nicht mehr zurückkehren. Es lässt sich nicht mehr feststellen, ob es ihm ernst war mit diesem kuriosen Gesuch oder ob er nur ein begnadeter Spötter war. Die Garmischer NS-Funktionäre verhafteten ihn am 10. März 1933 und verschleppten ihn, zusammen mit mehreren anderen Garmischer KPD-Mitgliedern, bis 1935 in das KZ Dachau. Zuvor hatte man sie im Hof hinter dem Bunten Haus – in dem sich die erste NSDAP-Parteizentrale befand – an den Bahndamm gestellt und zum Schein erschossen.

 

Deutschnationale Volkspartei / Kampffront Schwarz-weiß-rot

Die DNVP trug nach 1919 zunächst die Bezeichnung „Bayerische Mittelpartei". Auch die erste lokale Ortsgruppe der DNVP wurde 1919 ins Leben gerufen. 1922 wurde der deutschnationale Jugendbund „Jung Werdenfels" gegründet. Die DNVP arbeitete eng mit den örtlichen Vertretern des Deutschen Offiziersbundes zusammen. Seit 1933 nannte sich die Partei im Bündnis mit dem „Stahlhelm" und der Deutschen Volkspartei „Kampfbund-Schwarz-Weiß-Rot"

In Garmisch-Partenkirchen zählte sich die DNVP zu den „Parteien der nationalen Erhebung" und zeigte damit ihre enge ideologische Verbindung mit den Nationalsozialisten. Ihr außenpolitisches Programm verkündete sie im Garmisch-Partenkirchner Tagblatt in der Woche vor der Reichstagswahl am 5. März: „Frankreich, dieser Friedensstörer seit Jahrhunderten, und seinen Trabanten muss endlich durch die Wahlen klar gemacht werden, dass wir uns die Ausbeutung und die Ausschaltung unseres großen und nur allzu friedlichen und geduldigen Volkes nicht länger gefallen lassen wollen."

 

Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei

Die NSDAP-Ortsgruppe Garmisch-Partenkirchen wurde 1922 von dem Studienassessor Burkhardt gegründet, Mitglieder dieser Gruppe traten 1923 dem Bund Oberland bei und nahmen am 9. November 1923 bei Hitlers Münchner Putschversuch gegen die bayerische Regierung am Marsch zur Feldherrnhalle teil. In der zweiten Hälfte des Jahres 1928 gelang es der NSDAP dann endgültig, im Bezirk Garmisch Fuß zu fassen und in einer Reihe von Gemeinden eine eigene Ortsgruppe zu gründen. Im Februar 1928 riefen die NSDAP-Mitglieder Jakob Scheck, Büchner und Schmaus eine neue Ortsgruppe in Garmisch-Partenkirchen ins Leben. Spätestens seit den Reichstagswahlen im September 1930, bei denen die Nationalsozialisten äußerst erfolgreich waren, existierten auch in Kohlgrub, Ober- und Unterammergau, in Mittenwald und in Krün Ortsgruppen dieser Partei.

Politische Versammlungsorte waren in Garmisch der Gasthof „Lamm" und in Partenkirchen der „Werdenfelser Hof". Dort trafen sich seit Hitlers Kanzlerschaft die NS-Betriebszellenorganisationen, Hitlers Reden vor der Wahl am 5. März wurden aus Breslau und Berlin direkt in die Gasthöfe übertragen.

Nach dem Brand des Reichstages am 27. Februar kannte die Sprache der NS-Propaganda keine Zurückhaltung mehr. Im Werdenfelser Anzeiger forderte sie die Wählerinnen und Wähler auf „Zerstampft den Kommunismus! Zerschmettert die Sozialdemokratie!", von der „Stunde der Abrechnung" war die Rede. Den katholischen Wählern, die seit den ersten Reichstagswahlen im Jahre 1872 der Zentrumspartei bzw. ihrer Nachfolgerin, der Bayerischen Volkspartei, verbunden waren, bot sich die NSDAP als Bündnispartner „gegen die rote Flut" an; wer die nationalsozialistischen „Märtyrer" verleugne, der sei gar ein Feind des Christentums. Auch die Wählerinnen wurden als große Zielgruppe umworben. Mit einem Aufruf „Frauen an die Front" warb Elsbeth Zander für Adolf Hitler.

Am 14. Juli 1933 wurde das „Gesetz gegen die Neubildung von Parteien" erlassen, das die Monopolstellung der NSDAP als einzige politische Partei in Deutschland anerkannte und sicherte und jeden Versuch einer Neubildung von Parteien mit schwersten Sanktionen bedrohte.

Eine genauere Darstellung der lokalen Geschichte der NSDAP findet der Leser unter www.gapgeschichte.de.

 

 

© Alois Schwarzmüller 2006

 

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