1933 - Der Beginn der nationalsozialistischen Diktatur in Garmisch-Partenkirchen

 

 

Die politischen Parteien in Garmisch-Partenkirchen -
vom 30. Januar 1933 bis zum 14. Juli 1933

 

Bayerische Volkspartei (BVP)

„Bayerische Volkspartei voran! Das muss auch diesmal wieder das Wahlergebnis im Werdenfelser Land sein! … Es ist ein Unrecht, dass der Reichstag wiederum aufgelöst wurde; ja ein Unsinn, denn … erklären die jetzigen Machthaber ganz offen, dass sie bei einem negativen Ausfall der Wahl den Willen des Volkes ja doch nicht beachten und das Heft nicht mehr aus der Hand geben werden… Katholisches Volk, merkst du, woher der Wind geht? Darum der letzte Katholik an die Wahlurne! Der Wahlzettel ist die beste und einzige Abwehrwaffe gegen die Versuche, uns wieder zu Bürgern zweiter Klasse zurückzudrängen."

2. März 1933 - Werdenfelser Anzeiger (Leitartikel von Lutz)

 

„Ein letztes Wort in ernster Stunde!

Wer hat vor 14 Jahren Bayern vor dem anstürmenden Bolschewismus, vor dem Chaos gerettet? Waren es nicht in erster Linie die Männer der Bayerischen Volkspartei, die unter ihren Führern Dr. Held und Dr. Heim der roten Flut mutig entgegentraten?… Darf man eine solche vaterländische Partei als Novemberverbrecher beschimpfen?

Was gab es in der Zeit seit der Revolution in Bayern nicht? In Bayern gab und gibt es keine Parteibuchbeamten und keine Ministerpensionen…

Wie war es in Bayern die letzten Jahre? Während im Norden die politische Mordseuche immer furchtbarer wütete, herrschte bei uns Ruhe und Ordnung… Wollt ihr auch weiterhin als freie Staatsbürger in unseren schönen Bergen leben und Ruhe und Ordnung haben?

Dann bleibt treu der weiß-blauen Fahne der Bayerischen Volkspartei, die einzig und allein die so bedrohten bayerischen Interessen im Deutschen Reichstag verfocht, die jederzeit einstand für die Erhaltung der christlichen Kultur im Kampf gegen das Neuheidentum…"

04.03.1933 – Garmisch-Partenkirchner Tagblatt - Anzeige

 

Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)

Aufruf zur öffentlichen Wahlkundgebung am Freitag, 3. März 1933 im Rassensaal mit Karl Erhardt, München:

„Volk oder Herrenclub – Entscheidungskampf für Freiheit, Arbeit und Brot!...

Wahlaufruf! Am 30. Januar 1933 ist am politischen Himmel Deutschlands ein Dreigestirn finsterer Reaktion aufgetaucht: die Regierung Hitler-Papen-Hugenberg. Die 1. Tat dieser so genannten nationalen Konzentrationsregierung war, bei Stalin eine Anleihe aufzunehmen. Man will es den bolschewistischen Machthabern gleichtun und faselt von einem Vierjahresplan. Die faschistisch-kapitalistischen Ideologen und Phrasendrescher fanden es nicht für nötig, ihre Hirngespinste zu Papier zu bringen oder in einer ihrer Rundfunkzwangsauflagen bekannt zu geben. Man will vier Jahre Aufschub. Erst muss man die braunen Bonzen und Stellenjäger versorgen, dann kommt das Volk. Solange kann nicht gewartet werden. Dem deutschen Arbeiter und Bauern kann nur durch ein Sofortprogramm geholfen werden. Statt dessen droht man in den Versammlungen der Regierungsparteien: am 5. März wird das letzte Mal gewählt. Die republikanische Presse wird rücksichtslos geknebelt.

Deutsches Volk – wache auf, ehe es zu spät ist.

Wahrt Eure in der Verfassung der „Novemberverbrecher" verbrieften Rechte.

Schützt das Recht der freien Meinungsäußerung.

Wahrt die Wahlfreiheit!

Wahrt die Pressefreiheit!

Wahrt die Versammlungs- und Redefreiheit!

Wahrt Ordnung und Freiheit gegen Bürgerkrieg und Gewaltherrschaft!

Republikaner! Demokraten! Sozialisten! Wählt Sozialdemokratische Partei Liste 2"

02.03.1933 Garmisch-Partenkirchner Tagblatt - Anzeige

 

Verleumdungsfeldzug der NSDAP-Ortsgruppe Garmisch-Partenkirchen auf SPD-Mitglied Georg Schütte, 2. Bürgermeister von Partenkirchen und Vorstandsvorsitzender der Allgemeinen Ortskrankenkasse Garmisch:

Leserbrief des NSDAP-Ortsgruppe:

„Ist das Bezirksamt Garmisch und die untergeordneten gemeindlichen Stellen bereit, Auskunft zu geben über folgende, die Allgemeinheit interessierende Fragen: 1. Was gedenkt das Bezirksamt Garmisch zu unternehmen gegen den Veranlasser des die Reichsregierung in gemeinster Weise angreifenden Aufrufes der Sozialdemokratischen Partei des Herrn 2. Bürgermeisters Schütte, Partenkirchen? Ist das Bezirksamt bzw. die Gemeinde Partenkirchen bereit, gegen Bürgermeister Schütte das Disziplinarverfahren einzuleiten! Warum wurde seitens der Behörden nicht schon am Dienstag beim Erscheinen des Werdenfelser Anzeigers eingegriffen? 4. Ist das Bezirksamt Garmisch gewillt, der Öffentlichkeit bekannt zu geben: a) wer von der Allg. Ortskrankenkasse Partenkirchen Darlehen erhalten hat? B) zu welchem Zinsfuß? C) auf Grund welcher Sicherheiten? D) zu welcher Zeit und auf welche Dauer? Wir erwarten Beantwortung dieser Fragen noch vor der Wahl!

04.03.1933 – Werdenfelser Anzeiger

 

Antwort von Bürgermeister Schütte:

„Die NSDAP-Ortsgruppe Garmisch-Partenkirchen steigt in die tiefsten Niederungen des Wahlkampfes hinab, indem sie einen anonymen Fragesteller Fragen anbringen lässt, welche den Zweck haben sollen, mich persönlich verächtlich zu machen und mir in meiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender der Allg. Ortskrankenkasse Garmisch unsaubere Handlungen unterzuschieben. In der nächsten Spalte – nicht ohne Absicht – tritt diese Partei für Sauberkeit und Ordnung ein.

Wohlan, ich werde zeigen, was Ordnung und Sauberkeit ist!

In Ordnung ist es, dass meine Partei mit den selben Mitteln kämpft, welche die NSDAP seit 14 Jahren in viel schärferem Maß angewendet hat. Was dieser Partei bisher recht war, wird ihr auch fernerhin recht bleiben müssen.

Und Sauberkeit ist es, wenn die Gelder der Ortskrankenkasse, deren Vorstandsvorsitzender ich bin, genau den gesetzlichen Bestimmungen entsprechen ausgeliehen sind.

Die Gelder der Ortskrankenkasse sind angelegt:

in Reichs- und Staatspapieren

bei der Bezirkssparkasse Garmisch

in Arbeitgeber-Baudarlehen an zwei Angestellte, für welche an deren Anwesen Hypotheken an 1. Rangstelle bestellt sind. Zinssatz 6 %, halbjährliche Kündigung. Die Baudarlehen sind 1927 gewährt worden. Die gesamte Geldanlage der Ortskrankenkasse ist unter der Amtszeit meiner Amtsvorgänger erfolgt; ich decke aber diese Handlungen meiner früheren politischen Gegner voll und ganz, weil sie genau den gesetzlichen Vorschriften in den §§ 26 ff. der Reichsversicherungsordnung entsprechen. Als Mensch würde ich es bei aller politischen Gegnerschaft nie fertig bringen. Zuzusehen, wie für die Allgemeinheit verdiente Männer über das Grab hinaus versteckt beleidigt und verleumdet werden.

Wer in dieser Sache etwas anderes behauptet, den erkläre ich hier öffentlich als gemeinen und niederträchtigen Verleumder.

Wenn je der Fragesteller durch das Vertrauen seiner Mitbürger in die gleichen Ehrenämter gelangen sollte wie ich und er mit der gleichen Offenheit alle öffentlich gestellten Fragen beantworten könnte, dann wird es gut gestellt sein um das „Dritte Reich". Ich fürchte aber, dass in diesem Reich „öffentliche Anfragen" nicht mehr erlaubt sein werden."

04.03.1933 – Werdenfelser Anzeiger

 

„Sozialdemokratische Partei Deutschlands – Ortsverein Garmisch-Partenkirchen – An unsere Mitglieder und Anhänger! Unsere für den 3. März 1933 einberufene öffentl. Versammlung wurde durch Bezirksamtl. Verfügung Nr. 1401 verboten! Eine geschlossene Versammlung für die Angehörigen der Eisernen Front, der SPD und freien Gewerkschaften fand im gleichen Saale statt.

Haltet eiserne Ruhe und Disziplin, bleibt Veranstaltungen und Kundgebungen der Hitlerbewegung fern! Vermeidet unbedingt Auseinandersetzungen mit Gegnern.

Volksgenossinnen und Volksgenossen! Durch dieses Verbot sind wir in unserer Propaganda schwer beeinträchtigt. Wir bitten, für unsere Lage Verständnis zu haben. Unterstützt uns nun erst recht am Sonntag, den 5. März in unserem Ringen um Freiheit, Arbeit und Brot mit dem Stimmzettel.

Kämpft mit uns für Ordnung und Wahrheit, gegen Bürgerkrieg und Gewaltherrschaft. Gebt keine Stimme den Kommunisten, den Nationalsozialisten und der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot!

Republikaner! Demokraten! Sozialisten! Bringt alle Wählerinnen und Wähler zur Urne und wählt Sozialdemokratische Partei Liste 2"

04.03.1933 – Werdenfelser Anzeiger - Anzeige

 

Kommunistische Partei Deutschlands (KPD)

Das Bezirksamt Garmisch erhielt die Anweisung, „sofort sämtliche kommunistischen Funktionäre und Reichsbannerführer im Interesse der öffentlichen Sicherheit in Schutzhaft zu nehmen und Waffensuchungen vorzunehmen … Der Aufziehung der Hakenkreuzfahnen an öffentlichen Gebäuden ist kein Widerstand entgegenzusetzen. Alle Polizeidoppelposten sind mit je einem SA- oder SS-Mann zu stellen. Dieser ist von Polizei mit Pistole zu bewaffnen. Gez. Adolf Wagner, Kommissar für das Innenministerium"

10.03.1933 – Telefonische Mitteilung der Regierung von Oberbayern an das Bezirksamt Garmisch 12.30 Uhr

 

Deutschnationale Volkspartei (DNVP) - Kampffront Schwarz-weiß-rot (KBSWR)

„Nicht nur unsere innere Not, sondern auch die ernste außenpolitische Lage erfordern eine in sich einige nationale Regierung… Frankreich, dieser Friedensstörer seit Jahrhunderten und seinen Trabanten muss endlich durch die Wahlen klar gemacht werden, dass wir uns die Ausbeutung und die Ausschaltung unseres großen und nur allzu friedlichen und geduldigen Volkes nicht länger gefallen lassen wollen. Nur national und sozial geeint, kann Deutschland noch eine Zukunft haben. Wer seinen Kindern ein besseres Dasein erkämpfen will, stelle alle kleinlichen Bedenken zurück und wähle eine der Parteien der nationalen Erhebung."

28.02.1933 - Garmisch-Partenkirchner Tagblatt

 

Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP)

Nach dem Reichstagsbrand: „Der Reichstag in Flammen! Von Kommunisten in Brand gesteckt. So würde das ganze Land aussehen, wenn der Marxismus und die mit ihm verbündete Sozialdemokratie auch nur ein paar Monate an die Macht kämen. Brave Bürger als Geiseln an die Wand gestellt! Dem Bauern der rote Hahn aufs Dach gesetzt! Wie ein Schrei muss es durch Deutschland gehen: Zerstampft den Kommunismus! Zerschmettert die Sozialdemokratie! Wählt Hitler! Liste 1"

02.03.1933 – Werdenfelser Anzeiger – Anzeige

 

Werbung um die Stimmen der katholischen Wählerinnen und Wähler: „Jede katholische Stimme der Liste 1! Eine gottgewollte Idee setzt sich auch gegen Menschenwerk durch. Kämpft mit uns gegen die rote Flut! Wo wären Volk, Kirche und Familie, wären wir nicht! 400 nationalsozialistische Männer starben auch für dich, deutscher Katholik! Wer daher den Nationalsozialismus verleugnet, ist ein Feind des Christentums! Jeder politische Führer muss die christlichen Religionen unangetastet lassen! Und kein Katholik darf sein Gewissen vergewaltigen lassen! Jeder gibt am Sonntag seine Stimme dem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler Liste 1"

02.03.1933 – Werdenfelser Anzeiger – Anzeige

 

NS-Zielgruppe Frauen: „Frauen an die Front!... Deutsche Frauen! Die Wahl ist nicht schwer, wir Frauen stellen uns schützend vor das deutsche Kind und wählen den Führer zu Freiheit und Brot, den Wahrer deutscher Ehre, den Kanzler des deutschen Volkes. Deutschlands Frauen wählen Adolf Hitler!"

04.03.1933 – Garmisch-Partenkirchner Tagblatt – Anzeige

 

 

© Alois Schwarzmüller 2006

 

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