1933 - Der Beginn der nationalsozialistischen Diktatur in Garmisch-Partenkirchen

 

 

Parasiten, landfremde Elemente und andere Erwerbslose: Eine Debatte

 

Leserbrief zur Sitzung des Gemeinderats Partenkirchen am 22.2.1933:

„Eingesandt: In der Nr. 24 des „Werdenfelser Anzeigers" ist in dem Bericht über die öffentliche Sitzung des Marktgemeinderates Partenkirchen vom 22.2.33 unter Nr. 6 der Beschluss wegen der angeblichen Arbeitsverweigerung durch Wohlfahrtserwerbslose veröffentlicht, welcher den bestehenden Tatsachen nicht entspricht. Wir betroffenen Erwerbslosen ersuchen deshalb ergebenst, unsere Stellungnahme zu diesem Bericht in dieser Zeitung zu veröffentlichen.

An die Bürger von Partenkirchen! Wir zur Arbeits- und Verdienstlosigkeit verurteilten jahrelangen Erwerbslosen erklären hiermit: Es trifft nicht zu, dass wir die Arbeitsaufnahme verweigert haben. Tatsache ist vielmehr, dass uns ohne Grundlohn nur ein Akkordlohn angeboten worden ist, bei dem wir unter Berücksichtigung unseres durch die jahrelange Arbeits- und Verdienstlosigkeit, von der kärglichen Unterstützung unterernährten Körpers nicht einmal unseren Lebensunterhalt verdient hätten. Unseren Vorschlag, uns die ersten Wochen im Stundenlohn von 53 Pfg. zu beschäftigen, damit kann der Grundlohn zugesichert werden, an den sich zur Anspornung der Arbeit ein gerechter Akkordlohn anschließen kann. Ohne festen Lohn ist der Akkordlohn ein gesetzwidriger Raublohn für Arbeitnehmer. Die vorenthaltene Zahlung der Unterstützung ist dringend geboten. Wir wollen arbeiten zu einem angemessenen Verdienst und nicht aus der Tasche unserer Mitbürger nutzlos leben.

Der Ausschuss – Paul Riedel, Schreinergehilfe, Silberackerstr. 10"

09.03.1933 – Werdenfelser Anzeiger

 

Max Werneck, Kurdirektor der Gemeinde Partenkirchen, antwortet:

„Wir müssen unterscheiden zwischen anständigen Erwerbslosen, die unsere vollen Sympathien haben, und denen, die mit dem Namen „Erwerbsloser" Schindluder treiben und sich systematisch von jeder Arbeitsleistung drücken. Solche Parasiten gibt es – und hier rufe ich die Bürgerschaft von Partenkirchen auf, zu urteilen darüber, ob es wahr ist oder nicht, was ich sage – unter den Erwerbslosen gerade genug. Leute, die es nicht wert sind, dass sie aus den zum größten Teil aus der Bürgerschaft gegebenen Mitteln unterstützt werden. Wir kennen sie alle namentlich, die sich mit ihren Unterstützungsgeldern und dem Geld, das sie sich dazu durch Haus- und Straßenbettel erfechten, einen Rausch nach dem anderen ansaufen (von ihren sonstigen Gepflogenheiten gar nicht zu reden) und dank ihrer kommunistischen Einstellung das Recht besonderer Beachtung für sich in Anspruch nehmen. Mit diesen Leuten muss man seit Jahr und Tag zusammenarbeiten, um sich ein Bild darüber machen zu können, ob diese Leute Mitleid oder schärfste Verurteilung ihrer Lebensauffassung verdienen…

Wohl gemerkt: Ich breche die Lanze nicht über alle. Ich weiß genau, dass wir unter den Erwerbslosen viele haben, die die von der Gemeinde gebotenen Arbeit und die damit verbundene Unterstützung zu schätzen wissen und willig bei der Arbeit auch durch ihr sonstiges Benehmen sich der Unterstützung würdig erweisen. Aber die anderen, denen ich jede Existenzberechtigung abspreche, die sollen endlich einmal vernünftig werden. Es macht doch einen besseren Eindruck, wenn man dies freiwillig tut, als unter Umständen gezwungenermaßen… Schade nur, dass man nicht längst gegen jene schärfer vorgegangen ist, die den Keim der offenen Auflehnung gegen im Interesse der Erwerbslosen seitens der Gemeinde Partenkirchen getätigte Maßnahmen in die Reihe der Erwerbslosen hineingetragen haben. Und schade auch, dass wir keine gesetzlich verankerte Möglichkeit haben, diese landfremden Elemente einfach des Werdenfelser Landes zu verweisen…"

09.03.1933 – Werdenfelser Anzeiger

 

 

© Alois Schwarzmüller 2006

 

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