"Juden sind hier nicht erwünscht!"

Zur Geschichte der jüdischen Bürger in Garmisch-Partenkirchen von 1933 bis 1945

 

 

1. Adolf Stoecker, Hermann Levi und Richard Strauss -
"Täter, Opfer und Zuschauer" um die Jahrhundertwende

 

Es ist nicht überliefert, ob sie sich je hier in Partenkir­chen be­gegnet sind, der anti­jüdi­sche Berliner Hof- und Domprediger Adolf Stoecker und der jü­dische Münchner Hof­kapellmeister und - ausge­rechnet - Wagnerdirigent Hermann Levi.[1] Beide jedenfalls hat­ten sich um die Jahrhundertwende in die Idylle der Partenkirchner Bergwelt zu­rückgezogen, sich so­zusagen neben­einander häuslich nie­dergelassen, der eine 1891 im Reinta­ler Hof und der andere 1897 auf Schloß Riedberg.

Stoecker redete seit 1878 in seinen politischen Auftritten im Preußischen Landtag und im Deutschen Reichstag einem wirtschaft­lich und so­zial begründeten Antisemitismus das Wort. Er hielt Einschrän­kungen bei der Anstellung jüdischer Rich­ter für notwen­dig, drängte auf die Entfernung der jüdischen Lehrer aus al­len Volksschulen, pries die "Kräftigung des christlich-ger­manischen Geistes" als "Mittel, um dem Überwuchern des Ju­dentums im germanischen Leben... entgegenzutreten." Die jüdischen Bür­ger waren ihm eine "Wunde" am deut­schen Volkskörper, die man of­fenhalten müsse, "bis sie geheilt ist."[2] Ob Stoecker mit diesen Ge­danken einheimische politi­sche Kreisen beeinflußt hat, ist nicht be­kannt.

Hermann Levi, Sohn eines Rabbiners aus Gießen, Generalmusikdirek­tor in München, ließ sich im Jahr 1897 in dem von Adolf von Hilde­brandt erbauten Schloß Riedberg mit seiner Frau Mary im Alter von etwa 70 Jahren nieder. Der als Zeitgenosse in Par­ten­kirchen le­bende Dichter Walter Siegfried nannte Levis Übersiedlung auf Ried­berg einen "Zuwachs an höchster Kultur in unserem Hochland­winkel".[3] Als Förderer zeitge­nössischer Komponisten setzte Levi sich immer wieder für die Aufführung der Werke von Richard Strauß ein. Das anfänglich gute Verhältnis zwischen dem Partenkirchner Levi und dem Garmischer Strauß, den Levi 1886 zum III. Kapellmei­ster in München gemacht hatte, war später durch die  Haltung von Strauß belastet, dessen Schwieger­tochter und Enkelkinder 1938 in Gar­misch-Partenkirchen - wie noch zu zeigen sein wird - nicht ver­schont blieben vor dem mobilisierbaren Volkszorn gegen alles Jüdi­sche. Nach dem Tode Her­mann Levis im Jahre 1900 entwarf Adolf von Hildebrandt für den Garten des Schlosses Ried­berg eine Mau­soleumsanlage zu Ehren des Dirigenten. Sie war schutzlos dem Wahn derer ausgeliefert, die nach 1933 alles Jüdische - die Menschen, ihre Kunst und ihre Kultur  - auf­spürten, verfolgten und zerstörten.

So nah lebten Täter, Opfer und Zuschauer um die Jahrhundertwende mehr neben- als gegeneinander, noch ganz ohne Vorahnung dessen, was Krieg und Diktatur, christlich verkleideter Germanenkult und die Bereitschaft zum Wegschauen schon eine Generation später auch in Garmisch-Partenkirchen möglich machten.

Im Bezirksamt Garmisch hatten im Jahre 1905 bei einer Zahl von insgesamt knapp 14000 Einwohnern nur fünf Bürger jüdischer Herkunft ihren Wohnsitz.[4] 20 Jahre später hatten sich diese Zahlenverhältnisse nur geringfügig geän­dert, die Gesamteinwohnerzahl war auf 24600 gestiegen, unter ihnen lebten jetzt 30 jüdische Bürger.[5] Eine sehr viel schneller an­wach­sende Zahl von Menschen erklärte freilich ausgerechnet diese Min­derheit für verantwortlich an "Deutschlands Un­glück."

 

[1] Diese Aussage muß inzwischen korrigiert werden. Bei Walther Siegfried heißt es: „Oft ergab der Zufall auf Ried­berg merkwürdige Mischungen. Es kam vor, daß Stöcker nach einer seiner Sonntagspredigten, die Levi eifrig be­suchte, bei ihm zu Tische war und dort Possart traf. Der fanatische Antisemit in der Gesellschaft zweier Abkömm­linge der semitischen Rasse, Weltmann genug, sich mit beiden, als geistig hervorragenden Menschen, ausgezeich­net zu unterhalten.“
Zitiert nach: Seinerzeit in Partenkirchen & Garmisch. Erinnerungen von Walther Siegfried (Garmisch-Partenkir­chen 1994) S. 87
[2] Zitiert nach: Ludger Graf von Westphalen, Geschichte des Antisemitismus in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert (Stuttgart, 1971) S. 25 f.
[3] Seinerzeit in Partenkirchen & Garmisch, a.a.O. S. 86

[4] Zeitschrift des Kgl. Bayerischen Statistischen Bureaus 1906, S. 237 

[5] Zeitschrift des bayerischen statistischen Landesamtes 1926, S. 14