Garmisch-Partenkirchen und seine jüdischen Bürger  -  1933-1945

 

 

 

 

Paul, Pauline und Margarete Lang

Paul Lang wurde am 16.7.1877 in Nürnberg geboren. Er zog am 11.04.1934 nach Garmisch-Partenkirchen, Wettersteinstr. 19 („arische Hausbesitzerin Anna von Zochovski, Nürnberg, Rohrmattenstr. 5, Jahresmiete 2700.-") zusammen mit seiner Ehefrau Pauline, geb. Büchenbacher (*8.9.1886 in Fürth). Sie waren seit dem 24.06.1908 verheiratet.

 Nach dem antijüdischen Pogrom verließen Paul und Pauline Lang am 10.11.1938 Garmisch-Partenkirchen. Sie wohnten in München, Hotel Regina. Das Ehepaar Lang hatte zwei Kinder: Hilde, geboren am 5.4.1909 in Nürnberg, verh. Adelung, und Margarete, geb. am 24.1.1921 in Fürth. Margarete folgte ihren Eltern am 11.4.1934 nach Garmisch-Partenkirchen. Am 13.6.1936 zog sie nach Hamburg, Heilwigstr. 46. Am 1.3.1939 konnte sie nach Zug in die Schweiz auswandern.

Paul Lang starb am 28.02.1960 in Miami Beach (Florida/USA), seine Frau Pauline am 04.09.1964, ebenfalls in Miami Beach.

 

Über die Ereignisse im November 1938 in Garmisch-Partenkirchen berichtete Rosa Braunmüller (geb. am 9.11.1878, ledig, katholisch, wohnhaft in Garmisch-Partenkirchen, Bahnhofstr. 3) am 13.10.1948 der Spruchkammer für den Landkreis Garmisch-Partenkirchen:
"Am Nachmittag des 9. November 1938 (Tag des Judenpogroms) kam ich in die Wohnung des jüdischen Ehepaars Paul Lang, Wettersteinstr. 13, mit dem ich sehr gut bekannt war. Ich habe kurz davor erfahren, daß gegen die Juden von Seiten der NSDAP eine Aktion gestartet war. Im Haus Lang traf ich einen mir unbekannten SS-Mann an, der mit der Bewachung des Hauses beauftragt war. Familie Lang war beim Zusammenpacken ihrer mitzunehmenden Habe. Ich habe der Familie Lang geholfen. Am gleichen Tage fuhr Familie Lang auftragsgemäß nach München.
Im Januar 1939 bekam ich von Fam. Lang einen Brief aus München mit der Aufforderung zu einer Rücksprache. Dieser Aufforderung leistete ich selbstverständlich Folge. Bei dieser Gelegenheit erzählt mir Herr Lang den genauen Vorgang des Judenpogroms in Garmisch-Partenkirchen, so wie er ihn erlebt hatte.
In den Morgenstunden (gegen 7 Uhr) kam ein SA-Mann in seine Wohnung und forderte Herrn Lang auf, sofort mit ihm auf die Kreisleitung zu kommen. Dieser Aufforderung leistete Herr Lang Folge. Vor dem Haus der Nationalsozialisten traf er eine johlende Menschenmenge an, von einzelnen Personen soll er sogar angespuckt worden sein. Durch diesen SA-Mann wurde Herr Lang dem Kreisleiter Hausböck vorgeführt. Herr Lang wurde von Hausböck aufgefordert, ein Schreiben zu unterzeichnen, in welchem er sich verpflichtet, bis spätestens nachmittags um 14.00 Uhr Garmisch-Partenkirchen zu verlassen. Weiterhin war in dieser Verpflichtung zum Ausdruck gebracht, daß er bis spätestens 18.00 Uhr die Deutsche Reichsgrenze überschritten habe. Bei dieser Gelegenheit fuchtelte Herr Hausböck mit einem Revolver herum. Auf die Einwendung des Herrn Lang, daß er für sich und seine Ehefrau keine Reisepässe habe, wurde ihm von Hausböck erklärt, er könne ohne Weiteres die deutsch-schweizerische Grenze überschreiten. Herr Lang verließ auch tatsächlich mit seiner Ehefrau am Nachmittag Garmisch-Partenkirchen, versteckte sich jedoch bis Januar 1939 in München. Januar 1939 verließ Fam. Lang München und verzog in die Schweiz ..."

 

Die Wohnung Wettersteinstraße 19 sollte am 12.11.1938 versiegelt werden, „es wurde jedoch vorerst davon abgesehen, da bereits SA Wache ... anwesend war:" Am 28.11.1938 teilten die Rechtsanwälte der Vermieterin dem Bürgermeister des Marktes Garmisch-Partenkirchen mit: „Schon vor Ihrem Schreiben vom 18.11.1938 hat Frau Zochovski ihrem jüdischen Mieter per sofort gekündigt und dieser auch die Kündigung angenommen. Da Frau Zochovski einen erheblichen Mietverlust erleidet, hat sie von ihrem Mieter Schadenersatz verlangt und sich mit ihm darüber geeinigt, daß dieser ihr die Einrichtung überläßt. Nach dem Mietvertrag ist nämlich halbjährliche Kündigung vorgesehen. Frau v. Z. wird aber nicht die ganze Villa beziehen, sondern nur einige Zimmer und den Rest vermieten. Frau von Zochovski hat ihr Haus in Nürnberg verkauft und ihren Haushalt aufgelöst und zieht in den nächsten Tagen nach Garmisch."

Am 4.12.1938 wandte sich Paul Lang an die Gemeindeverwaltung Garmisch-Partenkirchen: „Bei meiner plötzliche Abreise am 10. November liessen wir wichtige Dokumente, die wir für die Auswanderung und für das Finanzamt benötigen, sowie einige notwendige Gegenstände zurück. Ich bitte Sie, mir baldigst, Adresse Hotel Regina, mitzuteilen, wie ich in den Besitz dieser Sachen gelangen kann. Ich weiss nicht, wo sich die Schlüssel zu meiner Wohnung befinden. Im Laufe diese Monats müssen wir uns zur Kennkarte anmelden, wo hat dies zu geschehen, welcher Schutz wird mir gewährt, falls es bei Ihnen zu erfolgen hat."

Am 8.12.38 informierte Bürgermeister Scheck die NS-Kreisleitung von Langs Anfrage und teilte mit: „Eine Beantwortung der Anfrage von mir erfolgt nicht."

Am 13.3.1939 konnten Paul und Pauline Lang Deutschland verlassen und in die USA auswandern. Anschrift in den USA im Oktober 1948: Scranton, Pennsylvania, Pine-Street 1010

 

Am 27.10.1948 versicherte Paul Lang in einer eidesstattlichen Erklärung, daß die Schilderungen der Rosa Braunmüller über die Ereignisse vom 10.11.1938 in Garmisch-Partenkirchen voll und ganz der Wahrheit entsprechen.

 

Staatsarchiv München - LRA Garmisch-Partenkirchen 63049

 

© Alois Schwarzmüller 2006

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