"Halt's Maul, sonst kommst nach Dachau!" - Staatsfeinde, Schutzhaft, KZ Dachau

 

 

 

 

"Verzeichnis über alle Staatsfeinde des Bezirkes Garmisch-Partenkirchen" (1936) - Mitglieder der SPD

 

Die Liste der „Staatsfeinde“ nannte insgesamt 19 Mitglieder der SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands). Drei von ihnen – Georg Kreuzer, Josef Roith und Josef Mayr - waren zu diesem Zeitpunkt im KZ Dachau.

 

Wilhelm Glade

Geb. 26.93.95, München, SPD, Geschäftsführer des Deutschen Metallarbeiterverbandes, München

Glade hat nie ständig in Garmisch-Partenkirchen gewohnt. Er war während der Systemzeit Geschäftsführer des „Raintaler-Hofes“ bei Partenkirchen, der bis zum Umbruch der ehemaligen Gewerkschaft des Deutschen Metallarbeiterverbandes gehört hat. Als Gewerkschafter dieses Verbandes hat Glade den „Raintaler-Hof“ von Zeit zu Zeit besichtigt. Jetzt gehört der Raintaler-Hof der Deutschen Arbeitsfront. Glade hat ständig in München, Baumgartnerstr. 5/III gewohnt. Sonst kann Glade politisch nicht weiter beurteilt werden.“

 

Josef Listl

Geb. 19.02.76, Untersaal, Weichenwärter, Gemeinderat, SPD, Ga.-Pa., Grubstr. 1

„Während der Systemzeit war Listl sozialdemokratischer Gemeinderat und Mitglied des Bezirkstages und war in diesen Eigenschaften sehr aktiv und einflussreich. Seine Kampfesweise ließ einen fanatischen Anhänger des Marxismus erkennen. Als überzeugter und fanatischer Marxist ist Listl als Gegner des heutigen Staates zu betrachten, wenn er auch seit dem Umbruch äußerlich nicht gegen die Partei und Bewegung in Erscheinung getreten ist. Er ist jetzt körperlich fast zusammengebrochen, lebt zurückgezogen und bescheiden. Ein Verkehr mit früheren Gesinnungsgenossen und politisierenden Kirchenbeamten ist nicht wahrnehmbar. Der Partei und deren Untergliederungen gehört er nicht an. Er bleibt allen Veranstaltungen der Partei und deren Gliederungen fern und grüßt nicht mit dem Deutschen Gruß. Listl hat sich vor einem Jahr in Partenkirchen ein Haus gekauft. Er lebt von seinem Ruhegehalt als Weichenwärter a.D. und betätigt sich nebenbei als Versicherungsvertreter.“

 

Josef Reitter

Geb. 26.10.88, München, Schneidermeister, SPD, Ga.-Pa., Hindenburgstr.7

„Während der Systemzeit war Reitter ein radikaler Sozialdemokrat, der dem Kommunismus nahe stand. Außer seiner Tätigkeit als Schriftführer der SPD-Ortsgruppe Partenkirchen ist er weiter nicht politisch in Erscheinung getreten. In politischer Hinsicht ist er jetzt sehr zurückhaltend und vorsichtig. Er gehört der Partei und deren Untergliederungen nicht an. Mit früheren Gesinnungsgenossen ist kein Verkehr wahrnehmbar. Mit politisierenden Kirchenbeamten verkehrte er früher und auch jetzt nicht. Reitter ist als versteckter Gegner des heutigen Staates zu betrachten im Hinblick auf seine frühere radikale sozialdemokratische Einstellung. Jedenfalls steht er dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber, weil er sich allen Parteiveranstaltungen fern hält und nicht mit dem Deutschen Gruß grüßt. Reitter ist als Schneidermeister tätig und hat ein ausreichendes Einkommen. Vermögen besitzt er nicht.“

 

Josef Mayr

Geb. 03.10.96, Ettringen, Malermeister, SPD, Oberau, HNr. 111

„Er ist seit 1921 in Oberau wohnhaft und betreibt ein selbständiges Gewerbe als Maler. Sein Einkommen ist nicht zu erfragen. Er besitzt in Oberau ein kleines Haus. … In der Systemzeit hat sich Mayr stets gegen den Nationalsozialismus aufgelehnt, war Funktionär der SPD-Ortsgruppe Oberau und hat nach der Übernahme der nationalen Regierung mit HJ gerauft mit dem Ausspruch „Euch Hitler-Jungen helfe ich schon noch!“. Als nach Anordnung der Regierung nur mehr Hack(sic)kreuzfahnen gehisst werden durften, hat Mayr die schwarz-weiß-rote Flagge gezeigt, welche ihm weggeholt und verbrannt wurde. Er steht bestimmt heute noch nicht auf dem Boden des nationalen Staates und ist als Staatsfeind zu betrachten.“

 

Georg Schütte

Geb. 15.08.95, München, Kaufmann, SPD, Ga.-Pa., Ludwigstr. 21

„Er war während der Systemzeit Sozialdemokrat und II. Bürgermeister in Partenkirchen. In Kreisen der SPD war er sehr einflussreich. Seine Kampfweise war sachlich. Seit dem Umbruch ist Schütte in politischer Hinsicht sehr zurückhaltend. Auch gesellschaftlich lebt er zurückgezogen. Ein Verkehr mit früheren Gesinnungsgenossen ist nicht wahrnehmbar. Mit politisierenden Kirchenbeamten hat er noch nie verkehrt, auch heute nicht. Nach seiner politischen Haltung steht der dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber, weil er allen Parteiveranstaltungen fern bleibt und nicht den Deutschen Gruß anwendet. Er gehört der Partei nicht an. Von Beruf ist Schütte Kaufmann. Er bestreitet ein kleineres Zigarrengeschäft und eine Kohlenhandlung. Vermögen besitzt er nicht.“

 

Johann Daisenberger

Geb. 28.07.03, Oberammergau, Bildhauer, SPD, Oberammergau, Breitenau 10

„Er war vor der Machtübernahme Führer der SPD-Ortsgruppe Oberammergau und hetzte stets in gehässiger Weise gegen die NSDAP. Seit Oktober 1936 gehört er der DSF und der NSV als Mitglied an. Bei ihm kann ohne weiteres angenommen werden, dass diese Mitgliedschaft nur zur Verschleierung seiner politischen Unzuverlässigkeit und hinterhältigen Wühlarbeit angestrebt wurde. Er verkehrt nach wie vor noch mit seinen früheren gleichgesinnten Freunden und ist auch in der Kirche sehr nahestehenden Kreisen ein viel und gern gesehener Besucher. Seine Haltung gegenüber dem heutigen Staat ist unverändert. Er würde einer der ersten sein, die sich im Falle von gegenrevolutionären Bestrebungen auf der Gegenseite befinden würde. Daisenberger ist selbständiger Holzbildhauer und lebt in geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen.“

 

Weitere in der Liste der „Staatsfeinde“ genannte Mitglieder der SPD aus Garmisch-Partenkirchen waren:

  • Richard Buder, geb. 22.09.01, Sandow/Cottbus, Geschäftsführer Naturfreundeheim, Ga.-Pa.

  • David Frischmann, geb. 19.02.72, Glockenhof/Nürnberg, Hafnermeister, SPD-Gemeinderat, Ga.-Pa.

  • Georg Kreuzer, geb. 20.07.00, Tirschenreuth, Schneider, „fanat. Anhänger Marxismus, z.Zt. KZ Dachau“

  • Josef Hollmayer, geb. 10.08.01, Unterbirnbach, Hilfsarbeiter, Reichsbannerführer, Ga.-Pa.

  • Rathart Stoßberger, geb. 08.07.01, Regensburg, Hilfsarbeiter, „eifriger SPD-Anhänger“, Farchant

  • Walter Wahrburg, 02.01.83, Chemnitz, General der LP a.D., „roter Genosse der LP Dresden“, Ga.-Pa., Stuibenweg 7

  • Josef Roith, 06.01.97, Etzmannsried/Neunburg, Hilfsarbeiter, „Führer der SPD Oberau, schon in Dachau“

  • Josef Mayr, 03.10.96, Ettringen/Mindelheim, Malermeister, „Führer der SPD Oberau, war schon in Dachau“

  • Albin Stiegelschmidt, 30.06.02, Bamberg, Fabrikarbeiter, "radikal links eingestellt“, Oberau

  • Johann Neumeier, 08.12.91, Lohwinden/Pfaffenhofen, Hausmeister, „Führer der SPD Ohlstadt“, Ohlstadt HNr.81

  • Josef Schindlbeck, 15.03.98, Landshut, Forstarbeiter, „Führer der SPD Ettal“, Graswang HNr..75

  • Xaver Leitl, 27.05.91, Altenmarkt/Vilshofen, Hilfsarbeiter, „Führer der SPD Wallgau“, Wallgau, Sachensee 35

  • Josef Brandner, 27.02.80, Wallgau, Forstarbeiter, „gehässige Einstellung“, Wallgau HNr.12 ½

  • Jakob Oberauer, 18.11.98, Pleiskirchen/Altötting, Schlosser, „gehässige Einstellung“, Obergrainau 17g

 

© Alois Schwarzmüller 2013

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