1933 - Der Beginn der nationalsozialistischen Diktatur in Garmisch-Partenkirchen

 

 

Der Kampf gegen die Katholische Volksbücherei Garmisch

04.10.1933

Bürgermeister Thomma, Garmisch, schreibt an Kaplan Dick, Pfarrei Garmisch: „Ich ersuche, bei den Neuanschaffungen für die Volksbibliothek auf nationale Bücher und Zeitschrift besonderen Wert zu legen."

Von den Nazis empfohlene Werke:

„Adolf Hitler, Mein Kampf"

„Feld unserer Ehre"

„Geburt des Ostens"

„Deutsche Volkskunde"

„Sperrfeuer um Deutschland"

„Dietrich, Mit Hitler an die Macht"

„Grimm, Volk ohne Raum"

„Rassenkunde des deutschen Volkes"

„Rassenkunde des jüdischen Volkes"

„Rassenhygienische Fibel"

„Ernst Jünger, In Stahlgewittern"

„Von deutschen Ahnen"

„Paul de la Garde, Schriften für das deutsche Volk"

„SA räumt auf"

„Rassengesetzliche Rechtslehre"

Alfred Rosenberg, Mythos des 20. Jahrhunderts"

„Will Vesper, Das harte Geschlecht"

Saukel, Kampfreden"

„Kampf um den Rhein"

„Rassenpflege"

„Hans Johst, Schlageter"

20.11.1933

Die NSDAP-Gemeinderatsfraktion Garmisch beschließt: „Eine Kontrolle der Bücher und Zeitschriften der Volksbücherei des Kath. Pressvereins ist vorzunehmen. Gemeinderat Dr. Friedrich stellt sich zu diesem Zweck zur Verfügung. Alle Neuzugänge der Volksbücherei sind monatlich zu melden. Gez. Thomma, 1. Bürgermeister Garmisch"

29.11.1933

Dr. Karl Friedrich, DNVP-Gemeinderatsmitglied und praktischer Arzt, überreicht der „Prüfstelle München für Schund- und Schmutzliteratur" eine Liste der in der Volksbücherei Garmisch überprüften Bücher mit der Bitte um Mitteilung, „welche Bücher zu entfernen wären."

 

20.12.1933

Die Bayerische Politische Polizei, München, an die Marktgemeinde Garmisch: „Von den in der Volksbibliothek Garmisch geführten Büchern bedürfen folgende der näheren Prüfung:

  • Jack London, Wolfsblut

  • Dostojewskij, Schuld und Sühne

  • Thomas Mann, Königliche Hoheit

  • Maxim Gorki, Novellen"

19.12.1933

Die Entschließung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus wird von der Gemeinde Garmisch umgesetzt: „Bücher, die zur nationalsozialistischen Weltanschauung in Gegensatz stehen, dürfen von öffentlichen Volksbüchereien nicht ausgeliehen werden. Es sind unterhaltende und belehrende Bücher nationalsozialistischer Werte zu führen. Die Leitung einer solchen Bücherei kann nicht Verbänden mit Bekenntnisgepräge überlassen werden. Die Führung der öffentlichen Volksbüchereien im nationalsozialistischen Geist muss der Gemeinde vorbehalten bleiben."

 

17.01.1934

Kaplan Dick, Vorsitzender des Katholischen Pressvereins Garmisch, informiert Bürgermeister Thomma „dass die Pressvereinsbibliothek Garmisch mit ihrem gesamten Bücherbestand von heute ab in die Verwaltung des Pfarramtes übergeben wurde und als Pfarrbücherei weitergeführt wird."

 

02.03.1934

Nach Überprüfung des Bibliotheksbestandes der Volksbücherei Garmisch meldet sich die Bayerische Politische Polizei, München, bei der Gemeinde Garmisch: „Laut Vorordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat (28.2.1933) werden polizeilich beschlagnahmt und eingezogen

  • Jack London, Martin Eden

  • Maxim Gorki, Novellen und Skizzen

  • Adolf Dessauer, Großstadtjuden

Die übrigen Bücher blieben unbeanstandet."

 

11.04.1934

Bürgermeister Thomma, Garmisch, teilt dem Kath. Pressverein den Beschluss des Finanzausschusses der Gemeinde mit, „die bisherige unentgeltliche Stromabgabe für das Pressvereinslokal nicht mehr zu tätigen."

 

12.06.1934

Bürgermeister Thomma an den Kath. Pressverein Garmisch: „Dem kath. Pressverein wurden bis jetzt unentgeltlich für Bibliothekszwecke im Rathaus - Kellergeschoß – Räume zur Verfügung gestellt. Zum Zwecke der Verlegung der gemeindlichen Registraturräume müssen diese Räume frei gemacht werden. Wir ersuchen daher, die Bibliothek anderweitig unterzubringen. Mit Deutschem Gruß gez. Thomma"

 

19.06.1934

Bürgermeister Thomma, Garmisch, an das Katholische Pfarramt Garmisch: „Die hiesige Pfarrbücherei gilt sohin nicht mehr als öffentliche Volksbücherei und darf diese Bezeichnung nicht mehr führen. Dieselbe ist aus dem Rathaus zu entfernen und im Pfarrhofe unterzubringen. Gez. Mit deutschem Gruß Thomma"

 

03.07.1934

Bürgermeister Thomma, Garmisch, an das Katholische Pfarramt Garmisch: „Eine Liste von Neuanschaffungen weltlicher Bücher ist allmonatlich vorzulegen, da der weltliche Bücherbestand der konfessionellen Büchereien der staatlichen Aufsicht untersteht. Gez. Thomma"

 

ohne Datum

Pressemitteilung der Katholischen Pfarrbibliothek: „Die Bücherei darf in Zukunft nicht mehr als Volksbücherei geführt werden und hat die Weisung erhalten, ihre Bücherbestände aus dem Bibliotheksraum im Rathaus zu entfernen… Wir haben zu unseren verehrten Lesern das Vertrauen, dass sie uns die entstandenen Schwierigkeiten wenigstens etwas erleichtern werden."

 

13.07.1934

Erwiderung von Bürgermeister Thomma: „Die Mittelung des Kath. Pfarramtes Garmisch, dass die Bücherei in Zukunft nicht mehr als Volksbücherei geführt werden darf, wird somit richtig gestellt, um den in der Öffentlichkeit erweckten Eindruck, als ob der Gemeinderat Garmisch gegen die Kirche oder die kath. Religion sich wenden wollte, zu zerstreuen, denn das kath. Pfarramt hält daran fest, eine rein katholische Bibliothek unter Aufsicht und Führung der kath. Geistlichkeit zu unterhalten. Gez. Thomma, Bürgermeister"

 

15.10.1934

Kath. Pfarramt Garmisch an Bürgermeister Thomma, Garmisch: „Mit Rücksicht auf die Rechtslage wird ausdrücklich betont, dass die Räumung nicht eine freiwillige war. Das Servitut, das auf dem Haus liegt, sollte den kommenden Garmischer Geschlechtern die Erinnerung an jene Zeit bewahren, in der an der Stelle des heutigen Rathauses das alte Benefiziatenhaus stand. Nur unter der Voraussetzung, dass „mit dem am Marktplatz auf Benefiziumsgrund entstehende Objekte immer das Bibliothekslokal des Kath. Pressvereins bestehen bleiben müsse", wurde seinerzeit der Verkaufsvertrag durch den damaligen Benefiziaten und Ehrenbürger von Garmisch, H.H. Domkapitular Dr. Rudolf Hindringer unterzeichnet. Von diesem Sachverhalt wurde der Herr. 1. Bürgermeister Thomma seinerzeit durch den Unterzeichneten unterrichtet…

Wir bedauern das umso mehr, als es sich bei der Arbeit des ehemaligen Pressvereins um eine Sachen handelt, die in vollem Umfang von der Reichsregierung anerkannt wurde..

… in der ehrlichen Hoffnung, dass sich auch hier ein Weg zur Verständigung und gegenseitigen Zusammenarbeit finden lassen wird, wie er anderswo schon längst gefunden wurde, grüßt mit treu-deutschem und treu-katholischem Gruß! Gez. A. Dick, Kaplan"

 

18.10.1934

Bürgermeister Thomma an Kaplan Dick: „Die Organisationen auf christlicher Grundlage sollen von der Mitarbeit keineswegs ausgeschlossen werden, sie können durch Beratung und Anregung im Büchereiausschuss ihre Wünsche jederzeit vertreten…"

 

05.11.1934

Bürgermeister Thomma an Knabenschule Garmisch: „Es ist beabsichtigt, eine nach nationalsozialistischen Grundsätzen geführte Volksbücherei zu errichten und welcher der Herren Lehrer der hiesigen Knabenschule sich bereit finden würde, die Funktion des Bibliothekars ehrenamtlich zu übernehmen."

 

 

© Alois Schwarzmüller 2006

 

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