Garmisch-Partenkirchen 1945-1949 - Die ersten Jahre nach Diktatur und Krieg

 

 

 

Eisstadion Garmisch-Partenkirchen - US-Kriegsgefangenenlager 1945

Nach dem Einmarsch der 10. US-Panzerdivision am 29. April 1945 in Garmisch-Partenkirchen, nach dem Waffenstillstand am 8./9. Mai 1945 und nach dem tatsächlichen Ende des Zweiten Weltkriegs mussten die Sieger viele deutsche Soldaten und SS-Angehörige in Gefangenschaft nehmen und unterbringen. Am Ort entstanden zwei provisorische Lager - ein kleineres im Kurpark Garmisch für ungarische Einheiten, ein größeres im Olympiaeisstadion. Das Eisstadion diente bis zum Juli 1945 der Gefangennahme von Angehörigen der Wehrmacht und der SS.

 

 

Oben links: Massenlager für ungarische Soldaten nach Kriegsende im Kurpark Garmisch

Oben rechts: Marsch deutscher Kriegsgefangener in die Gefangenschaft am Sorge-Eck in Garmisch

Untern links: Das Eisstadion der Olympischen Winterspiele 1936 wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zum provisorischen Gefangenenlager.

 

 

 

Gerhard Nierhaus
Stabsarzt in einer Kriegslazarettabteilung

 „Der Zweite Weltkrieg war zu Ende. Es war der 8.Mai 1945. Meine Kriegslazarettabteilung, in der ich als Stabsarzt beim Stab eingesetzt war, musste sich nach der Invasion in der Normandie aus Paris zurückziehen. Mit dem gesamten Tross und medizinischen Einrichtungen ging es mit einigen Unter-brechungen über Luxemburg, Bad Ems, Steinfischbach im Taunus, den Vogelsberg bis in die Nähe von Magdeburg. Dort hieß es rechts - schwenk Marsch gen Süden und unter starkem Jagdbomberbe­schuss bis nach Garmisch in Oberbayern. Hier wurde, um einer Gefangenschaft zu entgehen, schnell eine Lazarettabteilung in einer Kaserne der l. Gebirgsjägerdivision aufgemacht.

Aber diese Hoffnung trog. Nach kampflosem Einzug der Amerikaner wurde von diesen die Auflösung des Lazaretts befohlen. Die Kranken und Verwundeten unseres Lazaretts sollten in die Artillerieka­serne jenseits der Grainauer Straße verlegt werden, wo eine chirurgische Abteilung für Hauttrans­plantationen noch im Einsatz war. Die Belegschaft unseres Lazaretts, etwa hundert Mann, sollte in ein Gefangenenlager bei Ulm verlegt werden, wo unter freiem Himmel bereits Tausende lagerten…

Nur eine kleine operativ tätige Crew konnte von dem Behelfslazarett "Sonnenbichl" bei Garmisch übernommen werden. Darunter befand sich auch mein Freund und Stabsarzt Wilhelm Schäfer aus dem Westerwald, der mich später noch mehrfach in Dillenburg besucht hat.

... Das Eisstadion in Garmisch, das gut zu bewachen war, war als Sammelstelle für die Gefangenen eingerichtet worden. Ein Teil der Gefangenen, die parteipolitisch unverdächtig waren, für die Versor­gung der deutschen Bevölkerung aber dringend gebraucht wurden, wie Bauern, Bäcker, Metzger, etliche Handwerksberufe und merkwürdigerweise auch Apotheker wurden zur Verlegung ausgesucht. In der Kaserne waren nach Einmarsch der Amerikaner große Bestände an Lebensmitteln und Versor­gungsgüter für die Truppe. In den riesigen Stallungen standen noch etwa hundert Pferde…

Ich erfuhr von zwei Apothekern, dass sie zwecks Entlassung zur Verlegung ins Eisstadion vorgesehen waren. Entlassungen aus der Gefangenschaft wurden nur vorgenommen, wenn die, die vorgesehen waren, politisch unbelastet schienen, ebenso Leute, die für die Ernährung der Bevölkerung wichtig waren wie Landwirte, Bäcker, Metzger u.a. Da die beiden für den nächsten Tag zur Verlegung vorge­sehen waren und umfangreiches Gepäck hatten, schlug ich ihnen vor, ihnen bei dem Transport als "Kuli" behilflich zu sein. Sie waren von meinem Vorschlag nicht begeistert. Ich stieg aber im Kaser­nenhof mit meinem Minigepäck frech in den offenen LKW mit ein. Die Wache am Tor nahm keine No­tiz von mir. Die erste Hürde war geschafft. Der zweite Akt bestand darin, in das bewachte und streng kontrollierte Eisstadion hineinzukommen, das nur einen ganz schmalen Zugang in Fußgängerbreite hatte. Vielleicht war das auch mein Glück.

Ich nutzte den Augenblick, als die Papiere der Apotheker eingehend geprüft wurden, ihr umfangrei­ches Gepäck bückenderweise zwischen den beiden durch das Tor zu schieben. Der Streich war ge­lungen. Eine der schwierigsten Hürden war genommen. Das bedeutete nun, einen großen Fragebo­gen auszufüllen und bei der nächsten Gelegenheit von den Amerikanern zu der 15 km entfernten Entlassungsstelle einer Schule transportiert zu werden."

Aus: Gerhard Nierhaus, Gespräche mit Kai und seinen Freunden (Lenggries, 1992) 20 Seiten
 Nierhaus war Stabsarzt in einer Kriegslazarettabteilung

 

Martin Walser
"Ihre Lektüre im Mai 1945?"

"Die war grandios. Ich war im Gefangenenlager in Garmisch. Ich hatte gemerkt, dass unten drin die Bibliothek des Reichssenders München exquartiert war. Ich bin also nicht mehr zum Panzerwaschen auswärts gegangen, wo ich mein Weißbrot verdiente, sondern habe mich zum Bibliothekar ernannt. Und habe drauflos gelesen. Das Gefangenenlager habe ich mit einem Rucksack voller Bücher verlassen: zwei Bände Stifter. Oskar Walzels Gehalt und Gestalt. Ich war der Einzige im Lager, der keine Läuse bekam. Daraus schloss ich, dass Stifter zu lesen die Läuse abhält."

Quelle: Martin Walser. So schnell wie möglich, denn wir haben ja nicht ewig Zeit. Interview: Moritz von Uslar / Foto: Markus Tedeskino - SZ-Magazin Nr. 44 – 30-10-2003

 

 

 

 

© Alois Schwarzmüller 2015

Zurück zur Startseite