Garmisch-Partenkirchen 1945-1949 - Die ersten Jahre nach Diktatur und Krieg

 

 

Evakuierte, Flüchtlinge, Heimatvertriebene

 

1945
Erste Notlager für Flüchtlinge und Heimatvertriebene in Garmisch-Partenkirchen

Nach dem Kriegsende stand ein Barackenlager am Zugspitzbahnhof.
Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 11.12.2006)
Im Olympia-Skistadion wurden Behelfsunterkünfte zur Unterbringung von Vertriebenen errichtet.
Mündliche Information 2004 von Herbert Woisetschläger, Sudetendeutscher und Mitglied des Gemeinderats Garmisch-Partenkirchen 1978-2002

 

03.05.1945
Das Bayerische Rote Kreuz

Das BRK eröffnete an der Riesserkopfstraße 34 eine "Stelle zur Vermisstennachforschung, zur Sicherung des Briefverkehrs der Bevölkerung und der ausländischen Arbeiter mit Kriegsgefangenen und Internierten im Ausland."

Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen - Schachtel 38 - 06 / 000 / 1805 - Schreiben an die Gemeinde – Mai Juni 1945

 

20.11.1945
Ein Evakuiertenschicksal

"Friedrich Tessnow, Garmisch, Maximilianstr. 34 - Garmisch den 20. November 1945,
Geehrter Herr Bürgermeister!
Gestatten Sie, Herr Bürgermeister, wenn ich Sie mit mein Anliegen betreue.
Ich wohnte früher in Nürnberg, seit den 25 August 1943 in Garmisch Maximilianstr. 34 verlor nach zwei malige Zerstörung am 10./11. August 1943 alles, das Haus wurde total zerstört, und am 20./21. (1945) Februar auch noch mein Geschäft feine Herrenschneiderei (total.) Ich habe mich so nach und nach ein komplettes Schlafzimmer und für meinen Enkel 8 Jahr alt eine Bettstelle mit Betten angeschafft, mein Sohn welcher früher in Berlin wohnte dessen Frau am 15 März 1944 ums Leben kam und der Soldat war verlor am 24 Mai 1944 ebenfalls durch Flieger Angriff alles, er war Soldat, so musste ich seine beiden Kinder mit 8 und 1 Jahr 3 Monate zu mir nehmen, welche auch hier Amtlich gemeldet sind am 25 Mai 1944, er selber nachdem er vom Militär entlassen wurde wohnt auch bei mir seit dem 2. August 1945 mit Behördliche Zustimmung. Nun mussten wir am 11. August das Haus auf Veranlassung der Militär Behörde verlassen, haben seit dieser Zeit eine Notunterkunft im Gärtnerhaus des Herrn Dr. Salzmann hier wo wir mit 5 Personen wohnen, wir durften Keine Möbel oder Betten aus der Wohnung rausnehmen, da nun keine Aussicht besteht das wir noch mal in der Wohnung hineinkommen möchte ich Sie verehrter Herr Bürgermeister bitten ob Sie es nicht veranlassen könnten das ich die Möbel mit den Betten wieder heraus bekomme, ich suche schon längst eine Wohnung und sollte es mir möglich sein eine zu finden so hätte ich keine Möglichkeit eine Schlafgelegenheit für meine Familie, ich bin im 75 Lebensjahr meine Frau 68 Jahr, mein Sohn welcher vom Beruf Kellner ist 44 Jahr, war vor dem Krieg Oberkellner in Berlin, hat bis jetzt auch keine Stellung gefunden, möchte auch gern Arbeiten aber leider ist augenblicklich nichts zu haben, aus all diesen Gründen stelle ich an Sie die Bitte wenn möglich mich behilflich zu sein, bemerke noch das wir alle das Hitler Sistem noch nie angehört haben in irgend einer Art.
Hochachtungsvoll
Gez. Friedrich Tessnow"

Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen - Schachtel 38 - 06 / 000 / 1805 - Schreiben an die Gemeinde – Mai Juni 1945

 

20.04.1946
Ostern in der neuen Heimat - 1400 Flüchtlinge in Garmisch-Partenkirchen eingetroffen

"In den Nachtstunden von Dienstag auf Mittwoch traf ein neuer Flüchtlingszug aus der Tschechoslowakei, von Mies bei Pilsen kommend, in Garmisch-Partenkirchen ein. Die erste Betreuung dieser Flüchtlinge oblag dem Flüchtlingskommissar, der seine verantwortungsvolle Aufgabe in engster Zusammenarbeit mit dem Bayer. Roten Kreuz und dem Arbeitsamt löste.

Der Transport, es ist der dritte, brachte 144 Männer, 280 Frauen und 183 Kinder in das Loisachtal Der Gesundheitszustand ist, wie die sofort durchgeführte ärztliche Untersuchung ergab, gut, und alle freuten sich über die von unermüdlichen Rot-Kreuz-Schwestern verabreichten kräftigen Mahlzeiten. Für Kinder gab es in reichlichem Maße Vollmilch und man schaute mit vollem Magen allgemein optimistisch in die Zukunft.

Auf bereitgestellten Lastwagen erfolgte dann der Abtransport auf die einzelnen Gemeinden des Landkreises. Landwirtschaftliche Arbeiter kamen nach Ettal, Ober- und Unterammergau, Kohlgrub, Oberau, Eschenlohe und Ohlstadt. 49 Facharbeitern dagegen, vorwiegend Maurer u. Zimmerleute, wurde Garmisch-Partenkirchen als neuer Wohnort zugewiesen. Pro Kopf konnten die Flüchtlinge 60 kg Gepäck mitbringen, womit sie, gegenüber anderen Flüchtlingstransporten, wenigstens einen Teil ihrer Habe retten konnten.

Insgesamt sind bis jetzt mit drei legalem Flüchtlingstransporten 1400 Flüchtlinge angekommen. Weitere Transporte stehen noch bevor und es bedarf tatkräftiger Hilfe, das schwere Los dieser Vertriebenen, ihr Fußfassen In der neuen Heimat, zu erleichtern. ler"

Hochlandbote 20.04.1946

 

13.08.1946
Die nackten Zahlen

Im Landkreis gab es ein gutes Jahr nach Kriegsende 9475 Flüchtlinge, 8500 konnten in Privatquartieren untergebracht werden. Darüber hinaus mussten noch 8000 Evakuierte und 7000 von der UNRRA Betreute versorgt werden.

Hochlandbote13.08.1946

 

02.09.1946
Baugesuch für einen Flüchtlingsbetrieb

"Hans Huder und Hubert John. Textilwarenerzeugung
Garmisch-Partenkirchen, Mittenwalderstraße 43

An Bürgermeisteramt Garmisch-Partenkirchen
Ansuchen um Bewilligung einer Baugenehmigung

„Der Kriegsversehrte und Flüchtling Hans Huder und der Flüchtling Hubert John, beide aus dem Sudetengau, wollen mit Genehmigung des Herrn Bürgermeisters, des Herrn Landrats und der Gewerbebehörde sowie mit Befürwortung des Bayerischen Roten Kreuzes, des Caritasverbandes und der amerik. Militärverwaltung eine Textilwarenerzeugung (Handweberei) errichten. Als Arbeitsstätte wurde uns der ehemalige Krankenstall in der Artilleriekaserne vermietet, der sich mit geringfügigen Änderungen als Werkstatt sehr gut eignet.

Da die Wohnungsfrage in Ga.-Pa. äußerst schwierig ist, wir selbst vorläufig in Pensionen, die einmal dem Fremdenverkehr dienen sollen, untergebracht sind und auch für etwa 10 Beschäftigte (hier bereits ansässige Flüchtlinge oder Versehrte) Wohnraum geschaffen werden muss, planen wir den Ausbau des Dachgeschosses, das sich für Wohnungen (durch Einziehen von Zwischenwänden und der Decken) sehr gut und leicht verwenden lässt.Mit geringem Materialverbrauch würden eine Reihe Zimmer für andere Wohnzwecke frei, weshalb der geplante Ausbau wirtschaftlich wichtig und begründet ist. Wir bitten deshalb, den Ausbau zu bewilligen und die erforderlichen Baugenehmigungen erteilen zu wollen."

Gez. Hans Huder und Hubert John"

Hochlandbote 02.09.1946

 

01.10.1946
Öffentliche Versammlungen

"Anordnung der Militärregierung:

  • In Lagern für deutsche Flüchtlinge und Evakuierte sollen keine politischen Versammlungen abgehalten werden.

  • Es wird politischen Parteien gestattet sein, Versammlungen für Flüchtlinge außerhalb der Lager abzuhalten, sie dürfen auch Handzettel und Plakate innerhalb obengenannter Lager verteilen. Durch diese Mittel können sie ihre Versammlungen bekanntgeben.

  • Das Verbot von politischen Versammlungen in Flüchtlingslagern wird aus Gründen der öffentlichen Sicherheit erlassen.

Im Falle von Unruhen unter der Zivilbevölkerung oder anderer gegen die Militärregierung oder die alliierten Streitkräfte gerichtete Demonstrationen kann der oberste deutsche Behördenvertreter der Gemeinde mit Genehmigung der Militärregierung Theater und andere Unterhaltungsstätten schließen und von der Polizei das Verbot öffentlicher Versammlungen, die Verhinderung von Aufläufen und die Inhaftierung bekannter Rädelsführer bis zur Wiederherstellung der normalen Lage verlangen."

Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen - Schachtel 1967 - Versammlungen 1944 13-134 / 1358

 

21.02.1947
Letztes Geleit für verstorbene Flüchtlinge

"Da häufig keine oder wenige Bekannte und Verwandte den Verstorbenen auf seinem letzten Weg begleiten, fordert Flüchtlingsseelsorger Kaplan Friemel deshalb im letzten Flüchtlingsgottesdienst in der Garmischer Alten Kirchen die Ausgewiesenen auf, sich an Flüchtlingsbeerdigungen zahlreich zu beteiligen."

Hochlandbote  21.02.1947

 

 

25.02.1947
Treffen der Sudetendeutschen und der Schlesier in Garmisch-Partenkirchen

Als Flüchtlingsvertreter wurden gewählt: Lucke, Zettel, Feierer, Witka und Branghofer

Hochlandbote 25.02.1947

 

 

18.03.1947
Bürgermeister Schütte und die Rolle der Sudetendeutschen

„Bürgermeister Schütte hatte auf der Flüchtlingsversammlung am 13.03.1947 der Forderung nach einer allgemeinen politischen Amnestie für Flüchtlinge widersprochen und dabei auf die zweifelhafte Rolle hingewiesen, die weite Kreise der Sudetendeutschen zur Zeit des nazistischen Henlein-Rummels gespielt hatten. Diese Erinnerung mag manchem ehemaligen Sudetendeutschen etwas peinlich sein."

Hochlandbote 18.03.1947

28.05.1947
Fürsorgeamt

Unter der Leitung von Walter Rupprecht betreuen zwei Fürsorgeschwestern 700 Personen.

Hochlandbote 28.05.1947

 

27.09.1947
Vertrauensmann der Flüchtlinge

Landrat Dr. Kessler und der Kreisflüchtlingsausschuss beschließen, „dass in allen Gemeinde des Landkreises bis zur nächsten Gemeinderatswahl ein Vertrauensmann der Flüchtlinge zugezogen werden soll, der nur beratendes Mitglied sein soll, jedoch kein Sitz- und Stimmrecht hat."

Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen - Schachtel 38 - 06/000 / 1801

 

07.10.1947

Ein Flüchtlingsvertreter

Der Gemeinderat Garmisch-Partenkirchen beschließt, „dass aus verfassungsmäßigen Grundsätzen die ständige Berufung eines Flüchtlingsvertreters … nicht möglich ist. Sollten jedoch Gegenstände auf der Tagesordnung stehen, die von besonderem Interesse für die Neubürger sind, so wird der am Ort befindliche Flüchtlingsausschuss gebeten, einen Vertreter zu entsenden."

Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen - Schachtel 38 - 06/000 / 1801

 

Oktober 1947
Max Gmeinwieser wird Kreisbeauftragter für das Flüchtlingswesen.

Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen - Schachtel 38 - 06/000 / 1801

 

28.12.1947
Licht und Schatten in Garmisch-Partenkirchen

"Flüchtlingsnot und Elendsquartiere in unserem Landkreis

Garmisch-Partenkirchen, so sagt man in den zerbombten Großstädten, ist das Schaufenster und das Schmuckkästchen des deutschen Fremdenverkehrs. Vom Kriege unberührt, inmitten einer herrlichen Natur, liegt es, in Sonne und Schnee eingebettet, als idealer Ort zur Erholung von Ruinen, Krankheit und Not. Zu Hause berichtet man dann von den eleganten Garderoben und den teuren Quartierpreisen, von den vielen Amerikanern und all dem Glanz eines Kurortes, in dem sich Garmisch wieder sonnen möchte. Aber man schweigt von der Not und dem furchtbaren Elend, dem sich auch Garmisch-Partenkirchen nicht hat verschließen können; man schweigt davon, weil man die Not nicht gesehen hat oder nicht hat sehen wollen ...

Da ist z. B. eine bekannte Pension in Garmisch, mit einer gut eingerichteten Gastwirtschaft und zahlreichen z. T. leerstehenden Hotelzimmern. Im Hinterhaus aber wohnen die Ärmsten der Armen, Flüchtlinge aus Schlesien und dem Sudetenland, ihres gesamten Hab und Guts beraubt. Im Zimmer 31, einem Raum von 16 qm, wohnt ein Ehepaar mit fünf Kindern. Im Nebenraum, der nicht viel größer ist, hausten bis vor kurzem acht Menschen aus drei verschiedenen Familien. Ihnen gegenüber leben zwei Ehepaare in einem Raum von 13 Quadratmetern. Sie verdienen zusammen 100 Mark pro Monat und zahlen davon 44 Mark Miete. In einem anderen Hause lebt ein Mann, Versehrtenstufe IV, mit seiner Frau und drei kleinen Kindern in einem ärmlichen Raum, ohne Nebengelass. Der Mann, der nachts in einer Bäckerei arbeitet, weiß nicht, wo er tagsüber schlafen soll. Sein fünfjähriger Sohn hat lange Zeit im Kohlenkasten schlafen müssen.

— Ein großes Hotel in Oberau, jetzt Flüchtlingsheim für 30 Familien mit fast 100 Menschen. Sie kochen in einer gemeinsamen Küche, viele haben keinen Ofen, das Eis blitzt an den Innenwänden. Ein älterer Mann, im Sudetenland war er Sparkassenvorsteher, lebt hier mit seiner völlig verzweifelten Frau. Abgekämpft und müde berichtet er, wie er seit langem vergeblich um die Erlaubnis des Wirtes kämpft, seinen Ofen aufstellen zu dürfen. Krün. Lange, braune Holzbaracken, weitab von der Straße, Kinder in zerrissener Kleidung, manche barfüßig. Eine Frau wohnt mit zehn Kindern in Wohnküche und zwei kleinen Nebenräumen. In der Küche steht neben dem kleinen Herd ein Gitterkäfig, der Hühnerstall. Auf den fünf Betten dienen zerrissene Decken, Kopfkissen und Lumpen als notdürftigste Zudecke. Von ihrer Monatsrente von 180 Mark zahlt die Frau 30 Mark Miete und Strom. Bei den Nachbarn ist es ähnlich. Wenn die weitab von der Baracke gelegene Pumpe einfriert, müssen sie das Wasser in Kannen vom Barmsee holen. Der Erfolg: Wanzen, Krätze, Schmutz und Tuberkulose. Viele geben den Kampf gegen den Schmutz auf. Es ist ja alles gleichgültig!

Nur wenige geben das Rennen nicht auf: Ein Kunstgewerbler zeigt voller Stolz seine netten Barackenzimmer, aber er ist einer der wenigen, die den. Mut nicht verlieren. Die meisten anderen ersticken langsam in der Welle von Elend, mangelndem Verständnis und auch mangelnder eigener Initiative und wehren sich nicht mehr.

Zweifellos haben die zuständigen Behörden bereits viel zur Linderung der ärgsten Not getan, aber es wird noch mehr Arbeit und guter Wille nötig sein, bis die größten Härten ausgeglichen und die Lasten auf alle Schultern gleichmäßig verteilt sein werden. Dann erst wird Garmisch-Partenkirchen das sein können, was es wieder werden will: Ein Kurort ohne jeden Schatten. - H. Reichardt"

Hochlandbote 28.12.1947

09.01.1948
„Van-Buskirk-Spende" - Kenneth E. van Buskirk war US-Sportsonderberater für Garmisch-Partenkirchen

An 11800 Flüchtlinge im Kreisgebiet Garmisch-Partenkirchen mit ordnungsgemäßem Flüchtlingspass wurden 177000 Mark verteilt, je Person waren das 15.- Mark. Die Ausgabe erfolgte im Gebäude der Militärregierung.

„Zweifellos bedeute für die Flüchtlinge diese Spende keinen Ersatz für das in der Heimat verlorene. Sie kann noch nicht einmal als ein Trost gewertet werden, sie ist auch nicht so gedacht. Vielen jedoch wird sie unter den gegenwärtigen Umständen mehr als eine noble Geste sein. Sie werden in ihr den Ausdruck des persönlichen Verständnisses und des Helfenwollens dankbar anerkennen."

Hochlandbote 09.01.1948

09.03.1948
Wahl der vier Flüchtlingsvertrauensleute

Bei einer Wahlbeteiligung von 70 Prozent entschieden sich die Wählerinnen und Wähler

- für Liste 1 mit 1299 Stimmen – Bertolt Luke, Erika Hamburger, Richard Kopp, Johanna Schurda

- für Liste 2 mit 275 Stimmen

Wahlberechtigt waren 4000 Flüchtlinge, 2900 Erwachsene, 2300 vom Arbeitsamt erfasst, nur 87 Fürsorgeempfänger durch die Gemeinde.

Hochlandbote 09.03.1948

06.04.1948
Union der Ausgewiesenen (UdA)

Die UdA steht der CSU nahe und setzt sich dafür ein, "den politischen Kampf für Lebensverbesserung und Gleichstellung der Armen und Heimatvertriebenen aufzunehmen."

Die Vorsitzende hieß Johanna Schurda.

Hochlandbote 06.04.1948

 

 

17.08.1948
Kurort und Flüchtlingsproblem:

Flüchtlingsobleute und Landrat Dr. Kessler bei Vertretern der Militärregierung:

„…dass 1945/46 die Flüchtlinge sofort in Privatquartieren untergebracht werden mussten, da unser Ort kein Auffanglager besitzt. Im Laufe der Zeit seien durch das enge Zusammenleben unhaltbare Zustände entstanden. Die Spannungen zwischen Mietern und Vermietern wüchsen täglich, da viele Flüchtlinge nach der Währungsreform die hohen Mietpreise nicht mehr bezahlen könnten. Die einseitige Fremdenverkehrspropaganda trage sehr dazu bei, diese Spannungen noch zu erhöhen. Es werde anerkannt, dass der Fremdenverkehr die Schlüsselindustrie in diesem Landkreis sei, man dürfe jedoch auf der anderen Seite nicht das zweite große Problem vergessen, das gleichwertig neben dem Fremdenverkehr stehen müsse: Die Heimatvertriebenen… Zur Frage der Arbeitsbeschaffung wurde erörtert, Flüchtlingen die Möglichkeit zu Gewerbezweigen zu geben, die auch „ohne rauchenden Schornsteine" auskämen (Zusammenführung der Schönacher Instrumentenbauer, Oblatenbäckerei, Klöppelspitzenherstellung etc.). … Dr. Lüdecke: Die Flüchtlinge seien beim Arbeitsamt leider nicht privilegiert. Jeder Unternehmer frage heute zuerst nach der Leistung und dann nach der sozialen Bedürftigkeit."

Hochlandbote 17.08.1948

 

 

13.09.1948
Flüchtlinge und Gastgewerbe beraten am „Runden Tisch"

"Garmisch-Partenkirchen. Um die beiden Hauptexponenten unserer öffentlichen Sorgen — die Flüchtlinge und das Gastgewerbe - einmal um den „Runden Tisch" zu vereinen, hatte Landrat Dr. Kessler gestern Nachmittag die Vertreter des Hotel- und Gastgewerbes sowie den neugebildeten Kreisflüchtlingsausschuss zu einer Besprechung der gemeinsamen Sorgen eingeladen. Die grundsätzliche Schilderung der ungelösten Flüchtlingsfrage übernahm der Kreisbeauftragte Gmeinwieser, der betonte, dass die Flüchtlingsverwaltung mit wenigen Ausnahmen das Gastgewerbe vor Zwangsbelegungen verschont habe. Als ein Damoklesschwert bezeichnete er die drohenden „A-Transporte", die die überfüllten Lager vorübergehend entlasten sollen, in denen durch ständigen Zustrom von politischen Flüchtlingen aus dem Ausland die Menschen „unter Bäumen und in langen Eisenbahnzügen" hausen. Auch Landrat Dr. Kessler wies auf diese Transporte hin mit denen die umliegenden Kreise schon bedacht seien. Als Vorbereitungen für die „vorläufige Unterbringung" dieser Transporte sollen größere Räume, sogar Schul- und Turnsäle, bereitgehalten werden. Der Stellvertreter des Kreisbeauftragten, Müller, erklärte, dass infolge der Familienzusammenführung die Zahl der Flüchtlinge im Kreisgebiet (früher 4800) auf 12.097 angestiegen sei und dass sich Heimkehrer vielfach auf Anraten der Entlassungsbehörden nach hier schicken lassen, wo ihnen gegen Vorlage eines bestimmten Vermerks, Zuzug gewährt werden müsste. Er habe wiederholt auf die wirtschaftliche Bedeutung des Fremdenverkehrs hingewiesen, der auch für die Heimatvertriebenen Arbeitsmöglichkeit schaffe.

Der Landesverband des Gastgewerbes habe bereits erwogen, einer Sonderabgabe der Kurgäste zur Finanzierung für Bauvorhaben zuzustimmen, mit denen zugleich den Hotelbetrieben und dem Wohnungsmarkt geholfen wäre, sagte Hotelbesitzer Link und kritisierte Gemeinde-, Kreis- und Flüchtlingsverwaltung, da bisher auf dem Gebiete des Neubaus noch nichts getan worden sei. Er bot an, dass die Hotels Beträge zur Verfügung stellten, wenn sie dadurch von Dauermietern entlastet würden. Hotelbesitzer Bader betonte, dass nach einer Statistik nur etwa 3000 Flüchtlinge gegenüber 5000 Evakuierten im Landkreis in Hotels wohnen. „Wenn wir die 5000 losbringen", sagte er „dann brauchen uns die 3000 nicht mehr zu genieren" und charakterisierte die schlechte finanzielle Lage des Gewerbes Er wandte sich dagegen, dass lediglich das Gastgewerbe bestimmten Personenkreisen Vorzugspreise einräumen müsste, während andere Branchen an ihnen ein Bombengeschäft machten. - Als gemeinsame Ziele wurden gegen Ende der Besprechung herausgestellt: strenge Prüfung der Aufenthaltsgenehmigung, straffere Belegung von Privatzimmern, Unterstützung des Vorschlages von Herrn Link (bez. Bautätigkeit), Kontrolle der Flüchtlingspässe, Heraufsetzung der Mieten für finanzkräftige Personen, die in ihre Heimat zurückkehren können und gleichzeitig Herabsetzung der Mietpreise für wirklich Bedürftige. Vermeidung von Hotel- und Pensionsverpachtungen an Auswärtige und genaue Überprüfung der Berechtigung zur Vermietung von Fremdenzimmern. - Nik"

Hochlandbote 13.09.1948

 

13.09.1948
Der Kreisflüchtlingsausschuss wurde umgebildet

„Weil die gebildeten Ausschüsse bei den Kreisbeauftragten für das Flüchtlingswesen nicht mehr dem bei den Gemeinderats- und Kreistags wählen zum Ausdruck gebrachten politischen Willen der Flüchtlinge entsprechen", wie es in einer Entschließung des Innenministeriums heißt, wurde der bisher bestehende Kreisflüchtlingsausschuss am Donnerstag aufgelöst, dessen Mitglieder seinerzeit von den politischen Parteien bestellt worden waren. Um ein Neben- und Gegeneinander arbeiten der Ausschüsse zu vermeiden, wurde der neue Kreisflüchtlingsausschuss aus sechs in den Kreistag gewählten Flüchtlingsvertretern und sechs einheimischen Angehörigen der politischen Parteien zusammengesetzt und das Einverständnis der vertretenden Parteien erzielt. Die Flüchtlingsvertreter sind: Rechtsanwalt Fischer, Herr Lukke, Dr. Scheel, Dr. Schmidt, Frau Schurda u. Herr Steinhoff, einheimische Ausschussmitglieder sind die Herren: Amesmair (CSU), Bierpriegel (CSU), Wiesenthal (SPD), Sommer (BP), Hoßfeld (FDP) und Grohner (KPD). Den Vorsitz ohne Stimmrecht bei Beschlüssen führt nach der Entschließung Landrat Dr. Kessler, dessen Abwesenheit bedauert wurde, oder vertretungsweise der Kreisbeauftragte für das Flüchtlingswesen, Gmeinwieser. Ferner wurde aus dem Ausschuss Dr. Schmidt (Mittenwald) zum „Sprecher der Flüchtlinge" gewählt, der deren Interessen in Sitzungen vertreten soll. Der frühere 2. Vorsitzende Müller würdigte die Leistungen der ausscheidenden Mitglieder und meinte, dass die Arbeit im Kreisflüchtlingsausschuss künftig noch intensiver als bisher werde Weiter wurde ein Antrag an den Kreistag abgefasst, der die Einführung eines „Bausteingroschens" als Zuschlag zu den Eintrittspreisen für Kino-, Theater- und Tanzveranstaltungen zum Beschluss erheben soll. Die einschlägigen Lizenzträger sollen deswegen zu einer Aussprache mit dem Kreisflüchtlingsausschuss eingeladen werden. - las"

Hochlandbote 13.09.1948

 

14.09.1948
Garmisch-Partenkirchen als Brennpunkt des Wohnungsbedarfes

"Die UdA wolle die Initiative für die Flüchtlinge übernehmen, erklärte Paul Müller, der neugewählte erste Vorsitzende des Kreisverbandes Garmisch-Partenkirchen der Union der Ausgewiesenen am Samstag auf der ersten Kreisarbeitstagung im „Werdenfelser Michl". In einem einstimmig angenommenen 16-Punkte-Beschluß wurde u.a. die sofortige Auflösung der Flüchtlingsbaracke in der Gehfeldstraße, die Abschaffung der Elendsquartiere noch vor Wintereinbruch, die vordringliche Zuweisung von Gewerberäumen und Produktionsstätten für Flüchtlinge, die Bereitstellung von Siedlungs- und Baugrund für gewerbliche, Geschäfts- und Wohnräume sowie die Förderung und Unterstützung der Flüchtlingsbetriebe, die zur Belebung des Fremdenverkehrs beitrügen, verlangt, Ferner heißt es in der Resolution, die an Innenminister Dr. Ankermüller, an die Landesleitung der CSU, an Landrat und Bürgermeister gerichtet wurde, dass der gesamte Landkreis mit Rücksicht auf den Fremdenverkehr, sogleich zum Brennpunkt' des Wohnungsbedarfs erklärt und eine totale Zuzugs- und Aufenthaltssperre verhängt werden solle, um jeden weiteren Einstrom zu Verhindern, der den Wohnungsmarkt belastet und den hier ansässigen Einheimischen und Flüchtlingen die sehr geringen Arbeitsmöglichkeiten wegnimmt (Aufnahme: Familienzusammenführung und Härtefälle). Außer der Inangriffnahme von Siedlungsbau zur Beseitigung des Wohnungsmangels und der Arbeitslosigkeit wird die Errichtung von Notküchen in allen Gemeinden sowie die schleunigste Verwirklichung des Gesetzes über die Aufnahme von 25% Flüchtlingen in allen staatlichen, kommunalen Behörden und Körperschaften und die Überprüfung aller Flüchtlingsausweise nach strengen Richtlinien gefordert. Weiter sollen die Zuzugs- und Aufenthaltsrechte von Flüchtlingen und Evakuierten überprüft werden und die Bevölkerung des Landkreises zu einem verständnisvollen und guten Zusammenleben aufgerufen werden. Die UdA wendet sich an Bürgermeister Schütte mit der Bitte, eine außerordentliche Gemeinderatssitzung unter Beiziehung der UdA-Vertreter einzuberufen, und an die Kirche, schon jetzt beizutragen, die Winternot lindern zu helfen.

Die UdA sei dafür, erklärte Müller weiter auf der Tagung, auf der auch Kreisgeschäftsführer Amesmaier und Gemeinderätin Schurda sprachen, dass die sogenannten A-Betriebe freigemacht werden, sofern es gelingt, die Umzuquartierenden gerecht und menschenwürdig unterzubringen. Die Staatsregierung müsste jedoch verfügen, dass die B-Betriebe entsprechend Wohnraumlage erst nach und nach geräumt werden.

„Der Kreisverband der UdA sieht sich gezwungen, der gesamten Bezirksvorstandschaft ihr Misstrauen auszusprechen", heißt es in einem an den Bezirksverband der CSU gerichteten Beschluss, da bisher, kein aktiver Arbeitsplan zur Linderung der Not vor allen Dingen der Ausgewiesenen und Bombengeschädigten ausgearbeitet worden sei. Die Union der Ausgewiesenen erklärt, das Verhalten von Staatsrat a.D. Schäffer unter keinen Umständen billigen zu können und protestierte gegen die unberechtigten Angriffe gegen den Landesvorsitzenden Dr. Müller und stellt sich geschlossen hinter seine Politik. - -las"

Hochlandbote 14.09.1948

 

25.09.1948
Flüchtlinge wollen in Artilleriekaserne

„Die Übergabe des bisher als Interniertenkrankenhaus dienenden und jetzt frei werdenden ehemaligen Artilleriekasernen an die Flüchtlingsverwaltung zur Unterbringung eines Flüchtlingsaltenheimes, der Schönbacher Instrumentenmacher sowie zur Beseitigung der Elendsquartiere wurde … gefordert… gegen die vom Kultusministerium geforderte Unterbringung der Hochschule für Leibesübungen, … die bisher von Dauermietern in Hotels belegten Fremdenbetten freimachen … wenn der bayerische Staat für wenige hundert Nazibonzen die Räumlichkeiten heizen konnte, so müsste er es erst recht bei 2000 dort unterzubringenden Flüchtlingen tun können…"

Hochlandbote 25.09.1948

 

 

09.10.1948
Gebäude der Artilleriekaserne für Flüchtlinge freigegeben

Die fünf Gebäude der ehemaligen Artilleriekaserne finden demnächst eine neue Verwendung:

  • 2 für Flüchtlingsaltersheime

  • 1 für Schönbacher Geigenbauer

  • 1 für allgemeine Flüchtlingsunterkünfte

  • 1 für Hochschule für Leibesübungen

„Der Siedlungsbau stoße durch das Fehlen geeigneter Grundstücke auf große Schwierigkeiten. Ein Großteil der in Frage kommenden Plätze sei Forstgrund, der wiederum durch Weiderechte nicht für die Besiedelung nutzbar gemacht werden könne.

Am 21.10.1948 wurden die Gebäude der ehemaligen Artilleriekaserne, zuletzt Interniertenkrankenhaus, an die Flüchtlingsverwaltung des Landkreises Garmisch-Partenkirchen übergeben

Hochlandbote 09.10.1948

 

 

30.11.1948
Grußworte zur Flüchtlings-Weihnachtsmesse Garmisch-Partenkirchen - „Der Messe auf den Weg"

Zur Weihnachtsmesse vom 12.-30. Dezember 1948 in Garmisch-Partenkirchen wurden diese Grußworte gesprochen:

Max Gmeinwieser, Flüchtlingskommissar
„In der Abhaltung einer Weihnachtsmesse und Ausstellung der Flüchtlingsbetriebe der im Landkreis ansässigen Flüchtlinge sehe ich die Verwirklichung eines Gedankens, der lange Zeit der Flüchtlingsverwaltung das Ziel war.
Es soll hiermit bewiesen werden, dass es neben dem Negativen innerhalb der Flüchtlingsbetreuung auch etwas Positives gibt, das alle diese Mühen und Anstrengungen der vergangenen drei Jahre vergessen lässt. Es soll hiermit auch der einheimischen Bevölkerung bewiesen werden, dass die Last der Neubürger nicht so schwer ist, wie sie angesehen wird, sondern dass diese durch Leid und Not gegangenen Menschen frisch, fröhlich und ungebrochen in ihrer neuen Heimat Hand anlegen und durch ihre Tüchtigkeit an dem Wiederaufbau mitarbeiten.
"

Georg Schütte - 1. Bürgermeister
„Der hinter uns liegende unglückselige Krieg und die Nachkriegs-Weltpolitik stellen uns Deutsche vor schwere Aufgaben. Das Problem der Probleme ist die Flüchtlingsfrage. Alle sind verpflichtet, hier mitzuhelfen, um sie zu einer befriedigenden Lösung zu bringen. Wenn die Flüchtlinge bei uns in Garmisch-Partenkirchen durch Selbsthilfe mit beisteuern, so verdient dies größte Achtung. Ich begrüße daher die Durchführung der Flüchtlingsmesse auf das dankbarste. Den Ausstellern sowie den Besuchern, die in der Zeit vom 12.- 30. Dezember zu uns kommen, sei mein herzlichster Willkommensgruß gewidmet. Ich hoffe, dass es uns gelingt, ihre Anwesenheit so angenehm wie möglich zu gestalten. Wenn sich hierbei Mängel ergeben sollten, so bitte ich zu berücksichtigen, dass die Nachkriegsfolgeerscheinungen auch an unserem Ort nicht spurlos vorübergegangen sind. Die Alt- und Neubürger des Ortes bitte ich mit beizutragen, dass der Messe ein dauernder Erfolg beschieden ist und sich unsere Gäste noch lange unserer schönen Heimat erinnern.

William J. Garlock - Area Commander Military Government
"Es ist mir eine Freude, im Namen der Militärregierung allen Teilnehmern an der Weihnachtsmesse der Flüchtlingsbetriebe hier in Garmisch-Partenkirchen ein herzliches Willkommen entgegenzubringen und meine Wünsche für einen vollen und uneingeschränkten Erfolg auszudrücken. Eine solche Ausstellung von handwerklichen Arbeiten, die unter schwierigsten und unzureichenden Bedingungen hergestellt worden sind, muss Bewunderung erregen und Anlass zu berechtigtem Optimismus geben im Hinblick auf die Wiederherstellung der Industrie und die wirtschaftliche Zukunft des Landes."

Wolfgang Jaenicke - Staatssekretär für das Flüchtlingswesen
"Die Durchführung des von Ihnen veranstalteten Flüchtlings-Weihnachtsmesse und Leistungsschau in Garmisch-Partenkirchen begrüße ich außerordentlich. Die Handwerker, Kaufleute und Gewerbetreibenden aus dem Kreise der Heimatvertriebenen führen damit Beweise ihres Könnens, ihres Unternehmungsgeistes und ihres ungebrochenen Existenz- und Aufbauwillens der neuen Heimat vor Augen. Die Weihnachtsmesse und Leistungsschau in Garmisch-Partenkirchen wird den Verschmelzungsprozess zwischen Einheimischen und Neubürgern erfreulich fördern."

Dr. Emil Kessler - Landrat
"Die Bevölkerung des Landkreises Garmisch-Partenkirchen wird sich gern von den in der Flüchtlingsmesse zur Schau gestellten Leistungen überraschen lassen. Wo unsere Flüchtlinge bisher mit kleineren örtlichen Ausstellungen in Erscheinung getreten sind (Garmisch-Partenkirchen, Oberammergau und Mittenwald), haben sie Aufsehen erregt. Kaum glaublich wollte scheinen, dass die neuen Mitbürger in der Enge ihrer räumlichen Verhältnisse, in der zwangsläufigen Bescheidenheit einer kaum wiedergewonnenen wirtschaftlichen Position die ausgestellten Meisterwerke geschaffen hätten. Allmählich hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Nörgler unrecht hatten, die anfangs so gern behaupteten, die Flüchtlinge hätten's nicht mit der Arbeit. Sie haben's mit ihr, in vorbildlichem Fleiß, in Achtung gebietender, guter Tradition, in zäher Selbstbehauptung. Die Flüchtlinge werden das Salz ihrer neuen Heimat sein, sie werden ernst zu nehmende Konkurrenten sein, und das schadet nichts. Ich wünsche der Flüchtlingsmesse — unseren einheimischen Bürgern zu Erbauung und Ansporn, den Neubürgern zu Ehr und Nutzen — einen vollen Erfolg!"
 

 

11.12.1948
Flüchtlingsmesse wie noch nie

Vom 12. bis 30. Dezember in den Räumen der ehemaligen Artilleriekaserne von Garmisch-Partenkirchen

"Unter dem Protektorat des Bayerischen Innenministers, Dr. Ankermüller, sowie in Anwesenheit verschiedener Vertreter der Bayerischen Staatsregierung wird am morgigen Sonntag um 10 Uhr vormittags in den Räumen der ehemaligen Artilleriekaserne von Garmisch-Partenkirchen eine Flüchtlingsausstellung eröffnet. Diese als Flüchtlingsleistungsschau in Verbindung mit einer Verkaufsmesse zur Durchführung gelangende Ausstellung ist als die größte aller bisher in Deutschland stattgefundenen Flüchtlingsausstellungen anzusprechen. Auf einer 3000 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche werden über 120 in Bayern ansässige Flüchtlingsbetriebe die Erzeugnisse ihrer Arbeit der Öffentlichkeit vorführen. Im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten wird der Militärgouverneur der „Garmisch Area", Mr. Garlock, das Ausstellungsgelände dem Protektor, Innenminister Ankermüller, übergeben, der durch Zerschneiden eines weißen Bandes den Weg in die Ausstellung freigeben wird.

Wir wollen zeigen dürfen, was wir zu leisten vermögen. „Wir Flüchtlinge sind wie ein Baum aus fremder Erde, der erst langsam seine Wurzeln schlägt", sagt uns einer der 120 Aussteller auf unsere Frage nach Produktion und Arbeitsleistung seines Flüchtlingsbetriebes. Fast alle diese Firmen, angefangen vom kleinen Einmann-Betrieb bis zu den Gablonzern, Schönbachern und wie sie alle heißen, mögen die in unseren oberbayerischen Bergen eine neue Heimat fanden, haben nach ihrer Ausweisung die Produktion buchstäblich aus dem Nichts begonnen: ohne Rohstoffe, ohne Geschäftsverbindungen, ohne Arbeits- und Wohnraum, ja oft ohne die notwendigsten Mittel zum täglichen Leben. Alle, die wir hier gesprochen haben, zeigen ihre schwieligen Hände, mit denen sie in harter Arbeit das Nötigste selbst gezimmert und gebaut haben. Sie erzählen uns von den unendlichen Schwierigkeiten vom Anstehen an Wohnungsämtern, von Zuzugssorgen, vom Kampf um die Lizenz, von fehlenden Rohstoffen und mangelnden Arbeitsplätzen, von Formularen, Formularen.

Langsam, sehr langsam oft gewannen sie das Vertrauen der Bevölkerung und des heimischen Gewerbes, das die Konkurrenz befürchtete. Aber einzelne bauten in verhältnismäßig kurzer Zeit einen Betrieb mit über 100 Angestellten auf wie z.B. der Karlsbader Oblatenbäcker Ott in München; es ist ihnen gelungen, sich nicht nur der Struktur ihrer neuen Heimat anzupassen, sondern Bayern auch mit neuen Möglichkeiten für den Handel und Export zu bereichern. Bekannten Firmen aus Schlesien und dem Sudetenland gelang es, die alten Geschäftsverbindungen in Europa und Übersee wieder anzubahnen und mit ihrer .Hilfe in der neuen Heimat schneller Fuß zu fassen. Doch auch sie betonen, dass sie erst am Beginn stehen, dass sie mehr verloren haben, als sie in einem Menschenalter wieder schaffen können.

Gott sei Dank gibt es helfende Hände, die mitsägen am Bau ihrer Arbeitstische: das meiste jedoch muss ihre eigene Initiative vollbringen Eine Kühlschrankfabrik erhält heute schon wieder Aufträge aus Südamerika, Australien und China. Sie kann den Neubestellungen nicht mehr nachkommen, denn der Arbeitsplatz ist zu klein, und die Rohstoffe aus dem Osten fehlen Eine Pelzfirma, hat im Frieden aus der alten Heimat Hüte und Pelze bis ins Kaiserhaus nach Persien geliefert, heute arbeitet sie aus alten Beständen in kleinem Rahmen.

Viele der kleineren Flüchtlingsbetriebe ringen hart um ihre Existenz. Sie hatten vor der Währungsreform keine Kompensationsgüter, um sich Rohstoffe zu beschaffen. Und sie haben heute keine gehortete Ware, aus deren Gewinn sie neue Geschäfte finanzieren können Bei der Betrachtung ihrer Ausstellungsstücke dürfen wir nicht vergessen, dass sie unter schwierigen Arbeitsbedingungen und mit primitivem Werkzeug geschaffen wurden. Viele Flüchtlinge mussten sich umstellen, da sie keine Möglichkeit zur Produktion ihres Heimatgewerbes fanden. Sie alle haben nun Gelegenheit, auf der Leistungsschau durch die Güte ihrer Waren zu überzeugen.

Auf 3000 qm Ausstellungsraum, in ca. 57 Räumen zeigen sie uns, was sie in der kurzen Zeit ihrer Einbürgerung geleistet haben. Sie wollen beweisen, dass ihre Betriebe existenzberechtigt sind und dass ihre organische Eingliederung in das Wirtschaftsleben Bayerns zum großen Teil schon vollzogen ist. „Jeder Flüchtlingsbetrieb - und als solcher gelten auch Betriebe, deren Angestellte mehr als 50 Prozent Neubürger sind - soll seine Arbeit zeigen dürfen, und sei sie auch noch so klein," erklärt uns die Messeleitung. Lastautos aus vielen Gegenden Oberbayerns fahren vor dem Ausstellungsgebäude vor, andere bringen ihre Waren auf Handwagen und Fahrrädern heran. „Wir wollen arbeiten, wir wollen zeigen dürfen was wir zu< leisten vermögen", ist ihr aller Wahlspruch. - Br;"

Hochlandbote 11.12.1948

 

 

11.12.1948
„Konkurrenz macht lustig" - Rundgang durch die Flüchtlingsmesse

"Wo noch vor wenigen Monaten leere Konservendosen am doppelten Stacheldraht schepperten, und Wachmänner von hohen Wachtürmen Internierte bewachten, da sind jetzt das Christkind, lebensbejahende Leistungskraft und die Freude eingezogen, die zum weihnachtlichen Schenken gehört Das frühere Interniertenlazarett ist in ein Schmuckkästchen verwandelt Weit über 100 Aussteller haben sich hier vereinigt, um in eindrucksvoller Schau ihre Leistungen unter Beweis zu stellen und den Gästen eine reiche Auswahl an Weihnachtsgeschenken zu bieten, die zum großen Teil vom Stand weg verkäuflich sind Der unvorbereitete Besucher ist überrascht, wenn er die Fülle der ausgestellten Waren auf sich wirken lässt, die nicht etwa von alteingesessenen Firmen, sondern von neuaufgebauten Flüchtlingsbetrieben geboten werden. Denn fast alle Aussteller standen vor drei Jahren noch vor dem Nichts.

Zu einer Zeit, als noch die Maler, Dekorateure und Putzfrauen das Szepter führten, überfielen wir die Messeleitung und machten mit ihr einen Rundgang durch Dutzende von Ausstellungsräumen, in denen, gerückt, gehämmert aufgebaut und ausgepackt wurde. „Die Ausstellung ist nicht nach Warengattungen geordnet, sondern locker und bunt zusammengewürfelt damit der Besucher ein lebendiges Bild erhält ohne zu ermüden", erläuterte uns der Werbeleiter Vogel unterwegs. „Außerdem ist unsere Ausstellung zugleich eine Messe. Auf ihr sollen die angebotenen Waren auch verkauft werden Darum ist es günstiger, Firmen derselben Art nicht nebeneinander ausstellen zu lassen", sagte er weiter und öffnete uns die Türen zu den einzelnen Ausstellungsräumen.

Hier wird Wäsche angeboten, dort Klöppeldecken und Spitzen - eine Decke habe acht Wochen Arbeit gekostet, da können sich die Gäste in einem ostpreußischen „Krug" (wenn auch nicht gerade mit „Bärenfang") fangen lassen, und ein Stück weiter sind in wertvollem Rahmen echte Orient-Teppiche und noch wertvollere Edelpelze zu betrachten. Es wird sogar Orangen geben, und ein Oblatenbäcker wird sein Handwerk vor den Messegästen ausüben. Auch Textilien werden in reicher Auswahl vorhanden seih: bedruckte Stoffe, bunt bemalte Trachten Jacken und Röcke und Fleckerlteppiche. Die feinsten Handschuhe werden neben Schüler- und Künstlergeigen vertreten sein, deren Hölzer teilweise aus der Tschechoslowakei gerettet wurden. Die Korridore zeigen gute Aquarelle und Gemälde, und neben prächtigen Rodelschlitten finden wir eine ganze Puppenfamilie in Eintracht beieinander. Alles passt sich geschmackvoll dem weihnachtlichen Charakter der Ausstellung an.

Was das Herz begehrt, ist hier zu finden: ob es nun eine acht Zentner schwere Dieselnotstromanlage oder gediegenes Kunstgewerbe sei, ob auf dem Wunschzettel ein Heißwasserspeicher, ein Sägemehlofen oder gar ein Kühlschrank steht. In einem Raum wird gerade .eine Kachelbadewanne gemauert um nebenan die zu ihr gehörigen eleganten Morgenröcke und Bademäntel vorzuführen oder kunstvoll - salzsäuregeätzte Kalk-Kacheln anzubieten:

Auch Kulis sind vorhanden, die ihre Dienste anbieten,- Tintenkulis - und eine Reihe vielversprechender Wein- und Erfrischungsstuben. Überall finden wir duftendes Tannengrün und einladende, graphische Darstellungen. Eine Lautsprecheranlage mit 11/4 km Übertragungsleitungen versorgt die Gänge mit unaufdringliche! Musik oder hilft abhandengekommene Mamas in dem ausgedehnten zweistöckigen Gebäudekomplex wiederzufinden.

Sehr beeindruckt von der Vielzahl des Angebotenen, fragen wir einen Aussteller, ob ihm denn nicht vor der Konkurrenz bange wäre. „Wer etwas kann, der braucht sich nicht zu fürchten", antwortete er. „Mein Wahlspruch heißt: Konkurrenz macht lustig!'" Ob alle Aussteller so lustig sind? - Nik."

Hochlandbote 11.12.1948

 

 

14.12.1948
Verheißungsvoller Auftakt der Weihnachtsmesse der Flüchtlingsbetriebe

"Garmisch-Partenkirchen. Im Gebäude der ehemaligen Artillerie-Kaserne wurde am Sonntag die bisher größte Weihnachsmesse und Leistungsschau der Flüchtlingsbetriebe, auf der 120 Aussteller ihre Waren zeigen, eröffnet. Im tannengeschmückten Saal sprachen, am Vormittag im Rahmen eines musikalisch ausgestalteten Festprogramms dl« Vertreter der Militär- und Staatsregierung, deren Ausführungen zum Flüchtlingsproblem über den lokalen Anlass hinaus Bedeutung für die Stellung der Flüchtlinge in unserem Fremdenverkehrsgebiet erhielten.

Landrat Dr. Kessler begrüßte die zahlreichen Geiste, zu denen auch fast alle Bürgermeister und Kreisräte des Landkreises zählten; und vor allem die Flüchtlinge. In seinen Dank an die Militärregierung, insbesondere an Gouverneur Garlock, für die Freigabe der Kaserne Schloss Dr. Kessler die Bitte ein, die Räume den noch in Elendsquartieren hausenden Flüchtlingen des Landkreises zu überlassen. Ein weiterer Flüchtlingszustrom nach Ga-Pa bedrohe nicht nur das einheimische Fremdenverkehrsgewerbe, sondern auch die bereits ansässigen Flüchtlingsbetriebe, Garmisch-Partenkirchen müsse nach seinen Informationen täglich ca. 500 Zimmersuchenden den Aufenthalt zum Wintersport versagen, da der Wohnraum überbelegt sei.

Innenminister Ankermüller versicherte den Flüchtlingen die Anteilnahme der Staatsregierung an ihrem Schicksal. Er sagte, die Staatsregierung sei schon aus moralischen Gründen nicht in der Lage, den ständig fließenden Flüchtlingsstrom abzuweisen. Täglich träfen zu den im Dezember angekündigten 8000 Menschen aus der CSR, den 13000 Berliner Kindern und den 1300 erwarteten Flüchtlingen aus Dänemark noch etwa 300 illegale Grenzgänger in Bayern ein. Er forderte alte, auch die örtlichen Behörden auf, an der Linderung des Flüchtlingselends mitzuarbeiten. Der Ausstellung selbst wünschte er ein gutes Gelingen.

Als» Vertreter des Wirtschaftsministeriums überbrachte Ministerialdirigent Heilmann die Glückwünsche von Wirtschaftsminister Seidel. Er sicherte den Flüchtlingsbetrieben vollste Unterstützung des Ministeriums zu und wies auf die Strukturwandlung des bayrischen Gewerbes durch die Flüchtlingsindustrie und die hierdurch bedingte stärkere Industrialisierung hin. Diese Flüchtlingsleistungsschau beweise, dass die zielstrebige Entwicklung des Flüchtlingsgewerbes ein wesentlicher Faktor innerhalb der gesamtbayrischen Wirtschaft sei. Dr. Balles, der Vertreter des Regierungs-Präsidenten von Oberbayern, kündigte die Eingliederung der Flüchtlingsverwaltung in die innere Verwaltung, die das Bestreben, Einheimische und Neubürger enger zu verbinden, realisieren soll, an und begrüßte die Aussteller im Namen Ministerpräsidenten Ehards.

„Ich freue mich ganz besonders, dass die Initiative zu der Messe einzig und allein von den Flüchtlingen ausging, die damit bewiesen haben, dass sie sich gleichwertig in den Aufbau ihrer neuen Heimat eingeschaltet haben", betonte Bürgermeister Schütte in seinen Begrüßungsworten. Diese bisher größte Flüchtlingsmesse zeige, dass Garmisch-Partenkirchen nicht nur als Wintersportplatz einen Namen in Bayern verdiene.

Der Leiter des Flüchtlingsamtes, Max Gmeinwieser, berichtete von den Schwierigkeiten und Vorbereitungen des Kreisflüchtlingsausschusses und der Messeleitung, die das Gelingen der Leistungsschau ermöglichten. Ein Gang durch die Ausstellungsräume zeige, dass die, Neubürger keine unnützen Esser in ihrem Gastland seien. Es bereite ihm besondere Freude, fuhr Gmeinwieser fort, das Protektorat dem ständig hilfsbereiten Gouverneur Garlock übergeben zu können. Mr. Garlock dankte in deutscher Sprache für die Schutzherrschaft und wünschte der Messe guten Erfolg.

Bereits am ersten Tag hatte die Ausstellung 5000 Besucher zu verzeichnen. Zahlreiche Abschlüsse wurden getätigt."

Hochlandbote 14.12.1948

 

 

05.01.1949
Gehen die „Schönbacher" nach Erlangen?

Vertretertagung der ehemaligen Schönbacher Musikinstrumentenmacher

"Garmisch-Partenkirchen. Am Wochenanfang waren die Vertreter der in Bayern lebenden Schönbacher Instrumentenmacher im hiesigen Rathaus zu einer Tagung zusammengekommen, um über ihr zukünftiges Schicksal zu beraten. Z.Z. ist die Lage folgende: Als seinerzeit nach dem deutschen Zusammenbruch ein Teil der ehemaligen Schönbacher Geigenbauer ins bayerische Land hereinströmte, hatte die Regierung zunächst den Erlanger Bezirk als Auffangplatz vorgesehen. Der damalige dortige Landrat stand jedoch vor denselben schwierigen Wohnraumverhältnisse wie die anderen Gebiete, so dass man von einer geschlossenen Ansiedlung Abstand nehmen musste. Infolgedessen zogen viele nach Garmisch, Mittenwald, Ohlstadt usw., andere nach dem Hessischen. Weder in Erlangen noch im Werdenfelser Land war bisher eine geschlossene Siedlung möglich und von einem Zusammenschluss beider Zentren konnte lediglich gesprochen werden. Die praktische Durchführung scheiterte bisher am mangelnden Wohnraum und an der Vielzahl der betroffenen Personen (1000-2000). Inzwischen hat sich die Situation sowohl für die Erlanger als auch für die Garmischer verbessert. In Garmisch haben sie endlich zwei Blocks in der ehemaligen Artilleriekaserne erhalten und in Erlangen werden bereits Siedlungshäuser für sie gebaut. Die Bayerische Staatsregierung (bei der Tagung vertreten durch Ministerialdirigenten Dr. Adam und einige Herren von der Obersten Baubehörde) hat an der Konsolidierung der Schönbacher Instrumentenbauer-Industrie aus Export- und Devisengründen ein starkes Interesse. Bei der Tagung sollte die Frage ventiliert werden, ob a) ein Zusammenschluss aller Erzeuger in Erlangen oder Garmisch möglich sei, b) ob der Zusammenschluss von diesen gewünscht wird (denn eine Zwangsumsiedlung kommt nach dem Gesetz nicht in Frage).

Die Vertreter der Erlanger Gruppe setzten sich für ihr Projekt ein, wobei besonders darauf hingewiesen wurde, dass in Krisenzeiten die evtl. arbeitslosen Instrumentenbauer in anderen Industrieorten (Nürnberg, Fürth usw.) untergebracht werden könnten.

Der Standpunkt der in Werdenfels ansässigen Gruppe war nicht einheitlich. Ein großer Teil drängt auf den Erlanger Zusammenschluss, andere wieder, besonders solche, die hier schon etwas Wurzel fassen konnten, möchten bleiben und fühlen sich auch ohne Zusammenschluss arbeits- und exportfähig. Der Leiter der Mittenwalder Geigenbauschule hält eine gute Zusammenarbeit mit den Schönbachern für möglich und wünschenswert. Die Mittenwalder Gemeinde sprach sich gegen eine neue Umsiedlung aus.

Die Einstellung der hiesigen Gemeinde muss natürlicherweise zwei Gesichter haben. Hier mangelnder Wohnraum und dringender Bedarf desselben für den Fremdenverkehr - dort Interesse an einer viel versprechenden „kaminlosen Industrie". Da der Erlanger Landrat sein Siedlungsprogramm nur durchführen kann, wenn die Regierung die vorgesehenen Kredite vorwiegend nach Erlangen fließen lässt, Dr. Adam diese Zusicherung jedoch nicht zu geben vermochte, wird sich zunächst an den bestehenden Verhältnissen nichts ändern. Die einzelnen Gruppen bleiben sitzen, wo sie sind, und wer umsiedeln will, kann es ungehindert tun. - Dr. C.A. Scheel"

Hochlandbote 05.01.1949

 

 

15.01.1949
„Etwa 245000 Mark könnten jährlich gespart werden..."

Neuer A-Transport kommt / Bürgermeister Schüttes Antrag im Landtag abgelehnt

"Garmisch-Partenkirchen. Der Landtag habe in seiner vorgestrigen Sitzung „aus grundsätzlichen Erwägungen" mit knapper Mehrheit seinen Antrag, die hiesige Artilleriekaserne zur Unterbringung eines Krankenhauses, eines Altersheimes, der Schönbacher Geigenbauer und zur Entlastung der Elendsquartiere freizugeben, abgelehnt, berichtete Landtagsabgeordneter Bürgermeister Schütte auf der gestrigen Gemeinderatssitzung, die sich über fast fünf Stunden erstreckte. „Das Landesflüchtlingsamt schleust auch jetzt noch weiter falsch", sagte er und kündigte — anstelle der von ihm vorgeschlagenen Einweisung gebrechlicher Leute aus den überfüllten Flüchtlingslagern in das vorgesehene Altershelm einen neuen „A -Transport" von rund 150 Flüchtlingen an, der stündlich zu erwarten sei und der im Wirtschaftsgebäude der Artilleriekaserne untergebracht werden soll.

Wiederum befasste sich unser Gemeinderat mit der Frage, ob man die Erklärung der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen zur „kreis freien Stadt" anstreben solle oder nicht. Bürgermeister Schütte bat, diesem Punkt sämtlicher politischen Tendenzen ungeachtet nur von wirtschaftlichen Erwägungen her zu beraten. In einem ausführlichen Abschlussbericht, der sich mit den verwaltungsrechtlichen und -technischen Voraussetzungen befasste, erklärte Dr. Grasegger, der juristische Sachbearbeiter der Gemeinde, dass sich durch die Erhebung der Marktgemeinde zur Stadt nach gegenwärtigen veränderlichen Schätzungen jährlich etwa 245000 DM an Abgaben ersparen ließen. Die Stadtverwaltung würde nur eine sehr geringe Personalerweiterung mit sich bringen, da die Verwaltung arbeitsmäßig nahezu schon städtisch organisiert sei und die Kreisbehörde sozusagen nur noch eine Korrekturarbeit zu leisten habe, sagte Bürgermeister Schütte und erklärte in Anbetracht der sprunghaft fortschreitenden Entwicklung, der kommunalpolitische Zusammenschluss zwischen Garmisch und Partenkirchen habe sich nicht als falsch erwiesen.

In der weiteren Debatte wurde angeregt, grundstück-steuerliche Unterschiede zu klären, (Bayernpartei), während man andererseits „die Angelegenheit so weiter laufen lassen" solle (CSU). Auch die SPD wollte diese Frage interfraktionell besprechen. Der Wirtschaftsbund riet, die Sache nicht auf die lange Bank zu schieben, zumal die Vorteile überwiegen würden Man einigte sich, einen achtköpfigen Ausschuss zunächst mit dem Studium der Verhältnisse einiger „junger" Städte zu beauftragen.

Der Wirtschaftsbund beantragte die Gewährung eines Betriebsmittelzuschusses von 10000 DM (von dem einstweilen die Hälfte bewilligt wurde), um die geplanten Wintersportwoche erfolgreich durchführen zu können und damit eine zugkräftige Werbung für Garmisch-Partenkirchen zu verbinden. Nik-"

Hochlandbote 15.01.1949

 

 

22.01.1949
Wir schicken einen A-Transport nach Garmisch

"„Wer aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe ist und Arbeit und Wohnung will, der soll sich melden; wir schicken einen A-Transport nach Garmisch" hatte man den Flüchtlingen gesagt. Nun sind sie hier und es hat sich herumgesprochen, dass es ein schweres Beginnen sein wird.

Sie kamen aus den Lagern Schalding bei Passau, aus Hof-Moschendorf und aus dem Lager Hof-Nord. Im Ganzen sind es 67 Personen, teilweise erst kürzlich entlassene Kriegsgefangene, denen es am nötigsten fehlt, und die nur das, was sie auf dem Leibe tragen, ihr eigen nennen."

Die Unterbringung erfolgt in der Artilleriekaserne, im Monat gibt es 10 DM Taschengeld.

Hochlandbote 22.01.1949

 

 

20.05.1949
Um die Ansiedlung der Schönbacher Musikinstrumentenmacher

Positive Stellung des Kreistages — Schwierige Wohnraumbeschaffung

"Der Kreistag Garmisch-Partenkirchen befasste sich in der letzten Sitzung mit der Ansiedlung der aus dem Sudetenland kommenden Schönbacher Musikinstrumentenmacher im Landkreis*Garmisch-Partenkirchen. Landrat Dr. Kessler gab einen Überblick über die chronologische Entwicklung des im Januar 1947 erstmalig aufgetauchten Ansiedlungsplanes und wies darauf hin, dass die einberufene Kreistagsitzung nur den Zweck habe, die aus der Ansiedlung für den Landkreis erwachsenden Fragen zu besprechen. Herr Müller vom Staatssekretariat für das Flüchtlingswesen erklärte, dass die Ansiedlung der Geigenbauer im Landkreis Garmisch-Partenkirchen von der Regierung beschlossen ist. "Die Schönbacher Geigenbauer deckten in den Vorkriegsjahren zu 90 Prozent den Weltbedarf an Zupf- und Streichinstrumenten und bilden auch heute wieder eine wertvolle Devisenquelle. Um den aus dieser' Ansiedlung erwachsenden Wohnraumschwierigkeiten zu begegnen, forderte FlüchtIingskommissar Gmeinwieser die Umsiedlung von nicht produktiv arbeitenden Evakuierten und Flüchtlingen an bahnferne Orte des Landkreises sowie die Überprüfung der Möglichkeit, die Baracken in Oberammergau als Siedlung auszubauen. Insgesamt handelt es sich vorläufig um eine Gruppe von etwa 600 Geigenbauern, die im Landkreis Erlangen bereits die Produktion aufgenommen haben. Zu welchem Zeitpunkt der Rest von etwa 1000 noch in der Tschechoslowakei Verbleibenden kommen soll, ist noch nicht entschieden.

Nach längerer Diskussion wurde vom Kreistag folgende Resolution gefasst: Der Kreistag Garmisch-Partenkirchen, hat von dem. ihm durch Herrn Müller vom Staatssekretariat für das Flüchtlingswesen eröffneten Beschluss des Staatssekretariats Kenntnis genommen, dass die im Sudetenland ausgesiedelten Angehörigen der Schönbacher Musikinstrumenten-Industrie im Landkreis Garmisch-Partenkirchen angesiedelt werden sollen. Der Kreistag kann für die Auswahl des Landkreises als Ansiedlungsgebiet der Schönbacher Geigenbauer, für die Zweckmäßigkeit dieser Auswahl und die wirtschaftlichen Aussichten der Geigenbauer im Landkreis nicht die Verantwortung übernehmen. Der Landkreis und seine Behörden werden sich aber bemühen, die Ansiedlung so durchzuführen, dass sowohl den Interessen der Geigenbauer wie auch den Belangen des Landkreises bestens gedient wird. Der Kreistag hat zu dem Beschluss des Staatssekretariats einstimmig positiv Stellung genommen.

Der Landkreis Garmisch-Partenkirchen erblickt, wie immer wieder betont werden muss, in seiner bis jetzt gegebenen Belastung mit Flüchtlingen einte ernste Gefahr für den Fremdenverkehr als seine Lebensgrundlage. Der Kreistag hält deshalb die Ansiedlung der Schönbacher Musikinstrumenten-Industrie im Landkreis - Garmisch-Partenkirchen nur für durchführbar, wenn dieser wieder in ausreichendem Maß von anderen Flüchtlingen und Evakuierten entlastet wird. Auf freiwilliger Grundlage wird sich diese Entlastung in entsprechendem Ausmaß nicht durchführen lassen. Der Kreistag bittet daher die Staatsregierung, umgehend für die Schaffung der gesetzlichen Voraussetzungen einzutreten, damit eine hinreichende Entlastung des Landkreises im Zwangswege durchgeführt werden kann. -ei-"

Hochlandbote 20.05.1949

 

 

28.05.1949
Von 110 stimmten 43 für Erlangen - Existenz der Schönbacher Musikinstrumentenbauer gefährdet?

"Garmisch-Partenkirchen. Die Produktivgenossenschaft der ehemaligen Schönbacher Musikinstrumentenerzeuger hatte kürzlich eine Vollversammlung einberufen, in der über die Zusammenführung der Streich- und Zupfinstrumentenindustrie eine endgültige Entscheidung getroffen werden sollte. Hierzu waren u. a. als Vertreter des Wirtschaftsministeriums Dr. Schiereich, Ministerialdirektor Dr. Adam vom Staatssekretariat für das Flüchtlingswesen, Dr. Fernegg von der Arbeitsgemeinschaft der ausgewiesenen Industrien, Dr. Kotrba vom Landesverband der Musikinstrumentenindustrie Neustadt/Aisch, der Vertreter der örtlichen Militärregierung, Zeiss-Flest, Landrat Hönekopp, Erlangen, Ob.-Reg.-Rat Stich vom Landratsamt Ga-Pa, Bürgermeister Kratzmair und der Kreisbeauftragte für das Flüchtlingswesen Gmeinwieser erschienen.

Das Problem der Ansiedlung der Schönbacher Geigenbauer im Werdenfelser Land sei in den letzten zwei Jahren so gut wie bereinigt worden, meinte der Vorstand der Produktivgenossenschaft Kreuzinger. Deshalb sei eine Übersiedlung nicht mehr so dringlich. Trotzdem wäre unter volkswirtschaftlichen Aspekten gesehen eine Zusammenführung der in Erlangen angesiedelten Schönbacher mit denen im Werdenfelser Land nur zu begrüßen, erklärte Dr. Kotrba. Der ausschlaggebende wirtschaftliche Wert dieser Gruppe liege hauptsächlich im Export. Deshalb sei es nicht verwunderlich, wenn das Ministerium bestrebt ist, beide Gruppen zusammenzuführen, um, aus einer zentralen Ansiedlung heraus, diesen Exponenten der bayrischen Wirtschaft zu stärken. „Ich bin nicht hergekommen, um, wie es mir so oft unterschoben wurde, Ihre Gunst zu erbetteln*, sprach Landrat Hönekopp, „vielmehr bin ich mit dem ehrlichen Willen hergekommen, Ihnen allen zu helfen. 30 Wohnungen können vorläufig erbaut werden. Hinzu kommt die unbestrittene Tatsache, dass die Lebenshaltungskosten im Raume um Erlangen bedeutend niedriger liegen als in Ga-Pa." Mittenwald werde zudem immer eine Konkurrenz für die hier angesiedelten Geigenbauer bleiben. Nur wenn die Schönbacher wieder auf dem Weltmarkt erschienen, sei mit einer Verbesserung ihrer Lage zu rechnen. Es sei klar, dass sie vorerst nur durch große Subventionen wieder dorthin gebracht werden könnten. Das sei Aufgabe und Pflicht des Staates.

Die wirtschaftlich exponierte Lage des Werdenfelser Landes, das zudem mehr die Struktur des Fremdenverkehrs aufweise, als die Aufnahmebereitschaft für eine neue, wenn auch rauch- und geräuschlose Industrie, würde dem Export und Materialbedürfnis nie entsprechen, zumal die prekäre Wohnungsfrage, im gesamten gesehen, auch in Ga-Pa noch nicht hätte gelöst werden können, meinte Dr. Adam. — Die nach langer Diskussion durchgeführte, geheime Abstimmung ergab 43 Stimmen für die Umsiedlung nach Erlangen, 67 wollten Im Werdenfelser Land bleiben. Wie abschließend festgestellt wurde, sei damit die Mehrheit der Schönbacher, wenn man die um Erlangen angesiedelten dazuzähle, für die Umsiedlung. Die verbleibende Restgruppe allerdings, werde kaum noch „existenzfähigen Charakter" haben. -wk-"

Hochlandbote 28.05.1949

 

 

04.06.1949
„Flüchtlinge werden zusammengedrängt"

"Garmisch-Partenkirchen. In seiner gestrigen Sitzung diskutierte der Kreisflüchtlingsausschuss in Anwesenheit von Landrat Dr. Kessler, Arbeitsamtsleiter Dr. Lüdecke, der Vertreter der Parteien, dem Vertreter der Militärregierung Zeiss-Best und Kreisrat Renk als Abgesandter der Gemeinde, über die Notwendigkeit der Errichtung einer eigenen Dienststelle. Stellvertretender Flüchtlingskommissar Müller gab hierbei einen Gesamtüberblick über die soziale und wirtschaftliche Lage der Flüchtlinge und brachte zum Ausdruck, dass sich zwischen dem Flüchtlingsamt und dem Kreisflüchtlingsausschuss einerseits sowie zwischen dem Ausschuss und den Flüchtlingen andererseits eine gewisse Divergenz ergeben habe, die die Selbständigkeit bei gleichzeitiger Reorganisation des Ausschusses zur Notwendigkeit mache. Er betonte, dass die 12400 Flüchtlinge im Landkreis, deren Zahl ständig im Wachsen sei, durch die Struktur des Werdenfelser Landes als Fremdenverkehrsgebiet und besonders durch das bevorstehende Oberammergauer Festspiel immer mehr zusammengedrängt würden. Hinzu komme die tägliche Zuwanderung illegaler Grenzgänger und das in letzter Zeit entstandene Problem der Zuzugsfreiheit innerhalb Bayerns (bis auf die vom Gesetz anerkannten Notstandsgebiete). Landrat Dr. Kessler, der besonders hierzu Stellung nahm meinte, dass dadurch den Wohnungsämtern eine Verantwortungslast auferlegt werde, indem diese als einzige Behörde den Zustrom überwachen könnten. Kreisrat Renk brachte hierzu den Vorschlag, eine verschärfte Fremdenkontrolle einzusetzen.

Dr. Lüdecke, der im Zusammenhang mit der vorausgegangenen Debatte über den übermäßigen Zustrom illegaler Grenzgänger erklärte, dass der Kreis Ga-Pa kaum ein wesentliches Wachstum der Bevölkerungszahl zu verzeichnen hätte, (1.1.1948 = 59.518, 1.1.1949 = 59.696) unterbreitete, dass die hiesigen Arbeitgeber insbesondere das Hotel- und Gaststättengewerbe, leicht dazu tendierten, Personal aus anderen Orten hereinzuziehen. Die Wohnungslage des Landkreises, so betonte Flüchtlingsobmann Steinhoff, lasse es nicht zu, dass z. B. in der Artilleriekaserne 17 Räume, die zu denen des von der Produktivgenossenschaft der Schönbacher Geigenbauer eingenommenen Wohnblocks gehören, seit Monaten leer stehen blieben. Über die Errichtung einer Geschäftsstelle des Kreisflüchtlingsausschusses konnte aus finanziellen Erwägungen keine Einigung erzielt werden. Kl"

Hochlandbote 04.06.1949

 

 

11.10.1949
„Der Unduldsamkeit entgegensteuern…"

Weitere 160 Wohnräume in der ehem. Artillerie-Kaserne

"Garmisch-Partenkirchen, Es ist ein lobenswertes, Bemühen, die leidigen Unleidlichkeiten zwischen Alt- und Neubürgern ausgleichen zu wollen. Das könnte im Hinblick auf die Oberammergauer Passionsspiele eine Mission derer werden, die guten Willens dazu sind. Und das sind auf beiden Seiten nicht wenige, wie eine Sitzung des Kreisflüchtlingsamtes mit dem Flüchtlingsausschuss, den Flüchtlingsvertrauensleuten des gesamten Kreisgebietes und Behörden-, Beherbergungs- und Gewerkschaftsvertretern am Samstag im Kreisverwaltungsgebäude zu erkennen gab. Man schüttete sich gegenseitig das Herz aus.…

… müsse auch der vermietende Hausbesitz Disziplin zeigen und nicht Leute ohne ortspolizeiliche Anmeldung aufnehmen. Vielleicht würde hier eine Geldstrafe fruchten, deren Erlös dem Siedlungsbau zugutekommen könnte. Nach Wegfall der Zuzugsgenehmigung dürfe auf die Dauer nur Wohnraum auf Wohnungszuweisungsschein in Anspruch genommen werden. Die Polizeiorgane sollten die Ermächtigung erhalten, durch razzienartige Überprüfungen der Ausweise das Land vor unliebsamen Elementen zu sichern. Auch hinsichtlich des Ausländerzuzugs müsse eine klärende Lösung angestrebt werden.

Von Dr. Schmidt wurde der Antrag gestellt und einstimmig angenommen, über den Kreis- und Landtag im Einvernehmen mit IRO zu erreichen, dass die Mittenwalder Pionierkaserne als Flüchtlingswohnraum zur Verfügung gestellt werde. Bürgermeister Schütte meldete den Anspruch auf die weiteren 160 Räume, die in der Art.-Kaserne ausgebaut werden für Ga-Pa. als Wohnraumausgleich an."

Hochlandbote 11.10.1949

 

 

20.10.1949
Ausgewiesene fordern Zuzugssperre

Jahrestag der UdA / Dringlichkeitsantrag an Ministerpräsidenten

"Garmisch-Partenkirchen. Der Kreisausschuss der Union der Ausgewiesenen (UdA) hielt im Kreisverwaltungsgebäude seine Jahrestagung ab, zu der Vertreter der UdA aus Starnberg, Weilheim und Schongau geladen waren. Nach einem Referat des Vertreters der Landesleitung der CSU, Langer (München) wurde folgender an den bayrischen Ministerpräsidenten gerichteter Dringlichkeitsantrag angenommen:

1.) Besondere Förderung des Siedlungsbaues und der Arbeitsbeschaffung des hiesigen Landkreises durch alle behördlichen Stellen. 2.) Förderung der Umsiedlung von hier eingewiesenen Heimatvertriebenen in Gebiete, wo sie berufsmäßig eingesetzt werden können. 3.) Bevorzugte Entlastung des Landkreises durch Ermöglichung einer bedingungslosen Umsiedlung jener Kreise, die in die französische Zone freiwillig umquartiert werden wollen. 4.) Vorübergehende totale Zuzugssperre des Landkreises Garmisch-Partenkirchen bis zur Beendigung der Oberammergauer Passionsspiele. 5.) Strenge polizeiliche Kontrolle behufs Ermittlung nicht legitimierter und unerwünschter Elemente. 6.) Zwangsbelegung von Wohnräumen, die zu gewerbsmäßigen unsittlichen Zwecken vermietet werden. 7.) Rascheste Beseitigung der Elendsquartiere. 8.) Evakuierte sollen durch gesetzliche Maßnahmen zur Rückkehr in ihre Heimat veranlasst werden, sofern sie hierfür eine Möglichkeit haben. 9. Weitestgehende Förderung der Flüchtlingsproduzenten und Gewerbetreibenden bei Schaffung von Gewerbe- und Produktionsräumen. 10.) Besondere Berücksichtigung der sozialen Lage Preisfestsetzungen in Richtung auf das Existenzminimum der Betroffenen. 11.) Bereitstellung von Räumen bei Freigabe von Kasernen-Objekten für Kinder- und Jugendbetreuung. 12.) Vereinfachung und beschleunigte Erledigung der Flüchtlingsproduktivkredite 13.) Sofortige Wiedereinführung der Kleindarlehensaktion.

Wenn die Politik auch nie gehört werden will, müssen wir uns trotzdem mit ihr befassen, sie ist nun einmal Schicksal. Auf dem politischen Boden fallen alle Entscheidungen, die nicht nur öffentlicher Art sind, sondern auch in das Privatleben eingreifen", meinte Langer im Verlauf seines Referates. Die UdA als Vertretung der Flüchtlinge innerhalb der CSU müsse deshalb auch eine politische Richtung einnehmen. Man habe es erreicht, dass 60 Vertreter der Flüchtlinge in den Bundestag kamen, davon allein 13 aus Bayern."

Hochlandbote 20.10.1949

 

 

20.10.1949
Breitenau - ein neuer „Vorort" von Garmisch-Partenkirchen

"Über 1000 Menschen, aus den Ostgebieten ausgewiesene Familien, finden in den großen Artillerie-Kasernenblocks am Fuße des Kramerberges an der Peripherie von Ga.-Pa. eine neue Heimat. Für viele wird noch Platz geschaffen, Wände werden eingezogen und Türen zugemauert, damit abgeschlossene Wohnungen entstehen. Helles Kinderlachen in den Gängen und Treppenhäusern verscheucht den üblen Beigeschmack, der solchen Gebäuden anhaftet. Wo früher Feldwebel regierten, finden sich heute Familien am warmen Herd zusammen. Alle Not und Pein der vergangenen Jahre sollen nunmehr der Vergangenheit angehören. Die Zeit, da die Vertriebenen in Massenquartieren und Baracken zusammengepfercht leben mussten, ist für sie vorüber. Neue Existenzen konnten gegründet werden, Schilder weisen den Weg zu den Werkstätten und Betrieben… Die Schönbacher Instrumentenmacher trocknen wieder die Violinböden an den Fenstern ihrer Wohnungen. Auch ein stilles Plätzchen findet sich am Rande des Getriebes. Zusammen mit alten Leuten aus dem Landkreis verbringen hier greise Männer und Frauen ihren Lebensabend."

Hochlandbote 20.10.1949

 

 

20.10.1949
Evakuierten-Problem vor Flüchtlingsausgleich

Die Entwicklung der Bevölkerung im Landkreis Garmisch-Partenkirchen

"Garmisch-Partenkirchen. Die Entwicklung der Bevölkerung zeigt in unserem Landkreis in mancherlei Hinsicht Besonderheiten. Die Zunahme um 50% seit Kriegsausbruch findet sich auch in den Nachbarkreisen. Aber die Situation in Ga-Pa wird durch die sehr zurückhaltende Abwanderung der Evakuierten und eine sehr hohe Zahl von Ausländern in Lagern erschwert. In fast allen- südbayrischen Gebieten sind die Evakuiertenziffern soweit zurückgegangen, dass die amtliche Statistik sie nicht mehr ausweist. Im hiesigen Landkreis sind von den 6000 im Herbst 1946 vorhandenen Evakuierten Ende 1948, dem letzten Zählungsdatum, noch über 4600 wohnhaft gewesen. Wohl leben auch viele Flüchtlinge im Kreisgebiet, wie jedoch die folgende Gegenüberstellung mit den Verhältnissen der Nachbarkreise zeigt, bewirken die Flüchtlinge in Garmisch-Partenkirchen tatsächlich nur zum Teil die Überfüllung des Kreises:

Auf 100 Einwohner entfallen

   

Evakuierte

Ausländer in Lagern

Flüchtlinge

 
 

Garmisch-Partenkirchen

8

7

20

 
 

Miesbach

4

--

22

 
 

Weilheim

4

2

22

 
 

Tölz

6

--

22

 
 

Schongau

2

8

23

 

Der Landkreis Ga-Pa zählt heute 62700 Einwohner. Dies ist nicht der Höchststand, der im Herbst 1947 mit 65.100 erreicht war. Auch dieser kleine Bevölkerungsrückgang steht im Gegensatz zur Entwicklung der Nachbarkreise was wieder auf den hohen und seither wenigstens langsam sinkenden Anteil der Ausländer und Evakuierten zurückzuführen ist.

Interessant ist ein Blick auf die Herkunft der Flüchtlinge, deren größte Gruppe mit 6500 Personen von den Sudetendeutschen eingenommen wird. Auf sie folgen die Schlesier mit rd. 2000. Gleichstark sind die Gruppen der übrigen vertriebenen Deutschen aus dem Reichsgebiet und die Jugoslawiendeutschen, die je 800 — 900 Personen umfassen. Die restlichen 2000 Flüchtlinge verteilen sich auf Osteuropa, Österreich und das übrige Ausland. — Zusammenfassend kann für Garmisch-Partenkirchen ganz ausnahmsweise festgestellt werde, dass für das Kreisgebiet vor einem etwaigen Flüchtlingsausgleich die Lösung des Problems der heute sicher immer noch über 4000 Personen starken Gruppe der Evakuierten und der gleich großen Zahl von Ausländern in Lagern zu stehen kommt. Für Garmisch-Partenkirchen bedeuten somit die 20 % Flüchtlinge unter den Einwohnern eine viel stärkere Belastung als für andere Kreise, für welche es „nur" ein Flüchtlingsproblem gibt. P."

Hochlandbote 20.10.1949

 

 

10.11.1949
„Ich bin Euer bayrischer Bürgermeister!"

Bürgermeister Schütte und Direktor Schilling bei den Flüchtlingen

"Garmisch-Partenkirchen. Die „Landsmannschaft der Ostpreußen, Westpreußen, Danziger und Pommern", die in ihren Mitgliederlisten bereits über 350 von insgesamt etwa 500 im Werdenfelser Landkreis lebenden Heimatvertriebenen aus den genannten nordostdeutschen Landschaften führt, hatte sich hier erst in diesem Sommer konstituiert Bei ihrem fünften Treffen gab der Obmann der Landsmannschaft, Paul Senkel, der Freude der nordostdeutschen Flüchtlinge darüber Ausdruck, dass eine größere Anzahl von Gästen seiner Einladung Folge geleistet habe und begrüßte u.a. Herrn Bürgermeister Schütte, Herrn Zeiß-Best, Herrn Direktor Schilling, Frau Gemeinderätin Schurda und Herrn Dr. Lüdecke.

Nach dem gemeinsamen Gesang des bekannten Ostpreußenlides „Land der dunklen Wälder" wurde in einer Feierstunde an das unvergängliche Kulturgut erinnert, das die nordostdeutschen Landschaften, insbesondere Ostpreußen, hervorgebracht haben. Worte von Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder und Johann Georg Hamann, die vorgelesen wurden, gemahnten daran, dass es sich hier um kulturelle Werte handelt, die weit über die Bezirke der heimatlichen Kultur hinaus eine allgemein-deutsche und allgemein-menschliche Bedeutung haben.

Bürgermeister Schütte betonte in einer warmherzigen Ansprache, dass er sich durch schweres persönliches Leid, das ihn durch den Tod seines einzigen Sohnes getroffen habe, besonders mit dem Leid der Flüchtlinge verbunden fühle. Er wies die Flüchtlinge eindringlich auf die Aufgaben hin, die die Gemeinde im Fremdenverkehr habe, und ersuchte sie um Verständnis dafür. Wie sehr die Gemeinde gewillt sei, die Bedürfnisse der Flüchtlinge im Rahmen des Möglichen zu befriedigen, zeige die Gründung der Volkshochschule. Seine Feststellung: „Ich bin Euer bayerischer Bürgermeister" fand den besonderen Beifall der Flüchtlinge.

Auch Herr Zeiß-Best, der als Vertreter von Mr. Garlock sprach, gab seiner starken Verbundenheit mit dem Schicksal der Flüchtlinge Ausdruck. Er sei während des ersten Weltkrieges in Ostpreußen gewesen und dort schwer verwundet worden. Die Flüchtlinge müssten wissen, dass sie jederzeit auch bei ihm, und vor allem auch beim Kreis Resident Officer Mr. Garlock Verständnis für alle ihre Nöte finden wurden.

Direktor Schilling unterstrich in seiner Ansprache seine starke Heimatverbundenheit, die ihn die Heimatliebe und Heimatsehnsucht der Flüchtlinge mitempfinden und verstehen ließe. Er berichtete eingehend über seine erfolgreichen Bemühungen um die Volkshochschule von Ga-Pa. und rief die Heimatvertriebenen auf, sich dieses Volksbildungsmittels, das ihnen in jeder Weise zu Verfügung stände, zu bedienen. Gerade die Volkshochschule werde einen Weg zeigen, um eine Annäherung zwischen Alt- und Neubürgern in unserem Landkreise zu fördern.

Der zweite Teil des Abends war dem Tanz und der Unterhaltung gewidmet und vereinigte Landsleute der nordostdeutschen Landschaften in ein paar schnell verstrichenen Stunden heiterer Geselligkeit. ehd"

Hochlandbote 10.11.1949

 

17.11.1949
„Ari-Kaserne" untersteht jetzt dem Staat

Diskussionsabend der Bewohner / Mängel sollen abgestellt werden

"Garmisch-Partenkirchen. Am Dienstagabend waren die Haushaltungsvorstände und Einwohner der ehemaligen Artillerie-Kaserne zu einem „Forum mit anschließender freier Aussprache" geladen. Grund zu dieser Aussprache war die Übergabe der Verwaltung»- und Kasernengebäude an das Bayrische Landesamt für Vermögensverwaltung. Der Beauftragte des Bayrischen Landesamtes für Vermögensverwaltung, Außenstelle Ga.-Pa., Berti, begrüßte die recht zahlreich Erschienenen und gab eingangs einen kurzen Überblick über die „rechtliche Lage". Das ganze Kasernengelände mit Mobiliar sei früher Wehrmachtseigentum gewesen und nach Kriegsende automatisch in die Hände der Besatzungsmacht übergegangen. Bis zum November 1948 sei in der ehemaligen Artillerie-Kaserne das Internierungskrankenhaus untergebracht gewesen und dann seien die Gebäude mit dem ausdrücklichen Hinweis freigegeben worden, dass diese ausschließlich für Wohnzwecke Verwendung finden sollten. Seit November 1948 unterstände die Verwaltung dem Flüchtlingskommissariat Ga.-Pa., gemäß Verfügung des Bayrischen Finanzministeriums sei die Verwaltung jedoch ab sofort an das Bayrische Landesamt für Vermögensverwaltung übergegangen. Als neuer Verwalter wurde Herr Schmidt, ein Flüchtling aus dem Sudetenland, vorgestellt, dessen Aufgabe es sein soll, neben verwaltungstechnischen Arbeiten im Kasernenbereich als Verbindungsmann zu den der Außenstelle Ga-Pa vorgesetzten Dienststellen zu fungieren. Berti wies in seinen Ausführungen weiter darauf hin, dass vom Bayrischen Staat bis jetzt rund 600.000 DM zum Ausbau der Kasernen ausgegeben worden seien. Man ersehe daraus, dass keine Kosten gescheut würden.

Dann standen zur Debatte: Abstellung von bereits neu aufgetretenen Mängeln, bzw. von nicht behobenen alten Mängeln. Diese seien im Laufe dieser Woche durch das Landesbauamt überprüft worden und es solle für Abhilfe gesorgt werden. Ferner wurde über die Höhe, des Mietpreises gesprochen und über die Baunotabgabe, zu der auch die Mieter der ehem. Artillerie-Kaserne herangezogen werden mussten, und zwar rückwirkend ab 1. 4. 49. Lebhaften Anklang fand auch die aufgeworfene Frage über die Verlängerung der Autobuslinie bis in den Hof der Kaserne, Ferner wurde an einer Schuhmacherwerkstätte Kritik geübt, deren Maschinen vom zeitigen Morgen bis in die späte Nacht und auch sonntags liefen. Den Flüchtlingen des A-Transportes aus dem Wirtschaftsgebäude wurde zugesagt, dass der Ausbau der Dachgeschosse beschleunigt vorgenommen und zu Ende geführt werden solle. Wie die Einweisungen vorgenommen würden, darüber konnte Berti keine Auskunft erteilen, denn das sei nach wie vor Sache des Wohnungsamtes im Verein mit dem Flüchtlingskommissariat. Zum Artikel in der „Neuen Zeitung" führte Toni Kriegelstein u. a. aus, dass der Bericht viele wahre Argumente habe."

Hochlandbote 17.11.1949

 

17.11.1949
Der Standpunkt der Neubürger

„Es besteht kein Zweifel, dass durch den vielbesprochenen Artikel der „Neuen Zeitung" Nr. 191 „Flüchtlingsaustreibung Im Zeichen der Passion" eine Diskussion entfesselt worden ist, deren Folgen unabsehbar sind. Die Schärfe der von der „Neuen Zeitung" erhobenen Vorwürfe hat ihr Gegenstück in verschiedenen Resolutionen und Zeitungsartikeln gefunden, die den Standpunkt der hiesigen einheimischen Bevölkerung vertreten. Den Organisationen der Heimatvertriebenen im Kreis Werdenfels liegt inzwischen eine Fülle von Stellungnahmen der hier lebenden Flüchtlinge zu den Artikeln vor, die im wesentlichen ein völlig einheitliches Echo zeigen: Ohne zu der Überschrift und den dargelegten Einzelfällen Stellung nehmen zu wollen, wird immer wieder übereinstimmend festgestellt, dass die „Neue Zeitung" die bedrohliche Gesamtsituation der Flüchtlinge — so wie sie von ihnen in der Masse empfunden wird — zutreffend dargestellt habe. Es ist die Pflicht der Vertretungen der Flüchtlinge, diesen Tatbestand der Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen Es ist weiterhin unsere Pflicht, die Tatsache nicht zu verschweigen, dass die auf der Pressekonferenz am 11. 11. 49 getroffenen Feststellungen amtlicher Stellen — soweit sie in der Presse veröffentlicht wurden — die Flüchtlinge in einem Punkte auf das tiefste enttäuscht haben. Die Flüchtlinge vermissen in den Stellungnahmen Worte der Menschlichkeit und des Verständnisses für ihre ungeheure, die Grenze des Erträglichen oft weit überschreitende Not und Verlassenheit. Vielfach wird befürchtet, dass die Folge hiervon die Ermutigung aller derjenigen sein wird, die heute rücksichtslos auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind und dabei keinerlei Hemmungen kennen. Lediglich in dem Leitartikel des „Hochland-Boten" vom 12. 11. fand sich die als wohltuend empfundene Feststellung, dass es sich hier um eine Gewissensfrage handelt, „die den Stärkeren zu freiwilliger Hilfe verpflichtet". Die niederschmetternde Tragödie der Heimatvertriebenen ist es, dass sie heute auf allen Gebieten des Lebens vor allem in der Wohnungsfrage, in der Frage der beruflichen und wirtschaftlichen Einordnung und in allen Fragen der nackten Existenz die sozial Schwächeren sind, die das Gefühl haben, dem jeweils sozial Stärkeren auf Gnade und Ungnade ausgeliefert zu sein.

Die Vertretungen der Heimatvertriebenen im Kreise Werdenfels, die die von der „Neuen Zeitung" veranlasste Auseinandersetzung weder verursacht noch inspiriert haben, wenden sich an die Öffentlichkeit mit dem dringenden Appell, bei dem Fortgang der inzwischen leidenschaftlich gewordenen Diskussion niemals zu vergessen, dass es sich um leidende, entwurzelte Menschen handelt, um die hier gestritten wird, um vielfach arbeitslose Männer, die trotz besten Willens keine Arbeit erhalten, um Greise und Greisinnen, um Frauen und Kinder. Wir appellieren an die Verantwortlichen, bei der nun einmal ins Rollen gebrachten Diskussion alles daranzusetzen, um die Leidenschaften zu zügeln, um eine Zuspitzung des Verhältnisses zwischen Alt- und Neubürgern auf alle Fälle zu vermeiden und eine sachliche und besonnene Behandlung der strittigen Fragen zu gewährleisten. Wir wiederholen in diesem Zusammenhang unser Ersuchen, eine gemischte Untersuchungskommission von Alt- und Neubürgern und einigen Pressevertretern einzusetzen, die über alle strittigen Einzelfälle unparteiisch und objektiv entscheidet, die eine Besichtigung der Unterkünfte der Flüchtlinge des gesamten Landkreises durchführt und die auch den unterbelegten Wohnraum überprüft.

Die Organisationen der Flüchtlinge billigen ausdrücklich die Ausführungen des Sprechers der „Union der Ausgewiesenen" Paul Müller auf der Pressekonferenz vom 11. 11., die infolge der allzu kurzen Wiedergabe in der Presse vielfach missverstanden worden sind. Herr Müller hatte als Sprecher seiner Organisation bedauert, dass die Flüchtlingsfrage mit den Problemen des internationalen Fremdenverkehrs verquickt wurde, u. hatte die Annahme eines Sieben-Punkte-Programms zur sofortigen wirksamen Beseitigung der dringendsten Nöte gefordert. Folgende Forderungen wurden erhoben:

1. Vereinigung des Kreisflüchtlingsamtes mit dem Kreiswohnungsamt;

2. Sofortige Zuzugssperre für den Landkreis bis zur Beendigung der Passionsspiele;

3. Laufende Wohnraumermittlung durch die Flüchtlingsobleute im ganzen Landkreis."

Hochlandbote 17.11.1949

 

22.11.1949
Der Landkreis berichtigt die „Neue Zeitung"

Ein ernstes Thema als Zeitungs-Sensation / Protest der Gemeinde / Heimatvertriebene verwahren sich gegen tendenziöse Berichterstattung / „Angriff auf religiöse Einrichtung"

"Garmisch-Partenkirchen. Unter der Überschrift „Flüchtlingsaustreibung im Zeichen der Passion" veröffentlichte die „Neue Zeitung" am 10. November auf der letzten Seite einen Artikel, dessen unrichtiger und tendenziöser Inhalt das Missfallen zunächst der Kommunal- und Kreisbehörden erregte. In einer vierstündigen Pressekonferenz, die gestern im Großen Sitzungssaal des Garmisch-Partenkirchner Rathauses stattfand, wurden die angeblich im Landkreis vorliegenden Missstände durch die Vertreter der zuständigen Behörden widerlegt.

Dem Vertreter der .Neuen Zeitung* wurde ein siebenseitiges Berichtigungsmanuskript übergeben, das wir im folgenden in gekürzter Form wiedergeben.

„Es ist unrichtig, dass hiesige Behörden gefordert hätten, die Umquartierung in die französische Zone solle sich nur auf den Kreis Garmisch-Partenkirchen beziehen. Die Umsiedlungskommission bearbeitete Garmisch-Partenkirchen zuletzt. Abschiebungen von gebrechlichen Personen in das Altersheim in der ehemaligen Artilleriekaserne sind in keinem Fall vorgekommen, im Gegenteil, es sind 75 Personen aus mehreren Landkreisen aufgenommen worden. Die Angehörigen des A-Transportes in der Ari-Kaserne sollten auf Anweisung des Staatssekretariats für das Flüchtlingswesen nicht in Ga.-Pa. bleiben oder wohnraummäßig versorgt werden, sondern nur vorübergehend untergebracht werden. Durch den Ausbau weiterer 130 Räume in den Dachgeschossen der Artillerie-Kaserne sollen die Angehörigen dieses A-Transportes nunmehr doch untergebracht werden. Von einem Kauf von Wohnrechten kann keine Rede sein, da es sich bei dem zu zahlenden Umsiedlungszuschuss für die Erlanger Geigenbauer lediglich um einen Baukostenzuschuss handelt. Landrat Hönekopp (Erlangen) hat persönlich die hiesigen Geigenbauer für eine Umsiedlung nach Erlangen gewonnen. Diese Aktion ist völlig freiwillig vollzogen worden und deckt sich mit dem Bestreben aller Stellen, die Flüchtlinge dort unterzubringen, wo sie eine Existenzmöglichkeit haben. Bisher zogen neun Familien aus dem Landkreis nach Erlangen. Wenn sich das Beherbergungsgewerbe bereit erklärt, in einzelnen Fällen finanzielle Zuschüsse zu leisten, so wird das von den Gemeinden dankbar begrüßt. Es wäre erfreulich, wenn die Finanzierung von sozialen Wohnungsneubauten überall so gut fundiert sein würde, dass zum Fertigbau lediglich dreihundert D-Mark fehlten. Das Verhältnis zwischen Alt- und Neubürgern ist hier nicht ungünstiger als anderswo, Ga.-Pa. erfreut sich einer ausgesprochenen Anziehungskraft, auch für Heimatvertriebene. Beweis: Bei einer Umquartierung in die französische Zone sind aus Ga.-Pa. bis jetzt nur zwei Personen weggezogen. Der erwähnte Fall J.G, der das Wohnungsamt bereits seit über einem Jahr beschäftigt hatte, ist innerhalb einer Woche freiwillig und ohne polizeilichen Zwang bereinigt worden. Eine personelle Bevorteilung liegt nicht vor. Die in dem Artikel der „N.Z" erwähnte Schneiderin ist auf eigenen Wunsch in die Artilleriekaserne umgezogen, wo allerdings nur zwei Räume zur Verfügung stehen. Eine Auflockerung des beschränkten Wohnraums ist jedoch erst nach Ausbau der Dachgeschosse möglich. Dass der Betreuer der Gemeindestiere exmittiert werden sollte, ist aus der Luft gegriffen. Der Flüchtling, der den Wohnungsamtsleiter auf der Straße angriff, wurde nicht am nächsten Tag, sondern erst vier Wochen später in die Artilleriekaserne eingewiesen. Die Wohnungen in der Artilleriekaserne erfreuen sich, weil sie so billig sind, großer Beliebtheit und Nachfrage. Die bereits vorhandenen sanitären Anlagen des Gebäudes, die sich ausreichend in jedem Stockwerk befinden, sind noch wesentlich verbessert worden. Der Gemeinderat hat bereits vor einigen Wochen einstimmig die Errichtung eine« Kindergartens in der Artilleriekaserne beschlossen. Die Betreuung der Kinder erfolgt durch den Caritas-Verband. Außer Bad Kohlgrub haben die Gemeinden Oberammergau, Unteramrnergau, Mittenwald und Oberau den sozialem Wohnungsbau energisch begonnen. Die Wohnbaugemeinschaften in Wallgau, Krün und Ohlstadt bemühen sich für ihre Pläne um Staatszuschüsse. An Staatsdarlehen wurden für den Landkreis im letzten halben Jahr 572.850 DM zum Ausbau von 133 Wohnungen bewilligt, die teilweise bereits fertiggestellt sind. Oberammergau hat dieser Tage neun Wohnungen fertiggestellt, in die etwa 50 Flüchtlinge eingezogen sind. Bis Weihnachten dürften weitere 21 Wohnungen beziehbar sein. Nach einer Erklärung der obersten Baubehörde muss Ga.-Pa., obwohl es die am stärksten belegte Gemeinde ist und für jede zu errichtende Wohnung ein Bauzuschuss von 1000 DM gewährt wird, mit Rücksicht auf eile Oberammergauer Bauvorhaben vorerst zurückstehen. Von einer Flüchtlingsaustreibung zu sprechen, dürfte daher als grotesk zu bezeichnen sein, da die Marktgemeinde in diesem Jahr sogar noch 520 Flüchtlinge zusätzlich aufgenommen hat.

„Selbst wenn alles richtig wäre, was in dem Artikel steht", erklärte Bürgermeister Schütte, der den Vorsitz führte, „dann ist es falsch, die sozialen Probleme mit den Passionsspielen zu verbinden, mit einer wirtschaftlichen Angelegenheit für ganz Bayern". Der Fremdenverkehr sei zwar nicht demontiert, dafür jedoch eindeutig blockiert, fuhr er fort. Das sei etwa die gleiche Situation. „Entweder begreift jemand, der einen solchen Artikel schreibt, psychologisch nicht die wirtschaftlichen Zusammenhänge, oder es liegen andere Interessen vor. Ich nehme es zwar nicht an, aber es gibt ja noch eine Konkurrenz."

„Die Tatsachen sind glatt widerlegbar", erklärte Landrat Dr. Kessler Im Rahmen der lebhaften Diskussion und ging auf die in der Berichtigung enthaltenen Einzelheiten ein. Er wandte sich entschieden gegen die politische Tendenz, die in dem Artikel der NZ enthalten sei und die er eher in einem anderen Organ erwartet hätte.

„Ich muss sehr bedauern, dass der Anschein erweckt wurde, als ob das Entgegenkommen der Militärregierung bei der Belegung der Artilleriekaserne missbraucht worden wäre", klärte Regierungsdirektor D. Hagemann und wies darauf hin, dass dort 492 Familien eingewiesen worden seien. Es ist nicht einfach, 192 Wohnungen unter 12 000 Flüchtlingen so zu verteilen, dass nicht einige sagen: ich bin schlechter untergebracht als ein anderer," fuhr der Regierungsdirektor fort und betonte, dass ein förmlicher Wettkampf nach den günstigen Kleinwohnungen eingesetzt habe. Er glaube, dass den Kreis- und Gemeindebehörden keine Vorwürfe gemacht werden können.

Chefredakteur Lothar Mayring wandte sich gegen den „Schlagwort-Journalismus" und erinnerte an die Rückwirkungen, die durch unrichtige und tendenziöse Berichterstattung den Behörden entstünden. Er wies auf das Vertrauensverhältnis zwischen Öffentlichkeit, Presse und Behörden hin, das nötig sei, eine wahrheitsgemäße, gut unterrichtete und positive Presse zu machen. Das Problem des Flüchtlingskindergartens sei im „Hochlandboten" zur Diskussion gestellt und vor drei Wochen im Gemeinderat positiv besprochen worden…"

Hochlandbote 22.11.1949

 

 

29.11.1949
Landrat Kessler: „Das soziale Gewissen entscheidet"

"Garmisch-Partenkirchen. "Der Fremdenverkehr war in diesem Jahr in Proportionen, die man nicht als außergewöhnlich bezeichnen kann. — Wir sind mit dem bewussten blauen Auge davongekommen", erklärte Landrat Dr. Kessler am Samstag bei der Kreistagssitzung in seinem umfassenden Überblick, in dem er die mannigfaltigen aktuellen Probleme und Sorgen dos Landkreises würdigte. „Es ist immerhin festzustellen, dass es bei uns keine Flüchtlingsfeindlichkeit gibt, oder gar eine Austreibung", fuhr er fort; jedoch hätten die Angriffe auf den Landkreis das gute Einvernehmen in manchen Bereichen zu trüben vermocht. Die Kreistagsverwaltung sähe es als ihre Aufgabe an, darauf zu achten, dass der Imperativ der Wirtschaft nicht stärker sei als der Imperativ der sozialen Rücksichtnahme, denn die politische Verantwortung liege stets bei den kommunalen Behörden. — Nur das Prinzip komme von der Staatsregierung, daher dürfe man nicht alles tun, was rein rechtlich vertretbar wäre. In schwierigen Grenzfällen würde nur das soziale Gewissen entscheiden.

Eine kritisch-politische Analyse des Flüchtlings-Einheimischen-Problems löste eine Bemerkung von Kreisrat Lotto (KP) aus, der in den Ausführungen des Landrats „einen Gegensatz zu früher" erblickte. Er, Lotto, hatte sich mit der Anfrage, ob der Landrat in seinem Amtsbereich nach der Nachrichtenquelle für den ersten „NZ"-Artikel geforscht habe, zum Verteidiger der „freien Meinungsäußerung" gemacht. Landrat Dr. Kessler erwiderte, er habe keine Nachforschung in der Absicht unternommen, dem Berichterstatter Schwierigkeiten zu bereiten. Bürgermeister Schütte wandte sich darauf scharf gegen diejenigen, die mit dem Flüchtlingsproblem Berufspolitik treiben, und Kreisrat Fischer betonte, dass sich das Verhältnis zwischen Flüchtlingen und Einheimischen aus der Erkenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge längst konsolidiert habe.

Zweiter Bürgermeister Ferchl (Mittenwald) charakterisierte die Schäden der inzwischen auch im Ausland abgedruckten „NZ"-Artikel und forderte weiter eine Assimilierung der Vertriebenen aus den Ostgebieten und dem Sudetenland. Er schlug für das Passionsspieljahr (bis Oktober 1950) eine absolute Zuzugssperre für den Landkreis vor, damit das sonst unvermeidliche wirtschaftliche und soziale Unglück abgewendet werde, das durch zuziehende fremde Geschäftemacher verursacht werde. Der Antrag an das Innenministerium wurde so formuliert, dass von der beabsichtigten Sperre die Familienzusammenführung und die Heimkehrer nicht betroffen werden, und gutgeheißen. In einer weiteren Resolution weist der Kreistag jede Diffamierung des Passionsspiels zurück…

Von einer Zusammenlegung des Kreis-Flüchtlings- und Kreis-Wohnungsamtes wurde nach eingehender Debatte abgesehen."

Hochlandbote 29.11.1949

 

 

03.04.1950
Heimat vertriebene stellen ihr Können unter Beweis

Erstmalig in Bayern wurden Flüchtlingskredite für Ladenneubauten verwendet

"Garmisch-Partenkirchen. Unter Teilnahme von Kreisresident Officer Mr. Roessler, Ministerialdirigent Adam, Landrat Dr. Kessler, Bürgermeister Schütte und Kreisbeauftragten für das Flüchtlingswesen Gmeinwieser sowie zahlreichen anderen Vertretern der Kreis- und Kommunalbehörden wurden am Samstagvormittag nach vorangegangener kirchlicher Weihe, die Kaplan Kaul vorgenommen hatte, im Rahmen einer kleinen Feier die neu erstandenen Flüchtlingsläden an der Partenkirchner Bahnhofstraße eröffnet Es handelt sich dabei um den ersten Fall in Bayern, bei dem ein sogenannter Flüchtlings-Produktiv-Kredit für den Neubau von Verkaufsräumen verwendet wurde, in denen die Heimatvertriebenen ihre zum größten Teil selbst erzeugten Waren absetzen können. Der Kredit belief sich auf 70.000 DM. Auf die acht Geschäfte, die nach einem Entwurf von Architekt Jindra in einer geschlossenen Ladenfront erbaut wurden, sowie auf die am Bau beteiligten Firmen gingen wir im einzelnen bereits in unserer letzten Samstagausgabe ein.

„Unser Weg war sauer", erklärte Dr. Riedel von der „Zweckgemeinschaft von Flüchtlingsfirmen zur Errichtung von Verkaufsläden", in der sich die Heimatvertriebenen zur Schaffung dieser Geschäfte zusammengeschlossen hatten, bei der schlichten Feierlichkeit im „Probierstüberl" des Feinkost- und Spirituosengeschäftes Golik. Er wies auf die Schwierigkeiten hin, die die Zweckgemeinschaft überwinden musste, bis es zur Fertigstellung des Projektes kam, und richtete die Bitte um weitere Unterstützung an die anwesenden Vertreter der Behörden. Abschließend verlas er die telegraphisch übermittelten Glückwünsche des seinerzeitigen Gouverneurs Mr. Garlock, der sehr wesentlich zur Durchführung des Planes beigetragen habe. — Landrat Dr. Kessler wünschte den Firmen alles Gute und versicherte ihnen, dass die Bevölkerung von Garmisch-Partenkirchen herzlichen Anteil am Gelingen ihres Vorhabens nehme. Garmisch-Partenkirchen habe mit der Errichtung dieser Läden eine Tradition gebrochen, indem es zum erstenmal von der alpinen Bauweise abging. Das hätte die Gemeinde nur getan, um den Heimatvertriebenen die Möglichkeit zu geben, ihr Können unter Beweis zu stellen. Der Landrat schloss mit der Bitte um weitere Loyalität und Vertrauen. — „Das Flüchtlingsproblem ist inzwischen auf die Kommunalpolitik abgerutscht", führte Bürgermeister Schütte aus und sagte, dass der Gedanke jedoch die Gemeinde immer beschäftigt habe, wie die Interessen der Heimatvertriebenen mit den Gesamtinteressen des Ortes zusammengehen könnten. In seinen Schlussworten richtete der Bürgermeister den Appell an die Flüchtlinge, mitzuhelfen, den Bürgerfrieden im Ort zu erhalten. Gleichzeitig überbrachte er die Glückwünsche der Gesamtgemeinde.

Ministerialdirigent Adam übermittelte die Grüße von Staatssekretär Jaenicke, der leider am persönlichen Erscheinen verhindert gewesen sei, und vertrat die Meinung, dass die Initiative, die von unten komme, von den höheren Stellen unterstützt werden müsse. Er verlieh der Hoffnung Ausdruck, dass mit dem Neubau ein Positivum für Garmisch-Partenkirchen geschaffen worden sei, und richtete den Dank und seine besten Wünsche an alle Beteiligten. — Im Namen der 11.900 Heimatvertriebenen des Landkreises dankte der Vertreter des Kreisflüchtlingsamtes, Müller, für die von den Behörden gewährte Unterstützung. Er erklärte, „wir Heimatvertriebenen haben eine hohe Kultur, aber meist keine Gelegenheit, dies zu beweisen. Wo ein Wille ist, ist jedoch auch ein Weg." Zum Schluss richtete er die Bitte an die Vertreter der Behörden, auch das letzte Hindernis zu beseitigen, das noch bestünde, nachdem man dem Besitzer der Konditorei und Oblatenbäckerei Walter nicht gestattet habe, in seinem Betrieb Tische und Stühle aufzustellen. (Wie uns Landrat Dr. Kessler zu diesem Punkt berichtete, habe der Kreisausschuss entschieden, dass im Café Walter Speisen und Getränke lediglich im Stehen eingenommen werden dürften, nachdem der Antragsteller ursprünglich nur um Genehmigung einer Oblaten- und Feinbäckerei nachgesucht habe.)"

Hochland-Merkur 03.04.1950

 

Hochland-Merkur 07.06.1950
Ein Drittel Evakuierte und Flüchtlinge

Das Flüchtlingsproblem — geopolitisch gesehen / Stand nach der Zählung vom 1. 5. 50

"Garmisch-Partenkirchen. Schon lange vor Kriegsausbruch wurden die ersten Menschen „heim ins Reich" beordert. Mit dieser Parole begann das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Es ist dabei mehr als Ironie. wenn gleichzeitig das Schlagwort „Volk ohne Raum" propagiert wurde, aus dem, wie wir wissen, heute östlich der Oder-Neiße-Linie ein „Raum ohne Volk" geworden ist, während in Westdeutschland Millionen von Menschen dicht zusammengedrängt leben müssen. Millionen, denen die Heimat verlustig ging. Und immer noch werden Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, und Frauen und Kinder müssen oftmals unter unsäglichen Schwierigkeiten die Reise ins Ungewisse antreten. Mehr als zehn Jahre sind seit dem ersten Flüchtlingstreck vergangen, und seit fünf Jahren sind die unmittelbaren Kriegshandlungen beendet. So gut es ging, wurde den Millionen Flüchtlingen geholfen und ihnen eine Unterkunft geboten. Die Menschen aber wollen arbeiten! Von dem angekündigten großen Wohnungsbauprogramm der Regierung erwarten auch die Flüchtlinge eine Verringerung ihrer Arbeitslosigkeit und damit gleichzeitig eine Verbesserung der Notlage der Flüchtlinge. Das wäre dann ein Anfang.

Woher kamen die Flüchtlinge?

Im Anschluss an die letzte große Volkszählung vom Herbst 1946 wurde in Westdeutschland erstmalig auch eine Erhebung über die Herkunft der Vertriebenen und Flüchtlinge, soweit sie bis zum Herbst 1946 ansässig wurden, durchgeführt. Diese Erhebung ist insofern interessant, da sie erkennen lässt, wie stark die Auswirkungen des Luftkrieges durch die Evakuierung der Bevölkerung und der Strom der Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten Deutschlands — Sowjet-Zone, Groß-Berlin und Oder-Neiße-Linie sowie der Auslandsdeutschen — sich in der Gesamtzahl unserer Bevölkerung bemerkbar machte.

Bei Kriegsausbruch 1939 hatten von der Bevölkerung im Kreis Garmisch-Partenkirchen ihren Wohnsitz hinter dem „Eisernen Vorhang": In der Sowjet-Zone 1156, in Groß-Berlin 2039 und in den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie 2797. Hier handelt es sich zweifellos um die wahren Flüchtlinge und Vertriebenen, welche bis zum Herbst 1946 innerhalb unseres Kreises ein Unterkommen fanden. Am 1. September 1939 hatten ihren Wohnsitz von den jetzt in unserem Kreis lebenden Einwohnern (außer unserem Kreisgebiet) 1662 in der Brit. Zone, 740 in der amerikanischen Zone (außer Bayern) und 349 in der französischen Zone. In vielen Fällen dürfte es sich hier um Menschen handeln, welche durch Kriegsereignisse infolge Fliegerangriffen oder unmittelbaren Kampfhandlungen zum Verlassen ihrer damaligen Heimat gezwungen wurden. Dazu kommen auch die aus dem Ausland (Tschechei, Polen, Ungarn usw.) gekommenen jetzigen Bewohner unseres Kreisgebietes: Tschechoslowakei 3651, Polen 772, Ungarn 316, übriges Ausland 2633. Soweit die Zahlen von 1946.

Nach der letzten Flüchtlingszahlung ergibt sich mit Stand vom 1. April 1950 folgende Gliederung der Gesamtbevölkerung unseres Landkreises:

Gemeinde

Evakuierte

Flüchtlinge

Summe der
Evakuierten
und Flüchtlinge

Aus-
länder

Ein-heimische

Gesamt-
bevölkerung

 
 

Aus Bayern

Sonstige

           

Eschenlohe

4

32

435

471

17

930

1418

 

Ettal

26

55

185

266

11

988

1265

 

Farchant

49

82

560

691

21

1256

1968

 

Ga.-Pa.

771

2474

4012

7257

1044

18612

26913

 

Grainau

89

177

666

932

61

2104

3097

 

Kohlgrub

5

38

591

634

39

1295

1968

 

Krün

42

46

609

697

41

1017

1755

 

Mittenwald

995

655

1312

2962

222

3713

6897

 

Oberammergau
(ohne Lager Rainbichl)

179

257

762

1198

107

3330

4635

 

Oberau

20

16

463

499

20

1346

1865

 

Ohlstadt

186

50

557

793

25

1411

2229

 

Saulgrub

10

8

480

498

14

690

1202

 

Schwaigen

2

5

115

122

5

230

357

 

Unterammergau

21

16

450

487

1

957

1445

 

Wallgau

19

17

214

250

3

675

928

 

Wamberg

4

4

57

65

4

213

282

 

Lager Rainbichl

3

17

341

361

-

-

361

 
 

2425

3949

11809

18183

1635

38767

58585

 

Hochland-Merkur 07.06.1950

 

19.08.1950
„Tag der Heimat in Garmisch-Partenkirchen

„Vertriebene, zeigt Eure Heimatverbundenheit!" / Großkundgebung im Eisstadion

"Garmisch-Partenkirchen. Die Arbeitsgemeinschaft der Heimatvertriebenen des Landkreises Garmisch-Partenkirchen begeht, wie wir bereits berichteten, am Sonntag, 20. August, um 10.30 Uhr, im Eisstadion den diesjährigen „Tag der Heimat" mit einer Kundgebung der Heimatvertriebenen, auf der die „Charta der Heimatvertriebenen" durch den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft, Rechtsanwalt Perkuhn, verlesen werden wird. Prominente Sprecher der Heimatvertriebenen werden im Anschluss daran zu den die Vertriebenen interessierenden Fragen Stellung nehmen. Den Prolog wird Schauspieler Kurt Kamendorff sprechen.

Am Sonntagmorgen finden in der katholischen Alten Kirche Garmisch (Pfarrhausweg) um 9 Uhr und in der Evangelischen Kirche Partenkirchen (Hindenburgstraße) um 9.30 Uhr feierliche Gottesdienste für die Heimatvertriebenen statt Die Arbeitsgemeinschaft wendet sich an alle Heimatvertriebenen des Landkreises mit der Aufforderung, ihre Verbundenheit mit der alten Heimat durch zahlreiches Erscheinen zu dokumentieren. Rechtsanwalt Perkuhn, Vorsitzender der Bundesgemeinschaft der Heimatvertriebenen des Landkreises, richtet am „Tag der Heimat" und anlässlich der Kundgebung im Eisstadion an die Öffentlichkeit folgenden Aufruf:

„Die Arbeitsgemeinschaft der Heimatvertriebenen des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, in der sich alle Landsmannschaften zusammengeschlossen haben, ruft die Sudetendeutschen und Schlesier, die Ost- und Westpreußen, die Danziger und Pommern, die Südost- und Baltendeutschen auf, an der Kundgebung im Eisstadion anlässlich des „Tages der Heimat" teilzunehmen. Wir 'wollen in dieser Gedenkstunde ein Bekenntnis zu unserer alten Heimat ablegen. Wir wollen vor aller Weit bekunden, dass wir ihr die unverbrüchliche Treue halten und dass wir unseren Rechtsanspruch auf Wiedergutmachung des an uns verübten Unrechts niemals aufgeben werden. In allen Teilen der Bundesrepublik, sind die Heimatvertriebenen aus ihrer Lethargie erwacht. Überall regen sich die Kräfte der Selbsthilfe und Selbstbehauptung. Auch die Welt beginnt zu begreifen, dass das deutsche Flüchtlingsproblem eine internationale Frage ist und nur auf internationaler Basis gelöst werden kann. Prominente Persönlichkeiten des Auslandes haben es in letzter Zeit mehrfach offen ausgesprochen, dass die Verträge von Jalta und Potsdam die Mitverantwortung auch der Westalliierten am Schicksal der Vertriebenen begründet haben. Es kommt jetzt auf uns Vertriebene an, dass wir unsere Ansprüche und unseren Willen deutlich und unmissverständlich bekunden. Wenn Europa neugeordnet, werden soll, so stellen wir dabei die Forderung: Gebt uns unsere alte Heimat wieder! Das Abkommen, das die Exiltschechen und die Sprecher der Sudetendeutschen im Bundesgebiet dieser Tage abgeschlossen haben zeigt, in welcher Richtung sich unsere Gedanken bewegen.

Wir denken nicht an Vergeltung und Rache! In unserer „Charta" haben wir das feierlich festgestellt. Aber wir fordern, dass unsere unveräußerlichen Menschenrechte wiederhergestellt werden.

Besonders freuen würde es uns, wenn auch unsere einheimischen Mitbürger unseren Kampf um die alte Heimat, der ja auch in ihrem Interesse liegt, durch zahlreiches Erscheinen auf unserer Kundgebung unter stützen würden!"

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 19.08.1950

 

21.08.1950
„Die Welt muss uns hören…"

Die Heimatvertriebenen feierten den „Tag der Heimat"

"Festliche Kundgebung im Eisstadion Garmisch-Partenkirchen. Gestern wurde im Eisstadion von über 2000 Teilnehmern in Anwesenheit von Landrat Dr. Kessler, Bürgermeister Schütte und einem Vertreter der Besatzungsmacht der „Tag der Heimat" feierlich begangen. Sprecher der Heimatvertriebenen stellten in der Kundgebung die konkreten Forderungen der Flüchtlinge und ihre Auffassungen von Entwicklung und Stand des Flüchtlingsproblems heraus. „Heimat im Osten, du Land im Licht, wir, deine Kinder, vergessen dich nicht..." Mit der Deklamation dieses hymnischen Gedichtes und dem feierlich vorgetragenen „Rütli-Schwur" leitete Schauspieler Kamendorff unter den flatternden schwarz-rot-goldenen und weiß-blauen Fahnen des Stadions die Kundgebung ein. Rechtsanwalt Perkuhn verlas anschließend in seiner Begrüßungsansprache die in Stuttgart proklamierte grundlegende „Charta der Heimatvertriebenen". Dann gedachten die Teilnehmer in einer erschütternden Schweigeminute mit dem von der Musikkapelle Partenkirchen gespielten Lied „Ich hatt einen Kameraden" der Toten aller Heimatvertriebenen.

Landrat Dr. Kessler nahm in seiner Ansprache zu den „lapidaren Forderungen" der Charta Stellung. Er betonte den gerechten Anspruch, der den Vertriebenen als Mitgliedern der freien Völker und aus den furchtbaren Tatsachen ihres Schicksals erwachse. Eine Antwort von Seiten der „Muss-Heimat" auf diese Forderungen sei freilich schwer zu geben. Es sei klar, „dass die Heimatlosigkeit ein Zustand ist, der zu Ende gehen muss", er sei sich aber schon bei seinem Amtsantritt ebenso darüber klar gewesen, dass hier eine Aufgabe für ein oder zwei Generationen vorliege. Die Situation im Landkreis habe strukturell von allem Anfang an für die Flüchtlinge nicht günstig sein können, und auch das Landratsamt sei oft trotz ehrlichen Bemühens nicht in der Lage gewesen, Fragen zu lösen, die oben nur durch Entscheidungen in der großen Politik zu lösen seien. „Wir halten zu Euch in der Treue zur Heimat", schloss Dr. Kessler, „aber wir fühlen uns verpflichtet, Euch hier eine Heimat zu schaffen, und die Herzen nicht verhärten zu lassen." „Die Weltmächte, die mit Jalta und Potsdam das Flüchtlingsproblem geschaffen haben, müssen den Ruf der Flüchtlinge hören", betonte Bürgermeister Georg Schütte, warnte jedoch vor übertriebenen Hoffnungen: „Wir müssen das Problem in erster Linie selber ausfechten" — Gewalterscheinungen hätten dabei keinen Zweck. Für ihn selbst, fuhr Schütte fort, seien die Begriffe „Alt- und Neubürger" abstoßend, es dürfe keine „Geburtsscheinpolitik" geben, der Mensch müsse im Vordergrund stehen, „ich lege großen Wert darauf, dass wir zusammen versuchen, diese soziale Not zu lösen, soweit es in der Macht einer unteren Verwaltungsbehörde liegt", und denen „oben" wolle er zurufen „vergesst die Flüchtlinge nicht, denn ohne oder gegen sie ist ein neues Deutschland nicht aufzubauen"! …"

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 21.08.1950

 

24.09.1950
Die Breitenau verbreitert sich

„Vorort" Garmisch-West — ein entwicklungsreicher Boden

"Garmisch-Partenkirchen. Ortschaften und Städte pflegen so etwas wie ein „Gesicht" zu haben, aus dem man den Lebensstil ihrer Menschen, die Blüte- und Katastrophenzeiten der geschichtlichen Entwicklung ablesen kann. Die Straßen und Straßengruppen sind die „Züge" in diesem Gesicht, sie können zur Harmonie, oder zur Zerrissenheit des Gesamtbildes beitragen. Der Städtebauer wird bemüht sein, das Wachstum einer Stadt so zu steuern, dass sie ein Ganzes bleibt — oft aber sind die Umstände starker als der schönste Plan, und gerade in Notzeiten pflegt meist alles anders zu gehen, als man es sich vorher dachte.

Garmisch-Partenkirchen hat sein Beispiel für die stärkeren Umstände der Zeit, die manche Planung über den Haufen warfen: Die Entwicklung im Stadtteil Garmisch-West. Wer die Zugspitzstraße stadtauswärts wandert, erwartet sich hier nach der natürlichen Entwicklung ein allmähliches Ausklingen des Ortes in die Landschaft, eine Auflockerung der Höfe und Häuser in Gärten und Wiesen und damit einen Übergang in die Beschaulichkeit des Loisachtales. Der Ansatz zu einer solchen Entwicklung war da, man kann ihn deutlich in den verstreuten Bauernhöfen, versteckten Villen und Pensionen seitab der Straße verfolgen. Die Folgen des ersten Weltkrieges brachten eine erste Unterbrechung dieses natürlichen Wachstums: Die Kriegsopfersiedlung in der Loisachschleife ist — schon ihrem Namen nach — ein Symbol für den Bruch in der ruhigen Entwicklung und der Beginn eines Bauens nach Gesetzen der Notwendigkeit, wie es sich auch in den Holzhäusern links der Zugsputzstraße zeigt, die in der Zeit des Zugspitzbahn-Baues entstanden.

Ein weiterer Paukenschlag der (wort-wörtlich) „stärkeren Umstände" waren die Kasernenbauten. Man muss einmal auf die Maximilianshöhe oder auf den Wank hinaufgehen, um zu sehen, wie sehr diese mächtigen Bau-Klötze das bauliche Gefüge des Ortes aus dem Lot gebracht haben — sie sind und bleiben eine bleierne Kugel am Fuß des Olympiakurorte, und zwar nicht nur optisch. Der Städtebauer nennt sie „Fremdköper" und ist heilfroh, wenn die Kasernen ihr unfriedliches Gesicht — wie die Artillerie-Kaserne — einigermaßen hinter Büschen und Bäumen verbergen. Es war vorauszusehen, dass diese Riesenkomplexe mit ihrem Potential von vielen Tausend Menschen nicht isoliert dastehen bleiben würden, sondern dass sich ein starker wirtschaftlicher Bedarf daraus entwickeln würde, der Geschäftsgründungen aller Art in der Umgebung nach sich ziehen musste, zumal der Baugrund dort relativ billig war. Diese Entwicklung ist zu begrüßen, Sie hat im Lauf der Zeit dem Schwerpunkt der Kasernen ein Gegengewicht ihrer Umgebung verschafft und eine merkliche: Auflockerung erreicht: Die Nahtstelle zwischen Stadt und westlichem Vorort ist schon kaum mehr zu erkennen.

Wenn es auch abwegig wäre, den Olympiaort in Zukunft Garmisch-Partenkirchen-Breitenau zu heißen, so kann man doch nicht übersehen, dass an der äußeren Zugspitzstraße ein regelrechter Vorort entstanden ist, der immerhin rund 4000 von den 27.000 Menschen Garmisch-Partenkirchens beherbergt. Da die Hausfrauen von dort draußen begreiflicherweise nicht…

Im Gemeindebauamt ist man von der geschilderten städtebaulichen Entwicklung nicht sonderlich begeistert. Denn man muss ja auch einkalkulieren, dass die zukünftige amerikanische Siedlung zwischen Herrgottschrofen und Loisach die Achse der Zugspitzstraße noch weiter hinausziehen wird, während für die eigentliche Bau-Entwicklung Garmischs der Süd-Süd-West-Bezirk, also zwischen Alpspitz- und Waxensteinstraße, in Streusiedlungen vorgesehen ist und zwar mit systematischer Erhaltung „grüner Adern". Im Nordosten, hinter dem Kurpark, soll die mächtige „grüne Lunge" des Ortes gewahrt bleiben. Die begonnene und durch die Belegung der Artilleriekaserne mit 2000 Flüchtlingen noch forcierte Entwicklung an der Zugspitzstraße wird sich freilich nicht aufhalten lassen und es wird sich, etwa in Höhe der Archstraße, ein neuer gewerblicher Schwerpunkt entwickeln. Zunächst sind es vorwiegend die Geschäfte des unmittelbaren Lebensbedarfes, die im Bereich der äußeren Zugspitzstraße in schneller Folge emporwuchsen; wir zählten neben zwei Bäckern und zwei Metzgern allein fünf Lebensmittelgeschäfte, darunter als jüngstes eine. „Edeka-Filiale", zwei Gasthäuser, zwei Cafés, außerdem zwei Baugeschäfte, mehrere Textil- und 1 Schuhgeschäft, zwei Photogeschäfte, eine Schreinerei und einem Installationsbetrieb. Dabei sind zum Teil, gerade in den .neuesten Bauten, architektonisch sehr ansprechende Lösungen gefunden worden in der Verquickung von Wohnhaus und Ladenräumen, außerdem gibt es dort schon sehr beachtliche Schaufensterauslagen, obwohl der Typ des „kleinen Ladens" vorherrscht und auch das Kleingewerbe „im Zimmer" vertreten ist. Neben dem Wäschehaus Calsing entstehen zur Zeit wieder zwei neue Miet-Läden. um die sich alle möglichen Branchen bewerben. Auch der Gedanke einer Kirche an der Zugspitzstraße wurde, bereits erwogen — das Bild eines sich selbständig entwickelnden Vorortes rundet sich immer mehr ab in der sehr intensiven Bautätigkeit. Dass trotzdem die früheren Stege über die Loisach nicht wieder errichtet wurden (und wie wärs mit einer Verlängerung der Autobus-Linie bis zum Haupteingang der Ari-Kaserne?), wird von den Einwohnern dieses ganzen Bezirks und den auch dort draußen gerne, wohnenden Kurgästen mit Recht bedauert.

„Wir müssen uns, als Konkurrenz zur Innenstadt, hier draußen natürlich sehr anstrengen", erfahren wir von einem Geschäftsmann, der die Lage kennt, „aber für solide Handwerksbetriebe z. B. ist der Boden nicht schlecht und die Läden hier sind stark gefragt, weil man in der Innenstadt keine bekommt". Aber auch nicht rein örtlich gebundene Geschäfte sind im Bereich der äußeren Zugspitzstraße bereits vertreten, so hat z. B. das Wäschehaus Calsing, seit 1944 dort draußen ansässig, durch seinen Großhandel in der Gernackerstraße ein weitverzweigtes, auch auswärtiges Käuferpublikum und auch die Gemeinde als Kunden. Calsing berichtet z. B auch, dass die Flüchtlinge ausgesprochene Qualitätswünsche zeigen und ein gutes Gedächtnis für inständige Belieferung in der Bezugsscheinzeit haben. — Bezeichnend ist auch, dass z, B. die Weinhandlung Boesig neben ihrer Garmischer und Mittenwalder Verkaufsstelle nun auch an der Zugspitzstraße einen schmucken Laden eröffnet hat…"

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 24.09.1950

 

20.10.1950
Jeder dritte Einwohner ein Flüchtling oder Evakuierter

"Garmisch-Partenkirchen. Der Olympiaort hat 8000 Flüchtlinge und Evakuierte, was bedeutet, dass genau jeder dritte Einwohner der Marktgemeinde erst infolge des Krieges nach Garmisch-Partenkirchen gekommen ist Das geht aus den Ergebnissen der Flüchtlingszählung hervor, die mit dem Stichtag vom 1. Oktober 1950 durchgeführt wurde. Diese Zahl schließt die 4042 Evakuierten ein, von denen 1676 aus Bayern und 2336 aus dem übrigen ehemaligen Reichsgebiet in den „Luftschutzkeller Deutschlands" kamen.

Mittenwald, bevölkerungszahlenmäßig mit 6891 Einwohnern die zweitgrößte Gemeinde des Landkreises, meldet per 1. Oktober 1010 Evakuierte aus Bayern und 692 aus anderen Provinzen — also verhältnismäßig mehr bayerische Evakuierte als Garmisch-Partenkirchen. Außerdem gibt es dort 1271 „echte" Flüchtlinge und 233 Ausländer, womit Mittenwald auch in dieser Hinsicht an zweiter Stelle im Landkreis steht (Garmisch-Partenkirchen hat 981 Ausländer). Dafür ist die Belegung Mittenwalds laut Statistik besonders dicht: Auf 2,3 Einwohner kommt ein „Zuagroaster".

Oberammergau meldet bei einer Gesamteinwohnerzahl von 4792 nur 607 Flüchtlinge und 427 Evakuierte, die nicht in Lagern leben, so dass dort eigentlich nur auf jeden vierten oder fünften Einwohner ein Heimatvertriebener oder Bombenflüchtling kommt. Wenn, man allerdings die 358 Bewohner des Lagers Rainenbichl zur Einwohnerschaft addiert, ändert sich dieses Verhältnis auf etwa 3,7:1.

Eschenlohe meldete vier Evakuierte aus Bayern (EB), 36 sonstige Evakuierte (s.E.) und 426 Flüchtlinge (Flü.) bei einer Gesamtbevölkerung von 1429. Ettal hat 18 EB, 47 s. E. und 162 Flü., so dass diese Gemeinde im Landkreis — rein statistisch — unterbringungsmäßig am wenigsten durch die Kriegsfolgen belastet wurde, da hier das Verhältnis von Flüchtlingen und Evakuierten zur Gesamtbevölkerung (1253) wie -1:5,5 steht.

Farchant meldete 52 EB, 90 s.E. 562 Flü. bei 1971 Einwohnern (starke Belegung). Grainau registriert 68 EB 153 s.E. 641 Flü. und eine Bevölkerungszahl von 3066. Bad Kohlgrub weist fünf EB, 34 s E., 578 Flü. und insgesamt 1931 Einwohner auf. Krün hat mehr Evakuierte als Bad Kohlgrub: 45 EB, 52 s.E. und 476 Flü. bei 1610 Einwohnern. Der Anteil an Nachkriegsbevölkerung ist demnach ziemlich hoch. Oberau meldete 20 EB, 90 s.E. 467 Flü. bei insgesamt 1949 Einwohnern. Ohlstadt gehört mit 137 EB, 50 s.E. und 530 Flü. zu den stärkst belegten Orten des Kreises. Bevölkerungszahl: 2134. Saulgrub, das lange Zeit einer der „Brennpunkte der Einschleusung" war, bezifferte die Zusammensetzung seiner Bevölkerung (1969) wie folgt: Nur 8 EB, 6 s.E., aber 464 (!) Flü. Schwaigen, das 352 Einwohner bat, zählte zwei EB, 7 s.E. und 106 Flü. Unterammergau rechnet mit 18 EB, 13 s.E. 435 Flü. und einer Gesamtbevölkerungszahl von 1440. Wallgau (883 Einwohner) gehört ebenso wie Wamberg (290 Einwohner) zu den am wenigsten belegten Orten im Vergleich zur Stammbevölkerung. Beide Orte haben mit 204, bzw. 65 Flüchtlingen und Evakuierten prozentual den gleichen Zuwachs erhalten. Aus dieser statistischen Erhebung ergibt sich, dass der ganze Landkreis 3252 bayerische und 3828 sonstige Evakuierte hat. Die Gesamtzahl der Flüchtlinge beträgt 11285. Außerdem leben hier 1587 Personen, die aus dem Ausland zugezogen sind.

Alles in allem stehen 38.656 statistisch ermittelten „Einheimischen" 18.365 durch die Folgen des Krieges zugezogenen Personen gegenüber. Bei einer Gesamtbevölkerung im Kreis von 58608 kommt also etwa auf jeden dritten Einwohner ein Flüchtling oder Evakuierter."

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 20.10.1950

 

03.11.1950
Mr. Roessler: „Beschlagnahme nicht vorgesehen
"

Übereinstimmende Erklärungen der Behörden, der Hotels und der Heimatvertriebenen

"Garmisch-Partenkirchen. „Nach meinen Informationen wird eine Beschlagnahme der Artilleriekaserne in der Breitenau nicht in Betracht gezogen", erklärte gestern Kreisresidenz-Officer Mr. Roessler, der Anfang der Woche aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, und stellte damit auch eine gestrige Meldung der „Süddeutschen Zeitung" richtig, wonach die Ari-Kaserne „wahrscheinlich freigemacht werden müsse". „Es seien bereits genug Kasernen verfügbar, um die angekündigten Truppen aufzunehmen", betonte er weiter und versicherte, dass die Gefahr einer Beschlagnahme sehr gering sei. Die Artilleriekaserne würde in jedem Falle die letzte sein. Es liege in der Politik der Hohen Kommission und des amerikanischen Hauptquartiers, Beschlagnahmungen zu vermeiden. Insbesondere würden auch keine Privathäuser erneut beschlagnahmt werden. Im Gegenteil, die Besatzungsmacht sei bestrebt, durch ihr 5-Jahres-Wohnbauprogramm bisher beschlagnahmte Häuser wieder freizugeben.

Mr. Roessler erinnerte an das Amidorf-Projekt, das in der Breitenau 17 Wohnhäuser mit je 12 Wohnungen sowie eine Schule für die amerikanischen Kinder vorsieht. „Wir hoffen, dass drei Häuser bis 1. April 1951 bezugsfertig sind", erklärte er und betonte in diesem Zusammenhang, dass mit der Fertigstellung der dortigen Schule auch das Kurhaus im Garmischer Kurpark wieder für seine ursprünglichen Zwecke frei werde. Col. Hamilton und er vertreten mit Nachdruck die hiesigen Interessen. Es sei auch in Zukunft vorgesehen, alle amerikanischen Projekte mit den deutschen Behörden zu besprechen, um sich auch nach den deutschen Vorschlägen richten zu können. Was die Artilleriekaserne anbelangt, so sei sie viel zu stark belegt und mit viel zu großen Investitionen für Zivilwohnzwecke eingerichtet worden, um nun für Truppenunterbringung herangezogen werden zu können. Um die Artilleriekaserne wäre im übrigen unnötigerweise Beunruhigung entstanden und leider hätten auch einige Parteien die Ungewissheit zu Propagandazwecken benutzt.

„In der Artilleriekaserne haben wir 753 Räume für Wohnzwecke einschließlich der 109 des Altersheims, in denen 322 Familien als Hauptmieter leben", erklärte Wohnungsamtsleiter Hammer und betonte, dass von diesen 322 Hauptmietern 292 durch Arbeitsmöglichkeiten ortsgebunden waren. Außerdem seien dort - ohne die kleineren - 14 Industriebetriebe untergebracht, die als Arbeitsplätze nicht verlorengehen dürfen. „Die Amerikaner haben uns zugesagt, dass wir keine Angst zu haben brauchen und dass sie die Dringlichkeit der Freihaltung der Ari-Kaserne einsehen und alles tun werden, was in ihrer Macht steht, um ein Unheil zu verhindern. Davon bin ich auch selbst überzeugt."

Vom Verein für das Gastgewerbe, Kreis Garmisch-Partenkirchen, und der Sektion Werdenfels des Bayerischen Hotelier-Verbandes erhalten wir folgende Stellungnahme:

„Die Belegung der Kasernen mit Militär ist vom Standpunkt des nationalen und internationalen Fremdenverkehrs für alle davon betroffenen Orte unseres Landkreises ein schwerer Schaden…"

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 03.11.1950

 

03.11.1950

Perkuhn: „Das darf niemals geschehen!"

"Garmisch-Partenkirchen. Rechtsanwalt Perkuhn, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Heimatvertriebenen des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, beantwortete unserem Berichterstatter einige Fragen, die dieser ihm im Auftrag der Redaktion und im Zusammenhang mit der öffentlichen Diskussion um die ehemalige Artillerie-Kaserne in der Breitenau stellte.

„Welche Stellung nehmen die in Ihrer Organisation zusammengeschlossenen Landsmannschaften zu der möglichen Beschlagnahme der ehemaligen Artillerie-Kaserne ein?"

„Es gibt in der Frage der möglichen Beschlagnahme der Artillerie-Kaserne durch die Besatzungsmacht oder für Zwecke der Remilitarisierung nur eine Meinung unter den Heimatvertriebenen. Diese Meinung lautet: „Das darf niemals geschehen!" Die Heimatvertrieben sind in dieser Frage völlig einig mit den Kreis- und den Gemeindebehörden und vor allem mit der einheimischen Bevölkerung, die durch die zwangsläufige Belegung von Fremdenverkehrsraum im Falle der Ausquartierung der Vertriebenen…"

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 03.11.1950

 

06.08.1951
Das Heimatvertriebenenproblem geht ganz Europa an

Perkuhn: „Deutschland wird ohne seinen Osten nicht bestehen können"

"Garmisch-Partenkirchen. Gestern vormittag um 9.30 Uhr begann nach dem Festgottesdienst in der Pfarrkirche St. Martin und in der evangelischen Kirche in Partenkirchen der Festakt zum „Tag der Heimat" im Kurtheater. Landrat Franz Renk und Bürgermeister Schütte hatten für diese Feier der Heimatvertriebenen den Ehrenschutz übernommen.

Nach einer festlichen Musik und einem von Schauspieler Kammendorf gesprochenen Prolog eröffnete der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Landsmannschaften, Rechtsanwalt Perkuhn den „Tag der Heimat". Perkuhn sagte, dass die Furcht nicht in die Welt gekommen wäre, wenn man nicht 1918 Österreich und 1945 das Deutsche Reich zerstört hätte. Er kritisierte die Kurzsichtigkeit der verantwortlichen Politiker und forderte, dass alle Völker gemeinsam sich um die Rückgewinnung der verlorenen Heimat im Osten bemühen sollten Weiterhin sollte die Atlantikcharta endlich verwirklicht werden und das Unrecht, das Millionen Deutschen den Tod gebracht hätte, solle man beseitigen. Abschließend sagte Perkuhn wörtlich: „Deutschland wird ohne seinen Osten nie bestehen können."

Im Anschluss daran brachte Landrat Renk zum Ausdruck, dass man die verlorene Heimat keinesfalls mit Gewalt zurückfordern solle Man müsse vielmehr die verantwortlichen Völker durch den Tag der Heimat ermahnen, die begangenen Verbrechen an den Heimatvertriebenen wieder gut zu machen. Renk sagte: „Was in den Ostgebieten 700 Jahre lang an deutscher Arbeit geleistet wurde, darf für Deutschland und Europa niemals verlorengehen". Er sprach ferner die Hoffnung aus, dass ein einiges Deutschland als Brücke zwischen Ost und West bald wiederhergestellt würde und forderte die Versammelten auf, die Jugend zu unterstützen, da die Jugend vollenden müsse, was man jetzt vorbereite. Er bat um Gottes Segen dafür, dass die Heimatvertriebenen bald als freie Bürger In ihre Heimat zurückkehren könnten.

Bürgermeister Schütte sagte, dass es Ziel der Weltpolitik sein müsse, die Flüchtlinge wieder in ihre alte Heimat zurückzuführen. Als Bürgermeister bat er um Hilfe der Flüchtlinge, damit ohne Voreingenommenheit alle örtlichen Schwierigkeiten beseitigt werden könnten. Abschließend überbrachte er die guten Wünsche der gesamten Gemeindeverwaltung an die Heimatvertriebenen und wünschte ihnen „Glück auf" für ihr weiteres Leben.

Nach dem „Niederländischen Dankgebet" wurde von Kaplan Friemel und dem evangelischen Flüchtlingspfarrer die Wimpelweihe der Jugendgruppen der Landsmannschaften Garmisch-Partenkirchen …

… Kommunismus, der nur zerstören könne, und ermahnte die Versammelten, die Diskussion bei der Protestversammlung am Montagabend nüchtern und sachlich zu führen. Der Kaplan sagte: „Der heutige Tag soll eine Brücke zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen schlagen. Er rief Gottes Segen für die Heimat im Osten herab und sprach die Überzeugung aus, dass der Herrgott die Flüchtlinge eines Tages wieder in das Land Ihrer Väter führen werde. Dann seien die Wimpel Sinnbild der Freude und der Dankbarkeit, Der evangelische Pfarrer ermahnte die Jugend, die Wimpel als Symbole der Treue zu Gott und der Heimat zu betrachten, und der Kreisobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaften rief den Jugendlichen zu: „Haltet die Wimpel fest in der Hand und bringt sie eines Tages zurück in unsere alte Heimat!"

Anschließend gedachte Prof. Hüttl der Toten zweier Weltkriege und der Millionen Männer, Frauen und Kinder, die im Wirbel aufgeputschten Völkerhasses gestorben sind. „Wir wollen den Toten schwören, dass ihre Opfer nicht umsonst gewesen sind", rief er. Dann sprach als Hauptredner der Bundestagsabgeordnete und Mitglied des Europarates Hans Schütz. Er gab bekannt, das insgesamt 16 Millionen deutscher Menschen ihre Heimat verloren hätten. Schütz führte weiterhin aus, dass beispielsweise die Deutschen in der Tschechei niemals von den Tschechen hätten vertrieben werden können, wenn nicht dahinter der atheistische Bolschewismus Stalins gestanden wäre, und er wies besonders darauf hin, dass sich die Alliierten von 1945 seither nicht mehr geeinigt hätten. Als einen wesentlichen Faktor zur Beseitigung des augenblicklichen Zustandes bezeichnete Schütz das reale Leben und sagte: „Ein Europa, das an der Elbe seine Grenzen hat, kann auf die Dauer nicht als Europa weiterleben." Schütz brachte zum Ausdruck, dass kein Heimatvertriebener um den Preis eines Krieges in seine Heimat zurückkehren wolle, aber die Stunde der Wendung würde kommen, wenn sich alle Völker und besonders die beiden „Giganten" Amerika und Russland einig wären. Die Amerikaner müssten erkennen, dass der derzeitige Zustand in Europa eine permanente Gefahr für Frieden, Freiheit und Kultur darstelle und die Völker Europas müssten einsehen, dass die Linien von Potsdam Todeslinien seien und dass deshalb eine Einigung zur Unterstützung der Verhandlungen der „großen Zwei" unbedingt notwendig sei. Schütz sagte weiter: „Wir wollen nicht als Rächer in unsere Heimat zurückkehren, sondern als aufbauende Arbeiter." Auch die Völker hinter dem Eisernen Vorhang müssten für eine Revision im friedlichen Sinne gewonnen werden, denn das Vertriebenenproblem gehe ganz Europa an. Schütz sagte: „Der Irrtum von Potsdam muss gemeinsam mit allen Völkern, die guten Willens sind, revidiert werden." — Anschließend forderte er alle Heimatvertriebenen auf, jetzt durch intensive Arbeit die Heimkehr vorzubereiten. Mit dem Lied „Nach der Heimat möcht ich wieder" und der Deutschlandhymne fand die eindrucksvolle Feierstunde ihren Abschluss."

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 06.08.1951

Hans Schütz (*14. Februar 1901 in Hemmehübel/Nordböhmen; †24. Januar 1982 in München) war ein sudetendeutscher Politiker der CSU. Schütz war Mitglied der Deutschen Christlich-Sozialen Volkspartei in der ersten Tschechoslowakischen Republik und ab 1935 Abgeordneter des Prager Parlaments. Im März 1938 erfolgte der Übertritt in die Sudetendeutsche Partei (SdP) Henleins. Ab Oktober 1938 war er Mitglied der NSDAP. Anschließend wurde er zur Wehrmacht eingezogen und kämpfte an der Ostfront. Nach seiner Rückkehr 1946 gründete er in Bayern mit Walter Becher den Arbeitskreis zur Wahrung sudetendeutscher Interessen und im gleichen Jahr die Ackermann-Gemeinde.

 

26.10.1951
Rücksiedlung - ein langwieriges Problem

Wohnraumknappheit und Geldmangel hemmend / Von 5298 Evakuierten meldeten sich 271

"Garmisch-Partenkirchen. Staatssekretär Oberländer hat kürzlich die Bemühungen, im Innerdeutschen Flüchtlingsaustausch eine sinnvollere Verteilung der Flüchtlinge im Bundesgebiet zu erreichen, als gescheitert bezeichnet. Anhand der Angaben aus dem Kreisflüchtlingsamt beleuchten wir nachstehend Gründe, die örtlich zur Verzögerung und Erschwerung der Rück-Siedlungen, auch trotz persönlicher Initiative, immer wieder beitragen und einen Ausgleich im Arbeits-, Wohnungs- und Sozialmarkt immer weiter hinausschieben.

Nach der Statistik des Kreisflüchtlingsamtes ist die Zahl der im Landkreis wohnhaften Flüchtlinge im Verlauf eines Jahres (Oktober 1950 bis Oktober 1951) von 11285 auf 10791 zurückgegangen. Die Zahl der aus bayerischen Gebieten seinerzeit in den Landkreis Evakuierten ist von 3252 auf 2069 gesunken, die Zahl der aus außerbayerischen Gebieten stammenden Evakuierten ist von 3828 auf 3229 zurückgegangen. Die Zahl der einheimischen Bewohner hat sich in diesem Zeitraum in Garmisch-Partenkirchen von 18109 auf 18321 erhöht; während in den anderen größeren Orten des Kreises ein leichter Rückgang an Einheimischen zu verzeichnen ist (Oberammergau 3636 — 3275, Mittenwald 3685 — 3679). Die Zahl der Ausländer im Kreisgebiet ist im Laufe dieses einen Jahres von 1587 auf 1214 zurückgegangen (in Garmisch-Partenkirchen von 981 auf 770).

Eine kürzliche Rundfrage der Regierung von Oberbayern zur Erfassung der „rückkehrwilligen Evakuierten" ergab abschließend, dass von den 5298 Evakuierten im Landkreis (bayerisch und außerbayerisch) nur 115 Familien mit 271 Personen sich zur Rücksiedlung in ihre Heimatorte meldeten. Es waren vor allem ältere Leute, Fürsorgeempfänger und Rentner, die sich meldeten, um ihren Lebensabend am Heimatort zu verbringen. Etwa 60 Prozent der Evakuierten, die sich meldeten, wollten in ihre Heimatstadt München zurück, darunter einige Geschäftsleute, die dort ihren Betrieb wieder aufbauen wollen. — Der größte Teil der Evakuierten hat sich also nicht gemeldet, zweifellos aus der Erwägung heraus, dass sie Arbeits- und Wohnmöglichkeit im Landkreis — oft zäh genug erkämpft — nicht mit dem Risiko tauschen wollen, in der Heimatstadt zwar vielleicht Arbeit, aber keine Wohnung zu bekommen. In vielen Fällen haben die Evakuierten und Flüchtlinge nicht das nötige Geld, um sich persönlich in ihren Heimatorten zur Arbeitsbewerbung vorzustellen. Beispiel: Ein Autogenschweißer aus der Artilleriekaserne kratzt sein letztes Geld zusammen und stellt sich in Frankfurt bei einer Firma vor. „Sie können sofort anfangen", bestätigt ihm das Büro. Er hat aber kein Geld, um die Vorauszahlung für ein Zimmer in Frankfurt, zu entrichten. Enttäuscht fährt er zurück, um weiter in Garmisch-Partenkirchen als Hilfsarbeiter zu vegetieren. — Ein Elektroschweißer mit Frau und Kind, ebenfalls Flüchtling, erhält ein Sofortangebot und soll sich in Frankfurt vorstellen. Da er nur eine zerschlissene Montur, kein Geld für die Fahrt oder für Ausstaffierung mit Kleidern hat, muss er verzichten.

„Hier müsste es doch Mittel und Wege geben", sagt man uns, „dass solchen Leuten — über die vier Freifahrten im Jahr hinaus — mit einem Vorschuss geholfen wird, vor allem im Interesse des Landkreises, zur Entlastung von Wohnraum- und Arbeitsmarkt." Solche Gelder stünden aber von keiner Seite zur Verfügung und damit werde eine Fülle von Chancen zunichte gemacht.

Im April dieses Jahres hatte auf amerikanische Veranlassung in München eine Voruntersuchung von Flüchtlingen für die Aussiedelung nach Amerika stattgefunden. Vom Landkreis Garmisch-Partenkirchen waren auf ihren Antrag 410 Personen (darunter 241 Frauen und Kinder) mit Omnibussen von der Landkreisverwaltung nach München zur DP-Kommission zur Untersuchung geschickt worden. Inzwischen wurden weitere Erkundigungen über die einzelnen Antragsteller von der amerikanischen Umsiedlungskommission eingezogen, nähere Entscheidungen über die Aussichten dieser Flüchtlinge bald nach Amerika zu kommen, liegen jedoch — nach fast sechs Monaten — noch nicht vor. — Einer einmaligen größeren Abwanderung von Flüchtlingen (Spezialarbeiter) nach Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr steht sogar ein geringer Zugang an Flüchtlingen durch die „Familienzusammenführung" gegenüber.

Es dürfte also auch in unserem Landkreis noch lange dauern, bis die durch Kriegs- und Nachkriegswirren verursachte Überlastung von Arbeits- und Wohnraummarkt auch nur annähernd auf einen „normalen" Stand zurückgeführt werden kann."

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 26.10.1951

 

21.08.1955
Hart erkämpfte Eingliederung

"Schlagartig strömte im ersten Jahr nach Kriegsende der verzweifelte Zug der Heimatvertriebenen in unseren Landkreis ein, und zu den Problemen des Hungers und einer zusammengebrochenen Verwaltung kam das Problem der Unterbringung von etwa 11 000 Flüchtlingen im Landkreis hinzu. 1939 hatte der Landkreis noch 41 286 Personen gezählt, 1946 waren es 56 405, das war ein Anwachsen um 36,6 Prozent! Nahezu ein Fünftel der gesamten Bevölkerung im Landkreis waren in diesen Nachkriegsjahren Flüchtlinge, Vertriebene und Evakuierte. Trotz Umsiedlung und Wiedereingliederung in anderen Gebieten gibt es gegenwärtig im Landkreis noch rund 9700 Flüchtlinge und Heimatvertriebene, zu denen immer noch fast 1000 Evakuierte hinzukommen.

Die Lösung des Flüchtlingsproblems traf in unserem Landkreis auf besondere Schwierigkeiten, als die Massenunterkünfte, die man als Notquartiere belegt hatte, zum Teil bald wieder geräumt werden mussten, so dass die Odyssee der Flüchtlinge vielfach nach Jahren noch nicht beendet war. Insgesamt haben in den Jahren von 1946 bis 1955 über das Kreisflüchtlingsamt rund 1100 Familien in Wohnungen eingewiesen werden können. Die Umsiedlung für die Wiedereingliederung hat von den rund 11000 Flüchtlingen bisher 2283 Personen in anderen Gebieten eine Lebensmöglichkeit geschaffen. Einen Beitrag zur äußerlichen Unterbringung der hier verbliebenen Flüchtlinge leistete der Soziale Wohnungsbau, bei dessen staatlich geförderten Projekten mit rund 840 Wohnungen (einschließlich 1955) rund 50—60 Prozent an Flüchtlinge vergeben wurden. Anfangs lag der Prozentsatz sogar bei 75 Prozent.

"Bis auf die Gruppe der kaufmännischen Angestellten darf die Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen als geglückt betrachtet werden", erklärte jüngst der Leiter des Kreisflüchtlingsamtes. Es gibt heute im Landkreis 195 Flüchtlingsbetriebe, wobei die Gruppe der Schönbacher Geigenbauer an der Spitze steht."

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 21.08.1955

 

01.09.1956
Flüchtlings-Jugend wächst unbeschwert heran

Im Landkreis leben noch 9726 Flüchtlinge / Neue werden aus dem Osten dazukommen

"Garmisch-Partenkirchen. Nachdem es jetzt möglich geworden ist, dass Deutsche aus den von Polen und den Tschechen verwalteten Ostgebieten unter bestimmten Voraussetzungen nach Westdeutschland zurückkehren oder hier zu Angehörigen umsiedeln können, wird das Flüchtlingsproblem erneut akut. Diese neuen Flüchtlinge kommen zu den sich täglich nach dem Westen absetzenden politischen Flüchtlingen aus der sowjetisch besetzten Ostzone hinzu. Ist heuer auch alles durch Gesetze in geregelte Bahnen gelenkt, so tauchen doch immer wieder neue Fragen auf, die das Tagesgeschehen aufwirft.

Wie war es denn nach dem Kriege bei uns? Die Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, kamen einzeln oder — und das waren allein 5700 — in Transporten in unser Land. Ganze Trecks des Elends trieben die russischen Panzer vor sich her. Alle Säle wurden beschlagnahmt und ein großes Auffanglager in Mittenwald errichtet, das später nach Oberammergau verlegt wurde. Mit der Zeit zogen viele der Flüchtlinge weiter, in einem Sammeltransport wurden allein 1640 Menschen nach Baden-Württemberg geleitet. Aber auch heute ist Bayern — ebenso wie Niedersachsen und Schleswig-Holstein — noch sogenanntes „Abgabeland", also ein Land, das verhältnismäßig viel Flüchtlinge beherbergt. Die Zahl der in unserem Landkreis lebenden Flüchtlinge beträgt zur Zeit 9726, zu denen noch 1394 Evakuierte kommen.

Die Flüchtlinge sind heuer bei der Landkreisverwaltung in drei Gruppen eingeteilt. Da sind zunächst — und das sind die meisten — die Deutschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden; in der sie schon vor 1939 lebten. Dann kommen die Vertriebenen, die während des Krieges eine neue Heimat gefunden und sie wieder verloren hatten; und die dritte Gruppe ist die ebenfalls noch ständig wachsende Zahl der Flüchtlinge aus der russisch besetzten Zone Deutschlands. Für alle Flüchtlinge werden laufend Ausweise, „Flüchtlingsausweise", ausgestellt, mit denen sie gemäß dem Bundes-Vertriebenen- und Flüchtlingsgesetz als Flüchtlinge anerkannt sind. Zahlreiche — zur Zeit sind es über 200 — Anträge auf Umsiedlung sind zu bearbeiten, denn die staatlich gelenkte oder in Einzelfällen ungelenkte Rückführung Evakuierter geht langsam, aber stetig weiter. Es sind immerhin monatlich etwa fünf Familien, die auf diese Weise wieder in ihre frühere Heimat zurückkehren oder in ein anderes Land aussiedeln.

Nach der letzten Statistik aus dem Vorjahr betrug die Zahl der Flüchtlinge in unserem Landkreis 9726. Davon leben in Eschenlohe 364, Ettal 137, Farchant 506, Garmisch-Partenkirchen 3376, Grainau 549, Bad Kohlgrub 530, Krün 306, Mittenwald 1038, Oberammergau 951, Oberau 470, Ohlstadt 578, Saulgrub 359, Schwaigen 87, Unterammergau 290, Wallgau 145, und in Wamberg 40. Überall war es am Anfang schwer und die Gegensätze schienen zunächst kaum überbrückbar. In zehn Jahren aber haben sich die Alt- und Neubürger doch schon zusammengelebt. Staatliche Ordnung und wirtschaftliche Gesundung haben aber auch die äußeren Verhältnisse im allgemeinen günstig gewandelt.

Die Menschen, die ihre seit vielen Generationen angestammte Heimat verlassen mussten, können die Vergangenheit nicht vergessen. Nicht, dass sie nur düsteren Gedanken nachhingen. Sie haben aber auch wertvolle kulturelle Güter verloren, ein Erbe, das heute die Landsmannschaften wachzuhalten versuchen, als hohe Verpflichtung dem ganzen deutschen Volk gegenüber. Erfreulicherweise sind die Beziehungen in der neuen Heimat gute geworden; denn die Menschlichkeit hat doch gesiegt und die Unterschiede verwischen sich mehr und mehr.

Unbeschwert, jedoch von einer bewusst erlebten Vergangenheit wächst die neue Generation heran. Die Buben tragen wie selbstverständlich die Lederne und den Madln steht das Dirndl gut. Ihre Sprache ist nicht „nachgeahmt"; ihr Dialekt ist echt! Und sie wissen nur von der Schule her, wo Schlesien lag und das Sudetenland und die vielen anderen deutschen Gebiete, die heute unter Fremdherrschaft stehen. Gut ist es, dass die Jugend so leicht und unbeschwert heranwächst. Sie wird das Leben anpacken, wenn sie herangereift ist, und sie wird doch das Land nicht vergessen haben, in dem ihre Vorfahren werkten."

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 01.09.1956

 

15.02.1958
Die Heimatvertriebenen sind weniger geworden

Unter 25218 Einwohnern lebten am 1. Dezember 1957 3398 Flüchtlinge und 633 Ausländer

"Garmisch-Partenkirchen (gr). Die Umstellung auf die neue Adrema-Anlage und die reibungslose Durchführung der Bundestagswahl waren 1957 zusätzliche Aufgaben für das von Oberinspektor Popp geleitete Einwohnermeldeamt der Marktgemeinde. Am 1. Dezember 1957 betrug die Einwohnerzahl nach der Fortschreibung 25 218 Einwohner, davon 3393 Flüchtlinge und 633 Ausländer.

Der Jahresbericht des Amtes stellt fest, dass es durch die Adrema-Anlage nunmehr möglich war, genaue Bevölkerungszahlen, aufgeschlüsselt in verschiedene Gruppen, zu gewinnen. Das Ergebnis dieser Zählung liegt erheblich über der vom „Statistischen Landesamt" errechneten „amtlichen" Zahl; es dürfte jedoch richtig sein, da in ihm alle beim Einwohnermeldeamt gemeldeten Personen enthalten sind. Der Bevölkerungsstand ist im ganzen ziemlich gleichbleibend. In struktureller Hinsicht kann eine leichte Abnahme der Flüchtlinge und der hier wohnenden Evakuierten festgestellt werden.

Die Adrema-Anlage hat sich inzwischen eingespielt und — wie der Jahresbericht des Einwohnermeldeamtes feststellt — ihre erste große Bewährungsprobe bei der Bundestagswahl bestanden.

Nach dem Jahresbericht 1957 haben bei uns 33 Personen Antrag auf Einbürgerung in die Bundesrepublik gestellt. Außerdem haben 39 Österreicher von der Möglichkeit des erleichterten Erwerbs der deutschen Staatsangehörigkeit Gebrauch gemacht. Im November mussten die Wehrpflichtigen des 4. Quartals Jahrgang 1937 erfasst werden. Ihre Zahl betrug 49. Außerdem haben sich 26 Freiwillige zum Eintritt in die Bundeswehr gemeldet, die ebenfalls zuvor erfasst werden mussten.

Da die Struktur unserer Einwohnerschaft in mancher Hinsicht von besonderem Interesse ist, veröffentlichen wir nachstehend das Ergebnis der neuesten Ermittlungen des Einwohnermeldeamtes nach dem Stand vom 1. Dezember 1957. In den Zahlen für Partenkirchen ist die Siedlung Burgrain enthalten."

Ortsteil

Gesamt-einwohner-zahl

Männer

Frauen

Kath.

Evang.

Isr.

Sonstige

Flüchtlinge

Aus-länder

Nur
2. Wohn-
sitz

 

Partenkirchen

12957

5443

7514

9325

3129

5

497

1743

325

597

 

Garmisch

12261

5150

7111

8823

2960

8

471

1650

308

564

 

Garmisch-
Partenkirchen

25218

10593

14625

18148

6089

13

968

3393

633

1161

 

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 15.02.1958

Landsmannschaften um 1950:

 

 

Ostpreußen, Westpreußen, Danziger, Pommern und Baltendeutsche

Vorsitzender: Paul Senkel bis Nov. 1951 / Dr. Horst Fischer, Rechtsanwalt seit Nov. 1951
2. Vorsitzender: Rechtsanwalt Perkuhn (1951)
Kassier: Kurt Hanke (1951)
Schriftführer: Karl von Jungmeister (1951)
Kulturreferent: Kurt Kammendorff, Schauspieler (1951)
Vergnügungswart: Heinz Bruweleit (1951)
Vereinslokal: Werdenfelser Hof

 

 

Sudetendeutsche Landsmannschaft

Kurze Geschichte der SL Ortsgruppe Garmisch-Partenkirchen

"Die Sudetendeutsche Landsmannschaft Ortsgruppe Garmisch-Partenkirchen wurde im April 1948 von einigen verantwortungsbewussten Männern und Frauen ins Leben gerufen, um die notwen­digsten Lebensinteressen der so plötzlich ihrer Heimat und ihrer Lebensgrundlagen beraubten Vertriebenen vertreten zu können.    (Die meisten Männer waren noch in Kriegsgefangenschaft, in tsche­chischen Zwangsarbeitslagern zurückgehalten oder gefallen. Das Bayerische Rote Kreuz nahm sich zuerst der Vertriebenen in gewissenhafter und vorbildlicher Weise, einer in den Jahren 1946 - 1947 schier unlösbaren Versorgungsaufgabe an. War doch der Landkreis Garmisch-Partenkirchen mit Ausgebombten, Ver­wundeten und Flüchtlingen überfüllt, die das Kriegsende hierher verschlagen hat. Die Hotels, Pensionen, Fremdenheime und auch Privathäuser waren von der amerikanischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und für ihre Zwecke zum Teil genutzt. Es war verständlich, dass in dieser Notlage ein Übermaß an Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe von der Garmisch-Partenkirchner Bevölkerung abverlangt wurde. In den Landkreis Garmisch-Partenkirchen gelangten in den Jahren 1946 - 1947 die Vertriebenen in mehreren Eisenbahntransporten und wurden auf die einzelnen Landkreisgemeinden verteilt. Die Heimatvertrie­benen, meistens Frauen, alte Männer, Jugendliche und Kinder mit höchstens 50 kg Gepäck pro Person, viele hatten nicht einmal das Notwendigste mitnehmen dürfen, wurden mit Lastwagen in Notlager und Notunterkünfte gebracht, u.a. in Garmisch-Partenkirchen Olympia-Haus im Skistadion, Gasthof „Lamm", Hotel „Kramerhof und ehemalige Wehrmachtsbaracken. Viele der Heimatvertriebenen waren der Verzweiflung nahe. Der Verlust der Heimat, der Verlust des Ehemannes oder ihrer Kinder, die Ungewissheit über den Verbleib von Familienangehörigen, der plötzlichen Armut, der Enge der Be­hausung und die sich ergebende Aussichtslosigkeit ihrer Zukunft waren Ursachen dieser Verzweiflung.

Die Heimatvertriebenen stammten größtenteils aus dem Böhmerwald und aus dem Egerland, aber auch Vertriebene aus den Gebieten Nord­böhmens (Erz- und Riesengebirge), aus Nordmähren (Altvatergebirge), den böhmischen und mährischen Sprachinseln und der Slowakei wurden hierher verschlagen.

Eine wesentliche Besserung der Wohnungsnotlage trat erst ein, nachdem die ehemalige Artillerie-Kaserne (jetzt Breitenau) 1948 für die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge freigegeben wurde und fast alle aus den belegten Privatwohnungen, Hotels und Fremden­heimen untergebracht werden konnten.

Aus der bereits in München bestehenden Interessen- und Notge­meinschaft der Heimatvertriebenen wurde die Sudetendeutsche Landsmannschaft gegründet. Dieser folgten weitere Ortgruppen-Gründungen in den Gemeinden des Landkreises, darunter die Orts­gruppe Garmisch-Partenkirchen. Die einzelnen Ortsgruppen wurden in der Kreisgruppe zusammengefasst. Durch zahlreiche gemeinschaft­liche Veranstaltungen kultureller und gesellschaftlicher Art, durch gemeinsame Gedenkveranstaltungen, wie zum „Tag der Heimat" und zum Treffen der Heimatvertriebenen beim „Sudetendeutschen Tag" wird der Zusammenhalt weiterhin gepflegt und bewahrt…“

Aus: 50 Jahre Sudetendeutsche Landsmannschaft – Ortsgruppe Garmisch-Partenkirchen (Garmisch-Partenkirchen 1998) S.9/10

 

 

 

© Alois Schwarzmüller 2015

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