Garmisch-Partenkirchen und seine jüdischen Bürger  -  1933-1945

 

 

 

 

Markus Friediger

Die „Werdenfelser Terraingesellschaft“, deren Geschäftsführer Fritz Müller hieß (später bekannt geworden als der Erzähler und Romanautor Fritz Müller-Partenkirchen), erwarb vor dem Ersten Weltkrieg in und um Partenkirchen eine beachtliche Zahl von unbebauten Grundstücken, darunter auch die Gegend, in der heute das Werdenfels-Gymnasium steht. Um das Jahr 1917 ging dieses Gebiet in den Besitz von Markus Friediger über. Seine Pläne für ein großes Hotel scheiterten an der Gemeinde Partenkirchen, er blieb aber Eigentümer dieses Grundstücks.[1] Nach dem Zweiten Weltkrieg war immer noch vom „Friediger-Grundstück“ die Rede. Die Frage, wer Markus Friediger war, erfuhr lange keine genaue Antwort.

Eine Liste der von den Berliner Finanzämtern herausgegebenen Steuersteckbriefe[2] gab schließlich erste Auskunft: Markus Friediger ist am 20. Oktober 1875 in Andrychow zur Welt gekommen. Bis 1918 war sein Geburtsort ein Städtchen im galizischen Teil der Habsburger Monarchie, nach dem Weltkrieg wurde es polnisch und 1939 dann von der deutschen Besatzung in Andrichau umbenannt. Friediger war seit 1905 mit Hedwig Klein (*15. November 1878) aus Wien verheiratet. Sie hatten drei Kinder - die Söhne Karl (*1906 in München) und Leopold (*1908 in München) und die Tochter Anna-Maria (*1910).

   

Markus Friediger war ein erfolgreicher Unternehmer im Hotel- und Gaststättengewerbe. In Partenkirchen, München, Wien und Berlin führte er Hotels und gastronomische Betriebe, zum Beispiel das Hotel "Grünwald" in Partenkirchen, das Hotel „Hessler“ in Berlin, Kantstraße 165, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, in Wien das Hotel „Metropole“ (im März 1938 von der Gestapo beschlagnahmt). Im Hotel "Metropole" spielt übrigens die "Schachnovelle" von Stefan Zweig.

   

 

Das "Hotel Grünwald" (Fotos von Dymia Schulze, Wien) stand ursprünglich im Besitz von Markus Friediger und seines Schwagers Ernst August Klein. Markus Friediger, deutsch-österreichischer Unternehmer im Hotel- und Gaststättengewerbe, erwarb nach dem Tod von Dr. Theophil Behrendt, Besitzer der Heilquelle und Kureinrichtungen am Kainzenbad, im Juli 1922 das "Neue Kurhaus" am Riedhang (erbaut zwischen 1902 und 1904) und erweiterte  es zum "Hotel Grünwald". Bis etwa 1930 wurde es als Hotel betrieben, dann von Friediger an den Caritas-Verband Bayern verkauft. Daraus entwickelte sich in den Folgejahren das Schwestern-Erholungsheim St. Hildegard. Während des Zweiten Weltkriegs und danach beherbergte es ein Kursanatorium zur Behandlung von Tbc-Erkrankungen. 1984/85 wurde das "Sporthotel Dorint" an dieser Stelle neu errichtet.

Für die Hinweise zur Baugeschichte des Hotels Grünwald danke ich Peter Schwarz (Grainau).

 

In Partenkirchen errichtete Friediger auf dem Grundstück an der Gartenstraße 1, (heute Enzianstraße), ein kleines Haus. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war er in Partenkirchen wohl kaum präsent: Das Marktarchiv dokumentiert für 1921 eine Auseinandersetzung Friedigers mit dem Malermeister Heinrich Fischer[3] und für 1930 findet sich die Bestätigung, dass die Überweisung der Wertzuwachssteuer für seine Grundstück in Höhe von RM 1236.-. an den Markt Partenkirchen ordentlich erfolgt war.[4]

 

 

Das Unheil kam mit den Nationalsozialisten und mit den Olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen. Die Grundstücke Friedigers gerieten im Laufe des Olympiavorbereitungsjahres 1935 in das Visier der Marktgemeinde und des Organisationskomitees der Winterspiele. Am 13. Juni 1935 stand die Errichtung von Baracken für den Organisationsstab des OK auf der Tagesordnung der 4. Vorstandssitzung. Im Protokoll steht: „Wegen Überlassung des vorgeschlagenen Grundstücks an der Partenkirchner Bahnhofstraße sind Verhandlungen mit dem Grundeigentümer zu führen, insbesondere müsse ein Pachtvertrag zwischen O.K. und Gemeinde abgeschlossen werden.“[5] Bei dem „vorgeschlagenen Grundstück“ Partenkirchen, Flur-Nr. 1640+16401/2, handelte es sich um Friedigers Grundstücke, mit "Grundeigentümer“ war die Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen gemeint. Friediger war zu dieser Zeit schon nach Wien emigriert, gemeldet war er dort seit 30. Dezember 1935. Vermutlich hatte er vor seiner Flucht die „Reichsfluchtsteuer“ nicht entrichtet, seine Partenkirchner Grundstücke waren jedenfalls von der Reichsfinanzverwaltung requiriert worden. Und die Marktgemeinde hatte sie so gut wie in Besitz genommen. Am 3. Januar 1936 stand das ganz offen in der „Nationalsozialistischen Gemeinde“, einem kommunalpolitischen Organ der NSDAP Reichsleitung: “Auf gemeindlichem Grundbesitz an der Bahnhofstraße ist ein Olympiadorf herausgewachsen. 5 große Holzhäuserblocks bieten Geschäftszimmer für die Verbände der an der Olympiade beteiligten Sportarten.“[6]

Ende Januar 1936, wenige Tage vor dem Beginn der IV. Olympischen Winterspiele, wandte sich der Partenkirchner Rechtsanwalt Dr. Karl Roesen in dieser Sache überraschend an Karl Ritter von Halt, den Präsidenten des Organisationskomitees. Er machte geltend, dass er „mit Beschluss des Notariats Garmisch-Partenkirchen“ zum Zwangsverwalter für die Grundstücke Friedigers bestellt worden sei. Friediger halte sich zur Zeit in Wien auf. Und dann forderte Roesen den OK-Präsidenten von Halt zur Zahlung einer Pacht auf, „rückwirkend ab 1. November, da Sie auf diesen Grundstücken eine Reihe von Baracken erstellt haben.“ Für die Zeit vom 1. November 1935 bis zum 30. April 1936 sei er bereit, die Grundstücke ge­gen Zahlung eines Betrages von 400.- RM zu verpachten. Der letzte Satz dieses Schreibens klang wie eine Drohung: „Es wird zweckmäßig sein, den Vertrag noch vor Beginn der Winterspiele zu schließen."[7] Roesen, ein unerschrockener Mann, wusste um den Zündstoff, den offenes antisemitisches Vorgehen der Gemeinde bzw. des Organisationskomitees für die Eröffnung der Winterspiele barg.

Erst am 15. Februar 1936, also unmittelbar vor dem Ende der Winterspiele, reagierte das OK auf Roesens Forderung. Im Entwurf des Schreibens heißt es: „Die Baracken sind seinerzeit auf den fraglichen Grundstücken deshalb errichtet worden, weil der Herr 1. Bürgermeister Scheck s. Zt. erklärt hatte, die Grundstücke stehen im Besitz der Marktgemeinde und er überlasse die Grundstücke kostenlos dem Organisationskomitee.“[8] Roesen ließ sich nicht einschüchtern und schrieb am 18. Februar 1936 zurück: „Die Angelegenheit ist insofern heikel, als Eigentümer der Grundstücke der Jude Friediger ist. Da nun ohne weiteres über die Grundstücke verfügt worden ist, so könnten unter Umständen darauf noch unerwünschte Weiterungen ev. Berichterstattungen sich ergeben. Mit Rücksicht auf die Sache sah ich davon ab, in den ersten Olympiadetagen eine formelle Besitzergreifung, wie sie sonst geboten ist, vorzunehmen.“[9] Diese Drohungen genügten, um von Halt dazu zu bewegen, die von Roesen geforderte Pacht in Höhe von 400.- RM doch noch zu entrichten.

Die Vorgänge um die „Friediger-Grundstücke“ belegen in aller Deutlichkeit, wie sehr den Nationalsozialisten und in ihrem Gefolge auch dem Olympiaorganisator Ritter von Halt daran gelegen war, die Öffentlichkeit, vor allem die internationale, vor und während der olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen über die Lage der Juden vor Ort und im ganzen Reich zu täuschen.

In einer der ersten Sitzungen des Garmisch-Partenkirchner Gemeinderats nach den Winterspielen, am 28. März 1936, stand der „Erwerb des Friedigerschen Hausgrundstückes an der Enzianstraße 1“ (Plan Nr. 1639) auf der Tagesordnung. Das Sitzungsprotokoll gibt den Vorgang und das Ergebnis wieder: „Es besteht die Möglichkeit das Anwesen Enzianstraße Nr. 1 des früheren Hoteliers Markus Friediger, nunmehr Wien, das zu Gunsten des Reichsfiskus wegen einer Reichsfluchtsteuer im Betrag von rd. 130.000 RM gepfändet ist, im Wege der Auseinandersetzung mit der Reichsfinanzverwaltung zu erwerben. Voraussichtlich werden dafür 10.000 RM erforderlich sein, weil bereits der in Händen des Marktes befindliche Grundschuldbrief über den gesamten hiesigen Grundbesitz auch das vorbezeichnete Hausgrundstück umfasst.“[10] Einwendungen der Gemeinderatsmitglieder gab es nicht. Bürgermeister Jakob Scheck beschloss, „an den Erwerb des fraglichen Hausgrundstücks heranzutreten.“ Damit befanden sich schließlich alle drei „Friediger-Grundstücke“ auf dem Weg über die Enteignung durch die Reichsfluchtsteuer im Besitz der Reichsfinanzverwaltung bzw. der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen. Begonnen hatte alles am 4. Januar 1935 mit einem Pfändungsbeschluss zugunsten des Finanzamts Berlin in Höhe von RM 131.218,55. Im Grundbuch war eingetragen: „Alleineigentümer Deutsches Reich – Reichsfinanzverwaltung.“

 

 

 

Baracke des Organisationskomitees der IV. Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen auf dem "Friediger-Grundstück" (Foto: Lidl)

Landrat Dr. Wiesend beim Richtfest für die neue Oberschule auf dem "Friediger-Grundstück" 1940 in der Aula (Foto: StAM - LRA 119111)

 

1939 wurde damit begonnen, auf diesen drei „Friediger-Grundstücken“ die Oberschule für Jungen, das heutige Werdenfels-Gymnasium, zu errichten. Das Richtfest wurde 1940 gefeiert.

Das Ehepaar Markus und Hedwig Friediger wurde 1941 von Köln, Venloer Straße 23 in ein Ghetto nach Riga deportiert. Das Ghetto Riga-Kaiserwald wurde ab 1943 aufgelöst, ein Teil der Häftlinge kam nach Auschwitz, ein anderer nach Stutthof. Die meisten der 25000 deutschen Juden, die aus dem Reich nach Riga gebracht worden waren, überlebten den Holocaust nicht.[11] Markus und Hedwig Friediger wurden für tot erklärt. Die Kinder des Ehepaars Friediger, Charles B. (Karl) Friediger, Leopold Friediger und Anna Maria Koefler, konnten dem Holocaust entkommen.

Für das Grundstück Flur Nr. 1639 (Gartenstraße, heute Enzianstraße) kam es 1949 nach Verhandlungen mit der Wiedergutmachungsbehörde Oberbayern zwischen den Kindern und dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen zu einem Vergleich. 1951 wurde es vom Landkreis von den Geschwistern erworben.

Die Grundstücke mit den Flur-Nrn.1640 und 16401/2 übereignete der Markt Garmisch-Partenkirchen mit Überlassungsvertrag vom 8. März 1957 dem Landkreis. Restitutionsansprüche, die der Markt Garmisch-Partenkirchen gegenüber Charles B. Friediger, dem Sohn des früheren Besitzers Markus Friediger, abgefunden hatte, wurden vom Landkreis an den Markt vergütet.[12]

 


[1] vgl. Josef Ostler, Garmisch und Partenkirchen 1870-1935. Beiträge zur Geschichte des Landkreises Garmisch-Partenkirchen Band 8 (Garmisch-Partenkirchen 2000), S. 100f

[2] Liste der von den Berliner Finanzämtern herausgegebenen Steuersteckbriefe Buchstabe E-G, letzte Aktualisierung am 14.11.2003

s.a. Michael Hepp (Hrg.), Die Ausbürgerung deutscher Staatsangehöriger 1933-1945 nach den im Reichsanzeiger veröffentlichten Listen – Band 2: Namensregister (München 1985) S.81 – Liste 27 mit Hedwig, Markus, Karl und Leopold Friediger

[3] MA Garmisch VII/20/18/1

[4] MA Altregistratur Partenkirchen Nr. 72

[5] Frank Tiemann, Ein Sportfunktionär zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Die Karriere von Karl Ritter von Halt (Münster 1997- Magisterarbeit) S. 53

[6] MA GaPa Schachtel 39 – NS-Schriftverkehr 1935-1936 / 03.01.1936

[7] Zit. nach Frank Tiemann, a.a.O. S. 53 / Bundesarchiv Potsdam 70/Or1/B116 - 31.01.1936

[8] ebd. 15.02.1936

[9] Zit. nach Frank Tiemann, a.a.O. S. 54 / Bundesarchiv Potsdam 70/Or1/B116 – 18.02.1936

[10] MA Garmisch-Partenkirchen – Protokollbuch - Niederschrift der Sitzung des Gemeinderates Garmisch-Partenkirchen am 28.03.1936

[11] Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hgb.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager: Band 8 - Riga-Kaiserwald u.a. (München, 2008) S. 31

[12] Schreiben des Landratsamtes Garmisch-Partenkirchen vom 03.09.2010

 

© Alois Schwarzmüller 2013

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