"Juden sind hier nicht erwünscht!"

Zur Geschichte der jüdischen Bürger in Garmisch-Partenkirchen von 1933 bis 1945

 

 

3. "Der Zuzug von Juden ist hier unerwünscht"-
Der Antisemitismus nistet sich im Rathaus ein

 

Im öffentlichen Leben der Gemeinden Garmisch und Partenkirchen zeigte sich sehr schnell, wie ernsthaft und zu allem entschlossen die neuen Machthaber ihre antijüdi­schen Propagandaphrasen in reale Politik bis hinab auf die lokale Ebene umsetzen wollten.

Neben den noch verhältnismäßig zaghaften Bemühungen, die geschäft­lichen Bezie­hungen im Fremdenverkehr und die öffentlichen Büche­reien "judenfrei" zu machen, ging man seit dem Herbst des Jahres 1933 in die Offensive: Der ganze Ort sollte "entjudet" wer­den. 

Zu diesem Zweck wurde am 22. September ein erster Gemeinderatsbe­schluß - und zwar gleichlautend in den noch selbständigen Gemein­den Garmisch und Partenkir­chen - verabschiedet. 

Auslöser war die Feststellung, "daß sich hier eine nicht unerheb­liche Anzahl von Ju­den ansässig macht... Der Gemeinderat ist sich dahingehend ei­nig, daß der Zuzug von Juden unerwünscht, zu er­schweren und - so­weit möglich - zu verhindern ist." Bürgermeister Thomma von Gar­misch bedauerte ausdrücklich, daß - obwohl "der Zu­zug von Juden hier unerwünscht" sei - "doch keine gesetzliche Handhabe bekannt (sei), dem zu steuern..."[22]

In den folgenden Wochen und Monaten ließen sich trotz dieser Be­schlüsse 16 jüdi­sche Fami­lien nieder - wohl alle in der Hoffnung, am Rande des Reiches in einer ka­tholischen Hochburg den Nachstellun­gen und ständig wach­senden Zudringlichkeiten und Unver­schämtheiten der Nazis bes­ser entgehen zu können als in ihren meist frän­kischen Heimatge­meinden, in denen "Stürmer"-Herausgeber Julius Streicher be­son­ders unnach­giebig zu "Judenaktionen" trommelte.

Diese geringfügige Zuwanderung jüdischer Familien veranlaßte Bür­germeister und Gemeindeverwaltung, "ein Verzeich­nis der in Gar­misch wohnhaften Personen jüdi­scher Abstammung und der Personen, deren Religionsbekenntnis nicht feststeht", vorzulegen.[23] Die Kenn­zeichnung der Juden in Garmisch-Partenkirchen begann jetzt be­reits, vorerst nur auf geheimen Listen, in denen Kon­fession, Haus- und Grundbesitz oder die Zahl der "arischen weibli­chen Hausange­stellten nach Alter und Wohnort" erfaßt wurden, später durch öf­fentlich zu tragende gelbe Sterne.

Erstes Zeichen dafür, daß die Bedrohung jüdischen Lebens durch die Nazis bis in die Gebirgsidylle vorgedrungen war, war der Freitod zweier jüdischer Kurgäste in der Pfingstwoche1934. Der Münchner Kauf­mann Siegfried Frank und Dr. Walter Gerstel aus Berlin hatten ih­rem Leben in Garmisch ein Ende gesetzt. Gerstel hatte den von den Nazis erzwungenen Ver­lust seiner Stellung durch die Anwendung des "Gesetzes zur Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamten­tums" - er war Generaldirek­tor der Berliner Elektrizitäts­werke gewesen - und die folgende gesell­schaftliche Zurück­setzung nicht mehr ertragen.[24]

Obwohl die jüdischen Zuwanderer, wie die Polizei immer wieder in ihren Berichten betonte, "völlig zurückgezogen" lebten -ein Ge­such um Erlaubnis zur Errichtung ei­ner rituellen Wirtschaft in Garmisch war die einzige Besonderheit - stellte die NSDAP-Orts­gruppe Garmisch-Partenkirchen im November 1934 in beiden Gemeinde­räten einen weiteren Antrag, "gegen die Gefahr jüdischer Ansied­lungen in un­serem Ort mit den wenigen uns möglichen Maßnahmen Front zu neh­men... Die Ansiedlung von Nichtariern ist in Garmisch bzw. in Par­tenkirchen nicht er­wünscht. Die dem Reichs­verband deut­scher Makler angehörenden Immobilien­händler und die dem BDA ange­hörenden Archi­tekten sind von diesem Beschluß in Kenntnis zu set­zen."[25] Damit sollte "die jüdische Ansied­lung, wenn nicht ganz un­terbunden, so doch sehr erschwert wer­den."[26]

Diese Gemeinderatsbeschlüsse traten aber nicht unverzüglich in Kraft, da Bürger­mei­ster Thomma zunächst noch eine "Prüfung der Lage im Hinblick auf die Olym­piade 1936 in Garmisch-Partenkirchen"[27] für ge­boten hielt. 

Diese Vorsichtsmaßnahme wurde schon im Frühjahr 1935 über den Hau­fen geworfen - die Juden sollten ohne Rücksichtnahme auf interna­tionale sportliche oder diplomati­sche Folgen gejagt und vertrieben werden - "Judenhatz" in und um Garmisch-Parten­kir­chen wurde zur vorolympischen Disziplin.

 

[22] Archiv der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen VII/15/8, 22.09.1933, 26.09.1933

[23] Archiv der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen VII/15/8, 13.01.1934

[24] LRA Garmisch 61612, 30.05.1934

[25] Archiv der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen VV/5/8, 20.11.1934

[26] a.a.O.

[27] a.a.O., 18.12.1934