"Halt's Maul, sonst kommst nach Dachau!" - Staatsfeinde, Schutzhaft, KZ Dachau

 

 

 

 

"Verzeichnis über alle Staatsfeinde des Bezirkes Garmisch-Partenkirchen" (1936)

 

So einfach war das: Wer sich nicht gefügig machen ließ, wer beharrlich bei seiner Position blieb, wer mit dieser Haltung eine kritische Wirkung in die Nachbarschaft, am Arbeitsplatz oder in der Öffentlichkeit erwarten ließ, der konnte von den nationalsozialistischen Machthabern im Handumdrehen zum „Staatsfeind“ erklärt werden. Anhänger der KPD, der SPD und kirchentreue Konservative standen in Garmisch-Partenkirchen am stärksten im Verdacht, „Staatsfeinde“ zu sein. Die Folgen waren vielschichtig – Überwachung und Ausgrenzung im Alltagsleben wurden zur Bedrohung für alle. Schutzhaft und Konzentrationslager wurden zur Wirklichkeit für viele.

Den Auftrag zur Bekämpfung der „Staatsfeinde“ hatte die Bayerische Politische Polizei (BPP) gegeben. An der Spitze der BPP stand Heinrich Himmler als „Politischer Polizeikommandeur Bayerns“, zugleich Chef der SS. Drei Verzeichnisse legte die Gendarmerie Garmisch-Partenkirchen an:

 

Die Liste vom März 1936

Das erste „Verzeichnis über alle Staatsfeinde des Bezirkes Garmisch-Partenkirchen“ wurde 1936 erstellt. Es ging auf eine Entschließung der BPP vom 2. März 1936 zurück.[1] Es handelte sich dabei um 37 Personen – 24 aus Garmisch-Partenkirchen (Hans Georg von Beerfelde, Korbinian Christa, Anton Decker, Josef Decker, Alois Huber, Josef Haas, Wilhelm Hartl, Alois Herger, Georg Mittermeier, Anton Piethold, Karl Procher, Josef Radner, Ferdinand Rackeseder, Anton Reindl, Josef Reitmeier, Hubert Richter, Paul Riedel, Otto Trapp, Max Unter, Eduard Zellner, Ludwig Staudinger, Christian Kaindl, Ignaz Frauenberger), vier aus Oberammergau (Heinrich Bierling, Johann Daisenberger, Valentin Kraus, Anton Lidl, Michael Weingartner), sechs aus Ettal (Franz Eibl, Erhardt Erdt, Josef Erdt, Anton Lugauer, Anton Ostler, Alois Schedel), je einer aus Eschenlohe (Josef Mayr), Kohlgrub (Paul Schretter) und Obergrainau (Leonhard Kraus). Sie waren „bei Eintreten eines besonderen Ereignisses (z.B. A-Fall)“ in Schutzhaft zu nehmen.[2]

 

Die Liste vom August 1936

Im Auftrag der Geheimen Staatspolizeileitstelle (Gestapo) München wurde im August 1936 von der lokalen Polizeibehörde eine weit umfangreichere Liste erstellt. Sie trug den Titel „Liste über alle hervorragenden Staatsfeinde“[3] und verzeichnete die lokalen Persönlichkeiten aus den Reihen der ehemaligen KPD, SPD, BVP, BBuMB, DNVP und DDP. Einzelne „Staatsfeinde“ wurden aus der Sicht der Gendarmerie Garmisch-Partenkirchen charakterisiert, ihr gegenwärtiges Verhalten wurde sorgfältig registriert. Der Auftrag lautete: „Sofortige genaue Überprüfung und Ergänzung der auf Grund des Erlasses vom 28.8.36 übersandten Listen ehem. Führer der Systemparteien.“ Auf folgende Gesichtspunkte kam es an: „Kurze Schilderung der politischen Tätigkeit und Kampfweise in der Systemzeit“ und „ausführliche Beurteilung des jetzigen politischen Verhaltens gegenüber Staat und Bewegung.“[4]

 

Die Liste vom Juli 1937

Die Gendarmeriestation Garmisch-Partenkirchen und das Bezirksamt Garmisch wurden im Juli 1937 erneut aktiv. Gendarmeriebezirksführer Vollnhals legte am 7. Juli 1937 die dritte „Liste über alle Staatsfeinde des Bezirkes Garmisch-Partenkirchen“ vor. Es handelte sich wieder um Personen, „die beim Eintreten eines besonderen Ereignisses“ zu verhaften waren. Vollnhals scheint erleichtert gewesen zu sein, dass, wie er schrieb, „jetzt eine klare Scheidung zwischen einfachen Staatsfeinden und politisch hervorragenden Staatsfeinden“[6] möglich war. Und der Garmischer Bezirksamtmann Dr. Wiesend meldete tags darauf der Gestapoleitstelle München unverkennbar stolz, dass jetzt „alle hervorragenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, die in der Bekämpfung und Herabsetzung des Nationalsozialistischen Staates und der Bewegung vor und nach der Machtübernahme besonders gehässig aktiv waren und noch sind, in Listen zusammengestellt“ seien.[7]

Einer musste noch nachgemeldet werden: Im April 1938 wurde der Kunstmaler Rolf Cavael zur „Nachüberwachung“ bekannt gegeben.[8] Cavael war am 6. Dezember 1936  - gemeinsam mit dem Maurer Rolf Scherer aus Walldorf bei Heidelberg - wegen „kommu­nistischer Betätigung und öffentlich ge­zeigter kommu­nistischer Gesin­nung“ in Garmisch-Partenkirchen denunziert und von der örtlichen Gendarmerie verhaftet worden. Nach zwei Wochen „Schutzhaft“ wurde er am 19. Dezember 1936 in das KZ Dachau gebracht, aus dem er erst am 2. April 1937 wieder entlassen wurde. Am 16. Juli 1937 wurde er beim Oberlandesgericht Mün­chen wegen eines Verbrechens der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens angeklagt. Das Verfahren, in dem ihm „kommunistische Umtriebe“ und „Weitergabe eines Exemplars des Kom­munistischen Manifests“ vorgehalten wurden, endete mit einem Freispruch. „Staatsfeind“ blieb er.

 

[1] StAM - LRA 199059 Staatsfeinde 1938-1939 - 2.3.36 GRs 15/36 I 1 / 8.2.37 GRs 16/37 II/I J

[2] ebd.

[3] ebd. 28.08.1936

[4] StAM - LRA 199059 Staatsfeinde 1938-1939 – 23.06.1937

[5] Alle StAM - LRA 199059 – Staatsfeinde 1938-1939

[6] StAM – LRA 199059 Staatsfeinde 1938-1939 – 07.07.1937

[7] ebd. 08.07.1937

[8] ebd. 12.04.1938

 

© Alois Schwarzmüller 2013

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