Garmisch-Partenkirchen und seine jüdischen Bürger  -  1933-1945

 

 

 

 

Emil und Frieda Fechheimer

Der Kaufmann Emil Fechheimer wurde am 15.10.1866 in Nürnberg geboren. Nach Garmisch kam er am 1.7.1934. Er erwarb das Anwesen Höllentalstr. 56 (Pl.-Nr. 1822a,b und Pl.Nr. 1824). Er war verheiratet mit Frieda Fechheimer (*15.3.1876 in Gunzenhausen, geb. Hesselberger).

 

Meldekarte des Marktes Garmisch von Frieda und Emil Fechheimer - 1934

Haus von Frieda und Emil Fechheimer, Höllentalstraße 56 - 1935 (Aufnahme 2008)

 

 

Meldedateikarte des Marktes Garmisch für Emil und Frieda Fechheimer
 

Haus von Frieda und Emil Fechheimer, Garmisch, Höllentalstraße 56  (Foto: privat, 2008)

 

 

Seinen Lebenslauf beschrieb er in der eidesstattlichen Erklärung vom 3.10.1948 im Spruchkammerverfahren gegen den ehemaligen NS-Kreisleiter Hans Hausböck:

"1886/87 diente ich als Einj.Freiw. im 1.Chev.Reg. in Nürnberg, wurde Reserveoffizier und meldete mich 1914 freiwillig zum Heeresdienst. Weiter bekleidete ich das Ehrenamt eines Kgl. Handelsrichters in Nürnberg. Im Jahre 1917 wurde ich dem Bayerischen Kriegsministerium als wirtschaftlicher Mitarbeiter zugeteilt und später für meine Verdienste um die Fettindustrie mit dem Titel "Geheimer Hofrat" ausgezeichnet.
"Ich bin am 15. Oktober 1866 in Nürnberg geboren, habe daselbst das humanistische Gymnasium besucht und kam danach in`s väterliche Geschäft - Firma Hoch, Lang & Söhne, Margarinefabrik in Nürnberg - wo ich 50 Jahre lang bis 1935 tätig war, um mich dann nach Garmisch ins Privatleben zurückzuziehen."

Am 18.05.1935 gab der 2. Bürgermeister von Garmisch, Josef Thomma, in einem Schreiben an die NS-Kreisleitung Garmisch-Partenkirchen zu Protokoll:

"Heut' Vormittags gegen 11 Uhr sprach der Jude Emil Fechheimer, welcher das Anwesen Höllentalstr. 56 schon seit vielen Jahren besitzt, bei dem unterfertigten Bürgermeister vor und beklagte sich, daß auf seinem Grundstück an der Höllentalstraße an einer Telegrafenstange, welche mit seiner Genehmigung gesetzt ist, eine Tafel angebracht wurde, "Juden sind hier nicht erwünscht". Wer die bezügliche Tafel angebracht hat, ist mir nicht bekannt. Fechheimer erwähnte noch, daß er und seine Vorfahren es in Nürnberg zu höchsten Ehren gebracht habe und fragte, wo er denn hinsolle. Von diesem Sachverhalt gestatte ich mir, Mitteilung zu machen. Heil Hitler! Thomma, 2. Bgm." Josef Thomma wohnte nur wenige Häuser entfernt von Emil Fechheimer in der Höllentalstraße 21.

In der eidesstattlichen Erklärung vom 3.10.1948 schilderte Fechheimer die antijüdischen Vorgänge am 10. November 1938 in Garmisch-Partenkirchen:

„An dem oben genannten Tage wurden meine Frau und ich um 7 Uhr morgens mit dem Rufe „Juden heraus, Rache für Paris" aus dem Schlafe geweckt und durch eine Anzahl SA-Leute, die wir in unserem Garten erblickten, befehlshaberisch aufgefordert, sofort herunterzukommen. Man drängte uns derart, daß wir uns nur mangelhaft ankleiden konnten. - Frühstück war natürlich ausgeschlossen - und brachte uns dann in`s Parteihaus, wo wir warten mußten, bis die Nichtarier des Bezirkes Garmisch-Partenkirchen zusammengeholt waren.
Nachdem ungefähr 20 Personen zusammen waren, wurde jedes Ehepaar dem Kreisleiter vorgeführt. Da es in diesem Zimmer zog, während ich teils aus Aufregung, teils aus mangelhafter Ankleidung eine Erkältung fürchtete, so bat ich Hausböck, das offenstehende Fenster schließen zu dürfen mit der Begründung, daß ich infolge eines mir im Kriege zugezogenen Lungen-Emphysems sehr anfällig sei, worauf Hausböck schroff entgegnete, das sei gerade recht, und die Schließung des Fensters verbot.
Danach erklärte Hausböck mit vorgehaltenem Revolver, daß wir binnen wenigen Stunden d.h. mit dem nächsten Zuge Haus und Hof verlassen müßten und niemals wiederkehren dürften, widrigenfalls wir zu Tode "geprügelt" würden. Und zwar müßten wir bis zum nächsten Tag die Reichsgrenze überschritten haben.
Weiter legte uns H. ein Formular vor des Inhalts, daß wir uns damit einverstanden erklärten, unser Grundstück in Garmisch, Höllentalstr. 56, in arischen Besitz überführen zu lassen. Hierzu bemerkte er, daß es keine Überlegung für uns gebe, sondern sofort unterschrieben werden müsse, widrigenfalls wir vom Platz weg zunächst auf 3 Jahre in`s KZ Dachau abgeführt würden. In dieser Zwangslage sind wir dem Befehle nachgekommen.
Danach wurden wir einzeln fotografiert und unter Begleitung von 2 SA-Männern in unsere Wohnung zurückgebracht. Die beiden SA-Leute mußten dem Kreisleiter durch Handschlag versichern, uns nicht früher zu verlassen, bis wir unter Vorweis einer Fahrkarte nach dem Ausland den Zug bestiegen hätten.
Bei dem Verlassen des Parteihauses mußte man ein von den HJ und BdM gebildetes Spalier passieren, um angespuckt zu werden. Infolge Warnung durch eine uns wohlwollende Person konnten wir das Spuckspalier umgehen.
Am Bahnhof war eine Abteilung von Leuten aufgestellt, welche die verletzendsten Hohnrufe auf die abfahrenden Juden ausbrachten.
Wir fuhren gegen Mittag über München nach Bregenz, wo wir mit allen Nichtariern aus dem Zuge geholt wie eine Herde Vieh über das Geleise getrieben und in`s Gefängnis abgeführt wurden und bis zu unserer Befreiung mit Schweizer Hilfe 12 Stunden bleiben mußten.
Wie wir durch Unterstützung von Züricher Verwandten uns in die Schweiz retten konnten und schließlich in Lugano landeten, wo wir seitdem unser Leben fristen, dürfte für den Fall Hausböck nicht mehr von Belang sein.
Unsere Wohnungseinrichtung wurde größtenteils versteigert mit der Begründung, daß wir illegal ausgewandert seien, während wir in Wahrheit illegal vertrieben wurden...."
Lugano, den 3. Oktober 1948, gez. Emil Fechheimer
Lugano, Via S.Calloni 7, Schweiz

 

Am 14.03.1939 meldete das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen der Gestapo München, dass „die Eheleute Fechheimer am 10.11.38 anläßlich der Judenaktion nach der Schweiz ausgewandert" sind. „Die derzeitige Anschrift ist Locarno, Via Massagna Nr. 5."

Schon am 15.2.1939 hatte Landrat Dr. Wiesend keine Einwände dagegen, „die Schlüssel zum Anwesen des Juden Fechheimer, früher Garmisch-Partenkirchen, Höllentalstraße," an den Regierungs-Forstrat Schneller vom Forstamt Garmisch „vorübergehend" auszuhändigen. Der Antrag des Kaufhauses E.P.Hart, das Anwesen Fechheimer als Ferienheim für "die 120 Mitglieder umfassende Gefolgschaft" zu erwerben, wurde wohl deshalb nicht weiter verfolgt, weil sich die Bayerische Landesforstverwaltung für das Haus interessierte. Die NSDAP-Gauleitung Oberbayern erteilte am 23.03.1939 eine „Ausnahmegenehmigung zur Verwaltung des Vermögens der ausgewanderten Eheleute Emil Israel Fechenheimer und Frau geb. Hesselberger, ... im Hinblick darauf, dass beide bereits ausgewandert sind." Wenige Tage später wurden der Forstverwaltung vom Landrat die Schlüssel „für das Judenhaus Fechheimer, Höllentalstr. 56," ausgehändigt. Das „Verzeichnis der in Garmisch-Partenkirchen vorhandenen Anwesen jüdischer Besitzer", das der Bürgermeister des Marktes am 17.08.1939 anfertigen ließ, enthält dazu den folgenden Eintrag: „Fechheimer, Emil und Frieda, Wohnhaus an der Höllentalstr. Nr. 56 - Das Anwesen wurde von der Landesforstverwaltung käufl. erworben."

Am 23.10.1939 teilt die Regierung von Oberbayern mit, dass die Veräußerung des Grundstücks Pl.Nr. 1822 „an das Land Bayern - Forstverwaltung" von dem Garmischer Notar Daimer beurkundet wurde. Der Kaufvertrag vom 25.5.1939 "gemäß §8 der VO über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3.12.1938" enthielt die Klausel, dass die Zahlungen auf ein für das Ehepaar Fechheimer zu errichtendes Sonderkonto zu erfolgen hatte, „über das nur mit Zustimmung des OFPräs Nürnberg sowie des Finanzamts Garmisch-P. verfügt werden darf".

Bürgermeister Scheck erwarb das zweite Grundstück, das bis 1938 im Besitz der Familie Fechheimer war, den Bauplatz Nr. 1824, am 27.03.1940 für den Markt Garmisch-Partenkirchen zum Preis von 20000.- RM für 3170 qm. Am 12.4.1940 wandte sich Scheck an das Landratsamt mit dem Ersuchen, für diesen Kauf „die nach der Judengesetzgebung erforderliche Genehmigung" zu erteilen.

Staatsarchiv München - LRA Garmisch-Partenkirchen 63049, 63212, 61668, 61665, 61664

 

© Alois Schwarzmüller 2006

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